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Auch wenn Helmut Schmidt gestorben ist, muss man seine Meinungen kritisieren dürfen

Deutschland vergeht in Trauer um einen ehemaligen NS-Offizier, Sarrazin-Verteidiger und Klimaschutzgegner.

von Stefan Lauer
12 November 2015, 6:08am

Foto: Imago/Future Image​

Dass ich Jürgen Elsässer mal Recht geben muss, hätte ich in diesem Leben auch nicht mehr gedacht. Und schuld ist Helmut Schmidt. Bekanntlich ist der Altkanzler am 10. November im Alter von 96 Jahren gestorben. Erika Steinbach trauerte in ihrer ganz eigenen Art und Weise und twittert ein Foto mit dem Schmidt-Zitat von 1981 „Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag."

Screenshot von Twitter (mittlerweile gelöscht)

Und das Internet explodiert. Erika Steinbach wird vorgeworfen, den Tod von Schmidt für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Das Problem ist aber: Helmut Schmidt hat diesen Satz so gesagt. Ein Jahr später sagte er übrigens auch: „Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze." 2014 sagte er: „Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen." Und bezeichnete im gleichen Interview die Angst vor „Überfremdung" als normal und weiter: „Ich wehre mich dagegen, die Deutschen als besonders fremdenfeindlich auf die Anklagebank zu setzen."

Und dann kommt Jürgen Elsässer ins Spiel. Der lobt nämlich in einem Blogpost Steinbach und auch Schmidt, genau dafür, was in Schmidts Satz ausgedrückt wird, denn „Was im Augenblick auf Betreiben der Kanzlerin passiert—die Zerstörung von Staat und der Austausch des Volkes—, das wäre mit ihm nie möglich gewesen. Niemals nie." Ob das jetzt stimmt oder nicht, kann man nicht wirklich sagen. Was man aber sagen kann, ist, dass sich die Meinungen von Steinbach, Elsässer und Helmut Schmidt in Teilen gedeckt haben.

Erika Steinbach und Jürgen Elsässer trauern um einen Sozialdemokraten des rechten Flügels, der Einwanderung stark begrenzen wollte und das auch immer wieder so gesagt hat. Steinbach wird jetzt Pietätlosigkeit und Unmenschlichkeit vorgeworfen, Schmidt bleibt dabei außen vor. In der FAZ verfällt man deswegen auch in Nostalgie, „Schmidt entstammte einem anderen Zeitalter, wo die Polarisierung in der politischen Debatte noch nicht als ein Verstoß gegen die guten Sitten galt."

Zu dieser Selbstverständlichkeit des „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" gehört dann wohl auch, dass Schmidt Thilo Sarrazins Thesen verteidigt hat. In einem Bild-Interview von 2010 sagte er: „(...) Sarrazin hat recht, was die Integrationsbereitschaft und -fähigkeit vieler Moslems betrifft: Wer vom Säuglingsalter an in einer völlig europafremden Umgebung groß geworden ist – mit völlig anderem Verhalten gegenüber dem Vater, gegenüber Frauen, mit einem anderen Ehrbegriff –, der lebt sich sehr viel schwerer in die deutsche Gesellschaft ein." Im gleichen Gespräch wird auch deutlich, dass der Islam für Schmidt durchaus eine Bedrohung darstellte. Einen möglichen EU-Beitritt der Türkei lehnte er nicht aus menschenrechtlichen Gründen oder wegen der Pressefreiheit ab, sondern, weil „dann (...) zig Millionen Moslems freien Zugang zu ganz Europa haben und unsere Arbeitsmärkte und Sozialsysteme überschwemmen."

Schmidt ist schon zu Lebzeiten zu einer unangreifbaren bundesrepublikanischen Ikone geworden, aber niemand scheint so richtig zu wissen warum. Die Welt schreibt über sein letztes großes Interview mit Sandra Maischberger: „Oft geht das, was er sagt, nicht über Allgemeinplätze hinaus." Schmidt war so westdeutsch, wie man nur sein kann. Er war Offizier im Nationalsozialismus und ihm wurde von Vorgesetzten mehrfach eine „einwandfreie nationalistische Haltung" attestiert. Darum geht es unter anderem in „Helmut Schmidt und der Scheißkrieg", einer Biografie von Sabine Pamperrien. Darauf angesprochen antwortete Schmidt bei Maischberger nur mit „Das ist reiner Quatsch. Das ist dummes Zeug." Und weiter: „Ich war weiß Gott kein Nazi, aber habe während des Krieges als Soldat meine Pflicht erfüllt." Na dann.

Im Kriegsgefangenenlager hörte er dann einen Vortrag von Hans Bohnenkamp, einem ehemaligen SA- und NSDAP-Mitglied, mit dem Titel „Verführtes Volk". Vom Inhalt ist nicht viel überliefert, aber man kann davon ausgehen, dass es darum geht, dass das Volk (wie ja auch die Wehrmacht) wie eine unschuldige Jungfrau vom bösen Diktator verführt worden ist. Den Einzelnen konnte man so jede Schuld nehmen und befreit ins Wirtschaftswunder starten.

Man könnte auch darüber reden, wie unter Schmidt als Hamburger Innensenator, zwischen 1964 und 1975, mit falschen Spiegeln und „Guckkabinen", in denen Polizeibeamte saßen, „aufdringliche Homosexuelle" von „ekelerregenden Belästigungen" in öffentlichen Toiletten abgehalten werden sollten. Schwule Männer, die auf den Toiletten beim Sex erwischt wurden, landeten in einer Datei und konnten ab dem Zeitpunkt bei jeder Personenkontrolle als schwul identifiziert werden. Oder man könnte erwähnen, dass Schmidt sich geweigert hatte, den §175 abzuschaffen, der schwulen Sex noch bis weit nach Schmidts Amtszeit unter bestimmten Bedingungen unter Strafe stellte. Schmidt hatte sich 2010 in einem Leserbrief in der Welt dagegen gewehrt, sich aber auch nicht wirklich positioniert, sondern angegeben, sich nicht eingemischt zu haben: „Wahr ist vielmehr, dass ich mich nie mit der Sache befasst und deshalb mich auch zu keinem Zeitpunkt gegen die Streichung gestellt habe."

Deutschland sah Schmidt als intellektuellen, kettenrauchenden Elder Statesman. Ein Mann, der für die Werte der alten BRD stand—dass viele dieser Werte reaktionär waren, fällt immer noch unter den Tisch. An irgendeinem Punkt, vielleicht auch einfach nur durch seinen Charme, wurde Schmidt zu einem lebenden Denkmal. Dass viele von seinen Aussagen und Meinungen, wenn es nicht Allgemeinplätze waren, auch teilweise in sehr merkwürdige Richtungen gingen, so wandte er sich nicht nur gegen den Atomausstieg, sondern bezweifelte auch den Klimawandel.

Natürlich darf jeder um Schmidt trauern. Immerhin war er ein extrem charismatischer, smarter und weltgewandter Politiker, der seiner Familie und seinen Freunden sicherlich fehlen wird. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass Helmut Schmidt kein unangreifbarer Halbgott war, der vor sich hinrauchend Aphorismen von sich gab, sondern vielmehr ein Mensch, der auch eine Menge fragwürdige Meinungen vertrat.

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Titelfoto: Imago | Future Image