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Warum glauben so viele, dass die „Ausländerkriminalität“ in Österreich steigt?

Die selektive Kriminalitätsberichterstattung von Polizei und Boulevard ist nur einer der Gründe.

von Christoph Schattleitner
04 März 2016, 9:25am
Foto: Konrad Lembcke | flickr | CC BY-ND 2.0

„Jetzt haben wir das, wovon die FPÖ schon lange warnt, dass es mit den großen Flüchtlingsströmen einen deutliche Anstieg der Straftaten geben wird! ES REICHT!!!", brüllt User bullskull ins Krone.at-Forum unter einem Artikel, wonach österreichische Asylwerber 8.484 Straftaten begannen haben sollen. Die Aussage der 400 Kommentare: Die Ausländer, vor allem die Asylwerber, sind Schuld an der höheren Kriminalität. Oder wie User allerliebst schreibt: „Bald wird sich niemand mehr trauen, sein Haus oder seine Wohnung zu verlassen. Wir werden Gefangene in unserem eigenen Land sein." Wirklich?

Die Gesamtkriminalität war in Österreich noch nie so niedrig wie 2014

„Ein Feld der Kriminalität steigt"

Ist die Kriminalität tatsächlich gewachsen? Und falls ja, sind die Asylwerber daran Schuld? Der Sprecher des Innenministeriums, Karl-Heinz Grundböck, hat bereits vor einiger Zeit in einem viralen Beitrag der Zeit im Bild mit Gerüchten aufgeräumt:

„Was wir aber sehen" , sagt Grundböck, „ist, dass ein bestimmtes Feld von Kriminalität steigt. Das ist nicht die Kriminalität von Flüchtlingen, sondern die Kriminalität gegen Flüchtlinge." Rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Delikte hätten sich demnach verfünffacht.

Die FPÖ stützt sich dennoch in ihrer Wahlwerbung auf Statistiken, wonach die „Ausländerkriminalität" steige. Sie greift dabei meist auf absolute Zahlen zurück, was nicht so ganz die feine statistische Art ist. Folgende für das Ergebnis wichtige Faktoren werden dabei ausgeklammert: Waren 2015 gleich viele Ausländer in Österreich wie im Jahr davor? Hat sich die Gesamtbevölkerung verändert? Sind die Tatverdächtigen auch wirklich verurteilt worden oder wurden sie richterlich freigesprochen? Hatte die Polizei 2015 mehr oder besseres Personal und konnte deshalb mehr Tatverdächtige ausforschen?

Wer diese Fragen ausblendet, hat zwar auch ein faktisches „richtiges" Ergebnis, aber es wurde halt nicht in Relation zur veränderten Wirklichkeit gesetzt. Der Standard hat ein Beispiel nachgerechnet und ist zum Schluss gekommen, dass die „Fremdenkriminalität" zuletzt nicht gestiegen, sondern gesunken ist. Hervor geht das ausgerechnet aus einer FPÖ-Anfrage.

Egal, was die Statistik sagt, „gefühlt" ist es anders

„Wir haben eine Lügenregierung", schreibt der krone.at-User Volksmeinung, „nur Lügen und falsche Statistiken." Wahrscheinlich ist er nicht der einzige, der nicht glauben kann, dass die Kriminalität in letzter Zeit gesunken ist. Viele Österreicher haben es nun mal anders wahrgenommen: Die Zeitungen sind doch voll damit! Jeder spricht darüber! Köln!!! Kurzum: Bei dem, was gerade in Europa und in Österreich passiert, kann diese Statistik ja gar nicht stimmen. Und aus der Sicht eines durchschnittlichen österreichischen Boulevard-Lesers ergibt das wahrscheinlich Sinn. Praktisch alles, was Normalbürger über Kriminalität wissen, haben sie aus dem täglichen Chronik-Ressort der Medien. Natürlich spiegeln Medien auch die Wirklichkeit wider, aber man sollte nicht vergessen: Nicht alles hat in einer Zeitung Platz, die Meldungen sind gefiltert. Nur wie? Und wie macht man es richtig?

Die Polizei-Pressestelle „herrscht" über die Wirklichkeit

80 bis 90 Prozent aller Medienberichte über Kriminalität beruhen auf Pressemitteilungen der Polizei, schätzt der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl. Selbstverständlich schickt die Polizei nicht jede Anzeige an die Medien, selbstverständlich veröffentlichen Medien nicht jede Mitteilung. In Wien etwa trudeln bei der Polizei rund 200.000 Anzeigen pro Jahr ein, gleichzeitig werden nur 2.000 Pressemitteilungen rausgegeben.

Stellt sich die Frage: Welche Verbrechen teilt die Polizei der Öffentlichkeit mit? Welche „verschweigen" sie? Die investigative Plattform correctiv wollte das wissen und hat alle Wiener Pressmitteilungen gelesen und geordnet. Das Ergebnis zeigt die selektive Auswahl: „Die Polizei meldete 2013 und 2014 nur jede 43. Vergewaltigung an die Medien, aber jeden 5. Handtaschenraub."

Diese „Herrschaft der Polizei über die Wirklichkeit" prägt laut Soziologe Kreissl das Verständnis der Gesellschaft von Kriminalität. Oder vereinfacht gesagt: Für die Leute ist kriminell, was in der Zeitung steht. Und was darin nicht oder selten vorkommt, etwa sexuelle Belästigung, erscheint als nicht so wichtig, vielleicht sogar als nicht kriminell. Im Umkehrschluss wirken Ausländer krimineller als sie statistisch sind, einfach nur, weil ausländische Täter in Berichten sprachlich hervorgehoben werden.

Foto: Montecruz Foto | flickr | CC BY-SA 2.0

Wie nennt man eigentlich eine „Afghanen-Schlägerei", wenn nur Österreicher beteiligt waren?

Genau—einfach nur Schlägerei. Bis auf wenige Ausnahmen nennen Österreichs Medien bei Verbrechen immer die Nationalität des Tatverdächtigen—außer natürlich, es handelt sich um einen Österreicher. Diesen bezeichnen die Zeitungen dann gemeinhin als „Mann" oder „Frau". In Deutschland schüttelt man über solche Sitten der Presse den Kopf: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht", heißt es im Kodex des Deutschen Presserates, „besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegen über Minderheiten schüren könnte."

Heißt: Journalisten sollen die Nationalität nur nennen, wenn sie für das Verständnis des Tathergangs unverzichtbar ist. Im österreichischen Ehrenkodex fehlt eine vergleichbare Formulierung. Die meisten Medien hierzulande übernehmen die Nationalität automatisch aus der Polizei-Meldung. Fehlt diese, so würden Journalisten gezielt nach der Staatsangehörigkeit fragen, erzählt ein Innenministeriumssprecher dem Tagesspiegel. Natürlich nennen auch einige deutsche Medien in einigen Fällen die Nationalität, aber es ist wohl in den wenigsten Fällen ein Automatismus, sondern ein Prüfen von Für und Wider. Die einen finden, Journalisten sollte keine Information verschweigen, die anderen weisen auf die Gefahr hin, dass Menschen vorverurteilt und ein zunehmend untrennbarer Zusammenhang von Migration und Kriminalität hergestellt wird. HC Strache schaffte dieses Kunststück übrigens in einem Facebook-Post in acht Wörtern: „Wahnsinnstat in Graz! Der Täter ist aus Bosnien."

Wie überzeugt man Menschen, die selbst offiziellen Daten eines Ministeriums nicht glauben? Wie erklärt man ihnen, dass weder die Kriminalität steigt, noch dass Flüchtlinge mehr Kriminalität verursachen, wenn gleichzeitig die Zeitungen voll mit Totschlag-Berichten von Ausländern sind? Es ist schwierig. Aber vielleicht wäre ein Schritt in die richtige Richtung, wenn heimische Chronik-Ressorts sich zwei Fragen stellen würden: Berichten wir eh nicht immer über die gleichen Verbrechen? Und: Ist die Nationalität in diesem Fall wirklich relevant?

Christoph auf Twitter: @Schattleitner