Collage: VICE || Nackte Männer: imago | Photocase || Kondome: imago | Christian Ohde || Geld: imago | Becker&Bredel

Ich habe mich als Sexarbeiter angemeldet

– um zu verstehen, wieso die meisten von ihnen illegal arbeiten.

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16 Jänner 2019, 12:26pm

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Ich steige die Treppe des Polizeibüros im ersten Wiener Bezirk empor. Zwei Polizisten marschieren an mir vorbei, beide haben Sturmgewehre umgehängt. Ich will mich als Sexarbeiter anmelden. Dafür muss man sich in Wien bei der Polizei melden – in anderen Bundesländern nicht. Ich schäme mich, hier zu sein. Das ist doch erniedrigend.

Ich setze mich in den engen Flur und warte darauf, dass mich jemand aufruft. Die Möbel sind aus Holzimitat und sehen aus, als hätte sie seit den 90er Jahren niemand ausgetauscht. Neben mir sitzen vier Frauen, alle tragen roten Lippenstift. Sie flüstern miteinander. Es klingt rumänisch – oder ist es bulgarisch?


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Als ich an der Reihe bin, ist die Sachbearbeiterin einen Moment irritiert. Sie fragt, ob ich Deutsch spreche. Ich nicke. Ob ich wirklich hier sei, um mich als Sexarbeiter anzumelden? Ich nicke erneut. Ich bezahle 16,40 Euro, reiche der Frau zwei Passfotos, meinen Meldezettel und meinen Ausweis. Auf dem Zettel, den die Mitarbeiterin mir in die Hand drückt, kreuzt sie zuerst an, dass ich eine Frau bin. Als ihr der Fehler auffällt, lacht sie: "Die Macht der Gewohnheit!" Männer kommen hier selten her.

Bestätigung der Polizei für Sexarbeiter
Den blauen Zettel der Polizei brauchen Sexdienstleister, um legal arbeiten zu können | Foto: Steven Meyer

Jetzt muss ich nur noch zum Gesundheitsdienst. Dann bin ich offiziell Sexarbeiter.

Warum ich das alles tue? Ich will wissen, warum es in Österreich so wenig männliche Sexarbeiter gibt, die sich registrieren lassen. Was sind die Gründe dafür, dass sie sich nicht melden?

Sexarbeit ist in Österreich legal. Die Anmeldung ist allerdings viel aufwändiger als bei anderen selbstständigen Berufen. Während üblicherweise eine Anmeldung beim Finanzamt und ein Anruf bei der Sozialversicherung reichen, müssen Sexdienstleistende zur Polizei und alle paar Wochen zum Gesundheitscheck.

Laut der Polizei waren in Wien im August 2018 3.325 Frauen als Sexarbeiterinnen und 74 Männer als Sexarbeiter gemeldet, darunter auch viele Transfrauen, die ihren Geschlechtseintrag nicht, oder noch nicht, geändert haben. Der Sozialarbeiter David Köck geht aber davon aus, dass es deutlich mehr sind. Er hat sich empirisch mit diesem Thema auseinandergesetzt und unter anderem seine Masterarbeit der Lebenssituation männlicher Sexarbeiter gewidmet. Er schätzte 2015, dass sich 440 bis 700 Männer in Wien prostituieren. Viele dieser Sexarbeiter kommen aus Osteuropa, etwa aus Bulgarien, Rumänien oder der Slowakei. Offizielle Schätzungen gibt es nicht, weder zur Anzahl, noch zum Anteil EU-ausländischer Sexarbeiter in Österreich. "Die Politik ignoriert die Probleme der Sexarbeiter", sagt David Köck.

Köck hat nicht nur zur Situation männlicher Sexarbeiter in Wien geforscht; Er war auch jahrelang als Streetworker in der Szene unterwegs und hat die Verhältnisse in Wien mit anderen Großstädten verglichen. "Die Männer arbeiten fast ausschließlich illegal", sagt er. Andere Sozialarbeiter bestätigen mir diesen Eindruck.

Wieso melden sich diese Männer nicht an? Warum arbeiten sie lieber illegal?

Antworten finde ich unter anderem bei Ben*, 26. Ich finde Ben auf einer Homepage, auf der schwule Männer sich als Escorts anbieten können – alleine in Wien gibt es Hunderte Profile. Um Ben zu schützen, nenne ich den Namen der Website nicht. Auf seinem Profil steht, er habe "einen großen, fetten Schwanz", mit dem er gerne "in ein Arschloch oder Maul fickt". Ich schreibe ihn an. Er willigt ein, anonym mit mir zu sprechen und lädt mich zu sich nach Hause ein.

Ein blonder Mann mit Nasenpiercing öffnet mir die Tür. Er reicht er mir ein Glas Wasser und bietet mir Schokoladenhaferkekse an. Ben erzählt mir, dass er Spaß an der Arbeit hat und sich seine Kunden aussuchen kann: Er steht auf alte Männer und sagt nur den Freiern zu, die er attraktiv findet. Ben ist schwul. Er arbeitet hauptberuflich als Sexarbeiter, nebenbei designt er Klamotten. Ben trifft seine Kunden nicht auf dem Straßenstrich oder in einem Bordell, sondern verabredet sich immer nur online mit ihnen. Er trifft sie im Hotel, in deren Wohnung oder hier, bei sich zu Hause – obwohl das gesetzlich verboten ist.

"Es ist so leicht, im Internet als Hure sein Geld zu machen", sagt Ben. Er verdiene pro Stunde 120 Euro, ohne Gummi etwas mehr. In manchen Monaten mache er so mehr als 2.000 Euro. Die Kunden von Ben stehen auf Männer, klar, aber meistens wissen ihre Familien nichts davon. "Ich schreibe mit ihnen über mein Profil, auf der Seite, auf der ich mich anbiete, dann treffe ich sie, und wir ficken – aber es geht nicht unbedingt nur darum. Viele wollen nur Nähe und jemanden, der sie versteht", sagt er. Er habe das Gefühl, dass seine Arbeit ehrlich ist. Seine Kunden öffnen sich ihm – das sei ihm wichtig, sagt Ben. "Der Sex soll ein Akt der Liebe sein."

Seit acht Jahren ist Ben mit seinem Partner zusammen. Beide leben gemeinsam in der Wohnung, in die Ben manchmal seine Kunden mitbringt. Sein Partner akzeptiert die Arbeit, ist aber nicht begeistert, wenn ein Termin mit einem Kunden länger dauert. Ich bin überrascht, wie locker der Partner mit Bens Beruf umzugehen scheint. "Ich fordere mir diese Freiheit ein", sagt Ben.

Ben sagt, er wisse nicht, dass man sich als Sexarbeiter offiziell bei der Polizei anmelden und alle sechs Wochen einen Gesundheitstest machen muss. Als ich genauer nachfrage, gibt er zu, schon einmal was davon gehört zu haben. Er scheint sich aber keine Gedanken dazu zu machen und verdient sein Geld seit zweieinhalb Jahren lieber schwarz – ganz unkompliziert. Der Grund, weshalb Ben sich nicht offiziell anmeldet, scheint einfach zu sein: Er verdient schwarz mehr Geld. Die rechtliche Lage scheint ihm egal zu sein.

Aber geht es allen Sexarbeitern so, wie Ben?

Zwei Tage nach meinem Termin bei der Polizei melde ich mich für den Gesundheitstest an. Zuerst muss ich meine Lunge röntgen lassen. Ich frage, wieso das notwendig ist. "Sie werden ja wohl mit vielen Menschen in Kontakt sein, oder?", fragt die Empfangsdame. Sie schaut mir dabei nicht in die Augen. Mit dem Lungentest wird geprüft, ob ich Tuberkulose habe. Danach muss ich zu einer Ärztin, Urin abgeben und mir Blut abnehmen lassen. Bevor sie mir Blut abnimmt, will sie wissen, ob ich schwul bin. Ich nicke kommentarlos. Ich schätze, sie will eigentlich wissen, ob ich HIV positiv bin. Schwul bin ich, HIV positiv nicht.

Sie steckt die dünne Nadel in meine Vene, die an meiner linken Armbeuge hervorsticht. Ich lockere meine Faust und das Blut läuft durch den kleinen Plastikschlauch in die Spritze.

Sexarbeiter müssen alle sechs Wochen zu einem Kontrolltermin gehen. Wer an Syphilis oder Tripper erkrankt ist, darf nicht mehr arbeiten. Infiziert sich ein Sexarbeiter mit HIV, darf er, laut Gesetz, nie wieder als Sexarbeiter arbeiten – selbst wenn er Medikamente nimmt und die Viren im Körper nicht mehr nachweisbar sind.

Nun fehlt nur noch ein letzter Schritt. Ich muss mich einer Sozialarbeiterin vorstellen. "Wie kann ich dir helfen?", fragt sie. Sie schaut mich nicht irritiert an. Sie fragt mich auch nicht, ob ich hier richtig bin. Sie ist die erste Person, bei der ich mich wohlfühle. Bei allen anderen Mitarbeitenden hatte ich bisher das Gefühl, sie würden die Personen, die hier zur Untersuchung kommen, insgeheim verurteilen.

Dann erklärt sie mir, was ich alles beachten muss: Ich soll mich sozialversichern, die Untersuchungen nicht vergessen und mir Gedanken machen, wo ich arbeiten möchte. Sexdienstleistende in Wien können ihre Kunden Zuhause oder im Hotel besuchen, oder auf der Straße arbeiten – allerdings nur auf bestimmten Abschnitten und nur zwischen 22 Uhr und 6 Uhr. Bordelle für Männer? Davon gäbe es nur eins, das auch offiziell als Prostitutionslokal angemeldet ist: das Café Rüdiger.

Café Rüdiger in Wien in dem Sexarbeiter arbeiten
Das Café Rüdiger ist das einzige Prostitutionslokal für männliche Sexarbeiter in Wien | Foto: Steven Meyer

Ich beschließe, mir das Bordell anzusehen und gehe am Abend auf ein Bier dorthin. Von innen sieht es aus wie ein durchschnittliches Kaffeehaus. Die Sessel sind mit rotem Samt überzogen, an der Decke hängt ein roter Kronleuchter, neben der Bar steht ein großer Billardtisch, der das Lokal fast komplett ausfüllt. Im Hintergrund läuft trashige Popmusik. Nur die Glasdusche, die gleich links neben dem Eingang steht, verrät, welchen Zweck dieser Raum hat. An den Wochenenden duschen Sexarbeiter darin – eine Extra-Show für die Gäste. Um den Billardtisch kreisen acht Männer, halten ihre Queues in den Händen und mustern mich. Sie denken, ich sei ein Kunde. Ein komisches Gefühl.

Freier können in dieser Bar ein Zimmer mieten, 40 Minuten kosten zehn Euro. Was sie dem Sexarbeiter zahlen, ist Verhandlungssache. Die Miete aber geht an den Besitzer. Er betreibt das Bordell seit acht Jahren. Allabendlich kämen 10 bis 20 Männer zu ihm, um anzuschaffen, sagt er. Sie alle kämen aus Osteuropa, sagt er.

Es dauert nicht lange, bis einer der Männer auf mich zukommt. Er ist ungefähr 1,60 Meter groß, hat kurze schwarze Haare und trägt einen Pullover mit Strasssteinen. "Wenn du willst, Schwanz ist da. Ich hab Zimmer hier, willst du?", fragt er mich. Ich weise ihn ab. Schon kommt ein anderer Mann zu mir, setzt sich neben mich und bittet mich, ihm eine Cola Zero auszugeben. Ich stimme zu. Er stellt sich als Kosta* vor und erzählt, dass er aus Bulgarien kommt. Er wohne seit vier Jahren in Wien und komme jede Woche hierher, sagt er.

"Hast du einen Freund?", fragt er.

Ich nicke.

"Und du?", frage ich.

Er schüttelt den Kopf und schaut zu Boden: "Ich habe eine Freundin. Sie weiß nicht, dass ich hier arbeite."

Die Scham ist ein besonders großes Problem der Sexarbeiter: Eine Meldung als Prostituierter kommt einem Outing gleich. Viele Männer, die als Sexarbeiter ihr Geld verdienen, sind laut Sozialarbeiter David Köck eigentlich heterosexuell. Sie prostituieren sich, um den Familien in ihren Heimatländern Geld schicken zu können. Und dafür schämen sie sich. "Die meisten Männer wollen nicht als Sexarbeiter tätig sein", sagt Köck, "eine Meldung bei der Polizei ist oft eine zu große Hürde."

Tatsächlich kommen die meisten Sexarbeiter in Wien aus Osteuropa, vor allem aus Bulgarien und Rumänien. Das bestätigt mir David Köck. "Viele Sexarbeiter haben keinen festen Wohnsitz, der eine Voraussetzung zur legalen Arbeit ist", sagt Köck. Viele würden stattdessen in überfüllten Sammelquartieren übernachten, die privat untervermietet werden, zu völlig überzogenen Preisen. "Das sind sehr prekäre Wohnverhältnisse, die den Druck erhöhen, jeden Tag Geld zu verdienen", erzählt Köck.

Hinzu kommt bei vielen die Furcht vor den Behörden. Der Sozialarbeiter Thomas Fröhlich kritisiert die Anmeldung bei der Polizei deshalb ebenfalls. Fröhlich arbeitet bei der Sexualberatungsstelle COURAGE. "Die Sexarbeiter fürchten sich vor der Polizei, weil sie oft noch rechtliche Altlasten haben", sagt er. Die Männer sind oft vorbestraft, eine Anmeldung bei der Polizei kommt deshalb für viele gar nicht in Frage. Zudem verstehen die Männer, laut Fröhlich, die bürokratischen Vorgaben nicht richtig. Sie wissen gar nicht, wie sie legal arbeiten können. Es mangelt also an Aufklärung und niedrigschwelligen Anlaufstellen, bei denen Sexarbeiter sich informieren können, ohne direkt zu einer Behörde gehen zu müssen.

Durch die Regeln in der Sexarbeit durchzusteigen, ist auch für mich eine Herausforderung. Sexarbeit in Österreich ist Ländersache und wird in jedem einzelnen Bundesland anders geregelt. Und das obwohl Expertinnen und Experten, die dem Bundeskanzleramt unterstellt sind, empfehlen, einheitliche Richtlinien auf Bundesebene zu finden. Viele Sexarbeiter wechseln oft ihren Wohnort. Dass die Gesetze in jedem Bundesland unterschiedlich sind, erschwert den Zugang zu einer legalen Tätigkeit. Besonders für Männer, die oft nur schlecht Deutsch sprechen.

Eine Sache darf man allerdings nicht vergessen: Einige Sexarbeiter sind auch deshalb nicht gemeldet, weil sie von kriminellen Gruppen auf die Straße geschickt werden. Diese Sexarbeiter sind nicht freiwillig in Österreich – ob sie legal oder illegal hier arbeiten, ist für sie Nebensache.

Viele dieser Sexarbeiter findet man im Schweizergarten, einem Park im dritten Bezirk, der für seinen Schwulenstrich bekannt ist. Er liegt gleich an einer Hauptstraße, es ist laut, aber dank der vielen Bäume geschützt. Tagsüber rennen hier Kinder rum, Menschen treiben Sport oder gehen mit ihren Hunden spazieren. Am Abend suchen schwule Männer nach Sex. Viele von ihnen wurden dabei schon bestohlen. Die Polizei ermittelte knapp ein Jahr, weil viele Kunden sich aus Scham nicht an die Polizei gewendet haben. Im Februar 2018 kam es zu einer Vielzahl an Festnahmen. Die Sexarbeiter waren dabei Opfer und Täter zugleich: Sie haben als Teil einer kriminellen Gang ihre Kunden beklaut und erpresst, wurden aber selbst von einem 55-jährigen Mann zur Prostitution gezwungen. Der Mann hatte unter anderem seinen eigenen Sohn auf den Strich geschickt und von ihm und den anderen jungen Sexarbeitern Schutzgeld kassiert – er muss wegen grenzüberschreitenden Prostitutionshandels zwei Jahre ins Gefängnis. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.

Eine Woche nach der Gesundheitsuntersuchung kann ich meinen Deckel – so wird der Prostitutionsausweis auch genannt – beim Amt abholen. Als meine Nummer aufgerufen wird, gehe ich in ein dunkles Büro, es brennt kein Licht.

"Sie müssen alle sechs Wochen kommen, sonst droht ihnen eine Strafe ab 300 Euro, wenn die Polizei sie erwischt", sagt die Sachbearbeiterin, und ergänzt: "Es gibt zwar kein Gesetz, das es ihnen vorschreibt – aber achten sie darauf, immer ein Kondom zu benutzen. Sonst noch Fragen?"

Ich schüttle den Kopf.

Schließlich reicht sie mir den grünen Ausweis.

Ausweis um legal als Sexarbeiter zu arbeiten
Der grüne Ausweis ist notwendig, um legal als Sexarbeiter tätig zu sein | Foto: Patricia Bartos

Ich bedanke und verabschiede mich. Ich denke nochmal darüber nach, wieso so wenige Männer legal als Sexarbeiter arbeiten: Im Gegensatz zu Ben oder mir, haben viele von ihnen einfach keine andere Wahl. Sie prostituieren sich, weil sie Geld brauchen. Manche werden sogar dazu gezwungen – da spielt die Frage nach der Legalität überhaupt keine Rolle mehr. Statt Vorgaben bräuchten diese Männer Hilfsangebote. Aber die gibt es kaum. Und dann verlasse ich das Gesundheitszentrum, in das kaum ein Sexarbeiter jemals geht.

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