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Warum ein Tag im Grünen tatsächlich einen positiven Einfluss auf unsere psychische Gesundheit hat

Wissenschaftler beschäftigen sich immer mehr mit der Frage, ob Wiesen und Wälder bei der Behandlung von Depressionen und Angststörungen behilflich sein können.

von Lucy Jones
30 Mai 2016, 7:00am

Illustration: Dan Evans

Bist du nach einem Tag im Grünen auch schon mal nach Hause gekommen und hast dich irgendwie ... besser gefühlt? Besser gelaunt, entspannter, ruhiger? Es wirkt naheliegend, dass es gut für unsere Psyche ist, von Zeit zu Zeit aus der Betonhölle der Stadt zu entkommen. Doch erst vor Kurzem haben sich auch Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt, ob Blumen, Gras, Bäume und wilde Tiere zur Behandlung von Depressionen oder Angststörungen eingesetzt werden könnten.

Das Konzept der Ökotherapie—also die Idee, eine Verbindung zur Natur herzustellen, um unser Wohlbefinden zu steigern—ist nichts Neues. Schon 1984 hat Edward O. Wilson in seinem Buch Biophilia die Theorie aufgestellt, dass der Ursprung unserer Naturverbundenheit in unserer Biologie und unseren Genen verankert ist. Ungefähr zur selben Zeit, als Wilson sein Buch geschrieben hat, begann ein japanischer Arzt, seinen Patienten Shinrin-yoku, also Waldbaden, zu verschreiben. Im 19. Jahrhundert prägte der norwegische Dichter Henrik Ibsen den Begriff "Friluftsliv", was so viel heißt wie "an der frischen Luft leben". Schon nach kurzer Zeit hat sich Friluftsliv zu einem kulturellen Phänomen in Skandinavien entwickelt. Jedoch fehlte es bisher an stichhaltigen wissenschaftlichen Beweisen, um die Erfahrungsberichte, dass sich der Aufenthalt in der Natur positiv auf unsere psychische Gesundheit auswirkt, zu untermauern. Das ist nun anders.

Im April veröffentlichte Peter James gemeinsam mit einem Team der Havard University eine Studie über den Zusammenhang zwischen dem Aufenthalt im Grünen und der Sterblichkeitsrate. Hierfür wurden 100.000 Krankenschwestern aus allen Teilen der USA über einen Zeitraum von acht Jahren untersucht. Dabei haben die Forscher festgestellt, dass die Sterblichkeitsrate bei den Personen, die in den grünsten Gegenden leben, um 12 Prozent niedriger war als bei denjenigen, die in den am stärksten bebauten Gebieten leben. Um herauszufinden, welche Faktoren zu diesem Ergebnis führten, sammelten die Forscher Informationen über ärztlich diagnostizierte Fälle von Depressionen und Fällen, in denen Antidepressiva verschrieben wurden. Anhand der geringeren Depressionsraten wurde bestimmt, in welchen Gegenden die Menschen psychisch gesünder waren, was nach Einschätzung der Wissenschaftler fast 30 Prozent der Vorteile ausmacht, in einer grüneren Gegend zu leben.

"Die Größenordnung [dieser Ergebnisse] war überraschend", sagt Peter. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung zeigen, dass Wilsons Theorie der "Biophilie" korrekt ist: "Es hat direkte kognitive Vorteile und einen stärkenden Effekt, sich in der Natur aufzuhalten—ein Mechanismus, den wir in der Natur entwickelt haben, um es zu genießen, in der Natur zu sein."

Peter hebt jedoch auch hervor, dass man deshalb nicht unbedingt aufs Land ziehen muss. Rund drei Viertel der Menschen in Deutschland leben in städtischen Gebieten und die Studie spricht dafür, dass auch kleine Dinge wie begrünte Straßen oder mehr Parks einen bedeutenden positiven Einfluss auf unsere Gesundheit haben können.

Ich bin ein echter Naturjunkie und kann diese Einschätzung nur bestätigen. Ich liebe den Pfirsichbaum, der vor meinem Schlafzimmerfenster steht, in dem ich auch oft arbeite. Im Frühling ist der Baum voller cremefarbener Blüten und leuchtend grüner Blätter. Letztes Jahr hat mein Nachbar ein Baugerüst aufgestellt, das meine Sicht auf den Baum blockiert hat. Ich war überrascht—und auch ein wenig baff—wie stark meine Laune davon beeinflusst wurde, dass ich den Baum nicht sehen konnte.

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Studien haben gezeigt, dass sich tatsächlich auch so kleine Dinge wie ein Pfirsichbaum, den man jeden Tag sieht, positiv auf unsere psychische Verfassung auswirken können. Vor Kurzem ist ein Bericht von der Organisation Natural England erschienen, der gezeigt hat, dass Menschen, die unter psychischen Problemen leiden, davon profitieren an naturorientierten Aktivitäten teilzunehmen. Diese wiederum tragen dazu bei, Ängste, Stress und Depressionen abzubauen.

MindFood ist eine Kleingartensiedlung in Westlondon, wo Kurse angeboten werden, bei denen Leute lernen sollen, wie sie Einfluss auf ihr psychisches Wohlbefinden nehmen können. Die Kurse richten sich an Leute mit verbreiteten psychischen Problemen und bieten ihnen die Möglichkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten, sich um den Garten zu kümmern, neue Fähigkeiten zu erlernen und von den Vorteilen leichter körperlicher Bewegung zu profitieren.

Lucy Clarke ist eine der Klienten von MindFood. Nach einer depressiven Phase hat sie sich dem Projekt angeschlossen. Sie wollte etwas zu tun haben, bevor sie wieder in ihren Job zurückkehrt. Der Kurs hat unter anderem einen sehr praktischen Nutzen: "Die regelmäßigen Besuche im Schrebergarten geben mir ein wenig Struktur. Es verleiht dem Leben einen Sinn, wenn man ihn am dringendsten benötigt", sagt sie.

Es hat auch etwas Stärkendes, sein Essen selbst anzubauen: "Man verliert sich selbst im Moment, man vergisst alles um sich herum, wenn man sich um etwas kümmert, das größer ist als man selbst, und wenn man genau hinsieht, dann sieht man, dass die Natur eine unendliche Quelle an Wundern ist."

"Die Arbeit im Freien bringt dich raus aus deinem Kopf und zurück in die Welt."

"Kurz gesagt: Die Arbeit im Freien bringt dich raus aus deinem Kopf und zurück in die Welt", sagt Ed Harkness, einer der Mitarbeiter des Projekts. Der Großteil der Teilnehmer, sagt Ed, wird durch ihren Hausarzt oder die Initiative "Verbesserter Zugang zu psychologischen Therapien" des Staatlichen Gesundheitsdienstes oder irgendeine andere behandelnde Institutionen auf das Programm aufmerksam. "Die Gesellschaft verändert sich und wir sind nicht die einzigen, die festgestellt haben, dass Präventionsprogramme äußerst wichtig sind", sagt Ed. "Egal bei welchem Wetter oder wie klein und städtisch der Garten auch sein mag, der Gärtner lernt, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Seine Hände in der Erde zu haben und regelmäßigen Aufgaben wie Jäten oder Sähen nachzugehen, hilft den Leuten dabei, die eigene Energie zu bündeln, und gibt ihnen die Freiheit, aus dem üblichen Hintergrundrauschen aus Gedanken und Gefühlen auszubrechen."

In manchen Gegenden sind die Ökotherapie und das "biophile" Denken auf dem Vormarsch. In Südkorea gibt es bereits drei therapeutische "heilende Wälder" (34 weitere sind für 2017 geplant). In Schweden werden gestressten Arbeitern virtuelle Naturerlebnisse verschrieben. Und vielleicht werden auch uns bald "Vitam G" (Grün) und "Vitamin N" (Natur) vom Hausarzt verschrieben.