Sex

10 Fragen an eine Sexarbeiterin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Erregt dich der Sex mit Freiern? Was machst du, wenn du deine Tage hast? Und wissen deine Eltern, was du treibst?

von Fabian Herriger
12 Jänner 2017, 11:16am

Tara, 24, hat zwei Leben. Sie arbeitet halbtags als Optikerin, unterwirft sich aber auch zwei Tage in der Woche Männern als professionelle Sexsklavin in einem Berliner SM-Studio. Sie sagt, sie habe Spaß an der Abwechslung.

Sich selbst bezeichnet sie als "Professionelle", "Sex-Workerin" oder auch "Nutte"—verwendet aber nicht das Wort "Prostituierte". Sie sagt, sie stelle sich bei diesem Wort Frauen vor, die gegen Bezahlung bloß Sex haben. Tara bietet das an, aber auch mehr: Sie "spielt" mit ihren Gästen, sagt sie.

Niemand weiß, wie viele Sexarbeiterinnen wirklich in Österreich arbeiten. Laut einer Studie des deutschen Familienministeriums steigen die meisten Frauen wegen Schulden in die Prostitution ein, aber auch Drogenabhängigkeit und erlittene sexuelle Gewalt seien Faktoren.

Tara im "Holzraum" des SM-Studio | Alle Fotos: Lisa Ziegler

Bei Tara war das anders. Vor einem Jahr sagte ihr damaliger Freund, sie sei "notgeil" und wolle zu viel "spielen"—warum sie das nicht beruflich mache? Er kannte die Leiterin eines SM-Studios und stellte sie Tara vor. Gleich an ihrem ersten Tag sagte die zu ihr: "Dann mach mal. Du bist Sklavin, dir wird schon gesagt werden, was du zu tun hast." Am Ende des Tages wollte sie weitermachen.

Zwischen einer Schulbank, Ruten und Seilen im SM-Studios in Tempelhof im Süden Berlins treffe ich Tara. Sie sagt, sie rede gern über ihren Job. Wir haben Fragen:

VICE: Du sagst, dir macht es Spaß, "Sexsklavin" zu sein—aber erregt dich der Sex mit Freiern wirklich?
Tara: Grundsätzlich ja. Wenn ein Gast so richtig geil ist und sich in seiner dominanten Rolle kaum noch zusammenreißen kann, macht mich das an. Ich bin leicht zu erregen und steh drauf, geschlagen oder rumkommandiert zu werden. Aber es hängt auch vom Gast ab. Bei Männern mit Bierbauch und kleinem Schwanz ekle ich mich eher, als dass ich erregt bin. Und Dialekte sind auch abtörnend. Bei Österreichern und Bayern ist es schwer, in Stimmung zu kommen. Einen Sachsen hatte ich zum Glück noch nicht. [Lacht]

Kommst du beim Arbeiten?
Oh ja, fast immer. Das mögen die Gäste natürlich auch. Ich biete sogar "Orgasmuskontrolle" an, das heißt, der Gast stimuliert mich mit einem Vibrator oder fingert mich bis kurz vor dem Höhepunkt und hört dann auf. Wenn ich Glück habe, darf ich dann irgendwann doch kommen, meistens durch einen Vibrator. Beim Gast ist es auch oft mit einem Handjob getan. Dass ich gefickt werde, kommt weniger oft vor, als ich gerne hätte [lacht], nur so bei jedem Dritten.

Hast du schonmal einen Gast abgelehnt oder rausgeschmissen?
Ja. Wenn jemand müffelt, ungepflegt oder auf Drogen ist, darf er gar nicht erst rein. Manchmal sind die Männer schon bei der Terminvereinbarung unhöflich, dann lehne ich auch freundlich ab.

Zweimal musste ich Gäste rausschmeißen. Der eine hat mich mit Rohrstöcken und Gerten zu fest geschlagen, mir Nippelklemmen angesetzt und einen Dornen-BH umgelegt und zu fest zugezogen. Ich habe ihm immer wieder gesagt, er soll aufhören, aber der Sadist hat mich nur noch als Objekt wahrgenommen. Zum Glück hat eine Kollegin mir geholfen, ihn loszuwerden. Der andere Mann hat mich trotz meiner Stopp-Rufe so verprügelt, dass ich richtig Angst bekommen habe. Dann hat er mich in den Arm genommen: "Wenn du jetzt in Panik bist, habe ich mein Ziel erreicht. Sei eine ordentliche Sklavin, zieh dich aus und lass dich ficken!" Ich konnte mich befreien und hab ihn mit der Studioleiterin rausgeworfen.

Taras "Spielzeug", unter anderem Nippelklemmen, "Kratzer" und Vibratoren

Welche Rollenspiele wünschen sich die Männer am häufigsten?
Viele wollen mich als total devote, unterwürfige Frau—doch wenn ich dann vor ihnen knie, wissen sie nicht, was sie machen soll. Es hilft dann, wenn ich frech werde und die nur reagieren müssen. Besonders beliebt ist das Rollenspiel, bei dem ich das kleine Schulmädchen spiele, das ihre Noten aufbessern möchte, oder der "Ladendiebstahl", bei dem ich so tue, als würde ich etwas klauen, dann vom Freier erwischt werde und ihn anbettle, dass er die Polizei nicht rufen soll. Viele wünschen sich auch die arme Studentin, die ihre Miete nicht zahlen kann und das Problem mit ihrem Vermieter auf andere Weise klärt.

Wie viele deiner Gäste haben Frau und Kinder?
Das weiß ich nicht, aber viele meiner Gäste sind Geschäftsleute um die 50, die wegen beruflicher Termine nach Berlin kommen und dann die Zeit "voll ausnutzen" möchten. Sie kommen zu mir, weil sie weit von der Familie weg sind und ein Besuch leicht zu vertuschen ist. Einmal hat mich eine Ehefrau angeschrieben und gefragt, wer ich sei und ob ich ihren Mann kenne. Ihr hab ich dann auch die Wahrheit geschrieben. Ich finde es schade, dass diese Männer nicht ehrlich zu ihren Partnern sind. Viele sagen aber auch, wenn sie mich nicht hätten, würde ihre Partnerschaft zerbrechen. Seine Neigung immer zu verbergen, ist anstrengend.

Meckern manche Männer an deinem Körper rum?
Ja, aber nur als Teil des Spiels. Am Anfang einer Session untersuchen mich die Männer oft. Manche sagen dann: "Was hast du denn für Titten, das geht ja gar nicht. Ich weiß nicht, was ich mit dir anstellen soll, du Dreckstück." Da ist es mir dann auch hinterher wichtig, nochmal nachzuhaken, wie sie die Session fanden. Und dann bekomme ich oft ein: "War toll, ich komme wieder!" Dann weiß ich, dass es nur spielerisch gemeint war.

Wissen deine Eltern, was du machst?
Mittlerweile ja. Yeah! Ich habe es ihnen vor einem halben Jahr erzählt. Sie haben mich gefragt, warum ich nur noch Teilzeit als Optikerin arbeite. Da habe ich ihnen erstmal gesagt, dass ich noch einen anderen Job habe. Wahrscheinlich haben sie schon vermutet, dass es was mit Sex ist. Bei unserem nächsten Treffen wollten sie es dann genau wissen. Also habe ich ihnen gesagt, dass ich in einem SM-Studio arbeite. Sie haben es ganz gut aufgenommen. Mein Verhältnis zu meinen Eltern ist dadurch nur besser geworden. Ich muss nichts mehr verbergen und kann ihnen sogar von lustigen Sessions berichten.

Der "Stahlraum"

Wenn du deine Tage hast, machst du dann Pause und arbeitest als Optikerin?
Nein, tatsächlich nehme ich extra eine Antibaby-Pille, die ich durchnehmen kann. Dadurch habe ich nie meine Tage und muss meinen Arbeitsrhythmus nicht umstellen.

Was verdienst du?
Eine Stunde "Spielen" kostet 250 Euro. Für Extrawünsche gibt es Aufpreise: "Natursekt" kostet wegen der nervigen Reinigung 50 Euro mehr, Fisting kostet 150 Euro mehr, weil es wehtut und ich einen Tag Pause machen muss. Auch harte Rohrstockschläge, die Spuren hinterlassen, kosten 50 Euro extra. Am Ende des Monats komme ich im Moment auf bis zu 2.000 Euro, die ich selbstverständlich versteuere. Was ich aber mache, ist teilweise von der Tagesform abhängig: Analverkehr und Fisting mache ich nur, wenn ich mich danach fühle—und nie beides gleichzeitig. Ich habe an mir beobachtet, dass ich mehr Schmerz ertrage, wenn ich schlecht drauf bin.

Es gibt aber auch Sachen, die ich nicht mache, zum Beispiel "Kaviar", also kacken. Absolut tabu sind für mich auch Küssen und Blasen—das sind für mich intime Dinge, die ich nur in der Liebe mache.

Denkst du, dass du die Zeit als Sexarbeiterin irgendwann bereust?
Klar frage ich mich, was ich mal meinen Kindern erzählen soll, falls ich mal welche bekomme. Aber ich bin kein Mensch, der die Dinge groß hinterfragt—ich mache das meiste, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. In Berlin geht das gut, hier macht ja sowieso jeder, was er will. Wenn alles gut geht, mache ich den Job noch, bis ich 50 bin und länger!

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