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„Am Ende sind sowieso immer wir schuld” – Ein Gespräch mit den Betreibern der Reitschule

Nach den Vorfällen vom letzten Wochenende steht das autonome Kulturzentrum in Bern unter Beschuss. Zwei Vertreter erzählten uns, warum sie trotzdem keine Angst vor einer Schliessung haben.

von Daniel Kissling
11 März 2016, 9:20am

Foto von Krol:k | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

„Hässlicher Schandfleck!", „Pack und Gesindel" oder „Ein Brutkasten für Terror und Unrecht!"—die Bei- und Übernamen, welche die Reitschule und ihre Besucher seit einer Woche in den (sozialen) Medien verpasst bekommen, sind wenig zimperlich. Das ist an sich nichts Neues. Immer wieder wird das autonome Kulturzentrum mitten in Bern von rechtsbürgerlichen Politikern als nicht tragbar bezeichnet und immer wieder wird dessen Schliessung gefordert, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Der aktuelle Auslöser: Der Kanton Bern veröffentlichte einen von der Polizei verfassten Sicherheitsbericht, in welchem die Reitschule als Risiko eingestuft wird. Am darauffolgenden Freitag demonstriert die Polizei Präsenz auf der Schützenmatte vor der Reitschule, wo es zu kleineren Scharmützeln kommt.

Am Samstag errichtet eine Gruppe Gewaltbereiter Barrikaden und steckt diese in Brand. Die Polizei rückt an, was die Situation eskalieren lässt: Gummischrot und Tränengas auf der einen, Bierflaschen, Steine und Feuerwerkskörper auf der anderen Seite. Die Bilanz laut Polizeimitteilung: elf verletzte Polizisten und mit Steinen beworfene Feuerwehrmänner.

Gefühlt im Stundentakt wird seither über politische Forderungen zur Schliessung oder zum Mittelentzug der Reitschule berichtet—die Reitschule erhält von der Stadt Bern die Mietkosten erlassen und eine zweckgebundene Nebenkostenunterstützung. Der Reitschule wird vorgeworfen, sich zu wenig von gewaltbereiten Gruppierungen zu distanzieren, ja sie sogar zu schützen.

Der Druck zeigte Wirkung: Gestern hat die Stadt beschlossen, die Verhandlungen über neue Leistungsvereinbarungen vorübergehend abzubrechen und die Betreiber rückwirkend auf den 01. Januar 2016 selbst für den Mietzins aufkommen zu lassen. Wie Polizeichef Reto Nause gegenüber der Bernerzeitung errechnet: „Der Betriebsbeitrag liegt bei 60.000 Franken pro Jahr, die Miete für das erste Quartal beläuft sich auf rund 80.000 Franken"

Bis auf zwei via Homepage veröffentlichte Statements war von Seiten der Reitschule bis jetzt wenig zu lesen. Wir haben mit der Mediengruppe der Reitschule Kontakt aufgenommen und konnten am Mittwochabend mit zwei offiziellen Vertretern sprechen, die aufgrund der angespannten Lage anonym bleiben wollen.

VICE: Beginnen wir von vorne: Am vergangenen Freitag veröffentlichte der Kanton den Sicherheitsbericht zur Stadt Bern, in welchem die Reitschule als Risiko genannt wird.
Mediengruppe Reitschule: Dazu muss man zuerst festhalten, dass es sich dabei um einen Bericht der Kantonspolizei handelt. Die Objektivität ist also in Frage zu stellen. An der Pressekonferenz bezog sich Reto Nause, der Sicherheitsdirektor der Stadt Bern vor allem auf einige grössere Ereignisse, die aber zum Teil auch schon Jahre zurückliegen.

In den Medienberichten war danach zu lesen, dass ihr zugebt, dass vor allem kleinere Delikte in letzter Zeit zugenommen hätten.
Wir haben gesagt, dass die Anzahl von Delikten wie Diebstahl zugenommen hätten, dass dies aber auch saisonal bedingt sei und die Kurve nun schon wieder nach unten ginge. Den zweiten Teil haben die Medien dann weggelassen.

Danach eskalierte die Situation am Wochenende. Was ist da eurer Meinung nach genau passiert?
Am Freitagabend positionierte die Kantonspolizei rund 60 Mann auf der Schützenmatte. Die hatten zwar orange Sicherheitswesten an, jedoch den Helm schon am Gurt. Sie waren also auf alles vorbereitet. Wir versuchten, den Vorplatz möglichst leer zu halten. Um 23:00 Uhr gab es eine kleine Spontan-Demo. Die Polizei sperrte den Platz ab, jemand riss das Absperrband runter und drei Minuten nach einer Ansage von Seiten der Polizei—die im Lärm unterging—schossen sie, ohne dass von Seiten der Demonstration etwas passiert ist, drei Mal Gummischrot in die Menge.

Foto vom Autor

Und dann kippte die Stimmung?
Nicht wirklich, nein. Es flogen ein paar Flaschen, danach löste sich die Demo auf und die Polizei stand noch bis 02:00 Uhr nachts im Regen. Offiziell wurde der Einsatz als präventive Massnahme im Hinblick auf die gehäuften Delikte bezeichnet. Was da aber ein Abend Präsenz bringt? Zudem rühmt sich die Kantonspolizei, die Reitschule vorinformiert zu haben. Fakt ist, dass sie uns angerufen und gesagt haben: „Wir stehen jetzt draussen."

Dann kam der Samstag und die Sache eskalierte. Was passierte genau?
Ein Gruppe errichtete am Abend auf der Strasse eine Barrikade aus Müllcontainern und allem, was draussen halt so rumliegt, und zündeten diese an. Die Polizei rückte aus und etwa eine halbe Stunde lang entwickelte sich daraus ein Stand-off auf der Rückseite der Reitschule, bei welchem die Kids viel Feuerwerk schossen und die Cops viel Gummischrot. Irgendwann zogen sich die Kids zurück, die Polizei räumte die Barrikaden, formierte sich auf dem Vorplatz und schoss auf alles, was sich bewegte.

Was man dazu noch sagen muss: Wir hatten an diesem Abend einen ausverkauften Anlass im Dachstock, der davon kaum betroffen war. Eigentlich ist es verwunderlich, dass bei all dem Tränengas und Gummischrot nicht mehr passiert ist.

Nun wird der Reitschule vorgehalten, dass die Randalierer in die Reitschule flüchteten, dort quasi Unterschlupf fanden.
Man muss dazu sagen, dass das Tor der Reitschule auch als Notausgang fungiert, wir dieses also nicht einfach so schliessen können. Wir haben tausende Menschen in und um die Reitschule. Wenn die Polizei das mit Gummischrot und Tränengas kaum in den Griff bekommt, wie soll das uns gelingen?

Die Behörden kritisieren nun auch, dass ihr nicht mit ihnen zusammenarbeiten wollt. Auch Politiker nehmen das letzte Wochenende als Beispiel, dass etwas passieren muss.
Man muss das Ganze im Kontext sehen: Da wird ein Sicherheitsbericht veröffentlicht und das Existenzrecht der Reitschule in Frage gestellt. Am selben Abend stehen 60 Riot-Cops vor der Türe. Zeig mir eine Ausgangsmeile, bei der diese Konstellation keine Spannungen hervorbringt. Am Freitag geht es noch gut, die Provokation ist aber da. Am Samstag dann Eskalation. Alle spielen das Spiel mit, beide Seiten, und wir stehen dazwischen.

Wir stehen überhaupt nicht hinter den Ausschreitungen, aber die Polizei hat die Sache definitiv auch angeheizt. Ist es Aufgabe der Polizei, immer und immer wieder in den Medien politisch Stellung gegen die Reitschule zu beziehen? Mit unserer selbstverwalteten Struktur sind wir der Polizei ja schon seit den Anfängen ein Dorn im Auge. Dazu erleben wir seit Jahren rassistisch gefärbte Durchsuchungen und Razzien sowie unverhältnismässige Einsätze. Wenn plötzlich die Polizei mit gezogener Dienstwaffe in der Küche steht oder auf dem Vorplatz mit der Aussage „Kommt nur! Ich warte." präsent ist—das ist alles andere als „dein Freund und Helfer".

Foto vom Autor

Rechnet ihr für dieses Wochenende wieder mit Polizeipräsenz?
Das wäre alles andere als klug. Komplett überraschen würde es uns aber nicht. Falls die Polizei komplett auf Eskalation spielt, dann schon. Soweit wir das einschätzen können, liegt das aber nicht im Sinne der Stadt.

Ihr geht also davon aus, dass der Einsatz von letzter Woche ein Entscheid der Polizei alleine war?
Auf jeden Fall! Das liegt auch an der politischen Situation. Das Stadtpräsidium unter Alex Tschäppät, der es ja gut meint mit uns, und auch Sicherheitsdirektor Reto Nause können der Polizei eigentlich keine Vorgaben machen, da wir ja nur noch die Kantonspolizei haben. In diesem Konstrukt erhält jemand wie Polizeichef Willi verhältnismässig verdammt viel Spielraum. Die ganze operative Leitung unterliegt ihm, während die Stadtregierung da nicht viel machen kann. Ich bin davon überzeugt, dass Tschäppät vom Einsatz letzte Woche nichts gewusst hat.

Oft wird kritisiert, dass sich die Reitschule von Randaliern zu wenig distanziert und die Gewalt gegen die Polizei nicht genug vehement verurteilt.
X-Mal haben wir uns schon von Gewalt distanziert, haben zum Beispiel im jetzigen Fall appelliert, dass die körperliche Integrität aller Beteiligten gewahrt bleibt. Im Manifest der Reitschule steht, dass wir versuchen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Dieser Satz wird uns dann aber auch wieder vorgehalten, dass „versuchen" eben nicht reiche. Wenn wir aber hier jemanden aus dem Club werfen, weil er sich scheisse benimmt, wenden wir Gewalt an.

Einerseits wird von uns immer wieder Distanzierung verlangt. Andererseits schreiben dann die Medien aber auch nur, was sie wollen. „11 verletzte Polizisten" hiess es in der Zeitung. Gleichzeitig haben wir in der Reitschule Leute mit blutenden Köpfen verarztet. Wenn es auf der Seite der Polizei Verletzte gibt, dann kann man doch davon ausgehen, dass auf der anderen Seite mindestens ebenso viele, wenn nicht noch mehr verletzt wurden. Davon steht in der Zeitung dann aber nichts. Wenn Willi mit verletzten Feuerwehrmännern kommt, um die wir selber schon sehr dankbar waren, dann hast du einfach verloren.

Nehmen wir jetzt mal an, die Wellen glätten sich nicht so schnell. Was macht ihr, wenn die Stadt der Reitschule die Bewilligung temporär entzieht, wie gefordert wurde?
Das ist ein komplett ungangbares Mittel und von der Stadt wohl auch nicht gewollt. Die Politiker, also nicht die Hess-Populisten, wissen, was wir hier alles schlucken. Eigentlich sollten wir von den umliegenden Gemeinden Geld erhalten, da ihre Jugendlichen nicht auf ihren Schulhöfen, sondern bei uns rumhängen.

Und wenn die Stadt eure Beiträge, also die Nebenkostenunterstützung und die Miete, streicht?
Wir machen einfach weiter. Wir haben den höchsten Eigenfinanzierungsbetrag aller vergleichbaren Kulturhäuser in der Schweiz. Was man auch sagen muss: Die Stadt ist an einer Leistungsvereinbarung mehr interessiert als die Reitschule. Wenn wir keinen Leistungsvertrag mehr haben, dann sind wir wieder ein besetztes Haus mitten in der Stadt.

Wir sehen von diesem Geld ja eigentlich nichts. Wir müssen keine Miete bezahlen. Die 60.000 Franken für die Nebenkosten kommen zwar zu uns, sind aber gebunden. Wir wären so gesehen einfach wieder ein besetztes Haus, müssten etwas anders arbeiten, aber wirklich schaden würde es uns nicht. Das ist halt auch eine Floskel, die sich in der Zeitung gut macht.

Rund 24 Stunden nach diesem Interview, bei dem die Vertreter der Reitschule sehr entspannt wirkten, verkündete die Stadt, die Unterstützungsbeiträge für die Reitschule bis auf Weiteres auszusetzen. Für eine Stellungnahme dazu konnten wir die Reitschule bisher leider nicht erreichen. Ob das autonome Kulturzentrum ab diesem Tag wieder ein besetztes Haus ist, darüber informieren die Betreiber unseres Wissens an einer für heute angekündigten Pressekonferenz.

Update: An der Pressekonferenz betonten die Vertreter der Reitschule, ihnen seien die Verursacher der Krawalle vom Samstag unbekannt. Die Frage nach dem „Wie weiter?" könne bis zum nächsten Gespräch mit der Stadt Anfang April nicht beantwortet werden. Wie mit der erhaltenen Betreibungs- und Kündigungsandrohung seitens Immobilien Stadt Bern umgegangen werde, müsse zuerst diskutiert werden. Von einer temporären Schliessung werde derzeit abgesehen. Die gesamte Pressekonferenz ist in diesem Stream verfügbar.

Daniel auf Twitter: @kissi_dk

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