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Jung, reflektiert, aggressiv: Benjamin Fischer steht für die SVP von morgen

Was bringt einen jungen Menschen dazu, einen grossen Teil seines Lebens für eine nationalkonservative Überzeugung einzusetzen? Wir haben beim Präsidenten der Jungen SVP nachgefragt.

von Sebastian Sele
29 März 2016, 8:00am

Foto: Junge SVP

Der formelle Benjamin Fischer. Foto von Facebook

Benjamin Fischer ist 24 Jahre jung, seit Februar Präsident der Jungen SVP und will das Kiffen legalisieren—das ist, was in der breiten Öffentlichkeit über ihn bekannt ist. Nicht wenige prophezeien ihm weiterhin eine steile Karriere in der SVP. Benjamin Fischer gliedert sich scheinbar perfekt in den neuen Stil der Köpfe der rechtspopulistischen Volkspartei ein (reflektiert im Stil, hart in der Sache) und hat doch deutlich mehr zu bieten, als in eine Headline von 20 Minuten passt.

Benjamin Fischer kann als Symptom einer gesamteuropäischen Entwicklung verstanden werden. In vielen Ländern Europas ist der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch—in sieben davon bereits in der Regierung. Während in den Medien des grossen Nachbarns im Norden die Alarmglocken klingeln, wenn die Alternative für Deutschland in regionalen Wahlen über 20 Prozent der Stimmen bekommt, erstaunt es in der Schweiz kaum noch jemanden, wenn die SVP mit fast 30 Prozent als Siegerin aus den nationalen Wahlen geht.

Ich frage mich, was einen Menschen in meinem Alter, einen Vertreter der Generation, die global so vernetzt und mobil ist wie keine vor ihr, dazu bringt, einen grossen Teil seines Lebens einer Überzeugung hinzugeben, die in die Schublade „nationalkonservativ" fällt. Um meine Fragen zu beantworten, bitte ich Benjamin Fischer um ein Gespräch. Er sagt sofort zu und schlägt zu meiner Überraschung vor, wir könnten uns bei ihm Zuhause treffen.

Als ich bei der Adresse in Volketswil, einer von 18.000 Einwohnern bevölkerten Agglomerationsgemeinde wenige Autominuten östlich von Zürich, ankomme, bin ich erstmal überrascht. Der wie ein in Vergessenheit geratenes Überbleibsel vergangener Jahrzehnte vor mir prangende Wohnblock, dessen rötliche Fassade sich wohl durch den Feinstaub der in der Nähe rauschenden Autobahn dunkel verfärbt hat, möchte nicht in mein Klischee der politischen Zukunft der Schweiz passen.

Ich suche auf dem Klingelschild nach dem Knopf mit der Aufschrift „Fischer". Nachdem mein Blick über mindestens zwei Namen kreist, die auf albanischstämmige Bewohner schliessen lassen, finde ich den Namen des Jungpolitikers, der auf smartvote angibt, zu 100 Prozent für eine restriktive Migrationspolitik einzustehen. Ich drücke drei Mal, der Türöffner summt etwas verloren, ich trete ein und Benjamin Fischer, den ich im bisherigen Mail-Kontakt gesiezt habe, begrüsst mich mit den Worten „Ich bin übrigens der Beni".

VICE: Du bist mit 16 Jahren der Jungen SVP beigetreten. Was war ausschlaggebend, dass du dich schon in deiner Jugend für Politik interessiert hast?
Benjamin Fischer: Ich hatte keinen Erweckungsmoment. Am Anfang stand bei mir ein allgemeines Interesse an der Gesellschaft: Warum ist unsere Gesellschaft so, wie sie ist und warum geht es uns besser als anderen Menschen an anderen Orten und zu anderen Zeiten? Davon ausgehend habe ich mich sehr für Geschichte und Philosophie interessiert, für die ganzen Utopien, die sich mit der Frage beschäftigen, was den besten Staat ausmacht.

Der informelle Beni Fischer. Foto vom Autor

Ich kam zur Erkenntnis, dass die Schweiz ein sehr gutes und ausgeklügeltes Modell ist, das über eine sehr lange Zeit gewachsen ist und erhalten bleiben muss. Dass es uns so gut geht, hängt eng mit unserer Geschichte, mit dem demokratischen System und der freiheitlichen Wirtschaftsordnung zusammen.

Benjamin Fischer spricht bedachter als viele seiner Parteikollegen. Er wendet seinen Blick vom Gesprächspartner ab, wenn er sich in scheinbar endlose Gedankengänge vertieft, spricht so reflektiert, dass er seine Wortwahl in der Stunde, die wir uns Sirup und Kaffee trinkend gegenüber sitzen, mehrmals selbst kritisiert—und trotzdem unterscheidet sich das, was er sagt, in inhaltlicher Konsequenz wenig von dem, was mir seine Parteikollegen antworten würden.

VICE: Dich hat also ein theoretisches Interesse angetrieben.
Benjamin Fischer: So ging es los, ja. Das wurde selbstverständlich konkretisiert. Zur SVP gefunden habe ich auch über die Migrationsthematik, die man in Volketswil stark erlebt hat. Schon in der Schule habe ich die Gruppenbildung auf dem Pausenplatz erlebt. Die Pausen wurden nach Nationalitäten verbracht und wir hatten mit Gewalt zu tun.
Ein Schüler kam etwa zur Lehrerin und meinte, er sei vom Ausländer verprügelt worden. Ihre Reaktion war: Es spielt keine Rolle, ob das ein Ausländer war oder nicht. Eigentlich hat sie natürlich richtig reagiert. Man erwartet von einer Lehrperson, zu sagen, dass die Nationalität keine Rolle spielt. Nur war die Problematik in dieser spezifischen Situation, dass jeder gewusst hat, dass die Probleme immer von den gleichen Leuten ausgingen. Der Begriff „Ausländer" wurde vor allem für Leute aus den Balkanstaaten verwendet. Wenn jemand gesagt hat, er wurde von einem Ausländer zusammengeschlagen, wusste also jeder, wer gemeint war. Als Schüler hat man rasch gemerkt, dass die Lehrer mit der Situation überfordert waren.

Ich merkte, dass sich Kollegen im Umfeld in Richtung Rechtsextremismus radikalisiert haben. Ich habe das—auch eher aus einer beobachtenden und einordnenden Perspektive—mitverfolgt und mir gesagt, dass es nicht passieren darf, dass Leute denken, sie würden nicht ernst genommen und dürften nicht offen ansprechen, was ihnen passiert ist.

Benjamin Fischer verweist darauf, dass es auch eine Funktion der SVP sei, Auswüchse wie Pegida zu verhindern. Den Frustrierten sollte sie zeigen, dass im Schweizer System keiner die Faust im Sack machen müsse, sondern mitdiskutieren und abstimmen könne. Mit Parolen auf die Strasse zu gehen sei, auch dank der SVP, hier nicht nötig.

In Volketswil ist die SVP seit jeher beliebt. Seit Ende der 70er Jahre, gut ein Jahrzehnt bevor die Partei unter Blocher zu ihrem nationalen Höhenflug ansetzte und ihren Weg in Richtung Rechtspopulismus antrat, macht mindestens jeder fünfte hier sein Kreuz bei der Rechtspartei—gesamtschweizerisch war es damals gerade einmal jeder neunte. Als Benjamin Fischer 2008 der SVP beitrat, hatte sich die Partei zwischen 40 und knapp 50 Prozent der Wählerstimmen eingependelt, ist in der Agglomerationsgemeinde also längst zum politischen Mainstream geworden.

Barbara Bussmann, Präsidentin der Volketswiler SP, erklärt sich die historische Stärke der SVP unter anderem damit, dass die Identität der Volketswiler gespalten sei. Einerseits handle es sich um eine Kleinstadt mit 18.000 Einwohnern, andererseits verstünden sich viele immer noch als Bewohner eines Bauerndorfes. Diesen sei es wichtig, ob jemand alteingesessen sei: „Ich selbst wohne seit 28 Jahren hier, werde aber immer noch oft als Zugezogene angesehen." Es gebe Bewohner, die zwar auch links abstimmten und wählten, diese würden sich aber nicht politisch engagieren. So komme es, dass sämtliche Behörden der Gemeinde bürgerlich besetzt sind: „Wir haben keinen einzigen gewählten Vertreter mehr."

Die Ende Februar an die Urne gelangte SVP-Initiative zur radikalen Umsetzung der Ausschaffungsinitative lehnten die Volketswiler trotzdem mit fast 55 Prozent ab und reihten sich so in den nationalen Trend zum Nein
ein. Zu jenem Zeitpunkt der ersten Niederlage der Rechtspopulisten seit Jahren war Benjamin Fischer genau 28 Tage lang im Amt des Präsidenten der Jungen SVP.

Benjamin Fischers politisches Profil. Screenshot von smartvote.ch

VICE: Die Durchsetzungsinitiative war die erste Abstimmung, die du als Präsident der Jungen SVP erlebt hast. War das nicht ein frustrierender Einstieg?
Benjamin Fischer: Solche Dinge frustrieren mich nicht. Mich frustriert nur, wenn anschliessend—zumindest aus meiner Sicht—falsch kommentiert wird. Wenn gesagt wird, die Zivilgesellschaft sei aufgestanden und Flavia Kleiner habe als Helvetia die SVP niedergerungen. Wenn eine Partei als einzige gegen andere steht, hat sie es schwer—die meisten Abstimmungen zu Initiativen werden von ihren Initianten verloren.

Du siehst die Operation Libero als Gegenspieler zur SVP also nicht als Gefahr?Nein, gar nicht. Ich finde es schön, dass es verschiedene Kreise gibt. Anscheinend hatten die Anderen nichts gegen die SVP zu bieten. Operation Libero sind die ersten, die es geschafft haben, der SVP die Begriffshoheit aus der Hand zu nehmen. Sie sind den Abstimmungskampf etwas frischer und besser angegangen.

Wieso hast du trotzdem keine Angst? Es ist doch ein grosses Zeichen, wenn das jemand schafft.
Es stehen weitere wichtige Abstimmungen an, wir werden unsere Argumente bringen und die Operation Libero wird noch merken, was der raue politische Alltag bedeutet. Die SVP ist seit Jahrzehnten in den Gemeinden und den Kantonen verankert. Das ist nichts, das ein paar Studenten schnell einmal erreichen können.
Letzten Endes kämpfen wir politisch immer noch um die Sache. Wenn wir diese rein pragmatisch anschauen, haben wir heute nach einem über zehnjährigen Kampf eine härtere Ausschaffungspraxis.

Die Sache scheint Benjamin Fischer nicht nur in diesem Fall wichtig zu sein. Schon vor dem Gespräch lässt er durchblicken, dass er eine differenzierte und nicht emotionalisierte Sicht auf die Welt schätzt—und auch am Tisch in seiner Wohnung holt er oft weit aus, kommt vom Grossen ins Kleine, vom Philosophischen ins Konkrete. Das sei es auch, was er an politischen Gegenspielern schätze, dass sie ihre Meinung argumentativ begründen könnten und intellektuell für tiefergehende Diskussionen gerüstet seien—obwohl sie alle als Politiker letzten Endes auf jede Frage mit einer zwangsweise etwas falschen Ja- oder Nein-Antwort reagieren können müssen.

VICE: Die SVP setzt—ebenso wie die Operation Libero—aber auf eine emotionalisierte Kommunikation. Wie passt das mit deiner Ansicht zusammen, dass alles differenziert betrachtet werden muss?
Benjamin Fischer: Wir leben nicht in einer theoretisch konstruierten, sondern in einer realen Welt. In dieser Welt ist es so, dass es ein Produkt gibt und das braucht—egal wie gut es auch sein mag—eine Marketing-Abteilung, die es an den Mann bringt. Du kannst die besten Ideen haben, sie interessieren kein Schwein, wenn sie nicht gut rübergebracht werden.

Die Junge SVP nutzt auch Unfallopfer zum Abstimmungskampf. Screenshot von Facebook

Also ist es Pragmatismus, dass du diesen Kompromiss eingehst?
Ich möchte betonen, dass das Produkt stimmen muss. Aber ja, ich muss dieses Produkt verkaufen und dafür das passende Mittel verwenden—das ist nun mal das Polit-Marketing.
Es wird immer schwieriger, die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen, das ist ein kleines Dilemma. Als Partei konkurrenzieren wir gegen die ganze Informations- und Werbeflut. Wir müssen keine Kampagne machen, um uns gegen die CVP durchzusetzen. Wir müssen die Leute erstmal überhaupt auf die Politik aufmerksam machen. Natürlich gibt es Grenzen und man muss immer wieder neu ausloten, was sinnvoll ist.

Unser Gespräch driftet in der Folge etwas ab. Wir sprechen über den kleinen aber feinen Unterschied zwischen Opportunismus und Pragmatismus („Ich bin in dem Sinne pragmatisch, dass ich nicht naiv bin—aber ich bin nicht opportunistisch. Ich habe Überzeugungen, die für mich grundlegend sind und in denen ich mich nicht verbiegen würde."), die Probleme in den Grundannahmen der Linken („Die Linken vergleichen die jetzige Welt mit einer Welt, wie sie sein sollte. Da frage ich mich: War es jemals anders? Früher hatten wir etwa die Herrschaft der Kirche oder Stammesgesellschaften, in denen sich der Mensch tagtäglich um sein Überleben kümmern musste. Das war der Urzustand.") und das Image der SVP („Mich stört der Begriff der Problembewirtschaftung. Grundsätzlich nehmen wir Probleme auf, die zumindest aus der Perspektive sehr vieler Menschen in diesem Land vorhanden sind.").

Nach etwas mehr als einer Stunde endet das Gespräch dort, wo es angefangen hatte: in Volketswil. Viel in Benjamin Fischers Biografie dreht sich um die Kleinstadt. Hier ist er auf einem Bauernhof aufgewachsen, hier arbeitet er heute im Gartenbau- und Montage-Geschäft seiner Brüder und hier lebt er heute noch.

Hattest du nie das Bedürfnis, woanders Eindrücke zu sammeln?
Doch, auf jeden Fall. Das grösste Problem, wieso Junge nicht in der Politik aktiv sind, ist die Mobilität. Unser ganzes System ist darauf ausgerichtet, dass du in einer bestimmten Gemeinde wohnst, diese Gemeinde ist einem bestimmten Bezirk oder Kanton, der wiederum dein Wahlkreis ist.

Volketswil von oben. Foto: Simisa | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Ich trat mit 16 der SVP Volketswil bei, kam dort in den Vorstand, wurde Präsident und bin nun im Bezirk Uster für den Kantonsrat gewählt. Würde ich wegziehen, müsste ich wieder von vorne anfangen. Das macht es für Junge sehr schwierig—auch wenn sie nur ein Jahr ins Ausland wollen.
Meine Freundin musste auch einen Kompromiss eingehen und aus ihrem schönen Dörfchen im Zürcher Unterland in die Agglomeration nach Volketswil ziehen. Ich hätte während meines Studiums zudem gerne ein Auslandssemester gemacht, das lag als Präsident der SVP in Volketswil aber einfach nicht drin. Mein Kompromiss ist nun, dass ich—wenn immer möglich—Reisen gehe. Ich war etwa auf Studienreise in China, mit der Jungen SVP in Israel, einmal in Ägypten, Marokko und in Südostasien.

Du hast vorhin gesagt, du möchtest kein Berufspolitiker werden. Die Politik ist dir aber trotzdem wichtig genug, diesen Kompromiss einzugehen.
Genau, ich musste diesen Entscheid fällen. Darum stoppen viele Junge ihre politische Karriere, wenn es wirklich ernst werden würde. Steht man etwa bei einer Wahl auf der Parteiliste, muss man sich entscheiden, ob man sich vier Jahre lang verpflichten möchte. Dieser Entscheid ist auch im Alter von über 20 Jahren nicht einfach. Man muss Opfer bringen und Kompromisse eingehen—aber für mich war der Drang stärker, dass ich etwas mache, mich einsetze und mich nicht das ganze Leben lang darüber aufrege, dass ich nichts gemacht habe.

Benjamin Fischer hat sich entschieden, diesen Kompromiss einzugehen und einen grossen Teil seines Lebens der Politik und dem Stil der SVP hinzugeben. Von der Zürcher Agglomeration aus möchte der Präsident der Jungen SVP die Schweiz mit seinen Visionen prägen und reiht sich damit in eine internationale Bewegung ein, die die Zukunft ganz Europas verändern dürfte. Wie man zu dieser Veränderung steht, ist jedem selbst überlassen—wichtig ist, dass wir uns intensiv mit der neuen Realität und ihren prägenden Köpfen auseinandersetzen.

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