Wie es ist, als verdeckter FBI-Agent zu arbeiten

Bob Hamer hat 26 Jahre lang undercover für das FBI gearbeitet—als Drogendealer, Auftragskiller, Einbrecher, Hehler, Pädophiler, Spieler, internationaler Waffenhändler und Wirtschaftskrimineller.

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Nov. 24 2015, 5:00am

Bob Hamer bei der Infiltration eines Koks-Rings—der Mann rechts wurde am folgenden Tag verhaftet. Foto mit freundlicher Genehmigung von Bob Hamer

Als verdeckter FBI-Agent zu arbeiten, ist wahrscheinlich eine der furchterregendsten und gefährlichsten Karrieren, die man sich aussuchen kann. Du wirst in die kriminelle Unterwelt geworfen, wo du von einigen der gewalttätigsten und vorsichtigsten Organisationen der Welt Informationen gewinnen musst, ohne brutal ermordet zu werden. Außerdem bewegst du dich dauernd auf dünnem ethischen Eis: Einerseits sollen die Verbrecher dir ihre illegalen Pläne mitteilen, andererseits darfst du sie in keiner Form anstiften.

Bob Hamer hat 26 Jahre als Undercover-Agent für das FBI gearbeitet. Auf seiner Website schreibt er, er habe sich „erfolgreich als Drogendealer, Auftragskiller, Einbrecher, Hehler, Pädophiler, verkommener Spieler, internationaler Waffenhändler und Wirtschaftskrimineller ausgegeben" und unter anderem an Operationen gegen die Mafia und die Pro-Pädophilen-Organisation North American Man/Boy Love Association (NAMBLA) teilgenommen.

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Ich unterhielt mich das erste Mal mit Bob Hamer, als ich an einem Artikel über die Rolle Nordkoreas im internationalen Waffenhandel schrieb. Der letzte Fall seiner Karriere war Operation Smoking Dragon, eine verdeckte Operation, die eine Zelle chinesischer Schmuggler unschädlich machte, die Waffen und gefälschte Zigaretten in die USA brachten. Im Zuge dieser Mission wurde Hamer gefragt, ob er bei der Finanzierung einer riesigen Meth-Fabrik in Nordkorea helfen wolle.

Hamer ist seit seiner Pensionierung sehr aktiv gewesen. Er hat Bücher geschrieben, auch als Ghostwriter für Oliver North (der durch die Iran-Contra-Affäre bekannt wurde—Hamer ist recht konservativ). Überhaupt wirkt Hamer nicht so, wie man sich einen in die Jahre gekommenen Undercover-Cop vorstellt, der schon die inneren Zirkel von Drogenkartellen, Pädophilenringen und Waffenschmuggel-Operationen infiltriert hat. Er spricht mit dem gemütlichen Akzent des amerikanischen Mittleren Westens, ist tiefgläubiger Christ und ein rundum freundlicher Typ.

Ich habe ihn angerufen, um mit ihm über die guten alten Zeiten zu plaudern.

VICE: Wie kamst du dazu, als verdeckter Ermittler fürs FBI zu arbeiten?
Bob Hamer: Ich war auf der Suche nach Spannung, und während meiner Ausbildung an der FBI-Akademie hatte ich ein paar Lehrer, die bereits Undercover-Erfahrung hatten, und das wirkte auf mich interessant und spannend. Also suchte ich nach meinem Abschluss nach solchen Gelegenheiten. Ich habe meine berufliche Laufbahn individualistisch gestaltet. Ich habe Leute alleine verhört und mir gefiel die Vorstellung, verdeckt zu arbeiten und mich als jemand anderes auszugeben.

Wie fängt man damit an, eine Organisation zu infiltrieren und woher weiß man, wie man Kontakt herstellen soll?
Das ist von Mission zu Mission verschieden. Bei den meisten hatten wir einen Informanten, der mich vorstellte—meist war das jemand, den wir festgenommen hatten und der mit uns kooperierte, um seine Strafe zu mildern. Das machte es uns sehr viel einfacher als bei Fällen, wo ich die Gruppe alleine infiltrieren musste, ohne dass mich jemand vorstellte.

Wie hast du dich in deine Figur hineinversetzt?
Als verdeckter Ermittler musst du die Grauzonen sehen—du musst etwas Gutes in einer Person sehen, um dich zu ihr hingezogen zu fühlen. Verbrecher können Angst riechen, sie können Hass riechen, sie spüren es einfach, wenn du ihren Lebensstil nicht gutheißt. Als verdeckter Ermittler musst du sie irgendwie verstehen können, ob sie Kinder missbrauchen oder mit Drogen oder Waffen handeln.

Wie siehst du die ethischen Fragen der verdeckten Arbeit? Es gab schon Vorwürfe, Agenten hätten Menschen zu Verbrechen verleitet, vor allem bei Terrorismus-Fällen. Siehst du das als Problem?
Aus meiner Sicht ist ein verdeckter Ermittler das beste Werkzeug, um einen Fall zusammenzustellen, denn wenn es sich um einen verdeckten Ermittler handelt und nicht um einen Informanten, dann hat man einen ausgebildeten Gesetzeshüter vor Ort, der weiß, was es braucht, um einen hieb- und stichfesten Fall gegen jemanden zu haben. Es gibt nicht mehr so viele Ausreden, wenn der Bösewicht mir die Waffen reicht, wenn er mir die Drogen reicht oder wenn wir auf Band haben, wie er sagt, dass er jemanden ermorden lassen will.

Du hast also nicht das Gefühl, dass es Situationen gegeben hat, in denen du dich auf einem dünnen Grat bewegt hast—dass du nicht nur dabei warst, sondern diese Leute dazu ermutigt hast?
Ich nicht. Bei Anderen kann das schon der Fall gewesen sein, aber ich habe immer versucht, ihnen noch einen Ausweg zu lassen. Operation Smoking Dragon ist ein gutes Beispiel: Wir hatten eine Frau, und wir haben sie mehrmals gefragt: „Warum verdienst du dir nicht mit einem Job deinen Lebensunterhalt? Wenn du dich dort so anstrengst wie hier, könntest du echt was verdienen." Und sie sagte: „Nein, nein, nein, das will ich nicht, hier verdiene ich mehr Geld." Ich denke, die guten Undercover-Agenten geben den Leuten die Gelegenheit, sich aus dem Verbrechen zurückzuziehen, denn sie wollen auch diesem Argument vorbeugen, sie hätten jemanden verleitet oder gezwungen.

Und wie hast du es angestellt, NAMBLA zu infiltrieren?
Die Infiltration selbst war eigentlich sehr einfach: Ich habe 35 Dollar eingesandt und bin Mitglied geworden. Ich habe angefangen, extrem viel zu recherchieren, wie es ist, ein sogenannter „Boy Lover" zu sein—so nennen sich diese Männer. Wie sie sprechen, wie sie sich verhalten, welche Interessen sie haben, und so weiter.

Ich erhielt E-Mails von ihnen, in denen ich gefragt wurde, ob ich bei ihrem Brieffreundschaftsprogramm mitmachen und inhaftierten Mitgliedern Karten und Briefe schicken wolle. Also tat ich das. Ich fing auch an, Artikel für ihr Magazin The Bulletin zu schreiben. So sahen sie mich im Laufe der Zeit als überzeugten Pädophilen.

Es dauerte tatsächlich anderthalb Jahre, bevor sie mich schließlich zu einem persönlichen Treffen einluden—sie waren sehr paranoid, die paranoideste Gruppe, gegen die ich jemals ermittelt habe. Ich ging zu meinem ersten Treffen und ein Jahr später zu einem weiteren Treffen, und bei diesem Treffen ging es dann erst so richtig los. Es dauerte lange, bis sie überhaupt gewillt waren, mich zu akzeptieren.

Und was ist bei dem zweiten Treffen passiert?
Innerhalb einer Stunde nach meiner Ankunft zum zweiten Treffen in Miami begegnete ich einem Individuum, das in Teilzeit als Flugbegleiter arbeitete. Er fing—unaufgefordert—an, mir zu erzählen, wie er seine Vergünstigungen von American Airlines nutzte, um nach Thailand zu fliegen, um dort kleine Jungen sexuell zu missbrauchen, und um nach Mexiko zu fliegen, um dort Jungen sexuell zu missbrauchen. Und dann sagte er zu mir: „Wir sollten zusammen so eine Reise unternehmen."

Was wurde aus diesen Ermittlungen?
Der NAMBLA-Fall resultierte in der Festnahme von acht Mitgliedern des inneren Zirkels. Zwei waren Mitglieder des Steering Committee—das ist das Verwaltungsorgan der Organisation. Wir haben einen Doktor der Psychologie, einen Zahnarzt, einen Pfarrer, drei Sonderschullehrer, einen Fitnesstrainer und einen Arbeiter verurteilt.

Wie war es, sich wieder in der normalen Welt einzufinden, nachdem du eine solche Mission abgeschlossen hattest?
Es war wirklich der schwierigste Fall, aber nicht im Hinblick auf Sicherheit—ganz ehrlich, wenn sie sich auf mich gestürzt hätten, dann hätte ich mich schon verteidigen können. Ich glaube, ich könnte zehn NAMBLA-Mitglieder unschädlich machen und vermutlich überleben.

Psychisch und emotional war es hingegen hart, doch zur Zeit meiner Mitgliedschaft bei NAMBLA arbeitete ich auch noch an Operation Smoking Dragon, also war ich zwei oder drei Tage nach der Festnahme der acht NAMBLA-Mitglieder wieder bei verdeckten Treffen. Es gab nicht viel Zeit, das Ganze zu verarbeiten.

Es klingt wahrscheinlich blöd, aber es war kathartisch, an einem Fall über internationalen Waffenhandel zu arbeiten, nachdem ich mit „Boy Lovers" abgehangen habe. Ich hatte nur ein Undercover-Handy, und ich machte damals Witze, ich wüsste niemals, ob ich gerade auf kleine achtjährige Jungs stünde oder ein machohafter Waffenhändler sei, wenn es klingelte.

Was war die gefährlichste Mission, auf die dich das FBI jemals geschickt hat?
Jede Ermittlung ist gefährlich, selbst die Fälle, wo es nur um Wirtschaftskriminalität geht, denn diese Typen haben am meisten Angst vor dem Gefängnis. Aber ich habe fünf Jahre lang an Banden in South Central Los Angeles gearbeitet. Da saß ich dann alleine um Mitternacht in einem alten, mitgenommenen Pick-up-Truck und kaufte Crack von Bandenmitgliedern. Das war natürlich gefährlich.

Wann kamst du der Entlarvung am nächsten?
Freunde von mir sind mal in eine Hotellobby gekommen, als ich gerade mitten in einem Heroindeal im Wert von einer halben Million Dollar war. Das Ziel unserer Ermittlung hatte mir nur ein paar Minuten vorher gesagt, sein Partner habe eine Waffe und „wenn irgendwas schiefgeht, bist du die erste Person, die wir umbringen". Ein Paar, das ich aus dem mehrere Tausend Kilometer entfernten Cincinnati, Ohio, kannte, und mit dem ich während meiner Unizeit ein Semester zusammengewohnt hatte, kam in die Lobby und sah mich.

Ich habe der Frau irgendwie signalisiert, dass jetzt gerade nicht der Zeitpunkt für eine Begrüßung sei, und sie sah mir auch an, dass es nicht passte—sie wusste, dass ich FBI-Agent war.

Welchen Eindruck hast du von der Darstellung verdeckter Ermittler in Film und Fernsehen?
The Departed war total übertrieben, aber ich fand, [Leonardo] DiCaprio hat es gut hinbekommen zu zeigen, was man geistig und emotional durchmacht, wenn man undercover ist.

Meine größte Beschwerde über Hollywood ist, dass sie jeden Undercover-Agenten als promiskuitiv und alkoholsüchtig zeigen—sie brechen immer die Regeln und beteiligen sich an Verbrechen. Meiner Erfahrung nach sind die erfolgreichsten Agenten die, die irgendwo einen festen Halt haben: ihr religiöser Glaube, ihre moralischen Überzeugungen, ihre Familie ... Wenn du versuchst, deinen Alkoholmissbrauch vor deinem Vorgesetzten zu verstecken, oder dein promiskuitives Verhalten vor deiner Frau, dann kannst du dich nur schwer auf die Rolle konzentrieren, die du spielen musst.

Wie hast du es empfunden, dich nach deiner Pensionierung ans Leben als Zivilist zu gewöhnen?
Ich langweile mich zu Tode. Ich habe fünf Bücher geschrieben, aber mir fehlt der Adrenalinkick. Ich vermisse es, mich einem Bösewicht gegenüberzusetzen und ihn zu überzeugen, ich sei genauso böse wie er, oder ihn dazu zu bringen, seine Pläne zuzugeben und ihn in eine illegale Unterhaltung zu verwickeln—nichts ist spannender. Das ist wohl das Schwierigste: zu wissen, dass ich das nicht mehr tun kann.

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