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10 Fragen an eine Animateurin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wie oft am Tag musst du lügen? Was ist das Erniedrigendste, das du jemals machen musstest? Mit wie vielen Gästen hast du geschlafen?

von Rebecca Baden
30 November 2018, 10:54am

Symbolfoto: imago | imagebroker

Manche Menschen müssen im Bewerbungsgespräch glaubhaft vermitteln, dass sie auch dann noch lächeln, wenn ihr Job in etwa so unterhaltsam ist wie der einer Zumba-Lehrerin auf dem Todesstern. Die 19-jährige Greta hat "Ich packe meinen Koffer" gespielt und einen Job als Kinderanimateurin in einem Vier-Sterne-Hotel auf Sardinien gefunden. Im vergangenen Sommer sorgte Greta dafür, dass gestresste Eltern auch mal ohne ihre Kids einen Sex on the Beach genießen können. Während andere in ihrem Alter abends zu EDM wippten, machte die Niedersächsin in der Minidisco Ententanz.

"Die Anlage ist schön", sagt die Abiturientin. "Aber für zwei Wochen All Inclusive dort zahlt eine vierköpfige Familie fast 8.000 Euro." Greta kann es sich noch nicht leisten, selbst in dem Resort Urlaub zu machen. Weil sie nächsten Sommer wahrscheinlich aber nochmal vier Monate für den Reiseveranstalter arbeiten will, hat sie in diesem Artikel einen anderen Namen bekommen.

"Ich habe Urlaub aus einer ganz anderen Perspektive gesehen", sagt Greta. "Während der Saison dachte ich, dass ich dort nie wieder arbeiten will." Wir haben Fragen.

VICE: Was sieht man hinter den Kulissen eines Hotels, das die Gäste niemals sehen werden?
Greta: Den ganzen Müll, der in so einem Hotel produziert wird: In einem Außenbereich, der für Gäste verboten ist, stehen die überquellenden Müllcontainer. Überall fliegen und krabbeln Insekten und es stinkt unglaublich. Dazwischen stehen ausrangierte Golfcarts, die für den Gebrauch nicht mehr schön genug aussehen. Hinter den Kulissen sind auch die Raucherbereiche für die Angestellten. Vor den Gästen rauchen ist vor allem für uns Animateure und Animateurinnen strengstens verboten. Aber weil meine Vorgesetzte selber geraucht hat, meinte sie: Zieht euch ein T-Shirt über die Uniform, besorgt euch Kaugummi, Handcreme und ein duftendes Spray und stellt euch nicht nebeneinander, damit der Rauch nicht hängen bleibt. Im Raucherbereich liegt übrigens überall die Wäsche der restlichen Hotelangestellten rum. Die wohnen in einer Art Abstellkammer. Die Manager und Managerinnen gehen hinter verschlossenen Türen auch ganz anders mit dem Personal um als vor den Gästen.

Nach außen hin soll der Job leicht aussehen. Aber viele von uns haben echte Probleme mit der Arbeit: Wir sind weg von zuhause, dürfen nur hinter den Kulissen wütend oder emotional sein, und arbeiten lange. Meine Teamleiterin sagte einer Kollegin von mir, sie müsse die harten Arbeitsbedingungen akzeptieren und solle doch nach Hause fahren, wenn sie keinen Bock auf die Arbeit hätte.


Auch bei VICE: Geständnisse eines Chefkochs


Wie oft am Tag musst du lügen, um die glückliche Fassade aufrecht zu erhalten?Wahrscheinlich die ganze Zeit über, von meiner guten Laune waren letzte Saison vielleicht 40 Prozent echt. Eine leitende Managerin hat uns schon in der Vorbereitungsphase gesagt, dass wir unsere Persönlichkeit ablegen müssen, sobald wir die Uniform überziehen. In dem Moment, in dem wir das Hotelgelände betreten, seien wir nicht mehr wir selbst, sagte sie. Das ist aber gar nicht so schwer wie es klingt: Die meisten Gäste interessieren sich null für uns. Mich hat in vier Monaten nie jemand nach meinem Leben außerhalb des Hotels gefragt. Wenn Gäste wissen wollten, ob der Job Spaß macht, habe ich gelogen. Einmal in der Woche hatten wir im Kinderclub eine Party, für die die Eltern extra zahlen mussten. Wenn sie mich gefragt haben, ob sich die Investition lohnt, habe ich ja gesagt. Dabei gab es gar kein besonderes Programm. Sie hätten ihre Kinder genauso gut selbst mit einer Tüte Süßigkeiten an einen Tisch setzen und spielen lassen können.

Welche Gäste findest du am nervigsten?
Manche Eltern stehen die ganze Zeit über am Zaun oder an den Fenstern des Kinderclubs und beobachten, was wir mit den Kindern machen. Das ist unglaublich anstrengend. Im Sommer mussten wir die Fenster mit Folie abkleben, weil einige Erwachsene Fotos gemacht haben, auf denen auch fremde Kinder drauf waren. Das ist nicht nur datenschutzrechtlich problematisch. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Eltern, die ihre zehn Monate alten Babys bei uns absetzen, ohne sich mit uns unterhalten oder den Raum angeschaut zu haben. Manche geben ihre Kinder zu uns, befahren in der Zeit die ganze Insel und sind im Notfall nicht erreichbar. Ich kann nicht nachvollziehen, dass einem die eigenen Kinder so egal sind.

Was ist das Schlimmste, das Leute im Urlaub machen?
Liegen reservieren und zehn Minuten vor Eröffnung des Buffets schon an der Tür stehen und warten. Die Leute kriegen drei Mal am Tag Essen und können sich zwischendurch ständig an der Snackbar bedienen, aber anscheinend haben sie trotz allem so viel Hunger, dass sie die Angestellten rumstressen müssen. Das machen übrigens vor allem Deutsche.

Kinder stehen am Pool in einem Kreis und halten die Hände in die Höhe
Symbolfoto: imago | imagebroker

Wie oft bieten dir Gäste Alkohol und Drogen an?
Drogen nie, Alkohol oft. Allerdings ist es streng verboten, bei der Arbeit zu trinken, und der Teamleiter ist immer dabei. Wenn der sieht, dass du trinkst, kriegst du richtig Anschiss oder du wirst gekündigt. Ich habe das Trinkverbot dennoch nur teilweise eingehalten. Manchmal habe ich heimlich mit den Gästen mitgetrunken. Wir haben da unsere Tricks entwickelt: Ich habe mir zum Beispiel Dosen besorgt, sie ausgetrunken und an der Bar mit Alkohol füllen lassen. Die Angestellten aus der Bar haben uns nicht verraten, die fanden das eher witzig. Aber ich habe darauf geachtet, dass die Gäste das nicht bemerken. Das Risiko wäre sonst zu groß gewesen.

Was ist das Erniedrigendste, das du jemals machen musstest?
Es gibt im Hotel zwei Maskottchen, die sich regelmäßig unter die Gäste mischen. Ich musste das Kostüm ein Mal in der Woche für 20 bis 30 Minuten tragen. Entweder morgens am Frühstücksbuffet oder nachmittags am Pool. Das war für mich das Erniedrigendste. In der Zeit durfte ich nicht sprechen und musste nur rumstehen und mich fotografieren lassen. Allein das An- und Ausziehen ist eine Qual, weil man es nicht allein schafft. Und nach maximal fünf Minuten fängst du an zu schwitzen. Ich musste sogar mal aus dem Kostüm geholt werden, weil mir der Schweiß in die Augen gelaufen war und ich nichts mehr sehen konnte.

Kommst du dir blöd vor, wenn du in der Minidisco den Ententanz machst?
Unfassbar blöd. Und das Schlimmste ist: Du musst dabei auch noch aussehen, als ob es dir Spaß macht. Wenn die Teamleitung sieht, dass du nicht richtig tanzt oder unglücklich aussiehst, gibt es Ärger. Man bemerkt auch die Blicke der Eltern im Rücken. Und wenn ein hübscher junger Mann im Publikum stand, wollte ich eigentlich nur noch weg.

Mit wie vielen Gästen hast du geschlafen?
Untereinander schlafen viele der Animateure und Animateurinnen miteinander oder haben eine Freundschaft Plus, aber Sex mit den Gästen ist strengstens verboten. Nie im Leben, auf gar keinen Fall. Wir dürfen nicht einmal mit ihnen in die Richtung ihrer Zimmer gehen, wenn sie den Weg nicht finden und sich verlaufen. In dem Fall dürfen wir lediglich deuten und erklären, wo sie hin müssen.

Dennoch gibt es häufig Männer, die mich nach meiner Nummer fragen oder wie ich bei Facebook heiße. Manche wollen sogar, dass ich nach Feierabend mit ihnen essen gehe – auch, wenn sie eigentlich mit ihrer Partnerin im Urlaub sind. Ich persönlich sehe es nicht als meine Aufgabe, den Frauen Bescheid zu geben. Aber ich lehne solche Angebote immer dankend ab. Bei den Hotelangestellten sind die Regeln aber wohl weniger streng als bei uns Animateurinnen. Ich habe kürzlich von einer Gästin erfahren, die mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Hotel Urlaub gemacht hat – und jetzt mit einem der Hotelmitarbeiter zusammen ist.

Ist die Bezahlung deines Jobs gerechtfertigt?
Ja und nein. Ich habe als Kinderanimateurin netto 750 Euro im Monat verdient. Das Essen und die Getränke sind umsonst, die Unterkunft und die Flüge auch. Natürlich könnte es für die Arbeit mehr sein. Aber eine schlechte Bezahlung ist das nicht. Ich habe keinerlei Qualifikation als Erzieherin oder Sozialassistentin. Nach einer Ausbildung als Sozialpädagogin verdient man in Deutschland auch circa 800 Euro. Von daher ist der Verdienst als Hotelanimateurin schon nicht schlecht.

Wie fertig und leer bist du nach der Saison?
Ich habe in den ersten Tagen in Deutschland nur im Bett gelegen. Ich wollte mich keinen Meter bewegen, mit niemandem sprechen und nicht mehr lachen. Letzteres ist auch heute noch so: Seit ich im Hotel gearbeitet habe, lache ich weniger als vorher und sage öfter meine Meinung. Hier habe ich schließlich keine Arbeitgeberin, die mir sagt, dass ich keine haben darf und glücklich aussehen muss.

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