‚Hail, Caesar!‘ ist eine geniale und überraschend düstere Reise ins klassische Hollywood

Das neueste Werk der Coen-Brüder kombiniert mitreißende Leichtherzigkeit mit Düsternis, hinter denen sich eine überraschend scharfe Kritik an den zwielichtigen Machenschaften der Traumfabrik verbirgt.

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10 Februar 2016, 5:00am

George Clooney in ‚Hail, Caesar!‘ | Foto mit freundlicher Genehmigung von NBCUniversal

Die meisten Fernsehserien mit einer langen Laufzeit greifen früher oder später auf die gute alte „Rückblickfolge" zurück. In seiner solchen Episode sind hauptsächlich Ausschnitte aus früheren Episoden zu sehen (Friends hatte zum Beispiel im Laufe seiner zehn Staffeln sechs davon). Joel und Ethan Coen machen seit inzwischen 32 Jahren Filme über die USA und ihre seltsamen Einwohner, und ihr neuestes Werk Hail, Caesar! fühlt sich an wie eine einzigartige Coen-Version dieses Formats. Der Film liefert eine erfreulich weitschweifige Sammlung an Ticks, Anspielungen und Themen (darunter vor allem Religion, Schicksal und Kino), wie sie bereits den eindrucksvollen Kanon der Brüder durchziehen. Das Endergebnis ist ein überraschend stimmiges und seltsam eindringliches Ganzes.

Hail, Caesar! spielt um 1951 in Hollywood und unser Protagonist heißt Eddie Mannix (ein rauer, liebenswerter Josh Brolin), ein Produzent bei der Filmfirma Capitol Pictures. Er ist außerdem ein „Fixer", der Probleme aus der Welt schafft. Coen-Fans werden das (fiktive) Capitol Pictures als das Studio erkennen, das Barton Fink (John Turturro) in dem gleichnamigen Film von 1991 anstellt, der ein Jahrzehnt früher spielt. Der gequälte Fink war ein Bilderbuchaußenseiter: ein intellektueller, linker Dramatiker von der Ostküste, dessen Geist unter dem Druck der Anforderungen der Mainstream-Unterhaltungsmaschine zusammenbricht. Mannix hingegen stammt selbst aus dieser Welt, und damit ist es eine weitaus entspanntere Erfahrung, ihn als Hauptfigur zu haben.

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Doch Mannix hat auch sein Kreuz zu tragen: Wir sehen ihn zum ersten Mal in einem Beichtstuhl, wo er einem geduldigen katholischen Priester das Ohr darüber abkaut, dass er es nicht geschafft hat, mit dem Rauchen aufzuhören, und wie schuldig er sich dafür fühlt, dass er dies vor seiner Frau verheimlicht. In einer weiteren amüsanten Szene ziemlich am Anfang des Films, sehen wir ihn, wie er mit religiösen Oberhäuptern verschiedener Konfessionen versucht, die filmische Darstellung von Gott auf die Zielgruppen anzupassen—Mannix steht nämlich der Produktion des Films Hail, Caesar! vor, dem teuren und dennoch billig wirkenden Film im Film, in dem der nette aber unterbelichtete Filmstar Baird Whitlock (ein angenehm bescheidener George Clooney) die Hauptrolle spielt.

Die Handlung, insoweit es denn eine gibt, kommt ins Rollen, als Whitlock am Set von einem Statisten vergiftet wird (ein wunderbar versteckter Cameo-Auftritt von Wayne Knight) und man ihn in ein Versteck an der Küste entführt. Wer sich nun Sorgen um Whitlock macht, kann angesichts der Identität seiner Kidnapper schnell aufatmen: „Die Zukunft", eine schwatzhafte, affektierte Gruppe von kommunistischen Drehbuchautoren, die sich so beige kleidet, wie es nur geht. Wie der neue Film Trumbo zeigt, war die antikommunistische Schwarze Liste, die ab 1947 in Hollywood kursierte, eine sehr ernste Angelegenheit, und vor diesem Hintergrund wirkt die Coen'sche Vision dieser ernsten, verbannten Männer, die sich am Meer versammeln, zugleich surreal und seltsam rührend. Ihr wenig durchdachter Entführungsplan ist derweil genauso skurril wie der aus The Big Lebowski.

Der Rest des Films besteht aus lose miteinander verbundenen Szenen voll exzentrischer Figuren. Mannix bietet dem Publikum die Konstante eines anständigen Kerls, der angesichts größerer, unberechenbarer Mächte mehrere Probleme bewältigen muss, und erinnert so an den Protagonisten aus A Serious Man, einer düsteren Komödie, welche die biblische Geschichte Hiobs in einen Vorort von Minnesota in den 1960ern verpflanzt.

Doch anstelle des apokalyptischen Pechs, das Larry Gopnik in A Serious Man ereilt, hat Mannix einige allzu menschliche Probleme. Er steht unter Druck, einen Job anzunehmen, der ihm das Leben leichter machen, ihn allerdings auch seine interessanten Herausforderungen kosten würde. Er muss sich um den vornehmen britischen Regisseur Laurence Laurentz (den köstlich aufbrausenden Ralph Fiennes) kümmern, der schrecklich unzufrieden mit der Besetzung seiner romantischen Hauptrolle ist, denn bei dem Schönling Hobie Doyle (Alden Ehrenreich) handelt es sich um einen Stuntman, dem Sprechrollen offensichtlich nicht behagen. Dann gibt es da noch DeeAnna Moran (Scarlett Johansson), eine Unschuld vom Lande, die vor der Kamera als synchronschwimmende Meerjungfrau glänzt (in einem „Fisch-Arsch", wie sie unverblümt dazu sagt), doch dafür privat zu kämpfen hat. Und Mannix wird außerdem von Zwillings-Journalistinnen heimgesucht (Tilda Swinton mal zwei: hochmütig und hochmütiger), die ihm auf ihre eigene verschlagene Art zu schaden drohen. Genauso bemerkenswert ist der Auftritt von Michael Gambon als Verkörperung eines weiteren Coen-Elements: der unsichtbare, allwissende (oder auch schon göttliche) Erzähler. Das klangvolle Gurren des irischen Schauspielers ist gleichzeitig autoritativ, amüsiert und einen Hauch lasziv—damit vermittelt er also genau die richtige Stimmung.

Von „Roderick Jaynes" (Überraschung, das sind die Coens selbst) flott geschnitten hat Hail, Caesar! keine Längen und brilliert mit Szenen, die das Publikum dazu einladen, sich im Zauber des Kinos zu verlieren, bevor der Vorhang zurückgezogen und das Künstliche daran enthüllt wird. Dieser Trick kommt am schönsten in der Bühnenszene vom Dreh eines fiktiven Musicals namens Swingin' Dinghy zur Geltung, in welcher der muskulöse Burt Gurney (Channing Tatum) einen stepptanzenden Matrosen spielt. Während Gurney sich durch eine fröhlich-homoerotische Nummer namens „No Dames!" singt und tanzt (und das ziemlich gut), teilen die Coens die Szene auf: einmal gibt es die Ansicht des zahlenden Publikums (und damit die Vision des stolzen Regisseurs, gespielt von Christopher Lambert) und einmal die Sicht der Filmemacher selbst: ein komplexes Chaos aus Vorbereitungen der Kamera-Crew. Gleichzeitig weisen uns die Coens auch clever auf ein paar unheilvolle und wichtige Details im Hintergrund hin. In solchen Augenblicken wird deutlich, dass die Coens als Regisseure wahre Naturgewalten sind, zugleich intellektuell, emotional und erzähltechnisch unaufhaltsam.

Die Stimmung in Hail, Caesar! bleibt hauptsächlich leichtherzig, doch wie in so vielen Coen-Werken lauert die Dunkelheit an den Rändern der Erzählung. Der Film setzt überschwängliche Künstlichkeit und zahlreiche hochkarätige Cameo-Auftritte ein, um die Kritik der zwielichtigen Geschehnisse hinter den Kulissen der Filmindustrie und das Potential des Kinos als ideologische Waffe und Unterdrückungswerkzeug zu verschleiern. Der Film fährt nicht so gnadenlos mit den Fehlern der „Traumfabrik" ins Gericht wie etwa The Player von Robert Altman und ist auch nicht so schreiend desillusioniert wie David Lynchs Mulholland Drive. Er bildet allerdings eine geniale Ergänzung zu Barton Fink und gibt dem Publikum genug zum Grübeln, wenn das Gelächter erst einmal verklungen ist.

Hail, Caesar! läuft am 18. Februar in den Kinos an.

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