Menschen

Solche Fotos vom Krieg entstehen, wenn du kein Kriegsfotograf bist

Joey Lawrence hat kurdische Soldaten und Soldatinnen im Kampf gegen den IS begleitet.

von Pierre Longeray
13 August 2019, 12:06pm

23.11.2015: Die kurdischen Soldatinnen Silava und Berivan sitzen lachend in einer verlassenen IS-Basis in Sindschar | Alle Fotos: Joey Lawrence

Eigentlich ist Joey Lawrence ein Hochglanzfotograf. Aber im März 2015 flog der Kanadier zum ersten Mal nach Sulaimaniyya, eine Stadt in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, um dort den Kampf zwischen kurdischen Milizen und dem Islamischen Staat zu dokumentieren. Und statt die Zerstörung einzufangen, die man sonst von Kriegsbildern kennt, dokumentierte er lieber die Menschlichkeit der Soldaten und Soldatinnen.

Vier Jahre und vier Reisen später hat Lawrence nun mit We Came From Fire ein Buch veröffentlicht, das intime Fotos der kurdischen Kämpfer und Kämpferinnen sowie das dazugehörige Reisetagebuch enthält. Wir haben uns mit dem Fotografen über seine Zeit an der Front und über den Kriegsalltag unterhalten.


Auch bei VICE: Leben und Sterben unter dem IS


VICE: Warum wolltest du gerade diese Geschichte erzählen?
Joey Lawrence: Den Beginn des Syrien-Konflikts im Jahr 2011 habe ich durch die Nachrichten zum Arabischen Frühling verfolgt. Dabei ist mir eine Sache aufgefallen: Das war der erste Konflikt dieser Größe, über den auch ausführlich bei Twitter berichtet wurde. Viele Journalisten – und auch dschihadistische Gruppierungen – haben in den sozialen Medien gepostet.

Ende 2012 sah ich ein paar Videos von kurdischen Kämpfern und dachte mir: "Wer sind diese Leute, die sich gegen die Regierung, gegen die Rebellen und gegen die Dschihadisten auflehnen?" Bei meiner Arbeit habe ich mich auch schon immer auf verschwindende Sprachgruppen und Kulturen konzentriert – und zwischen den Kurden und gewissen äthiopischen Volksstämmen sah ich Parallelen.

2015 lernte ich dann einen sehr guten Fixer kennen und flog zum ersten Mal in das Kriegsgebiet. Wegen meiner fehlenden Erfahrung machte ich mir aber einige Sorgen und wusste nicht, wem ich vertrauen konnte. Ich hatte mich vorher ja nur online informieren können. Am Ort des Geschehens ist es dann aber immer anders.

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11.11.2016: Perwîn, eine kurdische Kämpferin, in einer verlassenen Kirche in der Stadt Shingal

Wie hast du deine fehlende Erfahrung als Kriegsfotograf wettgemacht?
Mein Plan war, nach Sulaimaniyya zu fliegen, wo es total sicher ist, meinen Fixer zu treffen, ein Gefühl für die Leute zu entwickeln und mich Schritt für Schritt bis zur Front vorzuarbeiten. Was mir dabei sehr geholfen hat: Ich habe die Kurden und Kurdinnen als sehr vertrauenswürdig empfunden, wodurch ich mich geschützt fühlte.

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13.11.2016: Im Hintergrund ist eine Statue zu sehen, die zu Ehren der Märtyrer von Kobane errichtet wurde

Wie schwer ist es, Zugang zu den kurdischen Kampftruppen zu finden?
Damals war es viel einfacher als heute. Du brauchtest nur einen gut vernetzten Fixer, der den Leuten dein Projekt erklärt und als eine Art kulturelle Brücke agiert. Ich fiel aber etwas aus der Reihe, weil ich für keine Zeitung und kein Magazin arbeitete. Ich konnte nur meine anderen Arbeiten auf einem iPad vorzeigen. Mein Fixer sagte dazu immer: "Er ist ein Kulturfotograf, hier seht ihr einige seiner Fotos von afrikanischen Volksstämmen." Weil mein Projekt mal etwas anderes war, ließen mich die Kurden und Kurdinnen alles dokumentieren.

Trotzdem haben die kurdischen Truppen doch Besseres zu tun, als für einen fremden Fotografen zu posieren?
Oft geht es in Kriegen nur dann rund, wenn eine Offensive geführt wird. Ansonsten sitzt man eher gelangweilt rum und starrt sich gegenseitig an. Ich musste das Ganze nur richtig angehen, dem Kommandanten meine früheren Arbeiten zeigen und mich für die Ziele der Bewegung interessieren. Als er überzeugt war, waren auch die restlichen Kämpfer und Kämpferinnen überzeugt.

An einem der ersten Shooting-Tage machte ich individuelle Porträts. Als ich meine Fotos schoss, bemerkte ich, dass die restlichen Soldaten und Soldatinnen die ganze Zeit zuschauten. Schließlich fragten sie: "Kannst du auch ein Bild von uns allen zusammen machen? Wir wollen ein Gruppenfoto, weil wir keine Individuen, sondern eine Einheit sind." So entstand das Gruppenbild im Graben. Die kurdischen Kämpfer und Kämpferinnen sind so effektiv, weil sie so selbstlos als Einheit agieren.

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22.11.2015: Kinder spielen nach der Schule auf einem Panzer

Wie war die Stimmung an der Front?
Die Kämpfer und Kämpferinnen halten sich gegenseitig bei Laune, es wird viel Wert auf die Kameradschaft gelegt. Sie sind alle befreundet, weil sie so viel Zeit miteinander verbringen. Wenn sie auf einem Foto an der Front sitzen und lachen, dann ist das nicht gestellt.

War es nicht komisch, solche Hochglanzfotos in einem Kriegsgebiet zu schießen?
Wir haben schnell ein Problem mit einer endlosen Flut an Kriegsbildern, das nennt man Mitgefühlserschöpfung. Mit der Zeit schalten wir da einfach ab, weil wir als Menschen nicht gut mit solchen Tragödien umgehen können. Die Porträts vor einem einfarbigen Hintergrund sollen da für Abwechslung sorgen. Man kann sich beim Betrachten dann voll auf die abgebildeten Menschen, ihre Kleidung und ihren Gesichtsausdruck konzentrieren.

Willst du den Konflikt so bewusst in den Hintergrund rücken?
Nein, in meinem Buch sind ja auch noch viele "normale" Kriegsbilder. Es geht mir bei dem Projekt darum, die kurdische Kultur abzubilden – und das geht am besten, indem man die Kämpfer und Kämpferinnen fotografiert, die diese Kultur verteidigen. Wenn sie an der Front kämpfen, dann geht es dabei nicht nur um Land. Sie beschützen ihre Kultur vor Gruppierungen wie dem IS, die sie auslöschen wollen. Natürlich dürfen wir den Krieg nicht beschönigen, aber bei diesem Projekt stehen eben die Menschen im Fokus.

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