Im Kriminalmuseum mit Flut

Ich durfte mir eine Vorabversion des Songs "Linz bei Nacht" anhören. Entstanden ist ein drängendes Synthie-Stück mit schweren Gitarren und den verhalltesten Drums seit Phil Collins.

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Nov. 20 2016, 5:00am

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Aus der Music Issue 2016

Der Himmel ist grau über dem noch verschlafenen Wien. Mir peitscht Nieselregen ins Gesicht, als ich vom kalten Stiegenhaus auf die noch kältere Straße trete. So stelle ich mir einen Tag vor, an dem Krimiautoren aus ihren Löchern kriechen und ihre morbiden Fantasien aufzeichnen. Ein perfekter Tag eben, um jemanden literarisch zu ermorden—oder ins Kriminalmuseum zu gehen.

Ich habe mich vorerst fürs Museum entschieden. Dort treffe ich mich mit Johannes Paulusberger von der oberösterreichischen Band Flut, um über Kriminalfälle zu diskutieren, seinen Vokuhila zu betrauern und herauszufinden, wie ihre Debüt-EP entstanden ist. Wir kennen uns schon—ich habe ihn und seine Band vor ein paar Wochen bereits zu einem Interview getroffen. Eines ihrer ersten. Deswegen konnte ich sie in ein paar Belangen entjungfern. Zum Beispiel zum Thema Falco, dessen erstes Album, so haben sie es mir gesagt, zwar ein Wahnsinn sei, die restlichen für sie aber weniger Bedeutung hätten—genauso unbedeutend für sie wie sein späteres Angeber-Gehabe.

Damals kündigte ich ihnen an, dass sie sich darauf freuen könnten, ständig auf den Herrn Hölzel angesprochen und mit ihm verglichen zu werden. Grund dafür ist ihre Affinität zu den Achtzigern, die man nicht nur in ihrer Musik, sondern auch ihrem Auftreten erkennt. Wobei Affinität eine Untertreibung ist. Sie leben die Achtziger so, wie sich Burschen, die in den Neunzigern geboren wurden, diese Dekade eben vorstellen: mit Vokuhila, neonfarbenen Jogging-Westen und Flying-V-Gitarren.

Der Vokuhila fehlt leider mittlerweile, als ich Sänger Johannes vor dem noch geschlossenen Kriminalmuseum im zweiten Wiener Bezirk treffe. Das enttäuschte mich natürlich schwer. "Den Voki möcht ich mir eh wieder wachsen lassen. Wenn man ihn mal abgeschnitten hat, dann weiß man erst, was man vermisst. Ich hab mich damit schon wohl gefühlt auf der Bühne", sagt mir Johannes, während wir zunächst mal vom Museum Richtung Kaffeehaus gehen. Mit diesem Satz bestätigt sich mein Verdacht, dass aus Flut noch etwas Großes wird. Gerade ihre Hingabe zu einer Dekade, die nicht gerade dafür bekannt ist, zeitlose Produktionen hervorgebracht zu haben, und sie trotzdem erfolgreich in die heutige Zeit zu drehen, macht Flut so spannend.

"Ich leb den Scheiß ja. Es ist ja nicht, als würde ich mich darüber lustig machen. Ein bisschen Ironie ist zwar schon immer dabei, aber es ist trotzdem etwas, womit ich mich identifiziere", sagt mir Johannes, während wir auf unseren Kaffee im Café Einfahrt warten. Er spricht in tiefem oberösterreichischen Dialekt und wirkt noch etwas verschlafen. Ich fühle mit ihm. Es ist eigentlich noch zu früh, um tiefgreifende Gespräche zu führen, darum beschränken wir uns anfangs darauf, die neue Bilderbuch-Single zu besprechen.

Nachdem sie "Tiefschlaf" ohne große Aufregung auf YouTube stellten, dauerte es nicht lange, bis sich die Großen für sie interessierten.


"I <3 Stress" ist an diesem Morgen erschienen und Johannes bewundert den Mut, den die Bilderbücher beweisen, weil sie mit dem viel elektronischeren Sound alteingesessene Fans abschrecken würden. Er ist sich aber genauso sicher, dass ihr neues Album deswegen richtungsweisend sein wird. Seine Einstellung zur mutigen, neuen Ausrichtung von Bilderbuch lässt sich auch bei seiner Band wiederfinden.

Flut haben mit "Tiefschlaf" bisher nur einen Song veröffentlicht. Es ist ein Abgesang an den Fortschritt; eine Ballade, die den Stillstand betrauert, ein Gefühl der Verzweiflung, das ihnen die heutige Musiklandschaft vermittelt. Mit ihrer Musik wollen sie genau das durchbrechen. Ähnlich wie es Bilderbuch mit jedem neuen Album gemacht haben. Aber dort hören die Ähnlichkeiten auch schon auf.

Nachdem sie "Tiefschlaf" ohne große Aufregung auf YouTube stellten, dauerte es nicht lange, bis sich die Großen für sie interessierten. Mit den Großen sind (Major-)Labels und Produzenten gemeint, die ebenfalls ihr Potential erkannten. Johannes will nicht alle Namen nennen, aber er erzählt, dass sie sich eine Weile nicht um ihr Essen kümmern mussten, da sie bei jeder Vorladung auch kulinarisch gut versorgt wurden. Überzeugen ließen sie sich von den Majors trotzdem nicht—sie veröffentlichen ihre erste EP, die nächstes Jahr erscheinen wird, auf Problembär Records—einem Indie-Label, bei dem sie noch jegliche Freiheit behalten.

Wir haben unseren Kaffee mittlerweile ausgetrunken und stehen im Kriminalmuseum, das überraschenderweise kurz nach der Öffnung schon gut besucht ist. Nach unserem ersten Interview konnten mir die Jungs noch keine fertigen Songs ihrer EP vorspielen—sie waren zu der Zeit noch im Studio mit Patrick Pulsinger—, aber sie erzählten mir, wovon ihre Songs handeln.

Einer davon nennt sich "Linz bei Nacht" und das Wort Krimi fiel bei ihrer Beschreibung besonders oft (deshalb auch unser Treffpunkt im Kriminalmuseum). Genaueres wollten sie mir damals nicht sagen. Jetzt erklärt Johannes mir den Song so: "Wir konnten uns gut vorstellen, nachts durch die Linzer Gassen zu ziehen. 2015 haben wir sechs Mal in Linz gespielt und die Stadt ist einfach fucked up in manchen Gegenden. Das hat irgendwie seinen Charme und ist irgendwie grindig. Perfekt, um Lieder darüber zu schreiben."

Die Aufnahmen im Studio sind mittlerweile abgeschlossen und ich konnte mir eine Vorabversion des Songs anhören. Entstanden ist ein drängendes Synthie-Stück mit schweren Gitarren und den verhalltesten Drums seit Phil Collins. Stellt euch den perfekten Soundtrack zu einer 30 Jahre alten Tatort-Szene vor, in der jemand in einer nebelgetränkten Seitengasse der Linzer Altstadt gemeuchelt wird. Und jetzt stellt euch wieder uns im Wiener Kriminalmuseum vor. Ich war davor selbst noch nie dort, hatte aber das Bild eines Gruselkabinetts vor Augen, in dem zu jeder Zeit jemand hinter einem Vorhang hervorspringen könnte, um mit Taschenlampe unter dem Gesicht irgendwelche historischen Zitate aufzusagen.

Eine romantische Vorstellung, die sich sofort nach dem Betreten des Museums—ich hätte wahrscheinlich das Wort "Museum" ernster nehmen sollen—in Luft auflöste. Angefangen im 19. Jahrhundert werden anhand von ausgestellten Zeitungsartikeln, stumpfen und spitzen Schlag- und Stichwerkzeugen und eingeschlagenen Schädeldecken alte Mordfälle rekonstruiert. Alles etwas trockener als erwartet. Wir lassen die langweiligen, alten Fälle recht schnell hinter uns und suchen sensationsgeil nach aktuellen und spannenden.

"Die anderen Songs haben wir nach 'Tiefschlaf' geschrieben—als wir gemerkt haben, dass der Song Resonanz findet."


Während wir durch die engen Gänge des Museums spazieren, kommen wir auf die Produktion der EP zu sprechen. Denn bevor sie sich für Patrick Pulsinger entschieden haben, standen sie mit Zebo Adam und Paul Gallister im Gespräch. Die Produzenten der beiden erfolgreichsten österreichischen Bands der letzten Jahre—Bilderbuch und Wanda. Zebo war leider zu sehr mit Bilderbuch beschäftigt und Pauls Herangehensweise passte nicht zu Flut und umgekehrt. Sie fühlten sich am besten in Patrick Pulsingers Studio aufgehoben, das bis zum Bersten mit Synthesizern, Effektmodulen und anderem Hardware-Kram aus den Achtzigern und Neunzigern gefüllt ist.

"Die gesamten Aufnahmen haben sich extrem hinausgezögert, weil es ungewohnt für uns war, alles ausschließlich mit Hardware aufzunehmen. Du hast deine Spuren und da hängen 15.000 Effektkasteln drauf und wenn das einmal eingestellt ist, nimmst du's auf und dann war's das. Man hat nur eine Session, um den besten Take aufzunehmen, da kann man nicht mehr zurück", sagt mir Johannes, während er sich die Totenmaske eines Mordopfers genauer ansieht. Die mühevolle Studioarbeit hat sich jedenfalls gelohnt, denn die Sounds, die sie Pulsingers alten Geräten entlocken konnten, fügen sich perfekt der Authentizität, die sie auch auf der Bühne anstreben.

Ziemlich unbeeindruckt lassen wir die eigentlich sehr grausamen ausgestellten Taten—wir sind wohl beide Opfer einer desensibilisierten Generation— hinter uns und kommen schließlich im 20. Jahrhundert und bei Jack Unterweger an. Der Name sagt uns beiden was, den genauen Fall des Mehrfachmörders, der im Gefängnis durch seine Bücher bekannt wurde und nach seiner Freilassung wieder mordete, kannten wir bis dahin nicht. Wir diskutieren über Jack und ob sich Johannes vom Museum wenigstens ein bisschen inspirieren lassen konnte.

Es seien schon ein paar gute Storys dabei gewesen, sagt er mir, aber in den nächsten Wochen werde er sowieso keine Zeit finden, um Songs zu schreiben. Sie wollen so viel wie möglich live spielen, bevor sie sich wieder in den Schreibprozess begeben. Vorerst müssen sie am Durchbruch arbeiten, aber Johannes ist guter Dinge. Diese Aufbruchsstimmung findet man auch im zweiten Song, den ich mir vorab anhören konnte: "Sterne". Ein Pop-Song mit einem fast kitschig-fröhlichen Vers, der in den Raketenstart-Refrain mündet. "'Tiefschlaf' handelt von Verzweiflung.

"Die anderen Songs haben wir nach 'Tiefschlaf' geschrieben—als wir gemerkt haben, dass der Song Resonanz findet. Die restlichen haben eher eine Aufbruchsstimmung. Wir verstecken uns nicht mehr hinter irgendwas, sondern sind jetzt da." Flut werden zwar erst richtig da sein, wenn sie ihre Debüt-EP in die Welt lassen, aber wir sind uns beide sicher, dass der Auf- und Durchbruch nicht mehr lange wartet.

Wir sind uns auch sicher, dass wir uns von Beschreibungen wie "Kriminalmuseum" nicht mehr in die Irre führen lassen. Es ist und bleibt eben ein Museum. Aber Flut sind durch ihr kohärentes Auftreten und ihre Hingabe zu den Achtzigern mehr als ihre Musik und alleine dadurch eine der vielversprechendsten Bands aus Österreich.

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