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Reisen

Zu Besuch bei Hisbollah

Wer ist die Schiiten-Miliz, die weite Teile Südlibanons kontrolliert? Ich lernte sie kennen—von ihrer unangenehmen Seite.

von Benjamin Haemmerle
18 Juli 2013, 9:00am


Hisbollah-Kämpfer präsentieren eine "Fajr 5"-Rakete in Nabatiyeh. (afp)

„Du heisst also Benjamin?“

„Ja.“

„Das ist ein jüdischer Name.“

„Ja.“

„Bist du Jude?“

„Nein.“

„Warum heisst du dann Benjamin?“

„Nun, in der Schweiz ist das ein ziemlich geläufiger Vorname, auch wenn...“

„Soso, ein geläufiger Vorname? Erzähl mir doch keinen Quatsch. Ich war schon dreimal in der Schweiz und habe noch nie jemanden getroffen, der Benjamin hiess.“


Aussicht von der Ruine Beaufort. (http://beirutmabitmoot.wordpress.com)

Ungläubig hielt ich inne. Das war alles zu absurd um wahr zu sein. Ich sass in einem abgedunkelten Raum in einer Villa im südlibanesischen Nabatiyeh, mir gegenüber ein Kommandant der Schiiten-Miliz Hisbollah, der sich in den Kopf gesetzt hatte, mich als israelischen Spion zu enttarnen. Ich kam mir vor wie in einem Tarantino-Film. Einen kurzen Moment lang hätte ich am liebsten laut losgelacht, doch gleich wurde mir bewusst, dass mein Gegenüber keineswegs zu Spässen aufgelegt war und ich mich in einer ziemlich misslichen Lage befand.

Eigentlich wollte ich eine Reportage über die Flüchtlingskrise im Libanon schreiben. Ein Treffen mit Hisbollah war in meinem Plan nicht vorgesehen, schon gar nicht als Gefangener. Vor der eigentlichen Arbeit wollte ich auf einer kurzen Reise einen Eindruck vom Land gewinnen.

An jenem Tag Mitte Juni unternahm ich von der Küstenstadt Sidon aus einen Abstecher nach Nabatiyeh, der Stadt, die als Hochburg der Hisbollah („Partei Gottes“) gilt.

Die vom Iran unterstützte schiitische Organisation sieht ihren Daseinszweck hauptsächlich im bewaffneten Widerstand gegen Israel. Sie ist längst zum Staat im Staat herangewachsen und kontrolliert in weiten Teilen Südlibanons das öffentliche Leben. Am Ortseingang von Nabatiyeh werden die Besucher von riesigen Plakaten mit den Konterfeis von Ayatollah Khamenei, Hisbollah-Führer Nasrallah und Syriens Präsident Assad begrüsst—ein deutliches Zeichen dafür, wer hier das Sagen hat. Ende Mai hatte sich die Hisbollah offen als Kriegspartei in Syrien zu erkennen gegeben und damit die konfessionellen Spannungen im Libanon weiter angeheizt.

Per Taxi fuhr ich gegen Mittag zur Ruine der Burg Beaufort, die bis im Jahr 2000 von der israelischen Armee als Beobachtungsposten genutzt wurde. Von dort bietet sich einem eine grandiose Aussicht über die Hügellandschaft Südlibanons bis nach Israel. Ich knipste mit meiner Kamera sorglos drauflos. Als ich mich etwa 500 Meter vom auf mich wartenden Taxi entfernt hatte und mich gerade wunderte, wem wohl die stattliche Residenz mit Swimmingpool gehörte, die auf der einen Seite des Hügels errichtet wurde, bemerkte ich den Geländewagen, der mir auf dem Kiesweg entgegenkam. Ich trat zur Seite, um ihn passieren zu lassen. Doch der Wagen hielt und ihm entsprangen ein grimmiger Kerl mit Bart, Tarnkleidung und umgehängter Kalaschnikow sowie zwei Jugendliche, ebenfalls mit Maschinengewehren, die rechte Hand am Abzug. Ich zuckte zusammen.


Hisbollah-Flagge an einem Strommast in Tyros, Libanon. (bh)

Dass der Gruppenführer meinen Rucksack wollte, verstand ich trotz fehlender Arabischkenntnisse einwandfrei. Bald lagen mein MacBook, meine Kamera, mein Handy und mein Reisepass auf der Ladefläche des Geländewagens. Eine weiter führende Verständigung war jedoch unmöglich. Jedes Mal, wenn ich dazu ansetzte, etwas zu sagen, schaute mich der Kämpfer finster an und legte den Zeigefinger auf die geschlossenen Lippen. „Shut up!“, rief der ältere der beiden Jugendlichen, den ich auf etwa 15 schätzte, von hinten und grinste hämisch. Mir war gleich klar, dass die Drei, die dabei waren, mir meine Reise zu verderben, wohl der Hisbollah angehörten. Die Hisbollah duldet auf ihrem Territorium keine herumstreifenden Räuberbanden.

Nachdem der Chef ein Telefongespräch geführt hatte, musste ich dem jüngeren der beiden Burschen auf eine nahe gelegene Wiese folgen. War er dazu bestimmt worden, mich zu exekutieren? Quatsch, beruhigte ich mich, einen Schweizer Journalisten umzulegen würde für Hisbollah nur Unannehmlichkeiten nach sich ziehen. Schiss hatte ich trotzdem. Auf Anweisung des Kindersoldaten setzte ich mich ins Gras und harrte schweigend der Dinge, während die Mittagssonne auf mich niederbrannte. Der Junge bewachte mich vom Schatten des einzigen Baumes aus. Ich haderte mit meinem Schicksal und gelobte, in Zukunft den Reisehinweisen des Schweizer Aussendepartements mehr Beachtung zu schenken.

Eine gute Stunde später—ich spürte bereits den Sonnenbrand auf meinen Unterarmen—kam ein alter schwarzer BMW den nahen Feldweg entlanggerollt und hielt. Die beiden jungen Männer, die ausstiegen, sahen mit ihrer gepflegten Kleidung, den Brillen und akkurat gestutzten Bärten eher wie Studenten als wie Krieger aus. Sie sprachen mich auf englisch an. Ich entschuldigte mich für meine Anwesenheit und fragte, was genau das Problem sei. "Security check" antwortete der eine höflich und hielt mir eine Flasche Mineralwasser hin. Sie würden mich zu jemandem bringen, der mir einige Fragen stellen werde. Mehr Informationen wollten mir auch diese beiden nicht geben.

Die anfängliche Höflichkeit hatte ein Ende, als der eine der beiden Männer mich nach der Fahrt zurück nach Nabatiyeh ziemlich unsanft aus dem Auto zerrte. Er drückte meinen Kopf nach unten und zog mich zum Eingang des Hauses, vor dem wir angehalten hatten, während der andere meine Arme hinter dem Rücken überkreuzt zusammendrückte. Ich wurde in einen grossen Raum geführt, dessen Fenster mit Jalousien abgedeckt waren. Auf dem Holztisch, an den ich mich setzen musste, lagen einige Stapel Koranausgaben und sonstiger islamischer Schriften.

Nach einigen Minuten betrat ein grobschlächtiger Mann von vielleicht 50 Jahren mit kurz geschorenen Haaren und undurchsichtigem Gesichtsausdruck den Raum, setzte sich an die gegenüberliegende Seite des Tischs, kramte aus einer Tasche meine persönlichen Gegenstände hervor und breitete sie vor sich aus. Gemächlich öffnete er meinen Computer, tippte mit seinen dicken Fingern etwas ein und steckte sich eine Zigarette an. Ich sagte erst einmal gar nichts, da ich in der Zwischenzeit gelernt hatte, dass es bei diesen Leuten nicht gut ankam, wenn man ungefragt redete.

"You know who we are?", richtete sich der Befrager schliesslich an mich. "We are Hezbollah." In den folgenden, nicht enden wollenden drei Stunden, klickte er sich konzentriert durch sämtliche Files auf meinem MacBook, löcherte mich mit idiotischen Fragen und machte sich eifrig Notizen.

„Warst du schon mal in Israel?“

„Nein.“

„Du warst noch nie in Israel?“

„Nein. Noch nie.“

„Ich warne dich. Falls du jemals in Israel warst, dann gib es besser jetzt zu. Denn wir werden alles über dich herausfinden.“


Hisbollah-Parade in Beirut. (key)

Ich fragte mich genervt, wann dem Mann endlich klar werden würde, dass er einen harmlosen Schweizer Journalisten auf seiner ersten Nahostreise und keinen zionistischen Agenten vor sich hatte. "Du warst in einem palästinensischen Flüchtlingslager!", rief er erbost, als er ein entsprechendes Foto entdeckt hatte. Das Verhältnis der Hisbollah zu den palästinensischen Flüchtlingen im Libanon ist gelinde gesagt kompliziert. In der Vergangenheit gab es immer wieder bewaffnete Auseinandersetzungen.

"Ja, ich war in Shatila."

"Warum hast du das nicht gesagt?"

"Sie haben nicht gefragt."

"Ich habe dich gefragt, wo du im Libanon gewesen bist."

"Ich habe gesagt, dass ich in Beirut gewesen bin. Shatila ist ein Stadtteil von Beirut."

Der Mann sprang wütend auf—als ob ich ihm eine lange Nase gemacht hätte. "So you wanna play games?" herrschte er mich an. "Listen. I can be a nice guy if I want to. But I can also be a monster."

Ich schluckte leer. Nein, als Monster wollte ich ihn nicht erleben. Ich konnte mir nur zu gut vorstellen, wie er mit seiner massigen Faust einen Gefangenen ins Gesicht schlug. Dass er mir zuvor erklärt hatte, Hizbollah töte nicht zum Spass, sondern nur, um ihr Land zu schützen, beruhigte mich nicht. Ich hoffte inständig, dass er mein auf englisch geführtes Interview mit dem Chef der syrischen Opposition nicht fand. Und dass er sich nicht in mein Facebook-Profil einloggte und meinen Sympathien für die syrische Revolution auf die Spur kam.

Nachdem der Verhörspezialist einige Dateien aus meinem Laptop auf eine CD gebrannt hatte, rief er einen Gehilfen, der mich zurück zum schwarzen BMW eskortierte. Eigentlich hatte ich angenommen, dass dessen Fahrer mich beim Busbahnhof absetzen, mir die Tüte mit meinen Geräten in die Hand drücken und mich in die Freiheit entlassen würde. Stattdessen fuhren wir in die Garage eines weiteren Privathauses. Der Fahrer stieg aus und verriegelte den Wagen. Eine Viertelstunde später schloss ein anderer junger Mann, den ich zum ersten Mal sah, die Wagentür auf und führte mich ins Gebäude. Die eingetrockneten Blutspuren im Treppenhaus liessen mich erschaudern.


Mädchen der Hisbollah-Jugendgruppe in Nabatiyeh. (afp)

Das Innere der Wohnung im zweiten Stock war ungewöhnlich luxuriös. Im riesigen Wohnzimmer gab es Sitzgelegenheiten für etwa 20 Personen. Böden und Wände waren mit teuer aussehenden Teppichen geschmückt, am einen Ende des Raums stand ein riesiger Flachbildfernseher. Der Mann offerierte mir Fruchtsaft und Zigaretten, aber warum ich jetzt hier war wollte er mir nicht sagen. Ich war angespannt. Wann war dieses Theater zu Ende? War ich vielleicht unfreiwillig zum Statisten in einer Trockenübung zur Spionageabwehr auserkoren worden?

Nach einer halben Stunde des höflichen Schweigens betrat ein weiterer Mann die Wohnung und brachte mich zu einem weiteren Auto. Erneut: einsteigen, umherfahren, aussteigen. Das Gebäude, vor dem wir hielten, wurde von Armeesoldaten bewacht. Ein gut gelaunter älterer Offizier nahm mich in Empfang und sagte: "Welcome. You are safe now. You are with the Lebanese Army."

Der Albtraum hatte ein Ende. Meine Geräte habe ich jedoch nicht wieder zurückerhalten. Und von dem zweifelhaft aussehenden Hamburger, den mir der Offizier zur Begrüssung spendierte, bekam ich am nächsten Tag grauenhaften Durchfall. Oder hatte mir Hisbollah etwas in den Fruchtsaft getan?