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Schon wieder Wahlen!!!

Norbert Hofer will Präsident werden – ja, schon wieder

Währenddessen gibt Kern ein Interview auf dem 'Krone'-Ledersofa und Kurz spricht heute nur durch Fake-Memes zu uns.

von Markus Lust
14 Oktober 2017, 1:06pm

Foto via Facebook

Die Nabelschnur ist fast durch, der Wahlkampf ist fast vorbei. Bald beginnt das Blut zu spritzen und die ersten Babyschreie werden losgehen – aber bis dahin gibt es noch einen letzten Tagebuch-Eintrag vorm Wahltag. Alle bisherigen Einträge zurück bis zum 1. September könnt ihr hier nachlesen. Mahalo.


14. 10. 2017: Der Wiedergänger Norbert Hofer, die Wiederkehr der Fake-Memes, der Widerspruch der Grünen

Liebes Tagebuch,
weißt du noch, gestern? Als ich meinte, der Wahlkampf sei vorbei, aber ich würde der Stille misstrauen? Wie sich herausstellt, hat mein Instinkt die News kurz nach 18 Uhr eingeholt, als bei der FPÖ-Schlusskundgebung am Viktor-Adler-Markt ein gewisser Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer den Menschen, die nicht danach gefragt hatten, zurief, dass er bei der nächsten Präsidentschaftswahl wieder antreten werde. Das erklärt auch, warum sein glorreicher Facebook-Account immer noch jener mit dem Slug /praesidentnorberthofer ist. Es ist noch nicht vorbei, liebes Tagebuch. Es ist nie vorbei. Zumindest nicht, bis ein Freiheitlicher im Kanzleramt und ein Freiheitlicher in der Hofburg sitzen. Und dann ist es VORBEI.

Oder vielleicht auch nicht. Wie der Politikwissenschaftler Emmerich Tálos einmal zu mir gesagt hat: Der Grund, warum Schwarzblau mit allen schiefen Geschäften aufgeflogen ist, ist weil sie nicht die Seilschaften und Systeme der Großen Koalition nutzen konnten, in denen solche Dinge nie auffliegen würden. Insofern würde der Clusterfuck einer Doppel-FPÖ-Spitze von Staat und Regierung vielleicht nur sichtbar machen, was sonst hinter den Kulissen ablaufen würde. Aber ich schweife ab.

Währenddessen hat der Kanzler Krone.at ein Video-Interview gegeben, bei dem sich die Redaktion auf schicken alten Ledersofas als die Stimme des kleinen Mannes inszenierte ("Ich unterrichte ja nebenbei in der HTL", "Wo haben Sie Wörter wie 'kontemplativ' gelernt, in Simmering redet man nicht so") und Christian Kern ein bisschen wie am Beichtstuhl wirkte, aber – für ein katholisches Land wie das unsere: sympathisch.

tl;dr: Kern will noch 9 Jahre Politik machen, Geld hat er schon genug, Politik ist schwierig, weil wenig umgesetzt und wenig Erfolg gemessen wird, aber das Land ist ihm wichtig, drum zieht er das durch.

Lieb auch, wie man in Internet-Interviews über die viel zu vielen TV-Interviews lästern kann, ohne sich komisch vorzukommen, während man eine neue halbe Stunde in den endlosen Stream dieser Wahlkampf-Videogespräche einspeist.

Aber genauso wie es bei der FPÖ dazugehört, sich außerhalb des Systems zu positionieren, obwohl sie längst darin mitspielen, ist es eben auch der Krone ein Anliegen, nicht als der Mainstream-Player, sondern als die Aufstandsstimme gesehen zu werden. Pfui, diese unnötigen TV-Debatten! Erzählen Sie uns bitte alles noch mal, damit wir auch Klicks davon haben.

Kein Sujet der ÖVP. Screenshot via Twitter

Bei der ÖVP gibt es nichts Neues zu vermelden, außer dass sie immer noch für einen "Neuen Stil" ist und auf Twitter gerade wieder ein Fake-Plakat der Kurz-Partei die Runde macht. Es zeigt den Parteichef im Zentrum eines Sujets, das für ein "Neues Frauenbild" werben soll. Nach "Neuer Stil" und "Neue Gerechtigkeit" (und mit etwa gleich viel Glaubwürdigkeit) ist der Gag fast zu gut, um wahr zu sein. Was normalerweise genau der Haken ist.

Aber das eigentlich Interessante hier: Während die einen über die Echtheit diskutieren, streiten die anderen darüber, ob es nicht zumindest theoretisch zu Kurz und dem Frauenbild seiner Partei passen könnte. Die einen messen die Botschaft an ihrem News-Wert, die anderen an ihrem Satire-Gehalt. Die alte Frage dabei: "Was ist wichtiger: Das, was ist oder was sein könnte?"

Wie bereits bei Trump waren einige Gegner der konservativen Rechten auch hier nur allzu bereit, genau denselben Fehler zu machen, den sie den konservativen Rechten vorgeworfen hatten: Sie fielen auf Fake-Memes rein und wollten ihre Meinung auch dann nicht revidieren, wenn diese Fakes einwandfrei bewiesen worden waren.

Im Fall von Trump zeigte das wahrscheinlich bekannteste Meme einen jungen, 52-jährigen Donald Trump und darunter ein Zitat, das er 1998 im People Magazine gegeben haben soll: "Wenn ich je als Präsident antreten würde, dann als Republikaner. Sie haben die dümmsten Wähler." Nichts davon stimmte – aber wenn man Trump-Gegner fragte, hätte er es genauso gut gesagt haben können.

Schon ein Auszug aus dem ÖVP-Wahlprogramm.

Was mich wieder zu Kurz bringt. Natürlich plakatiert die ÖVP kein "Neues Frauenbild" mit Kurz im Zentrum und einer unscharfen Frauensilhouette davor. Vielleicht auch, weil die ÖVP kein neues Frauenbild hat; in ihrem Wahlprogramm finden sich zur Frauenpolitik immerhin nur 4 Sätze auf genau einer Seite, illustriert mit einem Turm aus Frauendingen, nämlich einem Stöckelschuh, einem Tablet, einem Lippenstift, einer Gurke, einer Babymilchflasche und einer Füllfeder (nein, das ist kein Scherz).

Wobei, da hätte ich der ÖVP jetzt fast Unrecht getan. Es gibt noch einen zweiten Punkt zum Thema Frauen in ihrem Programm: Er heißt "Gewalt gegen Frauen stärker bestrafen", besteht aus drei Sätzen und ist ein weiterer Schauplatz von Kurz' ewig gleichem Gebet von den aus dem Ausland importierten Problemen wie "Zwangsheirat, Genitalverstümmelung". Ein Frauenbild, das Frauen nicht unbedingt involviert, geschweige denn ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt, ist vielleicht satirische Überhöhung – aber Überhöhung von etwas, das für viele im Grunde genommen der Wahrheit entspricht.

Daran würde auch ein "Neu" nichts ändern. Im Gegenteil: Sind nicht auch der "Neue Stil" und die "Neue Gerechtigkeit" eigentlich die Abschaffung davon, was sie angeblich erneuern wollen? Die "Neue Gerechtigkeit" ist das Ende der Christlichen Soziallehre und damit auch der traditionell konservativen, christlich-sozialen Werte der ÖVP. Der "Neue Stil" ist nichts als inhaltsleerer Populismus, eine ideologische Biegsamkeit vom Willkommenskultur-Befürworter zum Verhüllungsverbot-Exekutor in nur 18 Monaten – und die totale Flexibilität in allem, was Kurz dabei hilft, sich besser mit der Richtung des Volkswinds zu drehen. Lieber Opportunismus als Opposition. Lieber "Neu" versprechen als alt aussehen. Willkommen im Neu-Sprech der ÖVP. Kurz macht Boulevardpolitik und wird am Boulevard dafür gefeiert. Fake-Memes hin oder her. Alles richtig gemacht, Kurz. Alles falsch gemacht, alle anderen.

Apropos, die anderen: Über Strolz habe ich gestern schon alles gesagt. Zu Ulrike Lunacek fällt mir aber noch eine Ergänzung ein: In unserem "10 Fragen an…"-Interview hat Lunacek auf die Frage "Was war das beschissenste Wahlplakat, das die Grünen je gemacht haben?" das hier geantwortet:

"Da gab's eines zu den Anfangszeiten, wo nur viel Text draufgestanden ist. Das halte ich nicht für gescheit."

Am selben Abend – gleich nach dem Interview, das damit endete, dass Ulrike Lunacek fünf Minuten versuchte, sich an politisch unkorrekte Dinge zu erinnern, die sie mal getan haben könnte – habe ich beim Jonas-Reindl am Schottentor dieses Plakat gesehen:

Foto von VICE Media

Keine weiteren Fragen.


13. 10. 2017: Misstraue der Stille, feiere den Strolz

Liebes Tagebuch,
wie es aussieht, ist der Wahlkampf vorbei – aber ich misstraue der Ruhe. Gestern Abend fand die letzte TV-Debatte mit einer Elefantenrunde der fünf Spitzenkandidierenden statt und schon hier war ich anscheinend der Einzige, der das Ganze nur durch skeptisch zusammengekniffene Augen schauen konnte. Alle anderen fanden die Diskussion sachlich, lobten die Zurückhaltung der Kandidaten. Tarek Leitner lobpreiste sogar: "Es gibt einen Ort, wo zivilisiert diskutiert werden kann. Es ist der ORF."

Zu diesem Zeitpunkt war mein Blick längst auf 16:9 verengt und das Bild genauso weichgezeichnet und dubios wie der Aufbau der ORF-Sendung. Wie konnte es sein, dass ich das sehr leise Schreien von Strache als einziger nicht zivilisiert fand? Wieso störte es niemanden außer vielleicht ein, zwei Journalisten, dass die Kandidaten ihre Themen selbst auswählen durften und damit eine noch reinere PR-Show abziehen konnten als in allen TV-Debatten davor?

Vielleicht lief bei mir als einzigen eine ganz andere Sendung als bei den anderen Zuschauern. Es ist wie eine Folge Black Mirror, nur dass die Szene mit dem Schweine-Ficken nur ich sehen kann. Kurz gesagt, ein Jammer. Und zwar nicht nur wegen Dialogfetzen wie diesem hier:

Strolz: Einspruch!
Lunacek: Laungsaum!
Strolz: Langsamer Einspruch! Einspruch.

Mein nicht ganz wortwörtliches, psychohyienisch bereinigtes Transkript zur gestrigen Sendung findet ihr hier. Und ja, ich bin womöglich ein, zwei Male zum neuen Star Wars-Trailer abgedriftet, aber ist es nicht die Aufgabe der Politik, genau dieses Desinteresse gar nicht erst aufkommen zu lassen? Wenn es seit dieser Wahl eine neue Art von Politikverdrossenheit gibt, dann sicher nicht, weil sich die Menschen nicht für Politik interessieren – eher, weil sie es in der Vergangenheit zu viel getan haben und es nicht mehr packen, wie wenig ernst sie von Lobbyisten, Großspendern und Dirty-Campaignern genommen werden.

Selbst die Wahlplakate sind diesmal nicht mit kreativer Inbrunst verschandelt, sondern nur halbherzig mit Edding beschmiert. Als hätte die Jugend endgültig aufgegeben. Der einzige Lichtblick – und ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde – ist Matthias Strolz.

Foto via Twitter

Der NEOS-Chef hat nicht nur bei der TV-Debatte sein bestes NLP-Einmaleins ausgepackt und die wiederkäubarsten Ein-Satz-Sager für unsere Social-Media-atrophierten Gehirne geliefert; er hat sich erst heute mit Bodycam und dem Hashtag #Perspektivenwechsel in den Wahlkampf-Endspurt begeben und sich ein bisschen meinen Respekt für seine Verspieltheit und Leichtfüßigkeit erarbeitet. Ich meine, letzte Woche hatte er sogar FREI und hat das Ereignis live von einer Schaukel im Park gestreamt. Heute war er außerdem bei seiner Mama zum Frühstück und auch DAS hat er auf Facebook gestellt.

Gut, vielleicht wird er für so viel unösterreichische Entspanntheit auch von den Wählern gerügt und mit einem nassen Fetzen aus dem Parlament gejagt. Aber bis dahin ist Matthias Strolz mein Spirit Animal. Auch, weil man sich als Bildunterschrift zu seinem Bodycam-Foto denken kann, wie er so etwas sagt wie: "Schau her, Sobotka, so kannst du überwachen und sonst gar nicht. Ich geh jetzt meine Flügel entfalten, einen wunderschönen Tag noch!" So viel gute Laune ist fast schon unpatriotisch.

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