Rassismus

So fühlen sich Schwarze Deutsche, wenn der MDR über das N-Wort diskutieren will

Schon in der Volksschule wussten meine Mitschüler, dass dieses Schimpfwort für Leute wie mich reserviert war, sie spürten, dass es für "minderwertig" steht.

von Robin Droemer
18 April 2018, 1:28pm

Foto: Imago | Westend61 || Twitter: @MDR_SN

Dieser Artikel ist zuerst bei VICE Deutschland erschienen.

Da ist das Wort wieder. Der deutsche Sender MDR lädt zum Radiogespräch vier Weiße ein, die diskutieren sollen, ob man "heute noch N**** sagen darf", und wundert sich, als der Shitstorm losbricht. Ich kenne dieses Wort, seit ich ein kleines Kind bin. Andere Kinder beleidigten mich so auf dem Schulhof, im Freibad, auf dem Fußballplatz. Immer dann, wenn es richtig weh tun sollte.

Ich war einer von zwei Schwarzen Jungs an meiner Volksschule. Die anderen Kinder wussten genauso wie ich, das N**** zu den miesesten Beleidigungen gehört, um einen Schwarzen Menschen anzugreifen. Natürlich hatten wir keine Ahnung von der Geschichte des Begriffs. Davon, dass sich rassistische Stereotype und koloniales Überlegenheitsdenken hier in einem ekligen Wort verdichten. Was wir wussten, war, dass dieses Schimpfwort für Leute wie mich reserviert war. Für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Ein Wort, das mir vor Augen hielt, dass ich anders war.

Ich war dunkler, und das war so ziemlich alles, worin ich mich von den anderen unterschied. Aber wenn die üblichen Beleidigungen ausgetauscht waren ("Scheißkopf", "Penner", etc.), holten die fiesesten Kinder noch einen Trumpf raus. Eine Beleidigung, bei der ich nicht wie bei allen anderen Schimpfwörtern meine Handfläche hochhalten und "Spiegel!" rufen konnte – die nach der auf allen Schulhöfen geltenden Duellier-Ordnung vornehmste Abwehr. "Spiegel" warf die Beleidigung einfach auf den Gegner zurück (natürlich mit der entsprechenden Erwiderung "Doppelspiegel", "Dreifachspiegel", usw.). Nur N**** durchbrach diese Verteidigungslinie. Denn N**** gilt nicht für jeden. Es ist ein Schimpfwort mit Farberkennung, das nicht nur beleidigt, sondern auch noch diskriminiert. Wer es ausspricht, reduziert eine Person auf einen äußerlichen Faktor und erklärt diesen Faktor im selben Atemzug als minderwertig. "Schwarz zu sein, ist schlecht, und du bist schwarz" ist die simpelste Bedeutungsebene dieses Worts, und selbst jedes Kind spürt das. Nur beim MDR gibt man vor, das immer noch nicht zu wissen.

Dort fragt man sich tatsächlich, "ob man N**** heute noch sagen darf". Der ganze Vorfall hat mehrere Ebenen, und sie sind alle verstörend. Da ist einmal die Frage an sich und das Wort "sagen". Das wohl schwächste Verb, das für praktisch jeden Kontext passt, in dem man etwas artikuliert. Man sagt "Guten Tag" oder "Ist mir egal". Was man nicht sagt, ist N****. Das Wort wird benutzt, um jemanden als etwas zu bezeichnen. Mit den Rassentheorien entstand das Wort, um einen Schwarzen als Teil einer faulen, kulturlosen Rasse zu brandmarken, im Gegensatz zum fleißigen und geistreichen Europäer. N**** wird nicht gesagt, sondern eine Person mit dunkler Hautfarbe wird vom Sprecher als N**** klassifiziert. Wer also fragt, ob man dieses Wort heute "sagen dürfe", fragt eigentlich, ob man Schwarze Menschen mit einem rassistischen Kampfbegriff anreden darf. Aber dem MDR reicht das nicht, er will gleichzeitig wissen, ob man das denn "noch" sagen dürfe. Als ob je eine Zeit existiert hätte, in der dieses Wort angebracht gewesen wäre.

Ich kann mich bei diesem Vorfall noch über vieles aufregen: dass nur Weiße (eine davon Frauke Petry) zur Diskussionsrunde eingeladen wurden; dass mit "politischer Korrektheit" ein Kampfbegriff der neuen Rechten unreflektiert übernommen wird; und dass ausgerechnet ein öffentlich-rechtlicher Sender populistische Rhetorik nutzt, anstatt aufzuklären, wie es sein Auftrag wäre. Doch am meisten nervt mich die gespielte Unwissenheit im Umgang mit diesem Wort. Beim MDR tut man so, als wäre es nötig, diese Debatte wieder zu führen. Dabei haben wir in den letzten Jahren so oft öffentlich über den Gebrauch dieses Worts gesprochen, über Schokoküsse, Kinderbücher und Rapsongs. Wir Schwarze Deutsche haben immer wieder in Zeitungen und Fernsehsendungen berichtet, wie wir uns fühlen, wenn wir das Wort hören: nämlich verdammt scheiße, ausgegrenzt, degradiert und diskriminiert. Weil man beim MDR offensichtlich nicht zugehört hat, müssen wir das jetzt wieder tun.

Tipp für alle, die noch immer verunsichert sind: Wie man angemessen über Schwarze Menschen berichtet, hat die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD Bund e.V.) auf ihrer Website angesichts des MDR-Tweets noch einmal zusammengefasst.

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