Quantcast

Die Zürcher Polizei hat keine Lust mehr, Facebook-Rassisten zu füttern

Sie verzichtet ab sofort darauf, die Herkunft von Tatverdächtigen zu nennen.

Kamil Biedermann

Kamil Biedermann

Die Polizisten der Stadtpolizei Zürich haben jetzt noch mehr zu lachen | Foto von Instagram

Wenn der Boulevard über Straftaten von Migranten berichtet, ersetzt das Herkunftsland oft den Namen des vermeintlichen Täters. Dieser darf aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht genannt werden. Was uns heute völlig alltäglich vorkommt, war laut der Stadtpolizei Zürich nicht immer so: "In der Schweiz hat in den letzten 20 Jahren ein Wandel stattgefunden von einer Kriminalitätsberichterstattung, die mehrheitlich die Herkunft der Täterinnen und Täter nicht nannte, zu einer Berichterstattung mit Nationalitätennennung", erklärt die Stadtpolizei in einer Medienmitteilung am Dienstag.

Um den Medien diese Angewohnheit auszutreiben, nennt die Stadtpolizei ab sofort einfach keine Nationalitäten mehr, verkündete der Vorsteher des Sicherheitsdepartements, Richard Wolff von der linken Alternativen Liste, heute. "Die meisten Medien kopieren unsere Meldungen direkt, darum werden wir die Nationalität nur noch nennen, wenn sie diese explizit bei der Polizei anfragen", erklärt Mathias Ninck, Mediensprecher vom Sicherheitsdepartement, gegenüber VICE am Telefon. Die einzigen Ausnahmen sind Fahndungsaufrufe, hier werde auch weiterhin die Nationalität genannt.

"Schreiben wir die Nationalität in unseren Meldungen, bestärken wir mitunter Leute in Vorurteilen, die rassistisch sein können. Wenn ein nigerianischer Drogendealer gefasst wird, heißt das noch lange nicht, dass alle Nigerianer automatisch Drogendealer sind", erklärt Ninck VICE am Telefon. Den Vorwurf einzelner Medien, dass es intransparent sei, die Herkunft nicht zu nennen, lässt die Polizei nicht gelten und erklärt in ihrer Medienmitteilung am Dienstag ausführlich:

Indem man die Nationalität nennt, wird suggeriert, damit lasse sich die Tat ein Stück weit erklären. Dies verdeckt aber nur, was die eigentlichen Ursachen für kriminelle Handlungen sind: Armut, tiefes Bildungsniveau, Stigmatisierung in der Schweiz, Mutproben, mangelnde soziale Kontrolle, Kriegstraumata, Drogenkonsum und andere. Es handelt sich bei der Nationalitätennennung also um eine Scheintransparenz, welche die Ursachen von Kriminalität verdeckt.

Vor dem Entscheid befragte die Stadtpolizei zwei Medienethiker und den Presserat. Alle halten die grundsätzliche Nennung der Herkunft für "unsachlich und in der Tendenz diskriminierend". Zusätzlich gab sie auch Chefredakteuren von sechs Schweizer Medienhäuser die Möglichkeit, sich zu äußern: Nur SRF teilt die Meinung, dass die Nennung der Herkunft grundsätzlich problematisch ist. Blick und 20 Minuten gehen mit der Regel in Ordnung, wollen aber nicht grundsätzlich auf das Nennen von Nationalitäten verzichten. Die Chefredakteure des Tagesanzeiger, von watson und der NZZ möchten die Nationalität von Tatverdächtigen auch weiterhin in Polizeimeldungen lesen.

Dass die Zürcher Polizei in ihrer Medienarbeit vielen ihrer Kollegen mindestens zwei Nasenlängen voraus ist, beweist sie im ausführlichen Bericht. Denn anstatt über die Redaktionen der klassischen Medien, werden heute Polizeimeldungen immer öfter durch tendenziöse Social-Media-Plattformen wie Polizeiticker.ch verbreitet. "Die wenigsten dieser selbsternannten Nachrichtenverbreiter halten sich an die Empfehlungen des Presserats oder an ethische Richtlinien", erklärt die Polizei in dem Handout. Die Entscheidung, Nationalitäten nur noch auf Anfrage preiszugeben, ist wohl eine ziemlich einfache und wirkungsvolle Maßnahme, diesen schnellen Kopierplattformen und ihrer Stimmungsmache etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das macht Hoffnung, dass die Polizei auch bald gegen Racial Profiling in ihren eigenen Reihen wirkungsvolle Maßnahmen findet.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Twitter.