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Na gut, dann habe ich halt ein Alkoholproblem

Tagelang ohne Essen auskommen ist für mich inzwischen fast schon normal. Aber der bloße Gedanke an ein Leben ohne Alkohol lässt bei mir Panik ausbrechen.

von Megan Koester
02 Oktober 2014, 9:41am

Ich trinke zu viel. Du fragst dich jetzt sicher, woher ich weiß, dass ich zu viel trinke. Nun, ich trinke, während ich gerade diese Zeilen tippe—eine Hand auf der Tastatur, die andere am Glas.

Mein Trinkverhalten war nie der Grund für den Verlust meines Hauses, meiner Familie oder meiner Karriere. Allerdings kann ich diese Dinge nicht verlieren, weil ich sie nicht habe. Man könnte jetzt sagen, dass ich sie nicht habe, weil ich stattdessen ein Alkoholproblem habe. Und dieses Problem habe ich vor der Eingabe dieser Worte (ja, wieder nur mit einer Hand) bewusst ignoriert und viel zu lange nach irgendwelchen Ausreden gesucht.

Bei mir gibt es eine Regel: Es wird erst nach Sonnenuntergang getrunken. Jahrelang war das mein Beweis dafür, dass ich kein Problem habe (ich muss allerdings zugeben, dass diese Regel außer Kraft gesetzt wird, sobald ich auch nur annähernd so etwas wie Urlaub habe—auch nur einen halben Tag). Tagein, tagaus habe ich mir selbst auf die Schulter geklopft und mich für meine Selbstdisziplin beglückwünscht—dabei wartete ich ungeduldig darauf, dass die Sonne endlich nicht mehr am Horizont zu sehen war. Allerdings auch nur dann, wenn die Vorhänge in meiner Wohnung weit genug aufgezogen waren.


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Es ist allerdings auch ziemlich einfach, mit dem ersten Cocktail bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten, wenn man sich den ganzen Tag lang von der Hölle erholen muss, in die man seinen Körper in der Nacht zuvor geschickt hat.

Anscheinend sind für mich die Präsenz von Alkohol und eine Lobotomie im Grunde dasselbe. Die Tage verschwimmen und sind in ihrer Banalität komplett austauschbar. Ich wache mittags auf, stolpere benommen durch die Gegend, nehme durch unzählige soziale Netzwerke an den vergleichsweise glücklichen Leben meiner produktiveren und ausgeglichenen Freunde teil und trinke ganz langsam und systematisch Kaffee. Richtig viel Kaffee. Kaffee ist ein Muss, seine blass-braunen Oberfläche spiegelt die Farbe meiner ständig vorhandenen Augenringe. Wenn die Sonne am höchsten steht, lebe ich so vor mich hin, umgeben von einem nebligen Schleier.

Ich bin gleichzeitig auch immer in krampfhafter Eile, wenn ich meine viel zu kleine Ein-Zimmer-Wohnung verlassen muss. Diese endlose Hetze macht jede noch so wichtige oder unwichtige Situation unerträglich. Ich merke, wie ich mich immer häufiger für meine Unpünktlichkeit entschuldige, wenn ich an roten Ampeln verzweifelte SMS verschicke und dabei immer wieder vor Frust auf mein Armaturenbrett einhämmere. Natürlich macht mich der Verkehr wütend, aber noch wütender bin ich auf mich selbst.

Ich bin sauer, weil ich mal wieder alleine bis in die frühen Morgenstunden damit beschäftigt war, auf Youtube Musikvideos anzuschauen, die ich eh schon auswendig kenne. Dazu schreibe ich peinliche Mails—mit einem zugekniffenen Auge. Das andere ist blutunterlaufen und zuckt, weil ich nicht mehr geradeaus sehen kann. Nur ganz, ganz selten lese ich mir diese Mails nach dem Abschicken noch einmal durch. Ich will gar nicht wissen, was da drin steht.

Darunter leidet meine Produktivität. Ich sage mir selbst und jeder anderen Person in Hörweite, dass ich nur eine Schreibblockade habe. In Wirklichkeit ist es eine Lebensblockade. Die Vorstellung eines Daseins im Normalzustand macht mir richtig Angst. Ich fürchte mich vor der nüchternen Realität, die ein klarer Kopf mit sich bringen würde. Deshalb trinke ich.

Manchmal erzählen mir Freunde naiv und in einem besorgten Ton, dass sie zu viel getrunken haben—drei oder manchmal auch vier Nächte hintereinander. Je nach Alkoholpegel täusche ich dann entweder Sorge vor oder sage ihnen, dass ich seit praktisch einem Jahrzehnt jede Nacht betrunken bin. Je nachdem, wie tief die anderen schon ins Glas geschaut haben, finden sie diese Info entweder lustig oder traurig. Das ist mir egal, ich fühle gar nichts. Deshalb trinke ich.

Das Wort Mäßigung wurde aus meinem Vokabular gestrichen. Ich trinke, bis nichts mehr da ist. Dann trinke ich manchmal noch weiter. Mir ist das Flüssige wichtig, nicht das Feste. Ich schaffe es, tagelang ohne Essen auszukommen. Dann besteht meine Ernährung aus Dip-Soßen—aber ich sterbe bei der Vorstellung, in einem trockenen Haushalt zu leben.

Wie so viele andere auch, benutze ich meine Sozialphobie als Ausrede, um ständig unter Alkoholeinfluss zu stehen. Die Interaktion mit der Welt fällt durch einen Filter viel einfacher. Es ist doch auch einfacher, Selfies mit einem Filter zu posten. Diese Filter verdecken schließlich die Fehler, die nicht sofort zu sehen sind.

Ich bin Standup-Comedian und trete regelmäßig betrunken auf. Als Comedian wird man oft nur mit Getränkegutscheinen bezahlt. Als extrem geiziger Mensch würde es mir gar nicht erst in den Sinn kommen, etwas Kostenloses abzulehnen. Und damit stehe ich nicht alleine da. Meine Comedy-Kollegen und ich haben ein Spiel namens „Wer landet zuerst bei den Anonymen Alkoholikern?" Wir haben alle Angst davor, eine Niederlage zuzugeben.Wir haben auch alle Angst davor, die Person zu sein, die nicht mehr klarkommt, die nicht mehr mithalten kann, die Partystimmung versaut. Irgendwann wird das aber nicht mehr zu vermeiden sein. Die Liste der Comedians, die für Alkoholismus zu alt geworden sind, ist länger als die Liste der Comedians, die auftreten wollen. Fast jeder meiner Kollegen über 35 wurde irgendwann trocken und hat sich mit dem Schicksal abgefunden, die traurige, wasser-trinkende Seele einer Show zu sein. Ich denke mal, das bedeutet Folgendes: Ich habe noch vier gute (und damit meine ich schlechte) Jahre des Trinkens vor mir.

Man wird ja immer angehalten, mit Bedacht zu trinken. Das höre ich mir an, murmle ein ‚Alles klar' und betrinke mich dann bis zur Besinnungslosigkeit. Oft gehe ich zu Fuß irgendwo hin, weil ich weiß, dass ich später besoffen sein werde. Meine Nacht wird um mein Trinkverhalten herum geplant. Meistens sind das die einzigen Pläne, die ich überhaupt mache.

Ich glaube, dass mein Lieblingsdrink Bourbon ist, aber ich lege mich da nicht so genau fest. Wenn der Alkoholgehalt über Null Prozent liegt und das Getränk zumindest halbwegs schmeckt, dann immer her damit. Ich habe keine Ahnung, was einen guten Wein ausmacht. Dafür weiß ich umso besser, wie mittelmäßiger Wein schmeckt. Er schmeckt großartig.

Ich sage mir immer wieder, dass ich so nicht weiterleben kann. Und doch weiß ich ganz tief in mir drin, dass es so weitergehen wird. Die Alternative wäre das Unbekannte. Die Alterntive wäre, sich schwierigen Fragen zu stellen. Ich trinke jetzt schon so lange, dass ich nicht mehr weiß, wie es sich ohne anfühlt. Meine Beziehung zum Alkohol hält jetzt schon länger als die meisten Ehen—irgendwie sind wir auch verheiratet. Wir sind zusammen und können nicht Schluss machen, weil wir uns in unserer Gleichgültigkeit wohlfühlen. Ich will unbedingt die Scheidung. Ich will allerdings auch nicht alleine sein. Deshalb trinke ich.

Wenn du unter Alkoholsucht leidest, kannst du dir bei den Anonymen Alkoholikern helfen lassen.

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