Fotos und Geschichten aus der goldenen Ära des französischen Pornos

Wir haben uns mit dem Regisseur Gérard Kikoïne unterhalten, der im Allgemeinen als einer der Mitbegründer des französischen Erotik-Kinos angesehen wird.

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07 April 2016, 5:00am

Alle Fotos: bereitgestellt von Éditions de l'Œil

Der Regisseur Gérard Kikoïne wird im Allgemeinen als einer der Mitbegründer der französischen Porno-Branche angesehen. Zwischen 1974 und 1984 drehte Kikoïne Dutzende Filme, mit denen er die wilde Seite einer Generation einfing, die von der 68er-Revolution befreit, von der Pille emanzipiert und noch nicht von der AIDS-Welle erfasst wurde.

Vergangenes Jahr hat Kikoïne dann ein Buch mit dem Title Le Kikobook veröffentlicht, das mithilfe von Hunderten Fotos einen so noch nie dagewesenen Blick hinter die Kulissen seiner damaligen Filmsets gewährt. Ich habe mich mit dem Regisseur über die goldene Ära der französischen Porno-Branche unterhalten.

VICE: Hey Gérard. Waren die 1970er wirklich der rund um die Uhr stattfindende Gangbang, den unsere Generation vor Augen hat?
Gérard Kikoïne: Ach, der alte Gangbang-Mythos! Nein, überhaupt nicht. Wenn man damals um 09:00 Uhr am Set erschienen ist, dann war man da wirklich nur zum Arbeiten. Außerdem habe ich meine Position als Regisseur und Produzent nie ausgenutzt. Viele der im Filmgeschäft tätigen Typen—und damit beziehe ich mich vor allem auf die traditionelle Kinoindustrie—schliefen mit den jungen Schauspielerinnen, aber ich habe das nie gemacht. Wir haben uns besser benommen als die „echten" Filmleute.

Wie hat man sich die damalige Arbeit am Set dann vorzustellen?
Nun, die Filmrollen waren richtig teuer. Außerdem mussten wir von jedem Film zwei Versionen drehen, nämlich eine „entschärfte" für die Zensurbehörden und eine Hardcore-Fassung für die ausgewählten Kinos. Mit der eben erwähnten Gangbang-Fantasie hatte das Ganze also nur relativ wenig zu tun. Eher im Gegenteil: Alles war total durchgeplant und gut vorbereitet. Selbst die Hardcore-Szenen waren fast nie improvisiert, außer die Darsteller verstanden sich richtig gut. Jedes Set war sorgfältig zusammengestellt und die Castings immer schlüssig. In anderen Worten: Ein Mechaniker hat auch immer wie ein Mechaniker ausgesehen, ein Architekt kam wirklich rüber wie ein Architekt und so weiter.

Also alles richtig professionell.
Alles hatte Hand und Fuß. Der Art Director machte beim Licht und den Accessoires keine Kompromisse. Und auch bei mir gab es in Bezug auf die Details keine halben Sachen—vor allem deswegen, weil meine Filme sehr dialoglastig sind. Dieser Umstand hat womöglich etwas mit meiner Leidenschaft für den deutschen Expressionismus zu tun. Ich bewundere die Einleitungen von Mike Nichols, das Licht in den Filmen von Stanley Kubrick und das Um-die-Ecke-Denken von Lindsay Anderson. Und alle Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, waren genauso begeistert von der Filmkunst wie ich.

Gab es auch Leute, die mit deinen Werken nicht klarkamen?
Na ja, die französische Frauenrechtsbewegung hat sich nie gegen mein Schaffen ausgesprochen—was allerdings auch nicht wirklich überraschend war, denn Frauen werden in meinen Filmen ja immer glorifiziert und zum zentralen Punkt der Handlung gemacht. Das Ganze hatte für die Frauenwelt doch etwas sehr Befreiendes. Und keine meiner Darstellerinnen wurde zu irgendetwas gezwungen.

Mit welchen Darstellern und Darstellerinnen hast du zusammengearbeitet?
Das waren vor allem Vertreter der Post-68er-Hedonisten-Generation. Sie hatten immer Spaß, zeigten gerne ihre Körper und standen dazu noch total auf Sex. Brigitte Lahaie machte das Ganze zum Beispiel nur aus Lust an der Freude; genügend Geld hatte sie auch so schon. Die meisten meiner Musen spielten des Vergnügens wegen in meinen Filmen mit und nicht, weil sie Geld brauchten. Nach Feierabend konnten sie dann tun und lassen, was sie wollten, aber tagsüber stand der Dreh im Vordergrund.

„Ob es nun will oder nicht, aber das französische Kino wurde doch ein bisschen von meinem Schwanz geprägt."

Waren deine Filme dann auch erfolgreich?
Ja! Zwischen 1977 und 1982 sahen sich mehr als vier Millionen Menschen meine Werke an. Außerdem wurden die Filme in gut 30 Länder weiterverkauft. Wir waren einfach überall. Alban [Ceray, ein Porno-Darsteller, mit dem Kikoïne zwischen 1970 und 2000 zusammengearbeitet hat], meinte einmal: „Ob es nun will oder nicht, aber das französische Kino wurde doch ein bisschen von meinem Schwanz geprägt."

Gut ausgedrückt.
Dazu wurde ein Teil der Einnahmen direkt an die offizielle französische Filmgesellschaft zurückgegeben. Und die haben unser Geld natürlich gerne genommen.

Welche Meinung hatte das traditionelle französische Kino von dir?
Die Industrie hätte wohl nicht schlechter über uns denken können. Als ich mich aus dem Porno-Business zurückzog, war ich ein richtiger Außenseiter und niemand wollte mit mir zusammenarbeiten.

Brigitte Lahaie in ‚Parties Fines'

Pornos sind heutzutage ja quasi allgegenwärtig. Was hältst du von dieser Entwicklung?
Die Porno-Branche hat schon immer große Sprünge nach vorne gemacht. Damals habe ich noch Erotikfilme für die große Leinwand gemacht und man konnte im Kino noch riesige Penisse sehen. Dann kam der Übergang zur Videokassette und zum Fernsehen. Als 1985 der erste Porno im französischen TV lief, war das selbst für mich ein richtiger Schock. Noch ein paar Jahre zuvor war es quasi undenkbar gewesen, dass ein Fernsehsender einen Porno-Film ausstrahlt. Die Tatsache, dass Pornos aufgrund von Plattformen wie etwa YouPorn inzwischen rund um die Uhr verfügbar sind, hat das Genre auf jeden Fall für ein breiteres Publikum zugänglich gemacht.

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Wenn ich heute essen gehe, dann wollen mir die Leute die Hand schütteln. Vor 15 oder 20 Jahren wäre das noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Inzwischen sind wir jedoch an einem Punkt angelangt, an dem die Porno-Kultur die Kreativindustrie inspiriert. Durch die von dir angesprochene Allgegenwärtigkeit haben einzelne Werke nun allerdings nicht mehr so viel Bestand. Unsere Filme von damals bleiben hingegen zeitlos, weil wir beim Dreh auf den Spaß, auf die Lebendigkeit und auf die Liebe sowie den Respekt füreinander geachtet haben.