Landesverrat

Völkerverständigung in Kriegszeiten: Diese Leute telefonieren mit Gaza

Jeden Freitagmittag treffen sich Aktivistinnen und Aktivisten an der israelischen Grenze und begehen Landesverrat – indem sie den "Feind" auf der anderen Seite via WhatsApp anrufen. Wir waren dabei.

von Marina Klimchuk
29 August 2018, 11:35am

Foto (links) von der Autorin, Foto (rechts): Pixabay | edu_castro27CC0 1.0

Der Be'eri-Wald im Süden Israels ist nicht ganz, was man sich unter einem Wald vorstellt. Kilometer um Kilometer reihen sich hier schwarze Landstreifen aneinander, nur gelegentlich sticht ein einsamer grüner Busch aus dem Erdboden. Die Brände haben wenig verschont. Bis zum Horizont ist nur verbrannte Erde in Sicht. Seit dem Frühjahr lassen Kinder und Jugendliche in Gaza beinahe täglich Drachen mit Brandsätzen steigen, die nach Israel hinüber wehen und Feuer erzeugen.

Während die israelischen Landwirte Millionenverluste beklagen, sind die Drachen für ihre Nachbarn in Gaza die effektivste und billigste Möglichkeit, dem Feind Schaden zuzufügen. Einen Drachen zu produzieren kostet weniger als einen Euro. Der Ausnahmezustand ist in dieser Gegend Israels zum Alltag geworden. Wer bei einem Streifzug durch den Be'eri-Wald aufmerksam lauscht, kann gelegentlich Schüsse hören. Sie fallen in kurzen Abständen, nur wenige Kilometer entfernt.

Fünf Mal am Tag ruft der Muezzin mit seinem Gesang die Bewohner des kleinen Dorfes Juhor ad Dik im Gazastreifen zum Gebet auf. Zwei Kilometer entfernt, auf der israelischen Seite, kann Rami Haruvi den Gesang hören. Er hört ihn bereits seit seiner Kindheit. Ramis Großvater wanderte 1913 aus Russland nach Palästina aus, das damals unter osmanischer Herrschaft stand. Sein Vater gehörte zu den Gründervätern des Kibbutz Be'eri, eines landwirtschaftlichen Kollektivs in der Gegend von Gaza, der zwei Jahre vor der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 entstand.

Ramis Großvaters Pass, der in den 1940er Jahren problemlos die Einreise in arabische Länder erlaubte. | Foto von Leah Platkin

Einen Zaun gab es vor 1948 nicht. Auch keine Grenze. Nach dem Krieg, den die Israelis als Unabhängigkeitskrieg von 1948 bezeichnen, geriet der Gazastreifen unter ägyptische Kontrolle. Rami zieht ein zerfetztes kleines Büchlein aus seiner Tasche. Es ist der Reisepass, der seinem Großvater nach dessen Ankunft in Palästina ausgestellt wurde. Auf einer der Seiten ist zu lesen: "Dieser Pass ist gültig für alle Länder Europas, Syrien, Ägypten, Zypern, Südafrika, UK, USA, Australien, Türkei, Sudan und Irak". Eine Realität, die aufgrund der politischen Lage und der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und muslimischen Ländern wie Sudan und Syrien heute Lichtjahre weit entfernt scheint. "Wer würde heute nicht gerne den Zug von Gaza City nach Kairo nehmen?", fragt Rami.

Rami kam nach der Staatsgründung im Kibbutz auf die Welt. Hier blieb er – nach ihm wuchsen hier auch seine Kinder auf. Hier ist ihr Zuhause. Heute sehen viele Israelis aus nahegelegenen Ortschaften ihn als Verräter. Rami und seine Kumpanen machten gemeinsame Sache mit dem Feind, heißt es. Sie seien Linke. "Linker", das gilt im alltäglichen hebräischen Sprachgebrauch seit einigen Jahren als Schimpfwort.

Es stößt bei ihren Mitmenschen in erster Linie auf Ablehnung, wenn sie sich mit Schildern an die Straßenkreuzung stellen, auf denen geschrieben steht: "Kinder in Sderot und Gaza wollen leben!” Sderot ist eine israelische Stadt an der Grenze zu Gaza. "Ich denke nicht in diesen Kategorien wie: 'Wir gegen sie'. Die Menschen in Gaza sind meine Nachbarn, sie leben vier Kilometer Luftlinie entfernt von mir. Ich bin mir dessen bewusst, dass die ganze Welt uns trennen will, aber diese Trennung ist keine organische. Man kann von seinen Nachbarn nicht einfach so getrennt werden und sich gegenseitig ignorieren."


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Jeden Freitagmittag treffen sich deshalb Rami und alle, die dazukommen wollen, mit Mikrofon, Lautsprecher und Handy im sogenannten "Leuchtturm", um Bekannte aus Gaza anzurufen. "Kennengelernt haben wir uns, wie man sich heute eben kennenlernt: im Internet. Nur, dass wir uns nicht einfach persönlich begegnen können. Selbst auf Facebook schreiben ist gefährlich für unsere Freunde in Gaza, man hat eine Riesenangst vor der Hamas. WhatsApp ist die einzige Möglichkeit für uns, normal zu kommunizieren", erklärt Noa Abarbanel, die die Gruppe zusammen mit Rami organisiert. Es sei nicht einfach, Gesprächspartner zu finden. Jeder, der mit Israel in Verbindung steht, begehe Verrat am Vaterland. In der Vergangenheit seien Leute verschwunden. Man wisse nicht, was mit ihnen passiert ist.

Die Erde ist verbrannt von Drachen aus Gaza, die nach Israel hinüberwehen und Brände erzeugen. | Foto von Leah Platkin

Der Name "Leuchtturm", den Rami seiner Aktivistengruppe gegeben hat, mutet im Kontext von verbrannter Erde, Schüssen und Vaterlandsverrat etwas absurd an. In einer Broschüre erklärt er die Bedeutung so: "Ein Leuchtturm, der das Bewusstsein an Gaza weckt. An einen Ort, an dem Licht scheint, kann Hoffnung gesteuert werden." Die Broschüre soll für die Idee von "Leuchtturm" werben. Tatsächlich finden die Freitagstreffen in keinem Leuchtturm statt, sondern am Rande einer überdimensionalen, verlassenen Ruine aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft.

Als britische Geologen nach Ende des Ersten Weltkriegs die Landschaft der Gegend von Gaza erkundeten, fanden sie dort Unmengen des Mineralstoffs Schwefel. Was bis dahin unberührtes Naturgebiet gewesen war, wurde in den 1930ern innerhalb kürzester Zeit zu einem industriellen Zentrum. Zur Verarbeitung des Rohstoffs errichteten die Briten ein riesiges Fabrikgelände, in dem Menschen aus den umliegenden Dörfern beschäftigt wurden, meist Araber und Beduinen. Eine Straße zum Hafen von Gaza wurde ausgebaut, Eisenbahnnetze verlegt. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und das britische Mandatsgebiet Palästina von einer deutschen Invasion bedroht war, benutzten die Briten die günstige Lage der Fabrik, um Luftbomben zu lagern.

Heute interessiert sich kaum jemand mehr für die Überreste der Fabrik. Die Gebäudestruktur ist überwuchert mit Gestrüpp, um das Gelände wuchsen Kiefern und Eukalyptusbäume – zumindest dort, wo die Umgebung nicht von den Drachen abgebrannt ist. Ramis Standort für seinen "Leuchtturm" ist ein symbolischer: Die Ruine liegt genau in der Mitte zwischen der Grenze mit Gaza und Ramis Haus im Kibbutz Be'eri. Die Überreste der Fabrik sollen an die Zeit vor der Trennung erinnern. Ramis Traum ist, einen Teil der Örtlichkeit zu renovieren und sie in ein Besucherzentrum umzuwandeln, in dem Menschen aus aller Welt zusammenkommen können. Hier sollen sich Interessierte über die politische Lage informieren, im Internet mit Menschen aus Gaza sprechen und zusammen Hoffnung für die Zukunft schöpfen können. Dafür versucht er, Geld zu sammeln.

Leah und Rami beim Gespräch mit Fatma. | Foto von der Autorin

An diesem Freitag Ende August sind etwa ein Dutzend Männer und Frauen zum Telefonieren und zum persönlichen Austausch gekommen. Der Jüngste ist 17, die Ältesten über 60. Es gibt eine Vorstellungsrunde; danach legt Rami in Vorbereitung das Telefon neben sich auf den Stuhl. Man diskutiert die politische Lage und wartet, bis auf der anderen Seite das Freitagsgebet vorbei ist und die Menschen sich allmählich aus der Moschee nach Hause begeben. Nicht immer gelingt es, die Verbindung herzustellen. Manchmal gibt es auf der anderen Seite keine Elektrizität, so dass viele ihre Telefone nicht aufladen können; manchmal einen Kindergeburtstag, zu dem eine Mutter ihr Kind begleitet und deshalb nicht telefonieren kann. Die Gesprächspartner wechseln oft.

Dann endlich: Das Telefon piepst. Fatma hat Rami eine Nachricht gesendet. Sie kann heute mit den Anwesenden sprechen. Kurz klingelt es in der Leitung, dann ist eine weibliche Stimme zu hören. "Fatma, this is Rami here! We are doing OK. Welcome to the circle!" Dann wechselt Fatma zu Arabisch; sie weigert sich Englisch zu sprechen, mit der Begründung, sie könne kein Englisch. In der Gruppe auf der israelischen Seite sprechen nur Rami und Leah, eine amerikanische Jüdin, die mit einem Palästinenser in Israel verheiratet ist, etwas Arabisch. Der Rest sitzt still und hört dem Gespräch aufmerksam zu, obwohl sie es nicht verstehen.

Die verlassene Schwefelfabrik aus der britischen Kolonialzeit. Hier trifft man sich zum Telefonieren. |Foto von der Autorin

"Es geht uns im Moment etwas besser, aber die Lage ist wie immer katastrophal. In jeder Familie gibt es jemanden, der umgekommen ist oder verwundet wurde. Aber wir wollen Frieden und wir arbeiten am Frieden!", verspricht Fatma zuversichtlich. Zur Zeit der wochenlangen palästinensischen Proteste während des "March of Return" im Frühling, auf die die israelische Armee mit Waffengewalt reagierte, startete sie ihre eigene Initiative: Als Koordinatorin einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen organisiert sie Trainings zu gewaltfreier Kommunikation.

Im Mai, inmitten der gewaltsamen Auseinandersetzungen, fingen Fatma und ihre Jugendgruppe Hunderte von Tauben ein, um sie nahe der israelischen Grenze wieder freizulassen, als Symbol für den gemeinsamen Frieden. Selbst war sie noch nie in Israel, erzählt sie. Viel mehr erfahren wir nicht über Fatma. Auch, warum sie nicht Englisch sprechen wollte, bleibt im Dunklen – Rami erzählt, dass er in der Vergangenheit mit ihr in flüssigem Englisch kommuniziert habe.

Nach etwa einer Viertelstunde stockt das Gespräch, den Israelis geht langsam ihr arabischer Wortschatz aus. Fatma und ihre neue Telefonbekanntschaft Leah tauschen Telefonnummern aus und verabreden, sich bald wieder zu sprechen. Sowohl vor dem Gespräch als auch nachdem sie sich von Fatma verabschiedet haben, bringt Rami seine Verzweiflung zum Ausdruck. "Es ist zur israelischen DNA geworden, zu sagen: Man kann mit niemandem von der anderen Seite reden, weil alle zur Hamas gehören. Und dieses Mantra funktioniert, schließlich haben die Politiker ein Interesse daran. Aber langsam beginnen wir zu verstehen, dass es sehr wohl jemandem zum Reden gibt. Dass es Leute gibt, die reden wollen. Dass seit 12 Jahren zwei Millionen Menschen eingesperrt sind, die einmal unsere Freunde waren, die mit uns gelebt und gearbeitet haben."

Die kurzen Gespräche mit Gaza werden die politische Lage im Großen nicht verändern. Aber zumindest trotzen sie ihr. Sie erinnern daran, dass Gaza jenseits von Hamas, Medienberichten und der humanitären Katastrophe ein echter Ort ist – mit echten Menschen, Muezzinen und Smartphones. Und mit Kindergeburtstagen und Friedenstauben.

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