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Social Media

Snapchat-Filter haben dafür gesorgt, dass ich mich hässlich fühle

Wie Apps unsere Sicht darauf verändern, was wir als schön wahrnehmen.

Ruth Faj

Snapchat-Fotos von der Autorin

Mit Snapchat konnte ich lange gar nichts anfangen. Die dummen Filter und die Hundegesichter – was sollte das alles? Aber irgendwann, ich weiß gar nicht, wie es dazu kam, war ich auch dabei, mit Bitmoji-Avatar und allem. Schon bald machte ich all meine Selfies über Snapchat. Wenn ich meine normale iPhone-Kamera-App ohne Blumen oder lustige Kulleraugen vor meinem eigentlichen Gesicht benutzte, dachte ich: "Du siehst hässlich aus." Also machte ich irgendwann nur noch Fotos mit Snapchat.

Vor ein paar Wochen hatte ich meinen ersten richtigen Foto-Shoot. Etwa eine Stunde lang posierte ich peinlich berührt unter der Anleitung einer Fotografin. Danach zog ich mich um und wir sahen uns die Porträts zusammen an. Was ich da sah, war ganz und gar nicht das, was ich erwartet hatte. Ich hasste sie alle. Jedes einzelne Bild. Auf dem Heimweg weinte ich und fragte mich, warum mir niemand von meinen Freunden oder Verwandten je gesagt hat, dass ich hässlich bin.


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Ich hatte schon seit Jahren Komplexe, was Fotos angeht. Tyra Banks konnte mir mit America's Next Top Model leider nichts beibringen – weder kann ich "smizen", noch weiß ich, aus welchen Kamerawinkeln ich am besten rüberkomme. Ich hatte mir einfach immer gesagt, dass ich einer von diesen Menschen bin, die in echt besser aussehen. Aber Snapchat änderte das für mich. Es gab mir das Gefühl, gut auszusehen, und das lag auch an der umgedrehten Kamera-Ansicht.

Normale Kameras wie die im Smartphone, zeigen einem in etwa, wie man wirklich aussieht. Stattdessen zeigt Snapchat aber alles, wie man es aus dem Spiegel kennt, also spiegelverkehrt. Packst du einen Filter drüber, wird dein Gesicht schmaler, deine Lippen werden voller und die Augen größer – alles Dinge, die in vielen Kulturen als besonders attraktiv gelten.

"Snapchat-'Filter' wird man bald mit Dysmorphophobie in Verbindung bringen. Alle sehen aus wie Michael Jackson mit Blumenkranz. Verrückt."

Ich habe Leute im meinen Umfeld gefragt, wie sie mit dem digitalen Facelifting umgehen.

"Snapchat-Filter verändern definitiv die Gesichtszüge", sagt Dayo, ein 26 Jahre alter Snapchat-Nutzer. "Es ist wie eine Perfektions-App." Und im Laufe der Zeit kann man irgendwann vergessen, dass man nicht "perfekt" aussieht.

Der Kontrast zwischen echten und inszenierten Fotos ist für unsere Generation nichts Neues. Wer mindestens 20 ist und nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzt, wird sich vermutlich erinnern, wie unangenehm es war, als Facebook die Option einführte, Freunde in Fotos zu taggen. Wir hatten alle seit Jahren unsere Selfie-Skills perfektioniert und auf einmal waren da Fotos, die andere geschossen hatten. Plötzlich sahen wir uns selbst so, wie alle anderen uns sahen.

Heute bewegen wir uns aber in einer anderen Liga. Apps wie Snapchat und Facetune erlauben es uns, unser Aussehen stark anzupassen. Hinzu kommt, dass einige User solche Apps mehrmals täglich nutzen, um ihren Alltag zu dokumentieren – da verwundert es nicht, wenn einige auch ein ungesundes Selbstbild entwickeln.

Der britische Rapper JME twitterte vergangenes Jahr: "Snapchat-'Filter' wird man bald mit Dysmorphophobie in Verbindung bringen. Alle sehen aus wie Michael Jackson mit Blumenkranz. Verrückt." Dysmorphophobie beschreibt einen Zustand, in dem du deinen Körper oder Teile davon zwanghaft als hässlich wahrnimmst.

Die YouTuberin Reed stimmt zu. Sie ist eine Hälfte des Sex-Ratgeber-Duos Come Curious und schreibt VICE: "Snapchat-Filter sind der Teufel. Wir leben in einer Zeit, in der Social Media die Realität nur noch ungenau wiedergibt, und das ist weder fair, noch wird genug darüber geredet."

Die Autorin Arushi Tandon hat darüber geschrieben, wie Snapchat das Selbstbild seiner Nutzer beeinflusst. "Ich habe schon häufiger festgestellt, dass ich Filter brauche, um mein Aussehen in einem Selfie gut zu finden. Das macht mir Angst, weil das eigentlich total gestört ist", schreibt sie an VICE. "Wir wollen lieber eine digital verfremdete Version von uns sehen als unser richtiges Selbst. Das ist die traurige Wahrheit. Ich versuche schon, Filter so oft wie möglich zu meiden, denn ich denke, das kann Dysphorie [Anm. d. Red.: Das Gegenteil von Euphorie] hervorrufen ."

"Dieses Verhalten unterstreicht den Eindruck, dass der selbst-objektifizierte soziale Körper wichtiger ist als der eigentliche, gefühlte Körper."

Andere User teilen diese Meinung nicht. Mary aus London sieht den Snapchat-Look zum Beispiel lediglich als digitale Kosmetik: "Snapchat funktioniert genau wie Make-up", sagt sie. "Aber ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal außerhalb von Snapchat ein Foto gemacht habe. Die Bildqualität ist besser."

Ob du mehr wie Arushi oder mehr wie Mary bist, merkst du spätestens dann, wenn du keine Kontrolle mehr darüber hast, wie du auf Fotos aussiehst. "Ich war mehr als unglücklich, als mir jemand ein Foto auf Facebook schickte – ich auf einem Rave. Ich war buchstäblich angeekelt", sagt Josephine, eine regelmäßige Snapchat-Nutzerin. "Meine Pose war schrecklich, ich hab viel zu sehr gelächelt. Alle, die mich kennen, wissen das über mich: Ich vermeide Fotos von mir wie die Pest. Ich hasse es. Die meisten meiner Fotos sind Selfies."

Seit es Chatrooms, Foren und frühe soziale Netzwerke wie MySpace gab, wollen wir durch Technik kontrollieren, wie andere uns sehen. So können wir unsere eigene Version der Realität erschaffen. Aber was passiert, wenn die gefaketen Avatare in unserer Vorstellung die Realität ersetzen?

"Manche Typen sagen Sachen wie: 'Du siehst ja anders aus als in deinen Snaps.' Und ich denke mir: 'Alter, natürlich. Glaubst du, ich hab den ganzen Tag einen Kranz aus Glitzersternen um den Kopf?'"

Dr. Giuseppe Riva ist Professor für Kommunikationspsychologie an der Katholischen Universität in Mailand. Er sagt im Gespräch mit VICE, aktive Teilnahme an sozialen Netzwerken fördere die Selbst-Objektifizierung. "Das trifft vor allem auf Snapchat und Instagram zu, denn diese Apps zeigen jungen Frauen eine Art gespiegeltes Bild von sich, das dann noch bearbeitet und geteilt wird. Dieses Verhalten unterstreicht den Eindruck, dass der selbst-objektifizierte soziale Körper wichtiger ist als der eigentliche, gefühlte Körper." Mit anderen Worten: Unsere Traumvorstellung von uns selbst wird wichtiger als das, wie wir wirklich sind.

Nicht nur Menschen, die auf Snapchat Selfies posten, kriegen diese Wirkung zu spüren. Tallulah aus der englischen Grafschaft Kent beschreibt, wie Männer immer öfter davon ausgehen, dass sie aussieht wie in ihren Snaps. "Manche Typen, mit denen ich rede, sagen Sachen wie: 'Du siehst ja anders aus als in deinen Snaps.'", erklärt sie. "Und ich denke mir: 'Alter, natürlich. Glaubst du, ich hab den ganzen Tag einen Kranz aus Glitzersternen um den Kopf?'"

Noch sind diese Apps zu neu, als dass es vernünftige Studien zu den Langzeitwirkungen geben könnte. Aber laut Riva könnten Essstörungen und Dysmorphophobie zu den Folgen gehören. "Selbst-Objektifizierung bedeutet, dass man das Aussehen des eigenen Körpers überwacht und wahrnimmt, als sei man ein Außenstehender", sagt Riva gegenüber VICE. "In unserer Forschung haben wir festgestellt: Diese Selbst-Objektifizierung ist der schwerwiegendste Faktor bei der Entstehung und Erhaltung von Essstörungen."

Vermutlich geht es vielen Snapchat-Nutzern anders als mir und sie haben weder ein Problem mit ihrem Aussehen, noch haben sie ihre eigenen Gesichtszüge vergessen. Aber alleine schon weil die Apps so viele Nutzer haben, werden sie unser Schönheitsbild in Zukunft noch viel stärker beeinflussen.

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