Reisen

Homecoming: Hongkong – Meine Heimat auf der anderen Seite der Welt

Ich bin Britin, aber auch Hongkongerin. In meiner walisischen Heimat ist nichts los, in meiner chinesischen dafür viel zu viel. Eine Liebeserklärung an mein zweites Zuhause.

von Angela Hui; fotos von Justin Lim
25 April 2019, 8:06am

Die Autorin mit einer ihrer geliebten Eierwaffeln auf einem Markt in Hongkong | Alle Fotos: Justin Lim

Auf dem Papier bin ich Britin, geboren im Süden von Wales. Aber ich habe auch einen Ausweis aus Hongkong, der zeigt: Ich habe zwei Heimaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

4.000 Menschen leben in Beddau. Der Name "Beddau" bedeutet übersetzt "Gräber". Meine chinesischen Eltern verließen ihre Heimat damals auf der Suche nach einer besseren Zukunft – und entschieden sich für dieses ehemalige Bergarbeiterdorf in Wales. Sie eröffneten einen China-Imbiss, unsere Wohnung lag ein Stockwerk drüber. In Beddau rauchten Teenie-Mütter Kette vor dem Supermarkt, Jugendliche fackelten aus Spaß unsere Mülltonnen ab. 2016 machte meine Heimat Schlagzeilen: Eine Bewohnerin hatte mutmaßlich ihren Ehemann erschlagen, mit einem Gartendeko-Frosch. Im Grunde ist Beddau ein verschlafenes Kaff. Der Ortsname zeigt es schon an: Hier passiert nichts, außer dass Menschen sterben.

12 Flugstunden entfernt, auf der anderen Seite des Planeten, liegt Hongkong – und damit eine völlig andere Welt. Die bergige Inselgruppe ist heute eine "Sonderverwaltungszone". Bis 1997 war die Stadt für etwa 150 Jahre eine britische Kolonie. Mit knapp 7,5 Millionen Einwohnern ist Hongkong eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt, die meisten Einwohner leben in eng stehenden Wohnblocks, die sich aneinanderreihen. In den 50ern und 60ern schossen Hochhäuser aus dem Boden, als schnelle Lösung für die Wohnungsnot während der Kolonialzeit. Heute sind sie Teil der imposanten Skyline einer bunten, chaotischen und sehr, sehr lauten Metropole. Hongkongerinnen und Hongkonger sind auch sehr direkt und sehr, sehr laut. Schreien ist die normale Sprechlautstärke. Kein Wunder, bei dem vielen Straßenlärm, den sie übertönen müssen.

Hong Kong Justin Lim

Als ich drei Jahre alt war, fing meine Familie an, sowohl in Beddau als auch in Hongkong zu leben; wir teilten uns die Zeit auf. Meine Mutter überzeugte (oder zwang) unsere Lehrer, uns schon Monate vor den Sommerferien vom Unterricht zu entbinden. Meine Eltern, meine zwei älteren Brüder, meine Tante, ihre drei Kinder und ich quetschten sich dann in einen Schuhkarton von Wohnung im 19. Stock eines Hochhauses im Bezirk Wong Tai Sin in der Region Kowloon. Für neun Personen war es bei uns äußerst eng. Aber nichts gegen die winzigen "Sargwohnung" genannten Wohnzellen, die es in Hongkong gibt. Teils werden die Leute deshalb zu "McFlüchtlingen", die lieber in einem Fastfood-Lokal schlafen als in ihrem engen Zuhause. Persönlicher Raum ist auf dieser Insel ein Luxus, den nur wenige haben.

Hong Kong Justin Lim

Mich aber verwirrte dieses Hin und Her: In Wales gehörte ich zu einer ethnischen Minderheit. In Hongkong aber war ich ebenfalls Außenseiterin. Ich gehörte nirgends hin. In Beddau sahen wenige aus wie ich. Nicht selten hörte ich: "Verpiss dich zurück in dein eigenes Land!" Kinder verhöhnten mich, indem sie behaupteten, meine Eltern würden Hundefleisch unter den gebratenen Reis mischen. Dabei verzogen sie ihre Augen mit den Fingern zu Schlitzen.

Hongkonger sehen schon auf Entfernung, dass ich keine von ihnen bin: Meine Art zu reden, meine Kleidung, mein Verhalten – es fällt mir schwer, das zu sagen, aber: Ich bin eine "Banane". So nennen viele Asiaten Menschen, die außen "gelb" sind, aber innen Weiß. Nicht asiatisch genug, um Chinesin zu sein, und nicht Weiß genug für eine Waliserin. Ich bin zwei Hälften, die kein Ganzes ergeben.

Hong Kong Justin Lim

Am besten lässt sich das mit dem bekanntesten chinesischen Streetfood verbildlichen: Eierwaffeln, oder gai daan tsai (鷄蛋仔 auf Kantonesisch). Sie wurden in den 1950ern in Hongkong erfunden, um beschädigte Eier zu verbrauchen. Nicht nur bestehen sie aus Eiern, die Waffeln haben auch eine Eiform. Kaputte Eier, Mehl, Kondensmilch und Zucker kommen in die Waffelform. Zuklappen, umdrehen, backen, rausnehmen. Keine zwei Eierwaffeln sehen gleich aus. Hier zu dick, da zu knusprig, manchmal bildet sich eines der "Bläschen" nicht richtig aus, dann fällt die heiße Waffel in sich zusammen. Richtig, in dieser Metapher bin ich eine von diesen Eierwaffeln, die eine ungewöhnliche Form abbekommen hat.

Hong Kong Justin Lim

Heute findet man an jeder Straßenecke in Hongkong Eierwaffeln in allen Geschmacksrichtungen, vor allem im geschäftigen Einkaufsviertel Mong Kok. Ich hole mir dort immer eine Waffel von einem der Stände und verschlinge die Waffel in der braunen Papiertüte.

Ein paar Straßen weiter ist der sogenannte Frauenmarkt. Egal, ob du Elefantenrüssel-Tangas, gefälschte Designerhandtaschen oder anderen günstigen und geschmacklich fragwürdigen Kram suchst, hier wirst du fündig.

Früher machte ich es mir zum Hobby, die Betreiber der Stände zu nerven. Meine Freundinnen überboten uns, wer am besten feilschen konnte. Wir sponnen Geschichten zusammen, warum wir unbedingt eine gefälschte "Mulberry"-Handtasche brauchten, obwohl wir uns nicht mal einen Burger von McDonald's leisten konnten.

Hong Kong Market Justin Lim

Wann immer es mir und meinen Brüdern zu viel wurde, auf engstem Raum mit Verwandten zu sitzen oder wie laichende Lachse gegen den Menschenstrom anzukämpfen, liefen wir in den Wong-Tai-Sin-Tempel in der Nähe unserer Wohnung. Hier beten Taoisten um ein glückliches Leben, verbrennen Räucherstäbchen und lassen sich in einem der Stände die Zukunft vorhersagen. Für uns war der der Tempel ein Spielplatz: Wir warfen Kleingeld in den Koi-Teich, um damit die Karpfen zu treffen. Wir kletterten auf die Sternzeichen-Statuen und verirrten uns in den Gärten. Dieser Ort war unsere ruhige Oase mitten im Lärm und Chaos der Stadt. Heute erkennt man den Tempel kaum wieder, Teile davon werden renoviert und überall sind Touristen vom chinesischen Festland.

Hong Kong Justin Lim
Hong Kong Justin Lim

Es ist herzzerreißend zu sehen, wie der Charakter Hongkongs unter der kommunistischen Regierung Chinas ausbleicht. In den Schulen wird immer mehr Mandarin statt Kantonesisch gesprochen, die Lebenskosten schnellen in die Höhe, China hat Hongkong politisch immer stärker im Griff. Teils kommt es deswegen zu Protesten und Ausschreitungen. Als Großbritannien die Region an China übergab, sollte Hongkong seine Autonomie für 50 Jahre behalten – bis 2047.

Bei der historischen Übergabe war ich sechs Jahre alt. Meine Familie saß um den alten Fernseher in unserem Wohnzimmer, auf dem Bildschirm sangen Menschen Nationalhymnen und marschierten in Uniform. Ein durchnässter Prinz Charles hielt im strömenden Regen eine Rede. Vor meinen Augen spielte sich Weltgeschichte ab, was ich damals nicht verstand. Heute, 22 Jahre später, sehe ich die chinesische Flagge im Wind wehen und verstehe, was damals begann. Hongkong wird nie mehr so sein wie früher. Wir können nur abwarten und sehen, ob das nun gut oder schlecht ist.

Hong Kong Basketball Courts Justin Lim

Ein Teil von Hongkong, der sich in all den Jahren kaum verändert hat, ist Sai Kung, ein Fischerdorf auf einer Halbinsel etwa eine Autostunde von Kowloon. Der Ostteil der New Territories, einer Region der Hongkonger Inseln, ist etwas abgeschiedener. Hier fahren keine Züge, die Busrouten winden sich langsam durch die Landschaft. Wenn ich durch die Nachbarschaft laufe, in der mein Vater aufgewachsen ist, überfluten mich Kindheitserinnerungen: Ich und meine Brüder sehen alten Damen zu, die illegal Zi Pai (Karten) im Park spielen. Wir lachen über die phallisch geformten Elefantenrüsselmuscheln in den übervollen Aquarien im Hafen, mieten Dschunken für Partys und fordern unsere Freunde zu wagemutigen Sprüngen vom Oberdeck auf; ich kichere kindisch über mein Lieblingsstraßenschild, "Wan King Path" (für mein britisch geprägtes Hirn bedeutet das auch "Wichspfad"). Hier in Sai Kung ist mein altes, geliebtes Hongkong noch am Leben.

Hong Kong Fishing Village Justin Lim
Hong Kong Fishing Village Justin Lim

Mein Herz wird schwer, wenn ich daran denke, dass Chinas Wandel unaufhaltsam ist. Aber wenn ich zurückkehre, verliebe ich mich nach der ersten Ernüchterung jedes Mal aufs Neue. Ich möchte immer wieder zurück. Nicht nur, weil meine Verwandten dort leben. Auch mein Herz ist dort zu Hause.

Hong Kong Wan King Path Justin Lim

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