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Popkultur

Die seltsame Geschichte des legendär schlechten, nie veröffentlichten ‚Fantastic Four‘-Films von 1994

Die erste Verfilmung von Fantastic Four wurde wahrscheinlich nur gedreht, damit Bernd Eichingers Produktionsfirma weiter die Rechte an den Figuren hält—das hat allerdings niemand dem Regisseur gesagt.

von Mike Pearl
28 Juli 2015, 4:00am

Produktionsfoto | Wikimedia Commons

Falls du ein Fan von Neuverfilmungen von Klassikern bist und von den letzten Neustarts oder Remakes von Star Trek, Sherlock Holmes, Godzilla, Robocop, Spider-Man, Batman, Superman, Daredevil und Point Break nicht schon genug hast: Fox wird bald eine Neuverfilmung von Fantastic Four in die Kinos bringen (Kinostart in Deutschland ist am 13. August). Alles, was dabei hilft, die Erinnerungen an die 2005er Version von Fantastic Four mit Chris Evans und Jessica Alba auszulöschen, ist in dieser Reihe willkommen. Aber wusstest du, dass der Film von 2005 selbst auch eine Neuverfilmung war? Und dass das berüchtigt schlechte Original, The Fantastic Four, bei dem nur Leute mitgespielt haben, von denen du noch nie gehört hast, und das wahrscheinlich nur gedreht wurde, damit eine Firma die Rechte an den Figuren behalten kann, nie veröffentlicht wurde?

Die Tatsache, dass dieser Film nie offiziell veröffentlicht wurde, macht ihn zu einem seltenen Vertreter der Filmgeschichte—die meisten Filme, die fertiggestellt werden, werden in irgendeiner Form veröffentlicht. Der sicherlich bekannteste unveröffentlichte Film ist wahrscheinlich die Holocaust-Komödie The Day the Clown Cried von Jerry Lewis aus dem Jahr 1972, die von Lewis selbst in einem Tresor weggeschlossen wurde und nie wieder von irgendjemandem gesehen werden wird, solange er es verhindern kann. Der Fantastic Four-Film war anscheinend so furchtbar, dass er in keinem Tresor liegt—das Original-Negativ wurde angeblich von den Rechteinhabern verbrannt. Könnte das bedeuten, dass er tatsächlich schlechter ist als The Day the Clown Cried?

20 Jahre später wurde von Filmnerds eine vollständigere Version der The Fantastic Four-Geschichte zusammengestückelt und sie ist viel komplizierter als der einfache Mythos eines Fantastic Four-Films, der so beschissen war, dass er verbrannt werden musste.

Regisseur Oley Sassone ist kein Freund davon, wenn Filme verbrannt werden. „Wir sind Filmemacher", sagte er gegenüber VICE in einem Interview. „Das ist wirklich abscheulich. Ihn einfach zerstören? Und niemand sieht ihn?"

„Zum Glück hat jemand ein Bootleg davon gemacht und ihn unter die Leute gebracht", sagte er weiter.

Tatsächlich scheint Constantin Film, das damals noch Neue Constantin Film hieß und die Rechte an The Fantastic Four hält, nicht daran interessiert zu sein, Seiten im Netz, auf denen Bootlegs des Films zu finden sind, aufzufordern, die Videos runterzunehmen. Falls du gerade 90 Minuten Langeweile hast, hier ist The Fantastic Four:

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War das so schlimm?

„Sieh dir den Film an", sagt Sassone. „Er sieht so scheiße aus, weil das ein Bootleg von einer VHS ist. Er sieht so mies aus, das tut mir leid." Nicht dass er ihn als Meisterwerk verteidigt: „Ich weiß, dass er in Sachen Spezialeffekte ziemlich schwach ist."

Trotzdem bringen er und die Macher einer bald erscheinenden Dokumentation über The Fantastic Four einen triftigen Grund dafür hervor, dass der Film viel besser ist, als er unter den bizarren Umständen seiner Entstehung eigentlich hätte werden können. Er wurde vom ersten Tag an sabotiert, so Sassone. „Wir haben nie eine Chance bekommen, das zu machen, was wir gerne gemacht hätten."

In der Dokumentation Doomed: The Untold Story of Roger Corman's The Fantastic Four sagen Sassone und seine Crew, dass sie mit allen Mitteln dafür gekämpft haben, etwas Sehenswertes daraus zu machen. Die Tatsache, dass sie das beinahe geschafft haben, ist ein Beweis für ihre Beharrlichkeit und—möge Gott mir beistehen—für echte künstlerische Fähigkeiten.

The Fantastic Four-Historiker und Doomed-Regisseur Marty Langford sagte VICE, dass die Neue Constantin Film die Filmrechte für die Fantastic Four-Figuren „etliche Jahre [bevor der Film entstand] für einen Spottpreis" gekauft hatte."

Heute, in einer Zeit, in der Superheldenfilme regelmäßig an der Spitze der Kinocharts stehen, wird leicht vergessen, dass Ende der 80er wenige Leute davon begeistert waren, Comicbücher zu verfilmen. Der große Erfolg von Superman von 1978 war eine entfernte Erinnerung und die annehmbarste Adaption aus dem Marvel-Universum war die kitschige aber gern gesehene Fernsehversion vom Incredible Hulk. Damals war die Marke Marvel noch nicht der Garant für große Profite, so wie sie es heute ist. Aber nach dem bahnbrechenden Erfolg der Comicbuch-Adaptionen von Batman (1989) und den Turtles (1990) wuchs das Interesse von Neue Constantin, einen Fantastic Four-Film zu machen.

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Wahrscheinlich werden wir nicht mehr erfahren, was im Kopf vom 2011 verstorbenen Constantin-Chef Bernd Eichinger vorging, aber Langford folgert, dass Eichinger 1990 gespürt haben muss, dass es richtig viel Geld zu verdienen gab—das Problem war nur, dass die Option der Firma nur bis zum 31. Dezember 1992 lief. Anscheinend hatte Eichinger in den Jahren 1991 und 1992 sein Bestes dafür getan, 40 Millionen Dollar und eine Partnerschaft mit Century Fox an Land zu ziehen, ist jedoch an beidem gescheitert. Mitte 1992 hatte er die Hoffnung verloren, dass die Produktion jemals realisiert werden kann.

Aber es gab ein Schlupfloch in Eichingers Vertrag: Er konnte die Option behalten, wenn der Film sich in Produktion befand. Niemand hatte je gesagt, dass der Film fertiggestellt werden musste, geschweige denn gut sein. Wenn die Produktion von The Fantastic Four also bis Ende des Jahres starten würde, so Langford, dann könnte Eichinger die Option für weitere zehn Jahre halten.

Um es deutlich zu sagen: Es weist alles darauf hin, dass die Neue Constantin nie beabsichtigt hat, den Film zu veröffentlichen, mit dessen Produktion sie jetzt so eilig begann. Sehr wahrscheinlich wollte die Neue Constantin, laut Langford und Sassone, nur die Option um zehn Jahre verlängern—und eine Alibi-Produktion war ein günstiger Weg, dies zu erreichen.

Als die Deadline sich näherte, meldete sich Constantin also bei Produzent und B-Movie-Gott Roger Corman und bat ihn, den Film zu produzieren. „Der Ruf von Roger Corman ist, schnell und billig zu sein", sagt Langford, „die Qualität ist nicht immer gegeben. Aber das muss sie auch nicht." (Damals hat Jurassic Park zum Beispiel alle Rekorde an den Kinokassen gebrochen, also hat Corman seinen eigenen Dinosaurier-Thriller namens Carnosaur gemacht, mit dem er einen netten kleinen Gewinn gemacht hat.)

Der Deal war laut Langford, dass Corman und Constantin jeweils 750.000 Dollar aufbringen, sodass das Budget insgesamt 1,5 Millionen Dollar betrug. Zum Vergleich: die Produktionskosten von Masters of the Universe, der nicht wesentlich besser oder schlechter als The Fantastic Four ist, betrugen 22 Millionen Dollar.

Die Neue Constantin „hat sich bedeckt gehalten, warum sie so schnell mit der Produktion beginnen wollte", sagt Langford. Tatsächlich wusste niemand, dass es ein raffinierter Plan war, um die Rechte zu behalten, ohne viel Geld auszugeben. „Sie dachten einfach, es wäre ein weiterer Auftrag und zwar ein wirklich interessanter, der ihnen helfen könnte."

Sassone, ein wirklicher Filmfreak bis zum bitteren Ende, erinnert sich daran, aufgrund dieser Chance überglücklich gewesen zu sein. Er hat gedacht: „Seht nur Leute, wir sind im Filmgeschäft! Das ist großartig! Wir machen alle Filme!" 1992 war er ein erfahrener Regisseur von Werbespots und Musikvideos, der bereits ein paar Corman-Filme gemacht hatte. Aber diese Adaption eines beliebten Comicbuchs schien—selbst vor dem Hintergrund schwacher Produktionsbedingungen—eine Möglichkeit für einen großen Wurf zu sein.

„Du kannst nicht einfach sagen: ‚Oh, es ist Roger Corman. Das interessiert niemanden", sagt Sassone—Corman hatte mit vielen großen Namen gearbeitet, bevor sie berühmt wurden, inklusive Francis Ford Coppola, James Cameron, Ron Howard und Jonathan Demme. „Hier waren wir also und arbeiteten für den Typen, der Karrieren in Gang setzte. Du weißt schon, wie das läuft: Du machst einen Film für wenig Geld, er hat riesigen Erfolg und dann will jeder einen Film mit dir machen", sagt er.

Das Drehbuch hat Craig J. Nevius innerhalb von drei Wochen geschrieben. Das Casting war im Oktober, zwei Monate bevor die Produktion beginnen sollte. Während der Pre-Production wurden Dinge wie Set-Design natürlich überstürzt, was dem finalen Produkt anzusehen ist. Eine Sache war jedoch erstaunlich gut: The Thing, der Riese mit steinerner Haut, der das Superhelden-Team mit Muskeln und viel Angst bereichert.

Sassone hatte eine Vision für The Thing: „Er ist eine verlorene Seele. Die anderen drei Mitglieder der Fantastic Four können ihm keinen Trost bieten", sagt Sassone.

Langford behauptet, dass ein signifikanter Teil der Fan-Community „zustimmt, dass dieser The Thing sowohl besser als [der von 2015] als auch der von Michael Chiklis ist", was am treuen Festhalten an Jack Kirbys ursprünglichem Entwurf und seinen ausdrucksstarken Augenbrauen liegt. Die Animation des Gesichts ist in dem Stile gehalten, der in den Filmen Harry and the Hendersons und den Turtles aus derselben Zeit bekannt gemacht wurde.

Laut Entertainment Weekly begannen die Dreharbeiten am 26. Dezember. „Als die erste Klappe fiel, mit der ersten Einstellung, am ersten Tag, hielten sie für weitere zehn Jahre die Rechte", so Langford.

Die Mission war für die Neue Constantin erfüllt. Egal ob es eine Crew an Ahnungslosen gab, die einen Film drehten, von dem sie nur wussten, dass seine Produktion schnell gehen müsse. Doch eigentlich musste nur die Pre-Production schnell gehen, um die Option zu behalten. Aber um den Anschein zu wahren, würde auch die Produktion schnell gehen müssen. Das ergibt nur Sinn.

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„Die Arbeitszeiten waren brutal und wir hatten es eilig, fertig zu werden", so Sassone.

Und das sieht man dem Endprodukt an. Die übertrieben theatralischen, aber unterhaltsamen Darbietungen von den Hauptdarstellern Alex Hyde-White, Jay Underwood, Rebecca Staab und besonders von Carl Ciarfalio, der The Thing in kompletter Kostümierung spielt, haben eine recht hektische Energie. Der Schnitt ist schnell; die Kamera bewegt sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Das Meiste funktioniert sogar tatsächlich irgendwie. Aber es gibt ein großes Problem.

„Die Spezialeffekte in dem Film sind lächerlich", sagt Langford. Er behauptet jedoch, dass dies nicht Sassones Schuld war. „Der Typ, der sie gemacht hat, hat es irgendwie falsch gemacht. Er hat uns etwas gegeben, das beinahe so etwas wie Animatics war—vorläufige Platzhalter-Effekte."

Die Effekte führen zu einigen lustigen So-schlecht-dass-es-schon-wieder-gut-ist-Momenten. Ganz am Ende des Films verlassen Reed Richards und Sue Storm nach ihrer Hochzeit die Kirche. Als die Limo mit „Just Married"-Schild davon fährt, winkt zum Abschied ein alberner, 3,50 m großer Arm aus dem Auto. „Es sieht fast so aus, als hätten sie vier Schwimmnudeln aneinander geklebt, mit Spandex überzogen und einen Handschuh ans Ende geklebt", sagt Langford.

Trotzdem, der einflussreiche Comic- und Film-Blog Den of Geek bezeichnete das fertige Projekt aufgrund der beispiellosen „Treue zum Ausgangsmaterial" und der „absolute Hingabe, mit der er sich einer so unmöglichen Aufgabe nähert, wenn man das Budget bedenkt" als „erstaunlich".

Und so rechnete Sassone auch fest damit, dass er veröffentlicht wird. Fan-Screenings von Ausschnitten hatten Begeisterung ausgelöst und Roger Corman hatte die notwendige Infrastruktur, um einen Film zu vertreiben. Als die Verantwortlichen in Anzug das realisierten, so Sassone, „mussten sie Roger dafür bezahlen, den Film nicht zu veröffentlichen."

Auf die Frage, wann er bemerkt hat, dass die gesamte Produktion nur ein fauler Trick war, erinnert sich Sassone an einen Moment, in dem er alleine im Auto saß. „Ich erinnere mich genau daran, wo ich war. Ich war auf dem San Vicente Boulevard Richtung Beverly Boulevard unterwegs", sagt er. Sein Telefon klingelte und Corman war dran.

„Er sagte: ‚Oley. Hier ist Roger. Ich wollte dich nur anrufen, um dir dafür zu danken, dass du diesen Film fertiggestellt hat. Du hast so einen tollen Job gemacht. Ich habe gerade einen Scheck über eine Million Dollar bekommen.'" Nach dem merkwürdigen Beginn erwartete Sassone nach eigener Aussage endlich gute Nachrichten bezüglich der Veröffentlichung des Films oder dem nächsten Schritt in seiner Karriere. Das passierte nicht. Es passierte gar nichts.

„Ein Exemplar des Films? Ein Gutschein für ein schönes Essen in einem feinen Restaurant? Irgendwas?" Doch alles, was von Corman kam, war ein Dankeschön. „Ich sagte: ‚OK, gern geschehen, Roger. Wir sprechen bald' und legte auf."

„Ich starrte nur entgeistert in L.A. vor mich hin und habe mich gefragt ‚Was zur Hölle?'", sagt Sassone.

Mit dem Wissen, dass der Film fallen gelassen wurde, hat sich Sassone auf die Suche nach einer guten Kopie für den Eigengebrauch gemacht. Wie in Doomed beschrieben sind Sassone und Cutter Glenn Garland mit Taschenlampen in die Filmkammer von Roger Corman eingebrochen, in der Hoffnung, ein Negativ zu finden, das sie stehlen können, um ein Ergebnis ihrer harten Arbeit vorweisen zu können. Aber das Negativ war verschwunden. Es gab das Gerücht, dass es verbrannt worden war.

„Ich nehme es ihnen sehr übel, dass sie das getan haben", sagt Sassone.

Stan Lee, der das Superhelden-Team zusammen mit Jack Kirby entwickelt hat, hatte das Set besucht und Entertainment Weekly gesagt, dass der Film begraben wurde und es ihm „sehr, sehr leid tue für die Schauspieler und den Regisseur sowie die meisten Leute, die am Film beteiligt waren". Um den Film selbst tat es ihm jedoch nicht leid: „Es brach mir das Herz, als ich daran dachte, dass er nur als Low-Budget-Schnellschuss erscheint. Wenn du es mit etwas wie Terminator 2 vergleichst, dann bin ich froh, dass sie ihn nochmal machen."

Und das haben sie. Leider ist die 2005er Version von Fantastic Four kein Terminator 2. Er wird als, na ja, schlecht angesehen und hat bei Rotten Tomatoes einen Score von 26 Prozent (und ein IMDB-Rating von 5,7). Roger Ebert hat in seiner Rezension geschrieben: „Hinter den wirklich guten Superhelden-Filmen wie Superman, Spider-Man 2 und Batman Begins bleibt Fantastic Four so weit zurück, dass der Film sich schämen sollte, in den gleichen Kinos zu laufen." Das 2007er Sequel Fantastic Four: Rise of the Silver Surfer ist nicht viel besser und Fox hat die Pläne für einen dritten Film und ein Silver Surfer Spin-off anscheinend verworfen.

Eichingers Trick hingegen hat wirklich funktioniert—seine Firma hat die Rechte für weitere zehn Jahre behalten und es scheint, als wäre die Firma an der neuesten Version von Fantastic Four wieder beteiligt.

Jeder dieser neuenFantastic Four-Filme verdankt jedoch auf sehr konkrete Weise alles dem Arbeitsethos eines obskuren Regisseurs namens Oley Sassone, der sich 1992 seinen Weg durch ein Labyrinth einer Produktion gebahnt hat und fünf Tage vor der Deadline mit der Produktion beginnen konnte.

Mehr Informationen zu ‚Doomed: The Untold Story of Roger Corman's the Fantastic Four' gibt es auf der Homepage des Films.