"Einer meiner Kollegen kannte Osama bin Laden"

Die 25-jährige Julia Ebner teilt sich ihr Büro mit ehemaligen islamistischen Fundamentalisten. Sie arbeitet für einen Think-Tank in London. Wir haben sie gefragt, wie es ist, an der Seite von früheren Extremisten zu arbeiten.

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22 August 2016, 12:11pm

Julia Ebner, 25, kommt aus Wien und lebt seit zwei Jahren Jahren in London. Sie arbeitet für Quilliam, eine Organisation, die versucht, extremistische Gruppen einzudämmen und junge Menschen vor islamistischen Rekrutern zu schützen. Ihre Kollegen sind ehemalige Islamisten.

VICE: Du sitzt jeden Tag neben Kollegen, die früher mal islamistische Fundamentalisten waren. Wie ist das?
Julia Ebner: Das Arbeitsumfeld ist einzigartig. Bei Quilliam sind etwa die Hälfte der 16 Mitarbeiter selbst Aussteiger aus der islamistischen Szene. Quilliam ist der erste Anti-Extremismus-Think-Tank weltweit. Islamisten versuchen, jungen Leuten ein Weltbild in den Kopf zu setzen, in dem der Westen einen ständigen Krieg gegen den Islam führt und alle Muslime Opfer sind. Gegen dieses Bild kämpfen wir.

Wie bist du zu dem Job gekommen?
Meine Masterarbeit in Internationaler Geschichte habe ich über Frauen als Selbstmordattentäter geschrieben. Dazu habe ich meinen jetzigen Boss interviewt. Er ist einer der renommiertesten Experten im Bereich islamistischer Terror und Extremismus. Das Interview war sehr spannend, deshalb habe ich mich bei dem Think-Tank beworben.

In welchen Terrororganisationen waren deine Kollegen aktiv? Sprechen sie darüber überhaupt?
Meine Kollegen gehen transparent mit ihrer Vergangenheit um, manche reden sogar öffentlich darüber. Der Gründer von Quillam, Maajid Nawaz, hat eine Autobiografie über seine islamistische Vergangenheit veröffentlicht. Er war in der islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir aktiv und saß dafür in Ägypten vier Jahre im Gefängnis. Die Leute würden mir offen bei einer Tasse Tee ihren islamistischen Hintergrund erzählen. Alles habe ich aber nicht gefragt. Ob jene, die zum Beispiel in Afghanistan oder in Libyen gekämpft haben, dort gewalttätig waren, weiß ich nicht.

Julia mit ihrem Chef, dem Quilliam-Gründer und ehemaligen Extremisten Maajid Nawaz

Warum hast du nicht nachgefragt?
Ehrlich gesagt wollte ich es dann doch nicht so genau wissen. Ich schätze meine Kollegen sehr und will nicht, dass deren negative Vergangenheit mein Bild von ihnen verzerrt.

Siehst du denn die Kollegen negativer, je mehr du von ihnen weißt?
Nein, bislang nicht. Mich beeindruckt, wie sie sich gewandelt haben und die Stärke, die sie brauchten, um diese Netzwerke zu verlassen. Bei Quilliam kriegt jeder eine zweite Chance. Menschen, die früher die Steinigung von Abtrünnigen und Homosexuellen befürwortet hätten, setzen sich jetzt für eine moderne Auslegung des Islam ein. Sie riskieren ihr Leben, um islamistische Radikalisierung zu verhindern.

Wie wurden deine Kollegen von Fundamentalisten zu toleranten Extremismus-Bekämpfern?
Unser Gründer hat sich während seiner Zeit im ägyptischen Gefängnis viel mit Menschenrechten beschäftigt und darüber gelesen. Er hat dort andere Insassen kennengelernt, teilweise mit viel radikaleren Einstellungen, als er sie selbst hatte. Deren extremes Schwarz-Weiß-Denken hat ihn erschreckt. Aber er hat auch mit deutlich toleranteren Gefangenen gesprochen. Er erzählt, dass er durch die Gespräche mit anderen Gefangenen und mit Menschenrechtlern, unter anderem von Amnesty International, seine Engstirnigkeit aufgegeben hat.

Woher stammen deine Kollegen?
Sie sind alle in Großbritannien aufgewachsen. Sie haben sich hier meist schon während der Studentenzeit radikalisiert. Viele waren dann aber anderswo unterwegs, in Afghanistan, Libyen, Sudan oder Ägypten zum Beispiel. Der Gründer von Quilliam ist im Rahmen seines Studiums nach Ägypten gegangen. Andere glaubten, im Ausland mehr bewegen zu können, und wollten ihre Mitstreiter vor Ort im Dschihad unterstützen. So wie die jungen Leute, die jetzt nach Syrien ziehen. Manche Kollegen haben dort bei Terrororganisationen mitgearbeitet, denen sie schon in Großbritannien angehörten. Einige haben in den ausländischen Terrororganisationen hochrangige Positionen besetzt. Einer meiner Kollegen kannte Osama bin Laden persönlich.

Warum wurden sie zu fundamentalistischen Extremisten?
Zum einen haben weltpolitische Ereignisse wie der Militäreinsatz Großbritanniens im Irak viele radikalisiert. Sie hatten das Gefühl, dass westliche Regierungen eine Doppelmoral verfolgen: dass sie einerseits für Menschenrechte eintreten, aber sobald es um den Kampf gegen Terror geht, alle Werte vergessen. Charismatische Rekruter haben diese Weltsicht dann weiter befeuert. Der Hassprediger Anjem Choudary hat viele meiner Kollegen radikalisiert. Er wurde nun verurteilt, weil er zur Unterstützung des IS aufgerufen hat. Viele meiner Kollegen hatten außerdem das Gefühl, dass Muslime diskriminiert und benachteiligt werden, und das, obwohl sie selbst zum Großteil nicht arm sind und Top-Uniabschlüsse haben. Einige wurden aber rassistisch beschimpft oder von Rechtsextremen angegriffen. Das hat das Bild, das die Hassprediger zeichneten, bestätigt. Das Bild, dass sie selbst Opfer der Gesellschaft sind

Kannst du verstehen, warum jemand Islamist wird?
Wenn Menschen soziale oder ökonomische Probleme haben und ein charismatischer Rekruter genau diese Sorgen anspricht und dafür eine scheinbar einfache Lösung anbietet, dann können die meisten Leute zu Extremisten werden.

Haben deine Kollegen ihre islamistische Vergangenheit wirklich komplett abgelegt?
Ja. Das ist auch notwendig, um bei Quilliam mitzuarbeiten. Meine Kollegen sind liberal und tolerant. Die meisten von ihnen sind noch Muslime, radikal sind sie aber nicht mehr.

Das heißt, für sie bist du als Frau gleichberechtigt?
Auf jeden Fall. Diejenigen, die früher frauenfeindlich waren, sind heute Feministen. Wir haben sogar ein eigenes Frauenrechtsdepartment.

Woher wisst ihr bei neuen Mitarbeitern, dass sie keine Fundamentalisten mehr sind?
Wir beobachten die Leute lange und arbeiten meist auch schon vorher mit ihnen in Projekten zusammen. Die neuen Mitarbeiter, die in islamistischen Gruppen aktiv waren, bekommen oft Todesdrohungen von ihren ehemaligen Freunden. Sie gelten als Verräter. Es ist deshalb eigentlich klar, dass sie sich distanziert haben. Aber wir müssen auch Vertrauen aufbauen. Wir müssen uns durch die vorangegangene Zusammenarbeit und Beobachtung sicher sein: Der wird jetzt nicht ins Büro gehen und alle umbringen.

Merkst du im Alltag deinen Kollegen ihre Vergangenheit an?
Eigentlich nicht. Es gibt aber zwei Gemeinsamkeiten in der Organisation zwischen unserem Think-Tank und Terrororganisationen: Junge Mitarbeiter kriegen bei uns von Anfang viel Verantwortung. Unser Chef Nawaz hatte selbst schon als junger Mann hohe Positionen bei Hizb ut-Tahrir. Außerdem baut die Zusammenarbeit stark auf Vertrauen auf. Dieses enge Vertrauen gibt es in Terrororganisationen ebenfalls, wenn auch aus anderen Gründen. Bei uns braucht es dieses Vertrauen nicht, weil Leute etwas Kriminelles tun, sondern weil sie Morddrohungen erhalten und sich deshalb sicher sein müssen, dass andere Mitarbeiter sie nicht gefährden.

MOTHERBOARD: Die Geheimpolizei des Islamischen Staates

Ist die Arbeit bei Quilliam für euch alle gefährlich?
Die Gefahr ist Teil der Arbeit. Mir ist schon klar, dass das kein normaler Schreibtischjob ist. Alle hassen uns, sowohl die Rechtsextremisten als auch die Islamisten. Aber wenn alle Extremisten uns hassen, machen wir irgendetwas richtig.

Wie reagieren deine Freunde und deine Familie auf deinen Job?
Mit den Werten der Organisation stimmen die meisten überein. Natürlich waren sie anfangs etwas besorgt, weil sie nicht einschätzen konnten, wie gefährlich die Arbeit ist. Sie haben mir viele Fragen gestellt, vor allem zur Vergangenheit meiner Kollegen.

Wie kannst du überhaupt, obwohl du nie extremistisch warst, Extremismus bekämpfen?
Ich forsche darüber, wie solche Milieus entstehen, in denen sich junge Menschen radikalisieren, wie zum Beispiel im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Meine Kollegen vermitteln mir die Kontakte zu anderen ehemaligen Islamisten, zu Organisationen in den betroffenen Ländern oder zu Regierungsvertretern. Die Recherchen veröffentliche ich dann in britischen Medien oder gebe Präventionsworkshops in Schulen oder Gefängnissen.

Erlebst du in diesen Workshops junge Menschen, die sich radikalisieren?
Ich habe viel mit Lehrern, Jugendarbeitern und Gefängniswärtern gesprochen. Sie erzählen, dass sie oft auf radikalisierte Jugendliche treffen. Wobei der Begriff Radikalisierung sowohl Rechtsextremismus als auch Islamismus umfasst. Ich habe das in den Gesprächen mit den jungen Leuten bislang nicht gemerkt. Allerdings ist es erschreckend, wie gut die meisten sich auskennen. Sie wussten über die gesamte IS-Propaganda Bescheid, hatten die Videos gesehen.

Kannst du dir überhaupt noch vorstellen, jemals wieder einen normalen Schreibtischjob zu haben?
Mit Sicherheit nicht! Der Job ist so viel abwechslungsreicher und spannender als alles, was ich davor gemacht habe. Außerdem würde mir wahrscheinlich jeder zukünftige Kollege langweilig vorkommen.