Белград

In Belgrad werden gerade die Unterkünfte von 1500 Flüchtlingen abgerissen

Sie leben in Lagerhallen hinter dem Bahnhof: Jetzt wird der einzige Ort, an dem sie geduldet wurden, abgerissen. An der Stelle soll Serbiens größtes Einkaufszentrum entstehen.

von Franziska Tschinderle und Martin Valentin Fuchs
12 Mai 2017, 4:00am

Alle Fotos von Martin Valentin Fuchs

Die Moschee ist ein kleines, unverputztes Häuschen. Davor hat jemand ein paar Quadratmeter mit weißen Platten bepflastert. Entlang eines mit Steinen verzierten Weges sind Blumen gepflanzt. Wenn Farid, 16, die Augen zusammenkneift und den Rest ausblendet, dann könnte das hier mit viel Faszination ein schöner Ort sein.

Doch dann balanciert er mit seinen Turnschuhen über ein mit Schlamm verschmiertes Brett, das über eine Mulde führt, die völlig zugemüllt ist. Er tritt in die Baracken ein, die so verraucht sind, dass einem die Augen brennen. Die Luft ist stickig, nur wenig Tageslicht fällt von draußen in die Halle. Das mit Holzbalken gestützte Dach sieht nicht so aus, als wäre es dicht.

Schon vergangenes Wochenende machte im Lager am Bahnhofsareal in Belgrad das Gerücht die Runde, dass die Hallen bald abgerissen werden sollen. Wann, das wusste damals niemand so genau. Hinter einem Wellblechzaun, nicht weit von der improvisierten Moschee entfernt, rückt die Baustelle des in Serbien umstrittenen Luxusprojekts "Waterfront" näher und näher.

Dort, wo Flüchtlinge heute zwischen Müllbergen am feuchten Boden schlafen, soll einmal Serbiens größtes Einkaufszentrum neben Luxushotels und Bürotürmen stehen. Inzwischen hat die Stadt Belgrad ernst gemacht. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen berichten VICE, dass der Abriss bereits am Donnerstag in der Früh begonnen hat.

"Die Menschen wurden aus dem Schlaf gerissen und mussten zum Teil ihre ganzen Habseligkeiten zurücklassen", heißt es von Ärzte ohne Grenzen. Daraufhin seien die Männer, die zum Großteil aus Afghanistan und Pakistan kamen, in Bussen abtransportiert worden. Das Areal wird eingezäunt, niemand darf es mehr betreten. Laut serbischen Behörden werden die Flüchtlinge jetzt auf offizielle Camps in Serbien verteilt. 7.200 Flüchtlinge stecken laut UNHCR derzeit im Land fest, darunter tausend unbegleitete Minderjährige. Nur rund 500 haben im April Asyl in Serbien beantragt, die Hälfte davon Kinder und der Großteil aus Afghanistan.

Vor einigen Monaten gingen Fotos von diesem Ort um die Welt, der gerade niedergerissen wird: Flüchtlinge, die sich bei Minusgraden in Tonnen waschen und Plastik verbrennen. Mit Spendengeldern haben freiwillige Helfer die Situation erträglicher gemacht und Sanitäranlagen installiert.

Sechs mobile Toiletten, eine Dusche mit mehreren Kabinen und zwei Waschbecken standen 1.500 Menschen zur Verfügung. Eine spanische Hilfsorganisation hat ein Zelt für medizinische Versorgung aufgebaut und eine Gemeinschaftsküche eröffnet. Das Camp hat Routine und Organisation bekommen. Und doch war das Areal, dem jetzt der Erdboden gleichgemacht wird, bis zuletzt ein trister und menschenunwürdiger Ort, den viele entfliehen wollten. "Am häufigsten haben wir Menschen mit Blasen an den Füßen, Schmerzen in den Muskeln und Infektionen an den Beinen", erzählt eine Ärztin.

Das komme von den langen Märschen an die Grenze, die zum Teil 15 Stunden am Stück dauern. Aber auch Angstattacken und Depressionen hätten zugenommen. Mit dem Schließen der Balkanroute hat Ärzte ohne Grenzen einen Anstieg an Übergriffen gegenüber Flüchtlingen vermerkt. "57 Prozent unserer Patienten haben Gewalttaten während ihrer Flucht erlebt", so Andrea Contenta, der für MSF seit Monaten die Situation in Belgrad beobachtet.

Über soziale Netzwerke hat seine Organisation immer wieder auf Fälle von Flüchtlingen aufmerksam gemacht, die an der ungarischen Grenze von Beamten verprügelt wurden. Zwischen März 2016 und Februar 2017 hat MSF 106 derartige Fälle behandelt, der Großteil davon aus Südungarn: 54 Menschen wurden Opfer von Schlägen, 24 von Hundebissen, 15 wurden bei Tränengasattacken verletzt und 35 trugen andere Verletzungen davon. 22 der 106 Opfer waren jünger als 18 Jahre alt.

Auch Farid ist minderjährig und alleine unterwegs. "Die Menschen leben hier wie Tiere" sagt Farid, während er Sonntag Nachmittag über das Gelände führt. Auf den Wänden der Baracken wurden Hilferufe hinterlassen. "Öffnet die Grenzen" und "Wir sind Menschen" steht da auf Englisch geschrieben. Seit Ungarn seine Grenzkontrollen verschärft hat und die Balkenroute dicht ist, sitzen die jungen Männer in Belgrad fest.

Die serbische Hauptstadt ist für sie zur Sackgasse geworden. Viele von ihnen versuchen dennoch, die EU-Außengrenzen zu überwinden. 17 Mal hat Farid, der seine gesamte Familie in Afghanistan zurückgelassen hat, versucht, die serbisch-kroatische und serbisch-ungarische Grenze zu überwinden. 17 Mal haben ihn Polizisten aufgegriffen. 17 Mal ist er nach Belgrad zurückgekehrt. Und jedes Mal hat sich Farid gedacht, dass er es das nächste Mal schaffen muss. Man trifft hier viele solche Männer, die in ihrer Verzweiflung immer und immer wieder aufs Neue losziehen.

"Sieh doch, die machen sich gerade auf den Weg", sagt Farid und deutet auf eine Gruppe von drei Männern, die mit ihren Rucksäcken das Camp verlassen. "Die meisten kommen wieder und überbringen schlechte Nachrichten", muss er zugeben. Für ihn wurden die Nächte an der EU- Außengrenze zu einem Spiel. Auch andere Männer scheinen es wie verbissen wieder und wieder zu versuchen. Wenn sie keine Energie mehr für das Spiel haben, kommen sie nach Belgrad zurück. Jetzt wird der Ort, den sie zwischenzeitlich Zuhause nannten, zur Baustelle.