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Schon wieder Wahlen!!!

Ich wollte mit Heinz-Christian Strache eine Doku über den Klimawandel schauen

Aber er hat mich versetzt.

Christoph Schattleitner

Christoph Schattleitner

Foto von VICE Media

Mit Geschenken kann man viel aussagen, ohne es aussprechen zu müssen. Das hat uns schon das Fest des Jesu-Kindes gelehrt, auch bekannt als Weihnachten, bei dem wir alle schon mal ein Deo, Nichtraucher-Pflaster oder Bücher mit Titeln wie Die Kunst des Nachgebens – Du musst nicht immer Recht haben! bekommen haben.

Und was zu Weihnachten funktioniert, gilt auch im Wahlkampf. Ich erinnere mich noch immer an das legendäre TV-Duell 2008 zwischen Jörg Haider und Heinz-Christian Strache, bei dem Strache seinem früheren Idol nicht nur das Du-Wort entzog, sondern ihm auch ein Rückgrat aus Plastik schenkte. Die Botschaft kam ziemlich deutlich rüber: Haider hat kein eigenes Rückgrat mehr, deshalb braucht er ein künstliches.

Bei den aktuellen TV-Duellen zur Nationalratswahl 2017 auf Puls4 ist ein Geschenkaustausch jetzt obligatorisch. Während Ulrike Lunacek von Strache ein Porträt von Eva Glawischnig bekam (hier ein beliebiges Vorurteil über Leute einfügen, die der Ex nachtrauern), überreichte die Grünen-Chefin dem Freiheitlichen-Boss ein Buch von Robert Menasse und Kino-Tickets für Immer noch eine unbequeme Wahrheit mit Al Gore. Das Buch wollte ich vor meinem eigenen Weihnachtserfahrungs-Hintergrund nicht überinterpretieren – auch weil ich weiß, dass geschenkte Bücher einem immer vermitteln können: Du bist ein bissi dumm. Aber die Kinokarten haben mich sofort getriggert.

"Ich freue mich auch auf den Film!" – Heinz-Christian Strache

Was auch immer Ulrike Lunacek mit dem Buch und den Tickets aussagen wollte – die Vorstellung, dass sich ausgerechnet Heinz-Christian Strache, der den menschengemachten Klimawandel bezweifelt, eine wissenschaftlich aufbereitete Dokumentation über den menschengemachten Klimawandel anschaut, fand ich von Anfang an sehr schön. Und er nährte diese Hoffnung auch noch: "Danke für die Kinokarten", sagte Strache in einem Nebensatz, "ich freue mich auch auf den Film."

Nun ist es leider so, dass das Rätsel, was mit Geschenken von politischen Spitzenkandidaten passiert, in der Regel mindestens so unlösbar wie jenes ist, was Clubbesitzer mit vergessenen Jacken machen, wenn man sie nicht innerhalb einer Woche abholt.

Aber nicht diesmal. Denn zum Glück haben wir im aktuellen Fall nämlich Rudi Fußi, den streitbaren Kommunikationsberater, der bei Puls4 das Duell analysierte. Er tat nämlich das, was er am besten kann: Nicht das Maul halten können. In dieser halboffiziellen Funktion twitterte er noch in der Nacht ein Foto der Kinokarten, auf dem ich alle relevanten Informationen erspähen konnte, um mir den Sitzplatz direkt neben Strache zu sichern.

Sicher – dass Strache tatsächlich aufkreuzt, hielt ich trotzdem für sehr unwahrscheinlich. Aber wirklich überrascht wäre ich auch nicht gewesen, wenn er gemeinsam mit FPÖ-TV die ersten 10 Minuten geschaut hätte, um das Ganze für seinen eigenen Propagandasender zu verwerten. Immerhin hat er auch schon mal seine Schamhaare zur Verfügung gestellt, um seinen angeblichen Drogenkonsum dementieren zu können.

Also machte ich es mir gespannt und ausgerüstet mit Nachos, Notizblock und Bier (ich wusste ja nicht, was passieren wird) im Kinosessel gemütlich. Und wartete.

Die Sessel neben mir sollten nicht leer bleiben. Aber statt Strache kamen zwei andere Männer auf die Plätze neben mir zugesteuert: "Platz 4 und 5, da sind wir", deutete der eine, den ich der Einfachheit halber Heinz nenne.

"Seid's ihr die Vertretung vom Heinz-Christian Strache?", fragte ich. "Ja, warum?", antwortete der andere, sagen wir Christian, erstaunt. Als ich ihnen erklärte, dass ich extra wegen Strache gekommen war, hielten sie mich für einen Grünen. Dann für einen Reporter der Boulevardzeitung Österreich.

Meine Erklärung – "für VICE" – sorgte dann leider auch für keine Erleichterung bei den beiden, die sich als Mitarbeiter des FPÖ-Parlamentsklubs vorstellten. Ich nenne ihren echten Namen übrigens bewusst nicht, weil sie zum einen glaubten, privat dieses Event aufzusuchen und ich zum anderen niemanden bloßstellen möchte, der sich abseits von der Parteilinie fortbilden will. Ganz ohne Zynismus: Ich finde es lobenswert, wenn sich Mitarbeiter eines Parlamentsklubs außerhalb ihres Weltbilds zu informieren versuchen.

v.r.n.l.: Drei politisch-interessierte Strache-Schaulustige, aber "keine FPÖler", Heinz und Christian vom FPÖ-Parlamentsklub und ich. Sonst war niemand im Kinosaal. Ohne Strache wäre der Saal also leer gewesen. Bis auf mich.

Trotz des gemütlichen Sessels wurde die Anspannung nicht weniger. Die 15 Minuten vor dem Film waren ein ziemlicher Krampf. Christian schrieb wie wild SMS, fragte nach meinem Twitter-Handle und revidierte seine erste Erklärung ("Der HC hat irgendeinen Termin") mit: "Strache ist bei einem Wahlkampfauftritt in St. Pölten. Das könnt's ihr aber eh nachprüfen, oder?" Ja, können wir. Es war ein seit 4 Tagen angekündigter Auftritt in Wiener Neustadt um 18 Uhr (Filmbeginn in Wien: 20:45 Uhr), aber gut.

Als Christian herzhaft zu meinen Nachos mit Käsesauce griff, bot ich auch Heinz etwas davon an. Danach griff eine Zeitlang niemand mehr irgendwelche Nachos an. Wir waren alle peinlich berührt. Christian vertiefte sich wieder ins Handy und ich ließ die Gedanken schweifen. Ich saß nun Armlehne an Armlehne mit Vertretern jener Partei, die den Klimawandel bisher am heftigsten geleugnet hatten. Jene Partei, die den Klimawandel dann doch ab und zu anerkennt, aber ihn als natürlich und nicht menschengemacht sieht und am wenigsten dagegen machen will (was im Endeffekt aufs gleiche Ergebnis rausläuft).

Ich erinnerte mich an den ersten Teil von Eine unbequeme Wahrheit, der 2006 herauskam. Ich hielt in meinem eher konservativerem Gymnasium ein Referat darüber – in Chemie und Physik. Wir machten uns über jene lustig, die diese wissenschaftlichen Erkenntnisse anzweifelten und hielten es für unvorstellbar, jemals auf jemanden zu treffen, der die Erderwärmung für Blödsinn hält.

"Die ganze angebliche Klima-Problematik ist ein einziges mediales Lügengebäude, das zum Einsturz gebracht werden muss!!!"

Ich dachte an Heinz-Christian Strache, der ein spannender Sitznachbar und Gesprächspartner gewesen wäre. Bereits im Wahlkampf 2013 leugnete der FPÖ-Chef den menschlichen Anteil am Klimawandel und wollte die "unsinnigen Regelungen des Kyoto-Protokolls" ersatzlos streichen. "Es brauche keine weltweiten Klimaschutzabkommen", wird 2014 der damalige Umweltsprecher Norbert Hofer in einer FPÖ-Aussendung zitiert. 2015 wird FPÖ-Umweltsprecherin Susanne Winter sehr deutlich: "Die ganze angebliche Klima-Problematik ist ein einziges mediales Lügengebäude, das zum Einsturz gebracht werden muss!!!"

"Der Klimawandel steht bei mir ganz unten auf der Liste", dröhnte es dann aus den Lautsprechern des Kinos. Es war Donald Trump, der den Klimawandel für einen von den Chinesen verursachten "Schwindel" hält. Strache zeigte für die Klimapolitik Trumps übrigens mehrmals Sympathie; im Ö1-Morgenjournal genauso wie auf Facebook. "Die Erde erlebt seit ihrem Bestehen einen permanenten und natürlich verursachten Klimawandel", schreibt er etwa. Seine Legende vom Weinbaugebiet in Grönland wird von einem Geologen im "Faktenfinder" der Tagesschau als "komplett falsch" zerpflückt.

Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft zeigt – neben viel Inszenierung für Al Gore –, was sich in den vergangenen 10 Jahren alles getan hat. Die Zahlen und Statistiken sind beunruhigend. Mit dem Klimawandel würden weitere Probleme auftreten, die tausenden Menschen das Leben kosten: Von einer Virus verbreitenden Mücke, die sich aufgrund des Klimas heute verstärkt ausbreitet, über Überschwemmungen und hitzebedingte Dürre bis hin zu einem US-Bundesstaat, der Frauen rät, in naher Zukunft nicht schwanger zu werden, weil sie dadurch hitzeempfindlicher seien, was in der derzeitigen Lage gesundheitsbedrohlich sei.

Der Film spannt den internationalen Bogen, zeigt das Problem aus der globalen Perspektive. Das einzige Mal, dass ich im Kinosaal wieder an die FPÖ denken musste, war beim Beispiel Syrien. 60 Prozent der syrischen Bauern hätten aufgrund der Hitze ihren Betrieb aufgeben müssen, erklärt Al Gore; 80 Prozent der Tiere seien verendet. Millionen von Menschen seien aus Syrien geflüchtet, noch ehe der Bürgerkrieg begann. Das oft geforderte "Fluchtursachen bekämpfen" würde doch auch heißen, etwas gegen den Klimawandel zu tun, oder?

Ich schielte zu meinem Sitznachbar, der mittlerweile von mir weggerutscht war. Er hatte inzwischen die Beine übereinander geschlagen und sich zu seinem Kollegen gedreht. Ab und zu unterhielten sie sich – nicht immer über den Film, kam mir vor. Zum Ende hin schaute Christian drei Mal auf die Uhr, schnaufte leise und ballte die Faust, als das vermeintliche Ende des Films gekommen war.

"Privat hätte ich ihn mir nicht angeschaut, aber es war schon interessant."

"Privat hätte ich ihn mir nicht angeschaut", erklärte er mir danach an der Bar. "Aber es war schon interessant, ich bereue es nicht". Die Al-Gore-Selbstdarstellung hätte ihn gestört, aber was den Ausbau der erneuerbaren Energien angeht, sagt er: "Da kann ja niemand etwas dagegen haben."

Als ich das Unwetter und die Muren in der Steiermark ansprach, meinte Heinz: "Muren – da gibt's auch Diskussionen, ob das an der Abholzung liegt." Dass man so viel in roten Zonen gebaut habe, wäre ein Fehler. Ob der Mensch den Klimawandel ausgelöst hätte, wäre nicht die Frage, sondern "in welchem Ausmaß", erklärten mir beide.

Neue Erkenntnisse nahmen sie aus dem Film also nicht mit. Warum die FPÖ gegen das Pariser Klimaschutzabkommen gestimmt hat, wollten die beiden nicht öffentlich beantworten (hier die offizielle Aussendung der FPÖ dazu). Heinz sagte dazu nur: "Wir hatten schon so viele Klimaabkommen und es hat noch nie etwas gebracht." Dass das eigentlich ein gutes Argument für noch viel weitreichendere Abkommen wäre, sahen die beiden nicht ein. "Ich muss jetzt wirklich los", drängte Christian. "Hat mich gefreut". Am Heimweg lief ich an einem Strache-Plakat vorbei und dachte nur: "Schade, dass du nicht da warst."

Christoph auf Facebook und Twitter: @Schattleitner