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Warum Roboter schon bald die Drecksarbeit für Journalisten machen werden

"Es ist kein Rennen gegen, sondern ein Rennen mit Maschinen."

von Raphael Schön
14 Juni 2016, 9:30am

Bild: Zen Skillicorn | CC 2.0

Die technologischen Fortschritte der letzten Jahre sind gleichzeitig faszinierend und furchterregend. Einerseits wirken selbstfahrende Autos, sexistische Chatbots, gruselige Google-Roboter und autonome Drohnen wie die gut geölten (Alp-)Träume von Sci-fi-Nerds wie mir. Ein bisschen mehr Zukunft—egal wie dystopisch—kann schließlich nicht schaden, damit wir uns allmählich fliegenden Autos und Blade-Runner-esken Replikanten annähern. Andererseits hat uns schon 2001: Odyssee im Weltall gezeigt, dass wir uns mit neurotischen AIs besser nicht anlegen sollten und dass alles wohl oder übel in einer Roboter-Diktatur kombiniert dem Ende der Menschheit enden wird.

Bis dahin haben wir aber zum Glück noch etwas Zeit (also, vermutlich). Und auch wenn Tesla-Gründer Elon Musk meint, dass selbst ein Bot zur Verminderung von Spam letztlich zur Ausrottung der Menschheit führen kann, gibt es genügend Beispiele, in denen mehr oder weniger fortgeschrittene Roboter den Arbeitsalltag von Menschen erleichtern. So auch im Journalismus.

"Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Ich denke aber, dass es nicht als ein Rennen gegen, sondern mit Maschinen gesehen werden muss", erklärt mir Laurence Dierickx via E-Mail, die als Journalistin und Entwicklerin arbeitet und als PhD-Studentin zu einem speziell für Roboterjournalismus und ChatBots relevantem Teilbereich der Computerlinguistik forscht: der Textgenerierung oder Natural Language Generation (NLG).

Für Laurence ist gute NLG-Software vor allem ein Werkzeug, um tollen Journalismus noch besser zu machen: "Ich denke hier an Leak-Files wie den Panama Papers. Journalisten können hier enorm viel Zeit gewinnen, indem sie große Datenmengen von intelligenter Software aufbereiten lassen. Dadurch lassen sich die monotonsten und langweiligsten Tätigkeiten automatisieren—die Drecksarbeit kann an Bots ausgelagert werden."

Bedeutet das, dass durch immer intelligentere NLG-Software Journalisten vielleicht nicht nur unterstützt, sondern bald auch überflüssig werden? "Es wurde prognostiziert, dass ein Computer spätestens 2015 den Pulitzer-Preis gewinnen würde. Und selbst im Jahr 2016 sind wir weit davon entfernt", sagt Dierickx.

Ähnlich nüchtern sieht das auch Helen Vogt, die als Innovations-Redakteurin bei der norwegischen Nachrichten-Agentur NTB tätig ist: "Es gibt eine Sache, die Maschinen nach wie vor komplett fehlt: Fantasie. Großartiger Journalismus enthält in der Regel Analysen, die nicht nur darauf basieren, was es an Fakten und Daten bereits gibt, sondern auch darauf, was daraus entstehen könnte."

Dass an dieser Analyse wohl etwas dran ist, zeigt ein experimenteller Sci-fi-Kurzfilm, dessen Skript von einem Text-Bot geschrieben wurde. Der Bot wurde mit Drehbüchern zahlreicher Sci-fi-Klassiker gefüttert und zufällig ausgewählten Vorschlägen zu Titel und zentralen Story-Bausteinen gefüttert. Herausgekommen ist jedenfalls ein unglaublich konfuser Mist, dessen Dialoge wirken, als wären sie einige Mal zu oft automatisch übersetzt worden.

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Welche Fähigkeiten muss man als Journalist also beherrschen, um von Robotern zu profitieren, anstatt von ihnen abgelöst zu werden? "Das Internet und dessen Technologien haben das Feld, in dem sich Journalisten austoben können, enorm erweitert. Das nötige Know-How lernst du aber nicht an klassischen Journalismus-Schulen", sagt Dierickx. Stattdessen seien neben Fachwissen zu bestimmten Themengebieten auch breit gefächerte IT-Fähigkeiten gefragt: "Meiner Erfahrung nach ist Programmieren, Webdesign oder ein Grundverständnis im Umgang mit Daten genau so wichtig wie das Schneiden von Videos, das Layouten eines Artikels oder das bearbeiten von Audi-Dateien".

Laut Dierickx seien NLG-Technologien und die zugehörigen Textbots technisch bereits sehr ausgereift—das zentrale Problem läge aber wo anders. So sei die größte Hürde aktuell nicht die Software der Bots selbst, sondern die Qualität der Daten, mit denen diese arbeiten sollen. Textbots werden deshalb vorwiegend für Wirtschafts-Neuigkeiten, Sport- und Wahl-Ergebnisse sowie Wetter-Berichte eingesetzt, weil es für diese Themen gute, vertrauenswürdige und eindeutige Datensätze gäbe.

In den Bot-Algorithmen und den zugrundeliegenden Datensätze schlummert aber auch die größte Gefahr, sagt Dierickx: "Text-Bots sind derzeit nur bedingt intelligent und werden von Menschen programmiert und mit Daten gefüttert. Hinter jedem Bot steht ein Mensch, der sich die Fragen stellt, die sich auch ein Journalist stellt: Was will ich sagen und wie sage ich es." Die Gefahr, die sich aus diesem Setup ergibt, ist somit die gleiche Frage wie seit jeher im Journalismus: Wie vertrauenswürdig ist die Quelle und wie parteiisch ist derjenige, der diese Informationen weiterverarbeitet? "Der klassische Fakten-Check ist so wichtig wie eh und je. Daten können das eine und bei falscher Interpretation das genaue Gegenteil aussagen."

"Bots geben Journalisten mehr Zeit um zur Essenz der Story vorzudringen."

Die größte Angst von Dierickx ist etwas, das sich jetzt als Blasen-Phänomen in sozialen Netzwerken abzeichnet: Denn automatisiert personalisierte Inhalte können laut ihr dazu führen, dass deren Nutzer in für sie errechnete Gruppen zugeordnet werden und dadurch nur noch für sie maßgeschneiderte Informationen erhalten. "Das höhlt langfristig die eigentliche Aufgabe von qualitativen Medien aus, ihr Publikum umfassend und vor allem kritisch zu informieren."

Dass Roboter-Journalisten durch bessere Daten ihre Pendants aus Fleisch und Blut ersetzen, bezweifeln sowohl Dierickx als auch Vogt. Beide verorten die Probleme in der Branche eher an anderer Stelle—etwa bei immer weniger funktionierenden Geschäftsmodellen von Tageszeitungen oder einem Überangebot an hoch qualifizierten Bewerbern und Bewerberinnen. Fest stehe aber, so Dierickx, dass Roboter-Journalismus einen Aspekt zu diesen komplexen Vorgängen hinzufügt. "Viele in der Branche sehen die Automatisierung als Chance: Bots übernehmen die nervigsten Tätigkeiten und geben Journalisten mehr Zeit, um zum Kern, der Essenz der Story vorzudringen."

Auch Vogt sagt, dass trotz aller ökonomischer Schwierigkeiten viele Journalisten noch lange Zeit eine wichtige Rolle in der Gesellschaft einnehmen werden. "Die Journalisten der Zukunft werden interessantere Jobs haben als die heutigen. Sie werden mit datengestützten Analysen und Kommentaren überzeugen und in ihren Storys bislang noch versteckte Querverbindungen herstellen können." Sie sieht der Zukunft der Medienbranche deshalb in Summe positiv entgegen und ist überzeugt: "Bots ermöglichen mehr und besseren ultra-lokalen Content, außerdem werden personalisierte Inhalte—die aktuell meiner Meinung nach schlecht sind—dadurch immer besser."

Laurence Dierickx und Helen Vogt treten als Speaker am GEN Summit 2016 in Wien auf, der vom 15. bis 17. Juni stattfindet. Bei ihrem Vortrag wird es um das Thema "Your Next Recruit Might Be a Robot" gehen, bei dem Medien-Projekte aus den USA, Europa und Asien vorgestellt werden.

Titelbild: Zen Skillikorn | Flickr | CC 2.0