Stuff

Jemand sollte unsere Jugendidole aus dem Weg räumen, bevor sie zu traurigen Drogenopfern werden

Ich habe meine große Kindheitsliebe der 90er getroffen und es hat mir das Herz gebrochen. Nichts ist trauriger als Stars, die ihren Zenit überschritten haben.

von Lisa Ludwig
23 Jänner 2015, 11:00am

Screenshot: YouTube

Früher, als ich ein Kind war, war ich immer extrem neidisch auf die Leute im Fernsehen oder in Zeitschriften, die die Möglichkeit hatten, mit den Berühmtheiten rumzuhängen, die ich damals toll fand. Als ich dann irgendwann anfing—aus anderen Gründen—, selbst in der Medienbranche zu arbeiten, hat sich meine Meinung dazu ziemlich schnell geändert. Achtzig Prozent der ganz Großen sind ziemliche Arschlöcher, wenn sie es nicht sind, dann sind es ihre Manager. Das ist OK, es ist mein Job, aber emotional kann einen das mitunter doch ziemlich mitnehmen.

Dazu muss man allerdings auch sagen: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Leuten, die man irgendwann ab seiner Teenagerzeit cool fand und nach wie vor künstlerisch schätzt (zum Beispiel der Wu-Tang Clan) oder eben Personen, die einem in einem Teil seines Lebens sehr wichtig waren, in dem man noch ungleich leichter zu beeinflussen war: der Kindheit. Ich war ungefähr 8, als ich mich unfassbar in Aaron Carter verliebt habe, und bin nicht stolz darauf, dass Erik-Ole aus der Grundschule vor allem deshalb mein bester Freund wurde, weil er ihm ziemlich ähnlich sah. Auch heute noch krümmt sich irgendetwas ganz tief in mir zusammen, wenn ich an das Fanbuch denke, das ich damals besessen habe, und manchmal glaube ich, dass ich nie wieder jemandem so bedingungslose Liebe entgegenbringen kann wie als Neunjährige Aaron Carter.

Dementsprechend war ich ziemlich aufgeregt, als ich meine hochgeschätzte Noisey-Kollegin Viola zu einem Interview mit dem 90er-Jahre-Popstar begleiten konnte. Statt sentimentalitätsbefeuerten Gefühlsausbrüchen erwartete uns allerdings die ganz große Depression. Carter, mittlerweile 27 Jahre alt, war in den vergangenen Jahrzehnten vor allem damit beschäftigt, seinen frühen Erfolg und seine furchtbare Kindheit mit Drogen zu verarbeiten. Er war der netteste Mensch der Welt, wird wahrscheinlich nie wieder erfolgreich sein und nie hat mir irgendetwas für irgendjemanden mehr Leid getan.

Kurz gesagt: Das Treffen mit der großen Liebe meiner Kindheit hat mir das Herz gebrochen und wahrscheinlich kann ich nie wieder in meinem Leben „I'm Gonna Miss You Forever" hören, ohne dabei in Tränen auszubrechen. Ich wünschte wirklich, er wäre irgendwann nach dem Höhepunkt seiner Karriere (so mit 12) für immer aus der Öffentlichkeit verschwunden. Für sein (und mein) Seelenheil.

Habe ich diesen Song beim Schreiben des Artikels auf Repeat gehört? Auf jeden Fall.

Ähnliche Gefühle hege ich nach wie vor für Eminem. Für ein Interview mit ihm hätte ich noch vor wenigen Jahren meine linke Hand geopfert, mittlerweile glaube ich aber, dass es besser ist, dass ich ihn nie live gesehen habe. In meiner Teenagerzeit gab es für mich niemanden, der Wut besser in eine musikalisch ansprechende Form bringen konnte. Auch heute kriege ich bei „Kim" noch eine Ganzkörper-Gänsehaut und damit ich mir diesen Teil meiner musikalischen Frühbildung nicht kaputt mache, ignoriere ich nach Möglichkeit alles, was er aktuell macht. Eminem ist mittlerweile eine Art Nicolas Cage der amerikanischen Rapszene geworden und overactet sich von einem pseudodramatischen Pop-Rap-Video zum nächsten in die raptechnische Bedeutungslosigkeit. Zumindest für mich, wirtschaftlich gesehen gehört er schließlich nach wie vor zu den erfolgreichsten Künstlern überhaupt.

Zeiten ändern sich und die Unterhaltungsindustrie verlangt es von ihren Vertretern, sich immer wieder den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. So wie ich irgendwann erwachsen geworden bin und nicht mehr mit Langenscheidt-Wörterbuch vor der Anlage sitze, um mir englischsprachige Texte zu übersetzen, kann auch Slim Shady nicht für immer wütend bleiben. Wenn die ersten Anzeichen des körperlichen Verfalls eintreten, tanzt es sich nicht mehr so leicht zu Boyband-Choreographien und ab einem bestimmten Zeitpunkt wird es auch einfach gruselig, wenn Aaron Carter crazy little Partygirls in seine Skihütte einlädt. Das ist der natürliche Kreislauf des Lebens. Wider jeder Vernunft muss ich an dieser Stelle aber ganz klar sagen: Ich möchte das nicht.

Wenn Stars alle in einem gewissen Maße Kunstfiguren sind, warum können sie nicht genau dann eine andere Rolle annehmen, wenn ihr Zenit überschritten ist? Wären auch Biggie und 2Pac irgendwann im Dschungelcamp gelandet, wenn sie nicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erschossen worden wären? Ich möchte nicht zum organisierten Mord an ehemaligen Superstars aufrufen, aber: Ist plötzliches Verschwinden zum richtigen Zeitpunkt wirklich der schlechteste Weg zu gehen? Vielleicht könnte man sich auch auf eine Art Zeugenschutzprogramm für Showbusiness-Aussteiger einigen und niemand muss eines unnatürlichen Todes sterben.

Wenn Aaron Carter nicht mehr Aaron Carter, sondern ein 0815-Bankangestellter wäre, wenn Eminem in einem Zentrum für Gebärdensprache arbeiten würde, Coolio eine Lehre zum Friseur macht und sie für uns somit einfach komplett vom Radar verschwinden würden—was bliebe uns an traurigen Momenten erspart? Das Leben ist hart genug, auch ohne seine Jugendidole langsam vor sich hin sterben zu sehen. Wenn ich jetzt auf meine Kindheit zurückblicke, habe ich das Gefühl, dass all diese emotionalen Momente mit „Crush On You", „Boomerang" und „Stan" eine einzige Lüge waren.

Wie soll man Beziehungen führen, wenn alles vergeht und Menschen sich ändern und einem das Leben nach und nach auch noch die letzten Illusionen nimmt? Wir brauchen die Helden unserer Kindheit, um uns in regelmäßigen Abständen daran zu erinnern, wie glücklich und sorgenfrei wir früher noch waren. Wir brauchen sie, um uns selbst immer wieder kurze Momente dieses sentimentalen Glücks zu verschaffen und zumindest für ein paar Minuten nicht daran zu denken, dass wir langsam vor uns hin verrotten und absolut nichts dagegen tun können. Ich weine um dich, Aaron Carter. Und um dich Eminem, Coolio, Nana, Blümchen, Samy Deluxe und wie ihr alle hießt, die ihr meine Jugend so wundervoll (und nach heutigen Maßstäben auch peinlich) gemacht habt. Aber vor allem weine ich um mich und meine Kindheitserinnerungen, denen die Unschuld genommen wurde.

Folgt Lisa bei Twitter.