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Schweizer Sexualkunde-Gegner fantasieren vom Dildo-Unterricht in der Primar

Und davon, dass die Schüler zu Bordellbetreibern ausgebildet werden.

von Ivan Markovic
11 Juni 2015, 12:00pm

Foto von Ian T. McFarland

Wie sollen wir unserem Nachwuchs den Umgang mit Sexualität beibringen? Das Bienchen und Blümchen-Prinzip hat in Zeiten des Internets und schnell zugänglichem Sex ausgedient. Aus diesem Grund hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) neue Leitlinien für den staatlichen Sexualunterricht entwickelt.

Foto: youtube.com

Wissen schützt vor HIV, unerwünschten Schwangerschaften und sexueller Gewalt. Die Veränderungen im Bildungssystem gefallen nicht allen. Etwa der Baslerin Ulrike Walker, die auch Co-Präsidentin des Initiativkomitees „Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule" ist. Ulrike Walker hat in einem gemeinsamen Interview mit ihrem Mann schon mal gefordert, dass es wie in den USA separate Unis für Republikaner und Demokraten geben soll. Die Schweiz erinnert sie konstant an die DDR. Auch in Bezug auf Sexualerziehung leidet sie an Paranoia-Symptomen.

Auch nicht geeignet für den Sexualkundeunterricht: Milo Moiré

In einem professionell produzierten Video, das samt der netten, sachlichen Stimme aus dem Off etwas wirkt wie die Erzkonservative-Variante der Sendung mit der Maus, verbreitet sie Wahnbehauptungen: In der Sexualkunde der Primarschule soll der Umgang mit Dildos und das Bordellmanagement gelehrt werden—natürlich inklusive Doktorspielchen und Pornos im Unterricht.

Foto: youtube.com

Das stimmt natürlich alles nicht. Ich schau mir das Video weiter an und weiss, dass die Behauptungen haltlos sind. Aber die Stimme im Off bleibt sachlich bis freundlich, die Comic-Illustrationen sind nur minimal biederer als bei Extra 3 aber eigentlich wird einfach willkürlich behauptet und gelogen. Perverse Pointe am Rand: Dieselbe Volksinitiative gegen Sexualkunde wurde 2012 schon mal lanciert und nach nur einem Monat zurückgezogen.

Grund dafür war, dass ein Komiteemitglied wegen Kindesmissbrauch verurteilt wurde.

Foto: youtube.com

Wenn noch irgendjemand die sexuelle Aufklärung grundsätzlich hinterfragt: Studien der UNESCO zeigen, dass eine frühe Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität Risiken senkt und ungewollten Schwangerschaften vorbeugt. Beispielsweise sind nach der Einführung in Estland die Teenager-Schwangerschaften um 60 Prozent gesunken. Die Anzahl der HIV-Ansteckungen hat seither noch dramatischer abgenommen. Eine rechtzeitige Auseinandersetzung mit Sexualität ist wichtig.

Aber die Paranoia von Walker und Co kennt keine Grenzen und hat Züge einer Verschwörungstheorie: Die Guidelines sollen u.a. die Abschaffung der Elternrechte unterstützen.

Foto: youtube.com

Weitere Highlights des Videos:


„Allein im deutschsprachigen Raum sollen 15.6 Millionen Kinder im Umgang mit Dildos, Liebeskugeln, Peitschen und Handschellen geschult werden", erklärt die freundliche Stimme scheinbar sachlich. Weiter: „‚Wie richte ich ein Bordell ein, welches allen Menschen aller sexuellen Neigungen gerecht wird." sind die kniffligen Aufgaben, denen sich die Kinder stellen dürfen.

Ich habe bei der WHO nachgefragt, was sie vom Video und den Behauptungen denken: „ ... Die Aussagen in diesem Video entsprechen nicht der Wahrheit. Keine glaubwürdige Organisation (inklusive der WHO) würde diese Art von Empfehlungen für die Sexualerziehung vorschlagen..." Setzt man sich mit der Guideline auseinander, bleibt alleine die Forderung des europäischen Zweigs der WHO, dass Sexualkunde bei der Geburt beginnen soll. Also, eben das Bienchen-und-Blümchen-Prinzip. Nein, es wird kein Schulfach Bordellkunde geben, sondern nur die Pro-Haltung dazu, dass Menschen grundsätzlich ein Geschlecht haben und die Kinder nicht vom Storch gebracht werden.

Als bei mir das erste Mal in der Schule offen über Sex gesprochen wurde, war ein Grossteil der Schüler bereits im Bilde. Die unbeholfenen Versuche des Lehrers wurden von den Pubertierenden nur belächelt. Einige (wenn auch wenige) hatten bereits den ersten Geschlechtsverkehr hinter sich. Weder die Schule noch der Staat haben mich auf Sex, Krankheiten, Pädophile oder ungewollte Schwangerschaften frühzeitig vorbereitet. Gerade im kritischsten Alter wurde das Thema im Unterricht geradezu totgeschwiegen.

Foto: youtube.com

Es ist zweifellos klar, dass es kaum ein einheitliches System geben dürfte, mit dem alle—und alle Eltern—zufrieden sind. Mütter und Väter werden weiterhin eine zentrale Rolle in der Aufklärung ihrer Kinder spielen. Und auch Ulrike Walker und ihr Mann dürfen sich äussern—obwohl ihre Initiative wohl chancenlos bleibt. Aber zusammengelogene Videos wie dieses tun der Debatte nicht gut, denn egal was man für ein Weltbild hat: Auch die WHO will den Nachwuchs und nicht Bordellmanager heranzüchten.

Ivan auf Twitter: @iiivanmarkovic

Vice Switzerland auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild: Flickr | Ian T. McFarland | CC BY SA 2.0