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Was uns die ‚Rich Kids of Tehran‘ über die iranische Jugendkultur verraten

Handelt es sich hierbei um bloßes Instagram-Gepose oder werden hier wirklich festgefahrene politische Strukturen aufgebrochen?

von Micha Barban Dangerfield
05 Juni 2015, 8:41am

Foto: „Rich Kids of Tehran"-Facebook-Seite

Rich Kids of Instagram ist ein Account, der von jungen Männern und Frauen dazu genutzt wird, ihren überschwänglichen Lebensstil vor dem gewöhnlichen Pöbel zur Schau zu stellen—anders gesagt eine Selbstbeweihräucherung voller Rolex-Uhren und in Toiletten geschüttetes S.Pellegrino-Mineralwasser. Seit Neuestem machen einige Trittbrettfahrer-Instagram-Accounts von reichen Jugendlichen aus der ganzen Welt die Runde und am meisten Aufsehen erregen dabei wohl die Rich Kids of Tehran, die uns einen Einblick in die Welt der betuchten Jugend des Irans gewähren.

Mit dem gleichen Format und ähnlichen Bildern bewegt sich der RKOT-Account dabei in identischen Gefilden wie seine Vorbilder: unfassbar teure Autos, weitläufige Villen und heiße Mädels im Bikini sind auch hier die Hauptzutaten des Cocktails für verzogene Gören. Diese unverfrorene Melange aus Bargeld, nackter Haut und Champagner überrascht im ersten Moment doch ein wenig, wenn man bedenkt, dass das Ganze einem zum Großteil konservativen und muslimischen Land entspringt, wo Ikonografie kulturell gesehen verpönt, Alkohol verboten und unanständige Kleidung ein Verbrechen ist.

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Seit der Iranischen Revolution von 1979 und der damit einhergehenden Vision einer Islamischen Republik im Iran wird das gesellschaftliche Leben von strengen religiösen Dekreten reguliert und das Tragen eines Hidschābs ist für Frauen immer noch Pflicht. Letzten September wurden im Iran sieben Personen verhaftet, weil sie ein Video veröffentlicht hatten, in dem sie zu Pharrell Williams Lied „Happy" tanzen. Ihre Bestrafung: Haftstrafen von bis zu einem Jahr sowie 91 Peitschenhiebe auf Bewährung.

Trotzdem hat die iranische Jugend einen gewissen Spielraum gefunden—und der befindet sich zum Großteil in der Welt des Internets. Auf der RKOT-Instagram-Seite treffen die strengen Vorschriften der Landesregierung und eine aufstrebende Jugendkultur direkt aufeinander. Und bis jetzt ging alles gut: Trotz der Vielzahl an Fotos mit Schampus und tief ausgeschnittenen V-Neck-Kleidern blieben die „Rich Kids of Tehran"-Protagonisten bisher vor offiziellen Ermittlungen oder harten Gerichtsurteilen verschont.

Als wir einen der Mitbegründer von RKOT gefragt haben, ob er eine Verfolgung durch die Regierung oder durch Gerichte befürchten würde, erwähnte er einen einen Filter, der mit dem Account zusammenhängt und ein VPN vorschreibt, wenn man vom Iran aus auf das Profil zugreifen will. Diese Art Filter findet anscheinend auch bei vielen anderen iranischen Apps und Websites Anwendung, da sich die Regierung sehr darum bemüht, das Internet zu filtern und „smart" zu zensieren—betroffen sind dabei alle Seiten, die als unangemessen oder unsittlich angesehen werden.

Nachdem letzten Monat zwei Luxusautos in einen Unfall verwickelt waren, bei dem fünf Menschen starben (einer der Typen von RKOT saß am Steuer), hat Ali Chamene'i endlich damit aufgehört, das Problem unter den Teppich zu kehren, und sich in den Medien geäußert. Dabei verurteilte er öffentlich „eine durch das Geld vergiftete Generation", die in Teheran für „psychologische Unsicherheit" sorgt. Gegen die Seite wurde trotzdem noch nichts unternommen und sie ist weiterhin online.

Aber wie schaffen es die Rich Kids of Tehran, mit ihrem Verhalten davonzukommen? Im Gespräch mit dem 24-jährigen Hamid, der dem Account folgt, wird uns erklärt, dass „80 Prozent der Jugendlichen, die dort etwas posten, zum Nachwuchs der regierenden Elite gehören." Dazu sagte er noch, dass es bei RKOT nicht einfach nur um eine reiche Minderheit gehen würde, sondern es sich dabei um eine Bühne für die Nachkommen der politischen Schicht handle—und zwar genau die gleiche politische Schicht, die bescheidenes Verhalten und Selbstbeherrschung befürwortet.

Foto: „Rich Kids of Tehran"-Facebook-Seite

Als ich mich mit weiteren Followern von RKOT unterhielt, befragte ich sie auch zu dem Gegensatz zwischen der konservativen Elite, die das Phänomen der Verwestlichung verteufelt, und einem solch unverfrorenen Zurschaustellen seines Reichtums. Dabei erinnerte mich die 27-jährige Künstlerin Saba daran, dass diese Jugendlichen zwar (irgendwie) mit den iranischen Machthabern zusammenhängen, wir hier aber trotzdem immer noch von „Neureichen" und nicht vom traditionellen Adel sprechen würden. Dieser Adel hält sich bezüglich seines Reichtums nämlich auch weiterhin eher bedeckt.

Sie meinte: „In der traditionellen iranischen Kultur sollen wir eigentlich nicht mit unseren Besitztümern angeben, da man so die Gefühle der benachteiligten Menschen verletzt."

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Im Gespräch mit den Betreibern des Instagram-Accounts standen sie schnell für ihre Botschaft ein. Sie glauben, so ein liberalere und modernere Seite des Irans zu zeigen. Wenn man sich durch die dazugehörigen Bildunterschriften liest, dann spürt man diesen Wunsch nach der Darstellung eines anderen Irans doch recht deutlich: Slogans wie „We Don't Ride Camels" oder „Stuff They Don't Want to See About Iran" finden sich häufig wieder. Damit wird ein falsches Bild vom Iran angeprangert und gleichzeitig versucht, RKOT einen gewissen politischen Anstrich zu verleihen. Aber wer genau sind eigentlich „die"? Die iranische Regierung (was nach den Selfies der Jugendlichen keinen Sinn mehr macht)? Oder doch eher die Bevölkerung der westlichen Welt?

In einer E-Mail-Unterhaltung brachten die Leute hinter dem Account die Sache auf den Punkt: „Im Allgemeinen bezieht sich ‚die' auf die Medienvertreter, die ein fingiertes und angsteinflößendes Image des Irans etabliert haben, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Deshalb gibt es eben bei uns das Zeug über den Iran, das ‚die' euch vorenthalten wollen." Schließlich fügten sie noch hinzu: „In den letzten acht Jahren ging es in 98 Prozent der Nachrichten nur um die Politik, die Sanktionen und die Atom-Diskussion im Iran. Die Medien der westlichen Welt nutzen diese Themen, um den Iran auf eine Art und Weise zu porträtieren, die ihren politischen Agendas zugute kommt."

Der Wunsch, auch mal eine andere Seite des Irans zu zeigen, war eigentlich bei jeder Person vorhanden, mit der ich Kontakt hatte. Saba, die RKOT im Übrigen gar nicht mal so toll findet, schrieb mir in einer Mail: „Ich habe nichts gegen sie, denn als junge Iranerin fände ich es super, wenn die internationale Gemeinschaft einsieht, dass der Iran eigentlich nicht dem Bild entspricht, das man allgemein im Kopf hat. Die Frauen tragen hier nicht alle ständig Schleier und die Männer hier lassen sich keine überlangen Bärte wachsen. Auch im Iran feiern, tanzen, singen, trinken, rauchen und verabreden sich die Leute."

Das negative Echo, das der Account hervorgerufen hat, kommt allerdings nicht nur aus Regierungskreisen, sondern auch vom Internet allgemein. Vor Kurzem wurde zum Beispiel ein Instagram-Profil namens Poor Kids of Tehran ins Leben gerufen, wo den armen Einwohnern des Irans eine Plattform geboten wird.

Als ich die Leute von RKOT zu diesem Thema befragte, argumentierte einer von ihnen, dass die Armut des Landes nichts mit ihrem Reichtum zu tun hätte. „Seit über einem Jahrzehnt legt die westliche Welt dem Iran schwere Sanktionen auf, wodurch die iranische Wirtschaft immens geschwächt wurde. In Europa und in Nordamerika gibt es mehr arme Menschen als im Iran und den Ländern dort werden keine Sanktionen aufgezwungen", meinte er.

Trotz dieser ganzen Aussagen fällt es mir schwer zu glauben, dass der RKOT-Account eingerichtet wurde, um etwas gegen das schlechte Image des Irans zu unternehmen. Das Profil ist ziemlich sicher nur dazu da, damit die reichen Jugendlichen mit ihrem Leben in Saus und Braus angeben können. Das bloße Vorhandensein reicht jedoch schon aus, um mit diversem Vorurteilen aufzuräumen—auch wenn bloß eine kleine Minderheit der iranischen Jugend dargestellt wird.

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