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Wirre Welt

Jetzt darf man sich nicht mal mehr über Aluhüte lustig machen

Jürgen Elsässers 'Compact'-Magazin fühlt sich diskriminiert und Kritik an Verschwörungstheorien ist der neue Antisemitismus.

von Kentrail Staff
18 Mai 2016, 8:00am

Foto: Flickr | Chris | CC BY-SA 2.0

Das Compact-Magazin von Jürgen Elsässer ist selten um eine steile These verlegen. In einem aktuellen Online-Artikel behauptet der Redakteur Arne Fischer, die Bezeichnung "Aluhut" für Verschwörungsspinner stünde in der Tradition der Judenverfolgung. Um zu dieser, sagen wir mal, interessanten Schlussfolgerung zu gelangen, greift Fischer auf eine gewagte historische Analogie zurück. Kurz zusammengefasst: Im Mittelalter habe man die Juden gezwungen, einen Metallhut zu tragen, heute setzt "das System" seinen Kritikern virtuell den Aluhut auf.

Tatsächlich schrieben viele deutsche Städte den Juden seit dem IV. Laterankonzil von 1215 vor, einen stigmatisierenden Hut zu tragen. Diese Kennzeichnung ging in der Regel mit anderen Formen der Ausgrenzung einher, die genaue Rechtslage wich von Ort zu Ort ab. Allerdings sind die überlieferten Darstellungen solcher Hüte keine realistischen Abbildungen. Sie bedienen sich einer zeitgenössischen Symbolik, die nicht direkt mit der damaligen Wirklichkeit in eins gesetzt werden kann. Ansonsten müsste man auch annehmen, dass Märtyrer schon zu Lebzeiten leicht auf der Straße erkannt werden konnten, weil sie grundsätzlich leuchtende Kränze um ihre Köpfe trugen ...

Anders ausgedrückt: Das Mittelalter kannte keine Aluhüte, die wurden später erfunden.

Aber natürlich geht es einem Compact-Autor auch nicht darum, sein—aller Wahrscheinlichkeit nach—auf Wikipedia erworbenes Wissen über die Geschichte weiterzugeben. Sondern eher darum, seinen politischen Gegnern "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" und totalitäre Tendenzen zu unterstellen. Die eigenwillige Hermeneutik, der er sich dabei bedient, wirft ein Schlaglicht auf neurechte Argumentationen im Allgemeinen.

Der Leser erfährt etwa, dass der "vollwertige, charakterlich und in seinem Umfeld ethisch gefestigte Mensch" sich generell nicht als "Erfüllungsgehilfe" eines autoritären Regimes eigne, dazu sei nur ein feiger "Charakterlump" imstande. Solche niederträchtigen Typen, die aus purem Neid alles "Organische" und Aufrechte bekämpfen, habe es bei der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka gegeben und bei der Gestapo. Äußerlich erkenne man sie an einer "leicht gebeugte[n] Haltung". Die wiederum ist auch beim heutigen Autonomen zu erkennen, glaubt Fischer. Beweisführung abgeschlossen.

Screenshot von der Facebookseite von Compact

Dieser Text ist sicher nicht herausragend. Seine Mittelmäßigkeit zeigt aber besonders deutlich eine typische Argumentationsstrategie der Neuen Rechten. Die ist letztlich simpel, wenn man das Prinzip einmal durchschaut hat: Der Autor greift Schlagworte aus der Debatte um die "Mahnwachen" und Compact auf, verdreht ihre Bedeutung und wendet sie gegen die Personen, die er für seine politischen Gegner hält. Die Grundlage dabei bietet—wie bei Neurechten üblich—eine Naturalisierung der Politik. Ein Mensch ist zum Beispiel einfach ein "Charakterlump", deshalb vertritt er eine bestimmte Ansicht. Und nicht zuletzt greift eine solche Patchwork-Argumentation eben auch implizit auf das antisemitische Stereotyp des missgünstigen Außenseiters zurück, der das "Organische" und damit die höherwertige Ordnung zersetzen will, weil er darin keinen Platz hat.

Dieser Text ist zuerst auf der Kentrail-Verschwörung erschienen.

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