refugees

Was passiert mit den Tausenden Flüchtlingen, die in Griechenland feststecken?

Wir waren auf der Insel Samos und haben die Situation vor Ort dokumentiert.

von Molly Crabbaple
03 Mai 2017, 8:49am

Am 7. Juli 2016 erhielt ich eine Nachricht auf Facebook:

My name Mouaz Khrayba of Daraa, Syria I am 20 years old
It is now in the Greek island of Samos
My brother was one of the journalists of the events in Syria
I dream to be well

Mouaz Khrayba hatte durch einen gemeinsamen Bekannten von mir erfahren. Er hatte Fotos angehängt, auf denen Flüchtlinge vor Stacheldrahtzäunen auf Samos protestieren. Viele von ihnen halten Schilder, die fragen: "What is our destiny?"

Ich erfuhr, dass Khrayba 2011 mit seiner Familie in der Kleinstadt Nawa im syrischen Gouvernement Daraa gelebt hatte. Er wuchs glücklich mit sieben Geschwistern auf, die Mutter war Lehrerin. Gegenüber von ihrem Haus befand sich ein Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten. Doch alles änderte sich mit den Protesten, die den syrischen Bürgerkrieg auslösten. Die Regierung nahm wiederholt Khraybas Bruder Zahar fest, der Medienaktivist war und die Proteste mitorgansierte. In dem darauffolgenden bewaffneten Aufstand wurde das Haus der Familie mit Granaten bombardiert und brannte nieder. Zahar schloss sich der Freien Syrischen Armee an, doch bei der Dokumentation einer Schlacht in Nafa'ah kam er durch Granatsplitter um. Auch Khraybas Vater starb während des Kriegs.

"Was auch passiert und egal wie weit wir kommen, Erinnerungen bleiben mächtig", schrieb mir Khrayba später auf Arabisch. "Selbst, was wir vergessen, verfolgt uns in Träumen und Albträumen." Im Februar 2016, nach dem Tod seines Vaters und seines Bruders, zwei Verhaftungen, vier Jahren unter "Granaten und Fassbomben, die keinen Unterschied zwischen Menschen und Steinen machen" und ohne Zukunftsaussichten, verließ Khrayba mit seiner Frau Syrien.

Sie zogen 22 Tage lang von Stadt zu Stadt, bis es ihnen gelang, sich über die türkische Grenze schmuggeln zu lassen. Vor dort fuhren sie mit einem Rettungsboot nach Griechenland und landeten in einem Lager auf der Insel Samos. Frühere Ankömmlinge durften nach ein paar Tagen von den Inseln in Lager auf dem Festland, doch Khrayba hielt man auf Samos fest.

Über Monate hinweg berichtete mir Khrayba über Facebook vom harten Lagerleben: die Enge, die sengende Hitze, das ungenießbare Essen. Seine Frau, mit der er ein dünnes Zelt bewohnte, erlitt eine Fehlgeburt. Noch belastender war nur die Ungewissheit ihres Schicksals.

Die ganze Zeit über machte Khrayba Fotos. Was vor dem Krieg als Hobby begonnen hatte, wurde mit der Revolution zu einer Art Pflicht. Dem Beispiel seines Bruders folgend wollte er das Leid der syrischen Flüchtlinge auf eine intimere Art festhalten, als die Medien es konnten – aus der Perspektive eines Flüchtlings. Die Fotos, die er mir schickte, waren oft sehr schön – eines von einem lachenden Kind hatte den Titel "Abend der Hoffnung" – aber er nahm auch Düsteres auf, wie die beengenden Lagerzäune oder eine Biene, die sich über vergammeltes Essen hermacht.

Khrayba ist einer von über einer Million Menschen, die seit 2015 vor Krieg und Armut in Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern nach Europa geflüchtet sind. Anders als der Großteil, der es nach der Landung in Griechenland über den Balkan in Länder wie Deutschland oder Österreich schaffte, steckte Khrayba fest. Am 9. März 2016 machten Griechenlands nördliche Nachbarn ihre Grenzen dicht, womit die Route in die reicheren europäischen Länder geschlossen war und etwa 50.000 Flüchtlinge auf dem griechischen Festland festsaßen.

Die EU unterzeichnete am 18. März ein Abkommen mit der Türkei, um das Problem zu lösen: Sie versprach der Türkei unter anderem ca. 3,3 Milliarden Euro, eine Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen und Visafreiheit für ihre Bürger. Im Gegenzug sollte die Türkei ab dem 20. März Flüchtlingsboote am Ablegen von ihren Küsten hindern und alle Flüchtlinge zurücknehmen, die aus der Türkei nach Griechenland gekommen waren. Die EU sagte außerdem zu, eine gleiche Anzahl Flüchtlinge aus der Türkei in EU-Staaten umzusiedeln.

NGOs haben den Deal als Bruch mit internationalen Gesetzen zum Schutz von Flüchtlingen kritisiert. Ein unabhängiger Berufungsausschuss zog die Sicherheit der Türkei für Flüchtlinge in Zweifel und stoppte die meisten Abschiebungen. Die einzige Hoffnung für die Flüchtlinge, die keine Schmuggler gefunden haben, ist ein Asylantrag, doch die Bearbeitung der Anträge kommt in Griechenland nur schleppend voran. Zudem werden Flüchtlinge bestimmter Nationalitäten bevorzugt behandelt, obwohl andere in ihrer Heimat ebenso großen Gefahren ausgesetzt sind.

Walid, ein Freund von Mouaz Khrayba. Als ich ihn im Flüchtlingslager auf Samos kennenlernte, hatte er wie Khrayba sieben Monate lang in einem dünnen Zelt geschlafen.

Während die meisten Flüchtlinge auf dem griechischen Festland leben, saßen im Januar 14.000 von ihnen in den sogenannten Aufnahme- und Identifikationszentren, auch "Hotspots" genannt, auf den Inseln Chios, Kos, Leros, Lesbos und Samos fest. Ende Oktober flog ich nach Samos, um mich mit Khrayba zu treffen und mir anzusehen, wo er seit sieben Monaten lebte. Ich verpasste ihn um ein paar Tage. Khrayba und seine Frau hatten endlich ihre Papiere erhalten und waren für ihre Asylanhörung nach Athen gefahren.

Nach der Finanzkrise ist Griechenland außer seiner Schönheit nicht viel geblieben, aber davon hat Samos reichlich. Das Meer und der Himmel wetteiferten um das schönste Blau. Die Türkei auf der anderen Seite der Meerenge von Mykale schien zum Anfassen nah. Die Überfahrt kostet etwa 37 Euro – mit dem richtigen Pass.

Die Flüchtlinge wohnten nicht im Ort. Der Großteil steckte in einem Lager hinter mehren Reihen Stacheldrahtzaun fest, die manche Lagerbewohner zu Guantanamo-Vergleichen bewegten. Für 600 Personen ausgelegt, beherbergte es während meines Besuchs Ende Oktober über 2.400, und täglich kamen mehr. Ende Januar waren laut einer Quelle noch immer knapp 2.100 dort.

Als die Medien sich letztes Jahr auf die verwahrlosten Lager in Lesbos und Idomeni stürzten, sperrte die griechische Regierung die Hotspots größtenteils für die Presse, also bemühte ich mich gar nicht erst um eine Genehmigung. Stattdessen lief ich herum, bis ich ein Loch im Zaun fand, durch das ein steter Strom von Familien kam. Einige wollten Zigaretten und Lebensmittel kaufen, andere sich nur die Beine vertreten. Dort lernte ich Ruschin, 39, und ihren Mann Jamal kennen. Sie waren Kurden und zwei Tage zuvor angekommen. In Aleppo hatte Ruschin arabische Grammatik und Dichtung unterrichtet - ein Beruf, auf den sie sehr stolz war.

Ruschin hatte im Frontviertel Bustan al-Bascha gelebt. Sie beschrieb in rasantem Arabisch das Bombardement und die Zerstörung, die sie vertrieben hatten, sowie die dreckigen, beengten Verhältnisse auf Samos. Dann bot sie an, mir das Lager zu zeigen. Wir stiegen durch das Loch im Zaun.

Die Hotspots waren nie als Wohnorte gedacht. Bis zum EU-Türkei-Abkommen blieben die meisten Flüchtlinge nur wenige Nächte im Lager, bevor sie eine Fähre nach Athen bestiegen. Aber nachdem das Abkommen am 20. März in Kraft trat, mussten die Neuankömmlinge auf den Inseln bleiben. Ärzte ohne Grenzen verurteilten den Deal umgehend und zogen sich gemeinsam mit anderen NGOs zurück, um sich nicht an der Internierung der Flüchtlinge zu beteiligen. Die griechische Asylbehörde First Reception Services übernahm die Leitung des Lagers.

Es kamen immer neue Flüchtlinge, während gleichzeitig niemand mehr die Insel verließ. Das Lager wurde beängstigend voll und es entstand ein Markt für Menschenschmuggler. Für einen gefälschten Ausweis, der eine Fährüberfahrt ermöglicht, zahlt man zwischen 750 und 1.200 Euro. In ein Flugzeug zu kommen, kostet noch mehr - ca. 7.000 Euro, als Teil eines Schmuggel-"Pakets", zu dem außerdem ein Pass und eine Unterkunft gehören. Wäre Samos' Hotspot einfach nur voll, würden die meisten Flüchtlinge in mobilen Unterkünften aus PVC wohnen, die wie Schiffscontainer mit Dach und Türen aussehen.

Aber Ende Oktober war das Lager schon so jenseits seiner Kapazität, dass jeder Zentimeter mit Zelten vollgestellt war. Mehrere Dutzend Menschen schliefen im Freien. Ganze Familien schliefen oft in den billigen Ein-Personen-Zelten, wo sie sich in Embryonalstellung umeinander krümmen mussten. Nur eine dünne Nylonschicht trennte sie vom Betonboden, über den Wasser aus den Container-Toiletten floss.

Während des Sommers bieten die Zelte kaum Schutz vor der glühenden Hitze. Wasserfest sind sie auch nicht, und das auf einer Insel, die für ihren Starkregen bekannt ist. Atemwegserkrankungen sind die Folge, und im November hatten die kleinen Feuer, an denen die Leute sich wärmten, bereits zu mehreren Bränden geführt. Es gab kaum Vorkehrungen gegen die kommende Kälte. Im Januar verkündete Migrationsminister Ioannis Mouzalas, kein Flüchtling werde frieren müssen. Pru Waldorf, eine Helferin bei der Freiwilligenorganisation Calais Action, berichtete mir jedoch, allein auf Samos würden weiterhin 700 Flüchtlinge in Zelten wohnen, dazu seien 1.000 in ungeheizten Schlafsälen untergebracht. Tausende weitere frieren in dem größeren Lager Moria auf Lesbos und in Lagern in Thessaloniki. Diesen Winter sind mehrere Flüchtlinge in der bitteren Kälte der Lager gestorben, davon einer auf Samos.

Die mobilen Wohncontainer waren kaum besser. Die kleineren beherbergten nur wenige Familien, aber größere Container fungierten als Schlafsäle, in denen sich fremde Männer, Frauen und Kinder aneinandergereihte Doppelstockbetten teilten. Sie hängten Laken auf, um sich ein Minimum an Privatsphäre zu schaffen. Wasser war in den Lagern sowie auf der restlichen Insel knapp. Viele Flüchtlinge spekulierten, dass das Wasser nicht nur wegen Rohrbrüchen so oft ausbleibe, sondern weil die Polizei es ihnen abdrehe. Ein Helfer auf Samos sagte mir, Ärzte hätten eine Hepatitis-Kontamination festgestellt.

Die vom Lager beauftragte Reinigungsfirma schien sich mit den Toiletten wenig Mühe zu geben, sodass die Flüchtlinge sie meist selbst reinigten. Ihre Stehtoiletten waren ständig verstopft und oft teilten sich Dutzende Personen eine Dusche. Obwohl sexuelle Übergriffe und Belästigung in den Lagern verbreitet sind, wurden Frauen und Kindern keine eigenen Baderäume bereitgestellt.

"Das ist kein Leben", sagte mir Ruschin, während sie mich durch die Container führte. "In Aleppo hatten wir ein schönes, sauberes Haus. Man konnte es abschließen."

Die Flüchtlinge erzählten von den langen Schlangen, der Bürokratie, den endlosen Wartezeiten auf Termine mit den Asylbehörden, die sie oft vertrösteten. Ein Dichter aus Mossul mit einem schwer geschädigten Fuß zeigte mir ein Dokument, in dem ein Lagerarzt attestierte, er sei frei von Behinderungen. Die medizinische Versorgung bestand größtenteils aus Aspirin und Beruhigungsmitteln. Im Dezember starb ein 41-jähriger Iraker an einem Herzinfarkt, nachdem er vier Stunden auf den Arzt gewartet hatte.

Das Essen war kaum besser. Hauptsächlich gab es Nudeln und Kartoffeln, die laut einem Freund sogar seinem Hund zu unappetitlich waren. Im Februar tauchten Fotos auf Facebook auf, die solche Gerichte voller Maden zeigten. Die Flüchtlinge verbrachten vor jeder Mahlzeit Stunden in den Warteschlangen, bis es aus Hunger und Frust zu Schlägereien kam, bei denen die Polizei sich weigerte einzuschreiten. Wer konnte, mied das Lageressen.

"Denkst du, Artikel wie deiner bringen etwas?", fragte mich ein junger Mann. Er war schlank, blond und sprach fast akzentfrei Englisch.

"Wahrscheinlich nicht", sagte ich. "Aber es ist wichtig, es festzuhalten."

Der Name des jungen Mannes war Walid (er bat mich, seinen Nachnamen nicht zu verwenden). Er war 25, Palästinenser aus dem syrischen Hama, und ein Freund von Khrayba. Die Texte auf den Protestbannern, die ich in Khraybas Fotos gesehen hatte, waren von ihm. Walid verdankte sein fast perfektes Englisch seiner kanadischen Freundin und den privaten Sprachschulen, die er seit seiner Kindheit besucht hatte. 2012 war er Student und in Syrien tobte der Krieg. Seine Mutter bat ihn, nach Dubai zu gehen. "Du bist mein einziger Sohn", flehte sie.

"Das ist kein Leben", sagte mir Ruschin, "In Aleppo hatten wir ein schönes, sauberes Haus. Man konnte es abschließen."

Er verbrachte die nächsten Jahre in Dubai, wo er gelegentlich als Kameramann arbeitete, bis man 2015 seine Aufenthaltsgenehmigung nicht erneuerte. "Ich dachte nur noch an Europa", sagte er. Er sei acht Monate zuvor mit seinem Vater und seiner Schwester auf Samos eingetroffen.

Menschen palästinensischer Abstammung erleben nicht erst seit der Flüchtlingskrise oft eine ungewisse Lage. Die syrische Regierung erteilt Palästinensern keine Staatsbürgerschaft, selbst wenn sie und ihre Eltern in Syrien geboren sind. Die EU-Behörden ordneten diese Flüchtlinge oft nicht als Syrer, sondern als Palästinenser ein, oder notierten keine Nationalität. Das führte zu Verwirrung und verlangsamte den Asylprozess, während Schnee auf die Zelte der Flüchtlinge fiel.

Laut Walid wurden Palästinenser auf Samos, die auf ihre Asylanhörungen warteten, einfach nicht aufgerufen. Im Januar erzählte er mir, nur einer der dortigen Palästinenser habe eine Anhörung erhalten. Ohne dieses Gespräch, sagte er, erhielten sie weder die nötigen Papiere um in Griechenland zu leben, noch einen der Ausweise, mit denen sie die Inseln verlassen und nach Athen gelangen könnten. Viele hofften, dort einen Schmuggler finden zu können. Walid zeigte mir seinen Ausweis, auf dem ein roter Stempel warnte: ONLY SAMOS.

Walid sah seine syrischen Freunde davonziehen, während sich das Lager weiter füllte. "Sieben Monate und immer noch dasselbe. Nichts als Lügen und leere Versprechen. Der Winter kommt. Wir können nicht länger warten."

Mehrere Hundert Flüchtlinge leben in der besetzten Acharnon-Schule in Athen, die von der Revolutionären Linken Strömung Syriens betrieben wird.

Die griechische Regierung und größere NGOs haben hunderte Millionen Euro erhalten, um eine Krise zu bewältigen, in deren Entstehung die Grenzschließungen der EU eine wesentliche Rolle gespielt haben. Aber ein großer Teil der Mittel wurde noch nicht ausgegeben oder hat sein Ziel nicht erreicht. Wie die Deutsche Welle im Januar berichtete, hielten Misswirtschaft, Desinteresse und fehlende Koordination die Flüchtlinge in schneebedeckten Zelten, während die griechische Regierung, die EU und die NGOs sich gegenseitig die Schuld zuschoben.

Die eigentliche Arbeit bleibt häufig an Gruppen wie Calais Action und Samos Volunteers hängen. Die oft linksgerichteten Freiwilligengruppen stellen mit winzigen Budgets Güter bereit, die man eigentlich von den besser finanzierten NGOs und Regierungen erwarten würde. Auf Samos verteilen sie Toilettenpapier, Windeln, Milch, Kleidung und Schlafsäcke. Bis sie das finanziell nicht mehr leisten konnten, stellten sie auch Zelte. Sie organisieren zudem Cafés und Filmabende, geben Sprachunterricht, bauen mit den Flüchtlingen Möbel und veranstalten Cricket-Turniere.

Aber auch sie haben ihre Grenzen. Letztendlich ist ein Hotspot ein großer Pferch und kein Ort zum Leben. Clement Perrin, der Chef der griechischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, sagte mir: "In einem Übergangslager verbringt man nicht sechs Monate, sondern eine Woche. Dann muss man irgendwo anders hin, wo man sein Leben wieder in die Hand nehmen kann." Nicht nur werden die Lebensumstände der Flüchtlinge hier komplett von anderen bestimmt, ihre Hilflosigkeit verstärkt sich noch, weil ihre Zukunft völlig ungewiss ist.

Doch die Leute, die in Europa Zuflucht suchen, sind selten passive Menschen. Der Protest, den Mouaz Khrayba dokumentiert hat, war eine von vielen Widerstandsaktionen, von denen mir Flüchtlinge und Helfer berichteten. Bei ihren Demos hielten sie Schilder mit Sätzen wie NO RACIST BORDERS!, JUSTICE FOR REFUGEES, WE NEED TO MOVE AND HAVE A BETTER LIFE. Sie riefen "Lieber Tod als Erniedrigung", ein Motto, das während der syrischen Revolution bekannt wurde. Eine Gruppe organisierte einen Hungerstreik. Flüchtlinge dürfen das Lager in den ersten 25 Tagen nicht verlassen, doch während dieser Zeit schneiden sie Löcher in den Zaun.

Im September zündete sich ein junger Pakistaner namens Ayman aus Protest an. Sein Asylantrag war abgelehnt worden. In seinen 7 Monaten auf Samos hatte er wiederholt versucht, mithilfe von Schmugglern zu fliehen, und 2.500 Euro dafür ausgegeben. Nach seinem letzten missglückten Versuch weigerten sich die Schmuggler, ihm sein Geld zurückzugeben. Ayman goss sich Benzin über den Kopf, zündete sich an und rannte auf das Polizeirevier des Lagers zu. Flüchtlinge löschten die Flammen, er kam mit Verbrennungen an Armen und Gesicht ins Krankenhaus.

Frust wiegelte die Menschen gegeneinander auf. Am 13. Mai brachen in dem Hotspot Krawalle zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus. Pakistaner, Algerier und Araber beschuldigten einander gegenseitig, doch in Wirklichkeit war das Lager schuld. Männer, die an den zweitägigen Krawallen beteiligt waren, haben kriegsähnliche Zustände beschrieben: Sie kämpften mit Stöcken und improvisierten Waffen, Müllcontainern brannten, Frauen und Kinder flohen in Todesangst. Die Polizei soll das Geschehen aus der Sicherheit verriegelter Wohncontainer verfolgt haben. Bei einer zweiten Reihe von Krawallen ein paar Wochen später brannten Teile des Lagers nieder. Durch die verkohlten Ruinen liefen später Kinder, ein Sinnbild des Versagens der Behörden.

Die überforderten griechischen Asylbehörden erhalten Hilfe vom Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO). Als ich mich Ende Oktober mit der EASO-Koordinatorin Elisa Freni über den scheinbar endlosen Asylprozess unterhielt, klang sie verzweifelt: "Wir sind Gäste in diesem Land, OK? Nicht wir treffen die Entscheidungen, sondern die griechischen Behörden."

Freni erklärte mir das Prozedere: Sobald Flüchtlinge die Insel erreichen, müssen sie sich bei den griechischen Behörden melden, meist bei der Polizei. Dabei bekommen sie die Option, Asyl zu beantragen. Sie sollten dabei automatisch einen Anhörungstermin erhalten. Wird ihr Asylantrag genehmigt, sind sie einen Schritt weiter und können die Insel verlassen. Wird er abgelehnt, können sie Berufung einlegen und der Prozess kann sich noch ein paar Monate hinziehen. So sollte das zumindest laufen.

Im September zündete sich ein junger Pakistaner namens Ayman aus Protest an. Sein Asylantrag war abgelehnt worden.

Sie schien überrascht, als ich sagte, Walids Status als palästinensischer Flüchtling habe zu seiner dauerhaften Internierung auf der Insel geführt. Freni betonte, dass internationales Recht Flüchtlingen ein Asylverfahren zusichert. "Das sind unveräußerliche Menschenrechte. Niemand kann jemandem das Recht verwehren, Asyl zu beantragen." Aber in der Realität liegen die Dinge nicht so eindeutig. Spätestens mit dem EU-Türkei-Abkommen wurden die Beamten auf den Inseln angewiesen, zunächst Anträge von Syrern zu bearbeiten, und erst dann die bestimmter anderer Nationalitäten. Alle anderen blieben im Dunkeln über ihre Anträge oder wurden sogar abgeschoben. Der ganze Bearbeitungsprozess in den griechischen Hotspots ist kontrovers und schwierig; da kann es schnell zu Situationen wie Walids kommen. Ob die langen Wartezeiten der Palästinenser bewusste Entscheidungen der Behörden waren oder eine unglückliche Folge bürokratischer Inkompetenz, ist schwer zu sagen.

Trotz der EU-Pläne, innerhalb von 2 Jahren bis zu 160.000 Flüchtlinge aus Griechenland und Italien umzusiedeln, waren es im letzten Jahr nur 8.162, die umgesiedelt wurden, davon 6.212 aus Griechenland. Im November sagte mir Perrin: "Die Regierung hat keinen Plan, die Kapazitäten auf dem Festland zu erhöhen, sodass die Menschen schneller aufgenommen werden können." Wenn es so weitergeht, wird es zehn Jahre dauern, bis die restlichen Flüchtlinge Griechenland auf legalem Wege verlassen haben.

Dass die griechischen Behörden es versäumen, akzeptable Lebensbedingungen für Geflüchtete zu schaffen, ergibt zynisch gesehen Sinn: Wenn die Bedingungen in Griechenland unmenschlich genug sind, lassen sich Flüchtlinge mit Geld über die Grenze schmuggeln, die Armen kehren vielleicht in ihre Heimat zurück. Doch viele sehen die Hauptverantwortung ohnehin eine Stufe höher, bei der EU.

"Die EU will Flüchtlingen zeigen, dass sie in Griechenland schlimme Verhältnisse erwarten", sagte Perrin. "Ich denke, es wird versucht, die Leute davon abzuhalten, in Europa Schutz zu suchen."

Gerald Knaus, dessen Thinktank European Stability Initiative das EU-Türkei-Abkommen entworfen haben soll, stellte den Deal als letztes Mittel dar, die Werte der EU aus dem Würgegriff des rechtsextremen Nationalismus zu befreien. Wenn man nicht jedem Flüchtling die Gelegenheit gebe, Asyl zu beantragen, sei die EU bald wie Australien, wo man Bootsflüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen auf Inseln interniert. Davon würden nur rechte Politiker profitieren, wie der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der die Flüchtlingskrise ausgenutzt hat, um zu behaupten, dass "die liberalen Demokratien nicht länger das Volk vertreten und universelle Menschenrechte der Vergangenheit angehören".

Khrayba, 20, der mir im Laufe unserer mehrmonatigen Facebook-Unterhaltung Fotos des Lagers auf Samos schickte. Ich traf ihn schließlich in Athen, nachdem ich ihn in dem Hotspot auf Samos verpasst hatte.

Die meisten Flüchtlinge, die es von den Inseln geschafft haben, kommen nach Athen. Viele machen dann im Viertel Exarchia Station, wo linke Aktivisten in besetzten Häuser Unterkünfte geschaffen haben. Dort haben sie einen Lebensstandard und einen Grad an Autonomie, der alles in den Lagern übersteigt. Nach Samos fuhr ich nach Athen, um mir diese Unterkünfte anzusehen und mich endlich mit Khrayba zu treffen.

Als ich am Hafen von Samos aus dem Taxi stieg, hielten mich sofort Zivilpolizisten an. Sie wollten meinen Pass sehen. Hinter einem massiven Zaun reihte ich mich in die Schlange zu den anderen Passagieren, Bereitschaftspolizisten und ein paar glücklichen Flüchtlingen mit Genehmigungen. Draußen standen junge Männer in nervösen Gruppen zusammen. Sie hofften, es irgendwie auf die Fähre zu schaffen, sobald die Tore aufgingen.

Das Viertel Exarchia erstreckt sich rund um die Platia Exarchion. An dem Platz kreuzen sich drei Straßen, und zwischen Bäumen hängt ein Banner: BIS ALLE TIERKÄFIGE LEER SIND, BIS ALLE GEFÄNGNISZELLEN ZERSTÖRT SIND. K-VOX, eine Anarchisten-Bar, hält an einer Ecke die Stellung. In Exarchia gibt es ein altes, weitreichendes Netzwerk besetzter Häuser, linker Sozialzentren, Nachbarschaftsgärten und Soli-Küchen – von denen K-VOX eine wichtige Säule ist.

Die Wände der Bar sind mit einem globalen Mix linksradikaler Souvenirs bedeckt; zahlreiche Poster tragen das Rot-Grün-Gelb der kurdischen Flagge und gedenken junger Linksradikaler, die im Kampf an der Seite der YPG in Nordsyrien gefallen sind. Abends ist die Platia Exarchion randvoll mit Flüchtlingen, Anarchietouristen und Anwohnern aller Hautfarben und aus allen Ecken der Welt. Sie trinken, spielen mit den Straßenhunden und geraten mit der Polizei aneinander.

Auf den Straßen gab es überall Graffiti. Eine Frau in Hijab und Rettungsweste nahm eine ganze Hauswand ein. Auf einer anderen drohte ein Polizisten-Schwein mit seinem Schlagstock. Ein Banner rief zur Solidarität mit streikenden Häftlingen in den USA auf. Es gab auch Slogans wie: FEMINISM OR BULLSHIT. REFUGEES WELCOME. ALL COPS ARE BASTARDS. GREEKS AND FOREIGNERS - WE LIVE TOGETHER, AND WORK TOGETHER TO SMASH NAZIS. Insgesamt zählte ich sieben Sprachen.

"Willkommen im Griechenland der Krise, der Armut, der Solidarität", lautete eine Schlagzeile von Bidoun Watan ("Ohne Nation"), einer anarchistischen Zeitung auf Arabisch, die ich in einem besetzten Haus fand. Das ist sehr treffend formuliert. Obwohl Griechenland mit Armut und Arbeitslosigkeit kämpft, haben viele Griechen die Flüchtlinge außergewöhnlich herzlich empfangen.

Zwischen 1914 und 1923 wurden mindestens eine Million griechisch-orthodoxer Christen aus der Türkei vertrieben oder flohen, um Krieg, Zwangsumsiedlungen und türkischen Massakern zu entkommen. Schließlich wurden 1924 alle verbleibenden orthodoxen Christen im Zuge eines Bevölkerungsaustauschs vertrieben. Die griechischen Bürger, die heute Flüchtlingen helfen, erwähnen oft diese Vergangenheit. Ein Polizist, der eine syrische Familie bei sich beherbergt, sagte: "Meine Eltern und meine Großeltern waren Flüchtlinge. Wir hatten die Flüchtlingskrise von klein auf im Blut."

Am stärksten ist diese Solidarität in der anti-autoritären Linken. Griechenland hat eine starke linke Tradition, die bis zu den Widerstandskämpfern gegen die Nazi-Besatzung zurückreicht, und die zahllosen linken Gruppen spielen eine wichtige Rolle in der Politik. Als die griechische Wirtschaft 2010 kollabierte, halfen viele dieser Organisationen, das Leid zu mindern, indem sie besetzte Häuser, Suppenküchen und ehrenamtliche Mediziner vernetzten.

Griechenland ist seit mehr als zehn Jahren ein Knotenpunkt der irregulären Migration, insbesondere seit dem Zustrom von Kriegsflüchtlingen aus Afghanistan und dem Irak in den frühen 2000ern. Viele sind in Griechenland geblieben und haben enge Verbindungen zu den linken Gruppen geknüpft, die sie unterstützt haben. Sie haben Einrichtungen wie das Sozialzentrum Exarchias, Steki Metanaston, mitaufgebaut.

Das Zentrum hält jedes Jahr ein antirassistisches Festival, bietet kostenlosen Griechischunterricht und betreibt eine legendäre Bar, die "Steki" genannt wird. Doch mit der Finanzkrise wurden Migranten und Flüchtlinge zu Sündenböcken und Angriffszielen, etwa für die Neonazis der Goldenen Morgenröte. Die Polizei von Athen verhaftete 2012–2013 in nur 7 Monaten 85.000 Ausländer. Zweitausend von ihnen wurden in Lager gesteckt. Griechische Aktivisten und Flüchtlinge kämpften Seite an Seite gegen die Faschisten und den Staat.

Das besetzte Hotel City Plaza ist ein Ergebnis dieser fortdauernden griechischen Solidarität zwischen Linken und Migranten. Nasim Lomani, 35, ist einer der Organisatoren. Lomani kam vor 15 Jahren als Flüchtling von Afghanistan nach Griechenland. Das City Plaza ist Teil des Kollektivs "Initiative für Solidarität mit politischen und Wirtschaftsflüchtlingen". Es bemüht sich unter anderem, den dringend Bedarf nach Flüchtlingsunterkünften außerhalb der Lager auf dem Festland zu decken. Zu diesen Lagern gehören Softex, eine verwahrloste ehemalige Toilettenpapierfabrik in Thessaloniki, und das athenische Elliniko, wo Flüchtlinge in verlassenen Flughafengebäuden und Stadien kampieren.

"Die griechische Regierung will die Leute unsichtbar machen", sagte Lomani. Anfang 2016 hielt die Initiative dagegen und brachte 1.900 Flüchtlinge in 12 besetzten Häusern in Athen unter.

"Wir fanden, dass es am besten wäre, einen Ort zu schaffen, der die Punkte abdeckt, an denen die Lager versagen", sagte Lomani. "Gutes Essen, sauberes Wasser, Duschen, sichere Toiletten. Und natürlich Privatsphäre, Sicherheit, Würde.

"Wir glauben nicht, dass wir allein mit besetzten Häusern das Problem lösen können. Aber wir meinen, wir können ein gutes Beispiel schaffen, das anderen hilft, einen Beitrag zu leisten. Wenn wir das können, sollte die Regierung es auch hinkriegen."

Das City Plaza versorgt seine 400 Bewohner mit einer Klinik, Kleidung, Impfungen und Griechisch- sowie Englischunterricht. Nachts trinkt ein Teil der Helfer und Flüchtlinge gemeinsam im Steki, oder sie gehen zu einer der fast täglichen Demos. Bei meinem Besuch schoben griechische Freiwillige Wachdienst, weil Faschisten kurz zuvor ein anderes Hausprojekt, Notara, angegriffen hatten, aber den Großteil der Arbeit erledigten Flüchtlinge. In der Bar im zweiten Stock kochten ein paar Syrer auf traditionelle Art Kaffee in einem kleinen Kupferkännchen. Andere Bewohner hingen auf Sofas ab und checkten Facebook. Kleine Kinder spielten kreischend.

Ich besuchte noch einen ähnliches Hausprojekt, das von der Revolutionären Linken Strömung Syriens in einer leerstehenden Schule in der Acharnon-Straße betrieben wird. Die Organisation wurde im Oktober 2011, ein halbes Jahr nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs, gegründet und setzt sich für eine sozialistische Revolution ein. Nach einem kurzen Versuch einiger Mitglieder, in Syrien eine militante Gruppe zu gründen, eröffnete die Organisation im Frühjahr 2016 mit griechischen Genossen 6 Hausprojekte in Athen, die 2.400 Flüchtlinge beherbergen.

Zwei Poster hingen im Vorraum der Acharnon-Schule: WEDER WASHINGTON NOCH MOSKAU und die erhobene Faust der Revolutionären Linken Strömung. Jugendliche spielten im Hof Basketball. Ab und an plärrten die Lautsprecher Songs der libanesischen Diva Fairuz. In der kleinen Krankenstation versorgten zwei syrische Krankenpflegerinnen einen Jungen mit einem gebrochenen Fuß.

Die meisten Klassenzimmer waren zu Schlafräumen geworden, aber im ersten Stock hing ein Stundenplan für den Sprachunterricht. Daneben gab es eine Kleiderausgabe und ein Klassenzimmer, in dem Kinder malten. Wie das City Plaza basiert die Schule nicht auf einem Wohlfahrtsgedanken, sondern wird von den Flüchtlingen, die dort leben, selbst geleitet. Karim Kabbani, ein Aktivist aus Damaskus und einer der Organisatoren des Hausprojekts, sagte mir, er wolle mit der Schule zeigen, dass die Flüchtlinge "etwas tun können, selbst in einer schwierigen Situation."

Die meisten der mehreren Hundert Bewohner der Acharnon-Schule wollten verzweifelt weiterkommen. Sie waren mehrheitlich Syrer, aber ich traf auch einen Tattoo-Künstler aus Beirut und eine elegante Tunesierin mit Nasenring, deren syrischer Ehemann sie und ihren Sohn nach Griechenland schmuggeln lassen hatte. Er wartete in der Türkei, doch als die beiden auf einer Insel festsaßen, verließ er sie. Ihre Meinung über die Versprechen der EU-Behörden lässt sich mit dem Tattoo auf dem Fuß eines Bewohners zusammenfassen: "WAS LEUTE ERZÄHLEN, IST SO VIEL WERT WIE MEIN ALTER HAUSSCHUH."

Abends ist die Platia Exarchion voll mit Flüchtlingen, Anarchietouristen und Anwohnern aus allen Ecken der Welt. Sie trinken, spielen mit den Straßenhunden und geraten mit der Polizei aneinander.

Schmuggler gehen in der Acharnon-Straße offen ihrer Arbeit nach, so wie in vielen anderen Vierteln Athens mit hohem Anteil an Einwanderern. Im City Plaza begegnete ich Malik (er bat mich, ein Pseudonym zu verwenden), einem 20-jährigen Syrer aus Deir ez-Zor. Er sagte, es sei schwierig, einen vertrauenswürdigen Schmuggler zu finden. Man sei auf Empfehlungen von Freunden angewiesen, um nicht ausgeraubt zu werden.

Malik hatte sich mit 30 Schmugglern getroffen, bevor er an die 3.000 Euro für einen gefälschten Ausweis bezahlte, mit dem er nach Deutschland fliegen wollte. Er zahlte das Geld zunächst an einen Treuhänder. Der Schmuggler gab ihm einen Ausweis und fuhr ihn zum Flughafen. Dort hängt das Schicksal von Menschen von der Pigmentierung ihrer Haut, der Qualität ihrer Kleidung und ihrem selbstbewussten Umgang mit dem Personal ab.

Bei Malik hatte es noch nicht geklappt. Er war in den vergangenen drei Monaten je einmal mit einem Ausweis zum Flughafen gefahren. Immer hatte die Polizei die Karte beschlagnahmt und ihn weggeschickt. Der Schmuggler würde ihm weiter Papiere besorgen, bis Malik es nach Deutschland schaffte.

Die Flüchtlingskrise von 2015 hat zwei verschiedene Erzählungen hervorgebracht. Für die rassistische Rechte ist es ein "Immigrationsdschihad" von jungen Männern, die den Sozialstaat ausnutzen, europäische Frauen begrapschen und die Scharia im Westen durchsetzen wollen. Liberalere Stimmen halten mit den wahren, herzzerreißenden Geschichten der syrischen Flüchtlinge gegen – Familien, die vor Folter, Fassbomben und dem IS geflohen sind und unser Mitgefühl verdient haben.

Obwohl Letzteres stimmt, ist es auch eine Verallgemeinerung und birgt seine eigenen Grausamkeiten. Es unterscheidet "gute" (meist syrische) Kriegsflüchtlinge von "schlechten" Wirtschaftsflüchtlingen (alle anderen). Nach dieser Logik haben Kriegsflüchtlinge das Recht auf die Unterstützung der reichen europäischen Staaten, während Wirtschaftsflüchtlinge in Auffanglagern bleiben, bis sie wieder in die Türkei oder ihre Herkunftsländer abgeschoben werden. Dieser Unterschied mag von einem Büro in Brüssel aus klar erscheinen, aber sobald man etwas nähertritt, verschwimmt die Trennlinie. Der junge Afghane, der sein Dorf verließ, um einen Baujob im Iran anzunehmen, flieht womöglich nach Europa, um seiner Zwangsrekrutierung für den Krieg in Syrien zu entgehen. Der syrische Vater, der sich in der relativen Sicherheit der Türkei für einen Hungerlohn schindet, steigt vielleicht in ein Boot, um seinen Kindern eine bessere Zukunft zu sichern. Diese Komplexitäten verschwinden, wenn man Menschen in eine Hierarchie der Nationalitäten sortiert.

"Wir wollten nicht nach Europa. Wir waren in unserem Land glücklich, aber die Umstände haben uns gezwungen wegzugehen", sagte Mouaz Khrayba.

In Athen traf ich mich endlich mit Mouaz Khrayba. Er sah noch jünger aus als auf seinen Fotos, lächelte viel und wirkte vom gegelten Haar bis zu den blauen Lagerschuhen energiegeladen. Die griechische NGO Praksis hatte ihm eine Wohnung besorgt. Seine Frau, eine schüchterne, hübsche 19-Jährige, die förmliches Arabisch sprach, servierte uns zwischen Spitzenvorhängen und griechischen Statuen Kaffee. Das Wohnzimmer hatte wirklich nichts mit dem Hotspot gemein. Khrayba tätschelte seiner Frau stolz den Bauch; sie erwarteten einen Sohn: Laith.

Khrayba zeigte mir das Foto eines Palästinensers, der auf Samos zusammengebrochen war, nachdem er drei Tage die Nahrung verweigert hatte. "Ich hätte das auch getan", sagte er, "aber meine Frau ließ mich nicht."

Er zeigte mir weitere Fotos von Protesten, die mich sofort an andere Bilder erinnerten. Es waren Spiegelbilder der ersten Demos des syrischen Bürgerkriegs, nur in einem fremden Land und in viel bescheidenerem Rahmen. Demonstranten, die im Kreis stehen. Ein Mann, der auf den Schultern eines anderen sitzt und den Sprechchor anführt.

Khrayba zog es nach Deutschland, doch nun hatte er eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung für Griechenland erhalten. Er wollte Journalismus studieren und Fotograf werden. Trotz der sieben Monate im Lager konnte er sich zu den Glücklichen zählen. Die Bewilligungsraten für Nicht-Syrer waren sehr viel niedriger. "Wir wollten nicht nach Europa. Wir waren in unserem Land glücklich, aber die Umstände haben uns gezwungen wegzugehen", erzählte mir Khrayba in den Tagen nach Trumps Amtsantritt. "Die EU hat schon vor Trumps Wahlsieg ihre Grenzen geschlossen. Aber Präsidenten repräsentieren ihre Länder nicht. Das tun nur die Bewohner."

In den Monaten nach meinem Treffen mit Khrayba gab Deutschland bekannt, es werde keine Flüchtlinge aus Griechenland mehr aufnehmen. Die EU wollte die Abschiebungen in die Türkei beschleunigen, um so das Abkommen zu retten, das die Türkei wiederholt aufzulösen drohte. Griechenland verkündete seine Absicht, so viele Menschen wie möglich aus den Lagern in bessere Anlagen umzusiedeln. Als dieser Artikel in Druck ging, saßen jedoch weiterhin Tausende in den Insellagern fest. Von der winterlichen Kälte und ihrer endlosen Warterei demoralisiert, nahmen Flüchtlinge auf Samos wieder ihre Hungerstreiks auf.

Zu diesem Zeitpunkt saß ich, zurück in Athen, mit Khrayba auf seinem Sofa, wo er mir Videos seines Lebens vor Griechenland zeigte. Sein Bruder, der nach einer Schlacht Bericht erstattet. Sein Bruder, der zu Grabe getragen wird. Das Schaukeln des Boots, als sie die griechische Küstenwache erblicken. Der Jubel der Passagiere im goldenen Licht der Mittelmeersonne.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Tagged:
VICE Magazine
krieg
türkei
flüchtlinge
griechenland
Bürokratie
Flüchtlingslager
Hotspots
Σάμος
Geflüchete