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Dürfen wir vorstellen: Real-Life Dumbledore, der Leiter der einzigen Zauberschule der Welt 

Es gibt keinen Grund mehr traurig zu sein, dass ihr es als Kinder nicht nach Hogwarts geschafft habt, denn ihr könnt die Kunst der Zauberei immer noch im Internet erlernen.

von Mark Hay
29 Juli 2014, 8:00am

Oberon „Otter“ Zell-Ravenheart, Gründer der Grey School of Wizardry. Foto: Nemea Arborvitae, mit freundlicher Genehmigung
von Zell-Ravenheart.

Für jeden, der in der Harry Potter-Ära großgeworden ist und das Internet schon nach selbstgemachten Patronus-Anleitungen und irgendwelchen „magischen“ Betrügereien abgesucht hat, klingt die Vorstellung von einer Online-Schule für Zauberer etwas dubios—im besten Fall. Es gibt ihn aber tatsächlich, diesen Ort, an dem die nervige Grenze zwischen Fantasie und Realität nicht zu existieren scheint—es ist eine Schule, die sich größtenteils online abspielt, aber auch über Real-Life-Komponenten verfügt, an denen die Schüler ihr Potenzial als Zauberer unter Beweis stellen können. Und das alles ist völlig ernst gemeint. Die Grey School of Wizardry, die von Schulleiter, Gründer und Träger eines zerknitterten Samthutes Namens Oberon „Otter“ Zell-Ravenheart gegründet wurde, ist eine als 501(c)(3) registrierte Non-Profit-Organisation mit Sitz in Sonoma County, Kalifornien, und dazu noch die erste registrierte Zauberakademie der Welt.

Die Grey School ist nicht einfach nur ein blödes Gimmick, sondern eine Institution, die auf eine zehnjährige Geschichte zurückblicken kann. 650 Schüler aus der ganzen Welt in 450 Klassen werden dort von dutzenden Lehrern in 16 Fachbereichen unterrichtet: Alchemie & Magick-Wissenschaften, Tier-Beherrschung, Dunkle Künste, Übernatürliche Künste, Wahrsagung, Zauberkunst, Warzenkunde und „Mathemagick“, um nur einige zu nennen. Die Schüler im Alter von 11 bis 17 Jahren werden auf vier Häuser aufgeteilt: Gnome, Salamander, Nymphen (Luftgeister) und Undinen (Wassergeister). Die Erwachsenen wiederum landen in verschiedenen Logen, von denen jede einzelne ihre eigenen Fakultätsvorsteher und Vertrauenslehrer hat. Neben den Kursen bietet die Grey School auch noch Clubs, ein eigenes Leistungssystem und eine Schülerzeitung (Grey Matters) an. Außerdem hält sie „Konklave“ genannte Sommercamps an verschiedenen Orten der USA ab, bei denen sich die Schüler im echten Leben treffen können.

Die Schule, so Zell-Ravenheart, „basiert auf dem alten Gildensystem“, was bedeutet, dass die Ausbildung dort sieben Jahre lang dauert und mit einem Gesellendiplom abschließt. Jeder, der sich für Okkultismus interessiert, kann dort teilhaben. „Die Schule ist nicht religiös“, erklärte mir Zell-Ravenheart. „Die Leute denken, dass wir Heiden sind, weil wir Magick praktizieren. Der zweite Schüler, der bei uns seinen Abschluss gemacht hat, war ein sufistischer Muslim. Es stimmt schon, dass der Großteil unserer Schüler Heiden sind, weil sie auch am empfänglichsten für die Dinge sind, die wir hier machen. Die meisten Religionsführer lehnen Magick ab. Die Schule steht aber an sich allen offen.“

Wenn sich das für dich verdächtig nach Harry Potter anhört, dann liegt das daran, dass das Schulkonzept direkt den Büchern entnommen ist. Nachdem Zell-Ravenheart auf die Reihe aufmerksam geworden war, fand er, dass genug Hype und Interesse an Zauberei vorhanden war, um ein echtes Hogwarts zu gründen. Für gewisse Zeit spielte er sogar mit dem Gedanken, ein Schloss in Helena, Montana, zu kaufen, um dort eine echte Zauberschule aus Steinen und Mörtel zu errichten, aber die Kosten dafür wären einfach zu hoch gewesen. Stattdessen entschied er sich, einen Campus in der virtuellen Welt von Second Life zu errichten. Für die Menschen ist er jetzt Dumbledore (bevor es die Bücher gab, hörte er aber auch auf Gandalf oder Merlin).

Zell-Ravenheart hat die Grey School allerdings nicht ins Leben gerufen, um etwas von dem großen Potter LARP-Kuchen abzubekommen. Er ist durch und durch Zauberer und dazu noch Autor, Künstler, Lehrer, Metaphysiker, Naturalist, Bildhauer, Schamane, Theologe, überpersönlicher Psychologe und glaubt felsenfest an „Magick“ (seine Form der Magie). 1942 kam er als Timothy Zell-Ravenheart in St. Louis auf die Welt und spürte schon von klein auf eine tiefe, spirituell-mystische Verbindung zur Natur, inklusive einer empathischen Einstellung zu Tieren. Während seiner vielen Jahre an der Uni—dieser Mann hat Anthropologie, Theologie, Psychologie und Soziologie bis zum Doktorgrad studiert—war Zell-Ravenheart in eine Reihe von spirituellen, neoheidnischen Gruppierungen involviert, die sich auf althergebrachte Mythen und moderne Fiktion bezogen, um Zauberei in der modernen Welt wieder zu etablieren. Über die Jahre wurde er zu einem der wichtigsten Autoren über Zauberei in der heidnischen und mystisch-magischen Gemeinschaft. Er gründete das immer wieder eingestellte, dann aber wiederbelebte Zaubereimagazin Green Egg und formulierte eine Textsammlung für Kinder mit dem Namen How About Magic?.

Griomoire for the Apprentice Wizard, ein Lehrbuch, das Zell-Ravenheart für die Schüler seiner Grey School of Wizardry geschrieben hatte.
Foto: Oberon Zell-Ravenheart.

Laut eigener Aussage hatte Zell-Ravenheart bereits in den 60er Jahren die Idee, eine Zauberschule zu gründen, doch der Plan ruhte lange auf Eis, da er noch mit vielen anderen Projekten beschäftigt war. So ist er zum Beispiel der erste Vorsitzende der Church of All Worlds, die er während der Zeit, die er am Westminster College verbrachte, mitbegründete. Die Lehre der Kirche basiert darauf, dass alle Dinge miteinander verbunden sind, und ist darauf ausgerichtet, undogmatisch und eklektisch zu sein, wobei sich die Mitglieder selbst aussuchen dürfen, an welchen fiktionalen, historischen oder ausgedachten Mythos sie glauben wollen. 1977 gründeten Zell-Ravenheart und seine kürzlich verstorbene Partnerin Morning Glory die Ecosophical Research Association, eine Forschungsvereinigung, um mystische Wesen zu untersuchen. Eine ihrer Forschungsreisen führte sie 1985 nach Papua Neuguinea, wo sie nach Meerjungfrauen suchten. In den 80er Jahren geriet Zell-Ravenheart in die Schlagzeilen, als er ein „Einhorn“ erschuf, indem er einem Ziegenbock durch einen einfachen operativen Eingriff ein Horn verpasste. (Er wiederholte diese Prozedur und verkaufte einige der Tiere an den Zirkus. Den Totenschädel des ersten „Einhorns“ bewahrt er bis heute bei sich zuhause auf.) In letzter Zeit beschäftigte er sich hauptsächlich mit den antiken Initiationsriten der Mysterien von Eleusis. Sein Geld verdient Zell-Ravenheart mit der Illustration von Postern, T-Shirts und Büchern (er zeichnete zum Beispiel die Bilder für die Fantasy-Romane von Marion Zimmer Bradley). Außerdem betreibt er ein Unternehmen, dass Reproduktionen von Statuen verschiedener Götter und Göttinnen vertreibt. 

Über all die Jahre hat Zell-Ravenheart immer deutlich gemacht, dass sein Verständnis von Zauberei differenzierter ist als jenes, das die meisten von uns aufgrund der Darstellung von Zauberei in der Popkultur haben. Für ihn ist ein Zauberer jemand, der auf der Suche nach Wissen viele verschiedene Traditionen, Bräuche und religiöse Glaubensrichtungen studiert. Er unterscheidet zwischen „Magie“, was er als „Fingerfertigkeit und die Kunst mit Tricks Illusionen zu erschaffen … die Zauberei à la Hollywood“ beschreibt, und „Magick“—„eine Sache, die mehr auf der Psyche, auf Zeremonien und Traditionen beruht.“ Dabei gibt es Zell-Ravenheart zufolge durchaus Überschneidungen zwischen Magie und Magick, doch geht es bei Magick hauptsächlich um das metaphysische Element, darum etwas zu erforschen, das sich außerhalb unserer alltäglichen Wirklichkeit befindet. 

Bei der Gründung einer Schule ging es Zell-Ravenheart besonders darum, Bildung mit Zauberei zu verbinden und die reguläre Schulbildung durch neue Denkanstöße und alternative Sichtweisen auf unsere Realität zu erweitern—und dabei eine Bildung für die Kinder von Heiden anzubieten, deren Weltsicht oft mit dieser transzendentalen Sicht auf die Dinge übereinstimmt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es an der Grey School keine Zauberstäbe und -sprüche gibt. Obwohl es verschiedene Kurse gibt, geht es in einigen, wie dem Kurs zu den dunklen Künsten, um „Zauberei und den richtigen Hokuspokus“, wie sich Zell-Ravenheart ausdrückt. Außerdem kann man auch lernen, wie man einen Zauberstab herstellt.

Zell-Ravenheart räumt ein, dass es in der Vergangenheit Probleme gab mit Kindern, die enttäuscht waren, dass ihre Zauberstäbe keine Funken sprühten. Er versucht ihnen zu erklären, dass Magie trotztdem echt ist. „Filme zeigen, was nur in unseren Köpfen existiert, was Menschen in ihrer Fantasie sehen“, sagt er. „Aber wenn du deine Aufgaben machst, siehst du genau die Dinge, die in deinem Kopf passieren. In einem Kurs zu den mentalen Künsten lernst du zum Beispiel etwas über Auren. Dann siehst du das Licht, das bei jemandem aus den Fingerspitzen strömt oder ähnliche Dinge.“

Überzeugt von der Idee, dass Magick das Leben von Kindern und Erwachsenen auf gleiche Weise positiv beeinflussen könnte, rief Zell-Ravenheart im Jahre 2002 den Grey Council ins Leben, den „grauen Rat“, dessen Name entweder auf Gandalf, dem Grauen, beruht oder auf der Tatsache, dass die Farbe Grau in der Welt der Magie eine besondere Rolle spielt. Der Rat bestand aus einem Who-is-Who von Autoren, Zauberkünstlern, Magiern und Spiritualisten verschiedenster Art, die zwei Jahre damit verbrachten, die Stauten und den Lehrplan der Grey School of Wizardry festzulegen. Schließlich öffnete die Schule ihre virtuellen Pforten am 1. August 2004, dem Tag des vorchristlichen gälischen Erntefests Lughnasadh.

Einige der Leute, die in der Mitgliederliste des Grey Council geführt werden, behaupten jedoch, nie viel mit der Schule zu tun gehabt zu haben. So sagte zum Beispiel Wolf Hardin, der Gründer von Animá Teachings, einem Projekt zur Wiederherstellung von natürlichem Lebensraum: „Sie wollten mich als Lehrer für Natur und Ökologie, aber ich war nie richtig involviert. Was wirklich [in der Schule] vor sich ging, blieb mir weitgehend unbekannt.“

Solche Aussagen, zusammen mit den Gebühren von 30 Dollar (ungefähr 22 Euro) und dem großen Angebot an Chakra Sets und Zauberschmuck im Online-Shop der Schule, haben bei Skeptikern die Alarmglocken klingeln lassen—und selbst ihm wohlgesonnene Stimmen in spirituellen Foren fragen sich, ob Zell-Ravenheart bei seinem Projekt nicht doch nur seinen eigenen finanziellen Vorteil verfolgt.

Personen des öffentlichen Lebens und Mitglieder der spirituellen Gemeinschaft, die sich vornehmlich mit den heidnischen Göttern befassen, haben ihn außerdem dafür kritisiert, dass der Gründer der Zauberschule sich aus Fantasy-, Science-Fiction-Literatur und verschiedensten religiösen Bräuchen seinen ganz eigenen Mischmasch zusammenbraut hat. Sie sagen, dass man die Götter Kali, Lugh und Odin nicht gleichzeitig verehren könne, und dass es falsch sei, die spirituellen Praktiken der amerikanischen Ureinwohner zu übernehmen, ohne mit ihrer Kultur verbunden zu sein.

Schüler und Mitarbeiter der Grey School auf der Potter Convention. Foto mit freundlicher Genehmigung von Oberon Zell-Ravenheart.

Zell-Ravenheart wehrt die Kritik ab. „Wir haben uns immer von Geschichten inspirieren lassen, um unser Leben zu bereichern. Wir sind Geschichten. Die erste Magick, die der Mensch hatte, war das Feuer, aber die zweite war das Geschichtenerzählen. Es macht keinen Unterschied, ob wir uns von einer starken, aktuellen Geschichte inspirieren lassen oder von alten griechischen Mythen und Legenden.“

„Wenn du dich nur an der Vergangenheit orientierst, bleibt der Mythos, wie er ist“, sagt Zell-Ravenheart. „Fantasy und Science-Fiction sind die Mythen der Zukunft. Die Mythen der Popkultur sind sehr stark und gut, um sich an ihnen zu orientieren. Wenn ich Magick mit Hilfe von The Force erklären kann, warum nicht?“

Was den Vorwurf angeht, er würde sich anderer Kulturen bemächtigen, deren Teil er selbst nicht ist, sagt Zell-Ravenheart: „Das ist nie ein Problem für uns gewesen, vielleicht weil ich die Menschen, die mit diesen Traditionen leben, wirklich kennengelernt und mich ihrer [der Traditionen] nicht nur bedient habe.“

„Hindus und Buddhisten freuen sich, wenn andere Leute Räucherstäbchen anzünden, um Buddha zu ehren oder zu Lakhshmi beten“, sagt er und ergänzt, dass er sich eher von den Ritualen inspirieren lässt, als sie einfach nachzumachen. Ein Problem sei es, „wenn New-Age-Unternehmer Leute das Wochenende in einer Sauna in der Wildnis schwitzen lassen und ihnen danach ein Zertifikat ausstellen, dass sie jetzt Experten in der Tradition der amerikanischen Ureinwohner sind.“

Mit 71 Jahren macht sich Zell-Ravenheart darüber Gedanken, wer die Schule einmal übernehmen könnte, falls er „morgen von einem Ufo entführt“ wird. Wer auch immer an seine Stelle tritt, wird höchstwahrscheinlich die Traditionen der Schule in seinem Sinne weiterführen—und ebenfalls lange Gewänder und Amulette tragen. „Uniformen gibt es überall, ob bei Feuerwehrmännern, beim Papst oder buddhistischen Mönchen. Die Performance kann die Authentizität einer Sache manchmal intensivieren. Und ohne unsere spitzen Hüte wären wir nichts weiter als alte Männer mit Bärten.“

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