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Meinung

Brüllen gegen Neonazis: Herbert Grönemeyer muss uns ein Vorbild sein

Grönemeyer wird mit Goebbels verglichen, weil er in Wien eine emotionale Rede gegen Rechts gehalten hat. Dabei sollten wir alle lauter werden.

von Eike Kühl
16 September 2019, 1:21pm

Herbert Grönemeyer auf seiner aktuellen Tour | Foto: imago images | Stefan M. Prager

Ein sehr erfolgreicher Sänger löst "eine enorme Debatte" aus, wie der Merkur schreibt, weil er bei einem Auftritt in Wien an sein Publikum appelliert, sich für die Demokratie einzusetzen und Rechtsradikalen nicht zu weichen. Deshalb "regt sich Kritik auf Twitter", wie die FAZ formuliert, weil er dabei etwas lauter, man möchte sagen emotionaler wird. Und schließlich wird er "von Rechten angegriffen", weil deren Auffassung nach sein Auftritt zu sehr an Nazi-Aufmärsche erinnert.

Wer nun denkt, das ist alles reichlich absurd, hat Recht: 2019 ist nicht 1943, die Wiener Stadthalle ist nicht der Berliner Sportpalast und Herbert Grönemeyer ist nicht Joseph Goebbels, nur weil er vor zehntausenden Menschen in ein Mikrofon brüllt. Und ansonsten natürlich auch nicht.

Dass Grönemeyers Auftritt aus der vergangenen Woche überhaupt diese Vergleiche – im rechten wie im linken Lager – hervorruft, zeugt von einer bedenkliche Entwicklung in der deutschsprachigen Debattenkultur: Das Brüllen, Schreien, Agitieren ist im politisch-gesellschaftlichen Diskurs inzwischen so verpönt, dass jede erhobene Stimme sofort Ängste vor dem Autoritären schürt.

Dabei sollte die Öffentlichkeit gerade im Kampf gegen Rechtsradikale nicht weniger, sondern eher mehr schreien: Jetzt wird zurückgebrüllt!

Wie fehlgeleitet die Debatte um Grönemeyers einminütige, nun ja, einige nennen es "Rede", ist, zeigt ein Blick auf deren Inhalt: "Ich glaube, es muss uns klar sein, auch wenn Politiker schwächeln (...), dann liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat. Und wer versucht, so eine Situation der Unsicherheit zu nutzen für rechtes Geschwafel, für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, der ist fehl am Platze", sagte Grönemeyer, um dann unter dem Applaus des Publikums mit noch lauterer Stimme nachzulegen: "Die Gesellschaft ist offen, humanistisch, bietet Menschen Schutz. Und wir müssen diesen Menschen so schnell wie möglich und ganz ruhig den Spaß daran austreiben. Keinen Millimeter nach rechts! Keinen einzigen Millimeter nach rechts! Und das ist so und das bleibt so!"

Statt über die wichtige Message zu reden, nämlich dass hier ein prominenter Sänger an die Demokratie und Menschlichkeit appelliert, verbeißt sich die Debatte darin, wie Grönemeyer seine Worte äußert: Dass er sagt, man solle "diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat" wird ausgelegt, als stünde er kurz davor, Bochum zur deutschen Hauptstadt auszurufen und Flugverkehr nur noch in Bäuchen zu erlauben. Als könne man "diktieren" nicht mehr ohne "Diktatur" sagen. Bei einigen ruft es vor allem Unbehagen aus, dass er vor einer Masse Menschen, die sehr wahrscheinlich seine Fans und entsprechend aufgepeitscht sind, in bekannt grönemeyerscher Art sein Anliegen mit Nachdruck in die Halle knödelt.

Man darf die erhobene Stimme nicht den Nazis überlassen

Wer das trotz des Settings – Sänger-Konzert-Publikum – befremdlich findet, hat die Kraft der erhobenen Stimme vergessen, das plötzliche Ausbrechen, wie es etwa Martin Luther King oder auch Helmut Schmidt einsetzten. Dass es vielen Menschen so geht, sieht man im Alltag: Schreien und Brüllen gelten in der Öffentlichkeit als vulgär und peinlich. Wer brüllt, so heißt es, hat sonst keine Argumente, und gerade in der politischen Diskussion ist das laute Wort verpönt. Wer brüllt, wird schnell gemaßregelt und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass etwa im britischen Unterhaus ausgerechnet derjenige, der für Ordnung sorgen soll, am lautesten schreit.

Noch schlimmer aber ist: Wer das Schreien als legitimes Diskursmittel ignoriert, überlässt es damit seinen Gegnern. Oder anders gesagt: Den Rechtsradikalen ist es gelungen, die erhobene Stimme für sich als legitimes Mittel der Meinungsäußerung zu besetzen.

Das bestätigen auch die Assoziationen im aktuellen Fall: Wann immer Männer, und es sind leider immer noch vor allem Männer, vor johlenden Menschenmassen ihre Stimme erheben, beginnen die Analogien zur Propaganda des Nationalsozialismus. Oder, wenn man in die Gegenwart blickt, die Assoziationen zu Nazi-Aufmärschen in deutschen Städten. Aus Angst, sich den gleichen Mitteln zu bedienen, werden stattdessen Tugenden wie Sachlichkeit und Besonnenheit betont. Es folgt eine verquere Debatte darüber, ob man "mit Nazis reden" sollte. Aber kein Vorschlag, einfach mal gegen die Nazis anzubrüllen.

Diese Ungleichheit in der Debattenkultur spielt den rechten Politikerinnen in die Karten. So können Rechte denkbar nichtssagende Interviews mit öffentlich-rechtlichen Sendern führen, ohne dass ihnen wirklich jemand die Meinung geigt. Und die AfD-Politikerin Beatrix von Storch kann allen Ernstes den Auftritt Herbert Grönemeyers zum Anlass nehmen, um darin "die furchterregendste, übelste, totalitärste Hassrede" überhaupt zu sehen. Obwohl sie im Bereich "Nazis erkennen" eine besondere Expertise haben müsste, ihr Opa war Hitlers Finanzminister, ist das natürlich kompletter Bullshit, verstärkt aber noch den Spin des Unbehagens, der sich aus den Reaktionen entwickelt hat.

Vielleicht ist es an der Zeit, zu merken, dass es nicht reicht, sonntags am Frühstückstisch den klugen ZEIT-Essay zu Rechtspopulismus zu schmökern. Sondern dass es wichtiger denn je ist, seine Stimme gegen Rechts zu erheben und notfalls genauso laut, wenn nicht noch lauter zu sein.

Ein Auftritt wie der von Herbert Grönemeyer sollte keine Debatte über Stil auslösen. Sondern für das gesehen werden, was er war: ein klares Ja zur Demokratie. Wir sollten uns ein Beispiel nehmen und alle zurück schreien: KEINEN MILLIMETER GEGEN RECHTS.

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