Warum es keine gute Idee ist, die Neunziger-Sendung "Yo! MTV Raps" wiederzubeleben

Im HipHop haben längst alle ihre Nische gefunden und es ergibt keinen Sinn, sie wieder zu verbinden.

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18 März 2019, 1:17pm

Screenshot: YouTube | MTV Germany 

Ohne Rap keine Zuschauer, dachten sich die Verantwortlichen vom (ehemals relevanten) Musiksender MTV wohl. Also haben sie die US-Kult-Sendung "Yo! MTV Raps" aus den 90ern wiederbelebt und auf Deutsch produziert. Sie soll, das steht zumindest auf der Website des Senders, die Rap-Elite Deutschlands und alle spannenden Newcomer der Hip Hop-Szene abbilden. Palina Rojinski und der Rapper MC Bogy moderieren. Die Sendung soll also nah dran sein, an der sogenannten Rapszene. Die erste Folge lief am 16. März, sieben weitere werden folgen. Immer samstags um 22 Uhr wird "Yo! MTV Raps" ausgestrahlt, so richtig, im Fernsehen. Schon die erste Sendung hat gezeigt, dass das keine gute Idee ist.

Vorsicht, es folgen drei goldenen Regeln, die wichtig sind, um die Relevanz von "Yo! MTV Raps" im Jahr 2019 zu verstehen. Erstens: Capital Bra ist nicht Tupac. Zweitens: Musikfernsehen ist ein Wort, das bei Menschen zwischen 25 und 35 Pubertäts-Flashbacks hervorruft, Erinnerungen an pöbelnde Rapper, Knutschen zu Musikvideos von Britney Spears und getunte Autos, in deren Kofferraum jemand eine Spielekonsole eingebaut hat. Bei Jüngeren ruft das Wort "Musikfernsehen" gar nichts mehr hervor. Musikfernsehen und damit auch der Sender MTV spielen für "Die Kids™" keine Rolle mehr. Es gibt ja YouTube und gleichzeitig spielt der Fernseher in Kinderzimmern neben dem Smarthphone eine eher untergeordnete Rolle. Drittens: Die eine Rapszene gibt es in Deutschland nicht mehr. Sie hat sich längst in unzählige Subszenen aufgesplittet, die nebeneinander existieren. Manchmal sogar ohne voneinander zu wissen. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen den Fantastischen Vier, Yung Hurn und Mero ist, dass alle gerne Mikrofone in der Hand haben und rappen oder singen. Das war's.

Diese goldenen Regeln hat MTV ignoriert.

In den 90ern war "Yo! MTV Raps" legendär. Die Sendung zeigte zwischen 1988 bis 1995 den schnellen Aufstieg von HipHop in den USA zu einer der wichtigsten Jugendkulturen des Landes und später der ganzen Welt. Afroamerikanische Moderatoren aus der Szene führten durch die Sendung. Alle großen Rapper von Tupac bis The Notorious B.I.G waren vertreten. Künstler also, die nicht nur für die Jugend wichtig waren, sondern damals für eine breite Masse zu den wichtigen Pop-Stars der USA zählten. "Yo! MTV Raps" war Pop. Wer etwas über HipHop wissen wollte, der musste die Sendung sehen. Und heute?


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Heute sind alle Infos im Internet abrufbar. Was im HipHop wichtig ist und was nicht, hat sich immer wieder verändert. Bei "Yo! MTV Raps" wird scheinbar versucht, alle Phasen zu vereinen. In der ersten Folge wird zusammengeworfen, was nicht zusammenpasst. Der Berliner Sprayer Roger hat eine Folie besprüht und sie auf eine Nachbildung eines Berliner U-Bahnwaggongs geklebt. KC Rebell, Summer Cem und Capital Bra spielen knapp vier Minuten lang ihren Song "DNA". Halbplayback. Manchmal ist Capital Bra neben dem Takt. MC Bogy, einer der Moderierenden, fragt den Rapper OG Keemo, ob er außer Rap noch ein anderes der vier "HipHop-Elemente" (Breakdance, DJing, Graffiti und Rap) ausprobiert habe. Ein orangefarbener Lamborghini steht im Raum. Palina Rojinski, die zweite Moderatorin der Sendung, die seltsam unauffällig bleibt, nimmt mit Summer Cem den Refrain eines Songs auf. Sie singt mit Autotune-Alien-Stimme irgendwas von einem Smaragd. Na dann.

Nichts passt zusammen

Ein Beitrag versucht schließlich das schwammige Thema "Hypes" im Deutschrap aufzuarbeiten und bietet einen oberflächlichen Abriss über die Deutsch-Rap-Geschichte der letzten Jahrzehnte. Bei "Yo! MTV Raps" treffen das Klischee von dicken Autos und aktuelle Hype-Rapper, die vor allem im Internet stattfinden. auf ein HipHop-Verständnis, das in den 90ern aktuell war, als Rapfans noch mit dem Zug von Stadt zu Stadt fuhren, um auf Jams "die Kultur" zu zelebrieren, zu freestylen, zu sprühen und zu breakdancen.

Zumindest sieht das Unpassende sehr schön aus. Die Produktionsfirma Easy Does It, die wichtige Musikvideos für Haftbefehl und SXTN gedreht hat, hat alles durchgestylt. Die Bilder sind sauber, alles wirkt seltsam steril, obwohl das Studio doch nach "HipHop" aussehen soll. Die Frage ist nur: Wen interessiert das noch? Wir leben in einer Zeit, in der YouTube Channels wie "Alpha Kenan" dilettantisch ein paar Screenshots von Instagram-Posts und Bruchstücke aus Musikvideos zusammenschneiden und in schlechter Tonqualität etwas über den neuesten Beef zwischen Capital Bra und Dieter Bohlen erzählen. In einer Zeit, in der das öffentlich rechtliche Fernsehen hochwertige Dokumentationen und Podcasts zum Thema Rap produziert, die sich journalistisch tiefergehend mit dem Thema auseinandersetzen. In der es ausreicht, wenn Rooz zusammen mit Rappern in einen Selfie-Stick spricht, um hunderttausende YouTube-Aufrufe in wenigen Tagen zu generieren. Die Rapszene hat sich ausdifferenziert und ihre Medien haben es auch. Wer Alpha Kenan beim kommentieren von Instagram-Posts zuguckt, hört vielleicht nicht den vom WDR produzierten "Machiavelli - Der Podcast über Rap & Politik" mit Martin Schulz. Wer sich anschaut, wie Rooz mit Arafat Abou Chaker über Bushido spricht, liest vermutlich nicht das JUICE Magazin.

"Yo! MTV Raps" versucht alle Auffassungen von HipHop in einer Sendung zusammenzubringen, ist aber in der ersten Folge weder trashig, noch tiefgehend, noch lustig genug, um dem vorhandenen YouTube-Rapcontent Konkurrenz zu machen. Eine allumfassende Fernsehsendung zum Thema Deutschrap zu produzieren, funktioniert 2019 nicht mehr. Alle haben ihre Nische gefunden. Es ergibt keinen Sinn, diese Nischen wieder zu verbinden. Capital Bra-Fans gucken kein MTV mehr, daran wird auch "Yo MTV Raps" nicht ändern. Und fürs MTV-Retro-Feel ist die Sendung zu weit weg vom Original aus den 90ern.

Gut ist, dass "Yo! MTV Raps" emphatisch mit HipHop umgeht. Komische YoYoYos und vermeintliche HipHop-Handbewegungen (cc Markus Lanz) gibt es nicht mehr. Alle haben Ahnung vom Thema und zum Glück sorgt der strahlende MC Bogy, der, so sehr das auch nach Plattitüde klingen mag, HipHop wirklich lebt, mit Sprüche à la "Ab 40 macht das Kacken mehr Spaß als das Ficken, wa" für eine Auflockerung in der ansonsten verkrampften Sendung. Doch auch er funktioniert in seinen Interviews, die er für TV Strassensound oft kiffend in seiner Wohnung führt, besser, als in einer auf knapp zwanzig Minuten komprimierten Hochglanz-Studio-Produktion. Die hätte es vor 15 Jahren gebraucht, als MTV und das Fernsehen noch wichtig, die deutsche Rapszene noch überschaubarer und YouTube noch nicht existent war. Heute wirkt das Konzept veraltet. Bei YouTube, wo es die Sendung seit eineinhalb Tagen komplett zu sehen gibt, hat sie knapp 20.000 Klicks. Alpha Kenans vorletztes Video "🔴 RAPPER rastet wegen MERO komplett aus! 🔴" steht momentan bei 150.000 Klicks.

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