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'Antiflirting' aus Wien zeigt, wie Menschen beim Online-Dating beleidigt und bedroht werden

"Das ist beleidigend, sexistisch, rassistisch aber definitiv kein Flirten", sagen die Gründerinnen des Instagram-Accounts.

von Naomi-Saphira Weiser
09 Oktober 2019, 12:10pm

Screenshots: instagram.com/antiflirting/ | Affe: Maxpixel

Dickpics, Beleidigungen, Drohungen: Wenn du auf Datingplattformen, auf WhatsApp und in sozialen Netzwerken unterwegs bist, weißt du genau, dass dich nicht nur schlechte Anmachversuche und flache Witze erreichen, sondern immer wieder auch sexuelle Belästigungen und übergriffige Messages. Vor allem dann, wenn du eine Frau bist.

Kim und Caro aus Wien sammeln diese Chatverläufe und veröffentlichen sie anonymisiert auf ihrem Instagram-Account Antiflirting. Nicht selten sind diese Nachrichten sexistisch, rassistisch oder beinhalten Gewaltandrohungen. Warum Kim und Caro es trotzdem reposten, erzählen sie im Gespräch mit VICE.

VICE: Was ist Antiflirting für ein Account, was kann man darauf sehen?
Caro: Das Projekt gibt einen Einblick in die Postfächer von Personen, die regelmäßig belästigt werden. Es schafft einen Einstieg in die Themen Sexismus und sexuelle Übergriffe.

Warum habt ihr Antiflirting gestartet?
Caro: Ich habe alle Nachrichten aus einem eigenen Chat aufgehoben und dachte mir, dass man damit irgendetwas machen sollte. Posten zum Beispiel. Wir haben unseren Account "Antiflirting" genannt, weil das, was die Menschen da schreiben, übergriffig ist. Das ist beleidigend, sexistisch, rassistisch, aber definitiv kein Flirten.

Kim: Dieses Verhalten wird oft bagatellisiert. Es wird gesagt, dass man sich geschmeichelt fühlen soll, wenn einen solche Nachrichten erreichen. Es sei ja eh nur Flirten. Aber das ist es eben nicht und genau das wollen wir klarmachen.


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Welche der Nachrichten, die ihr bisher bekommen habt, hat euch am meisten schockiert? Kim: Da können wir uns gar nicht auf eine Nachricht festlegen. Wir haben schon so viele schockierende Nachrichten bekommen. Da sind allein die extrem expliziten Nachrichten von Gewaltandrohung, auch sexuell. Besonders krass finde ich die Nachrichten von Leuten, die ihre Machtposition ausnutzen, zum Beispiel Tanzlehrer, Lieferanten, ehemalige Professoren.

Caro: Deswegen setzen wir auch aus unterschiedlichsten Gründen Triggerwarnungen. Nachrichten, in denen explizit beschrieben wird, was eine Person einer anderen antun will, sind schlimm. Man kann nicht bestreiten, dass das übergriffig ist. Dinge wie Gewaltandrohungen sind Themen, wo die Meisten interagieren und in den Kommentaren diskutieren. Es sind auch Menschen dabei, die nicht verstehen, warum das so schlimm ist. Aber wir sind froh, dass darüber diskutiert wird.

Wie geht ihr mit diesen Nachrichten um? Wie schützt ihr euch?
Kim: Uns ist auch jeden Tag bewusst, dass da etwas Triggerndes dabei sein kann, wenn wir Nachrichten öffnen. Es können Schwänze dabei sein, die wir dann zensieren müssen. Darauf bereiten wir uns vor, aber wir können uns auch einfach ausklinken. Letztendlich sind wir niemandem was schuldig, wir wollen die Aufmerksamkeit für diese Themen steigern.

Caro: Es ist extrem wichtig, dass wir ständig kommunizieren, schauen, wie es einem geht. Wenn ich eine Nachricht lese, von der ich weiß, die könnte für Kim unangenehm sein, dann schreibe ich ihr, dass ich mich darum kümmern werde. Zum Schutz gehört aber auch, dass wir manchmal nichts posten, nicht auf Nachrichten antworten und das Ganze ruhen lassen.

Man denkt, es müssten vor allem Frauen sein, die von Männern beleidigt werden. Wie oft schicken Männer euch Einsendungen von übergriffigen Frauen?
Caro: Ungefähr 90 Prozent der Nachrichten kommen von Frauen. Überwiegend bestehen die Chatverläufe aus Nachrichten, die von Männern an Frauen gesendet wurden. Ab und an bekommen wir aber auch Nachrichten von Frauen an Frauen oder von Männern an Männer. Aber wir haben bisher erst zwei Screenshots bekommen mit einer Nachricht von einer Frau an einen Mann.

Kim: Ich glaube, viele Männer haben Hemmungen, diese Nachrichten einzusenden. Denn ihnen wurde beigebracht, dass sie es gut finden müssen, wenn Frauen so etwas schreiben. Oder sie erkennen es erst gar nicht. Das ist auch ein großes Problem, das wir thematisieren wollen.

Caro: Sexuelle Belästigung passiert nicht nur Frauen. Diese Message ist uns wichtig.

Was ratet ihr den Opfern solcher Nachrichten?
Caro: Wir wollen niemandem vorschreiben, wie diese Nachrichten zu beantworten sind. Ob sie darauf eingehen sollen oder nicht, oder ob sie die Personen blockieren sollen. Das müssen sie selbst entscheiden.

Kim: Das richtige Verhalten kann man nicht pauschalisieren. Jeder nimmt das anders wahr. Wir wollen da auch keine Vorbilder sein. Ich persönlich reagiere auch immer verschieden, je nach Tagesform und Nachricht, je nach Kontext.

Caro: Manchmal hat man Bock, sich auf die Diskussion einzulassen, manchmal hat man aber auch keine Energie dafür. Dann einfach blockieren und gut sein lassen.

Was möchtet ihr mit Antiflirting erreichen?
Kim: Menschen sollen diese Nachrichten komplett anonym teilen können. Das würden sie vielleicht nicht unter ihrem Namen tun. Wir wollen auch nicht mit dem Finger auf einzelne Personen zeigen, denn es bringt nichts, einzelne Personen zu bashen. Außerdem wäre das rechtlich auch nicht OK, weil wir nur die dritte Partei sind, die diese Nachrichten veröffentlicht. Persönlich haben wir damit nichts zu tun.

Wir wollen auf das ganze übergriffige System aufmerksam machen und nicht auf einzelne Menschen. Das ist ein Problem der Gesellschaft, das sind keine Einzelfälle. Viele haben uns geschrieben, dass ihnen gar nicht bewusst war, wie schlimm die Situation eigentlich ist. Wir wollen Bewusstsein für all jene schaffen, die nicht wissen, dass das nicht nur auf der Straße passiert, sondern auch im Internet, auch in Vertrauensverhältnissen. Die Screenshots sind sehr anschaulich, man kann sich viel besser vorstellen, wie sich das anfühlen muss.

Meldet ihr rechtlich relevante Nachrichten den Behörden?
Kim: Nein, aber wir ermutigen Menschen dazu, wenn sie sich nicht sicher sind, wie sie reagieren sollen. Wir hatten beispielsweise eine Geschichte mit einem Lieferanten, der den Namen von einer Kundin gespeichert hat. Er hat ihr dann auf Facebook geschrieben. Die Nachricht an sich war jetzt nicht extrem übergriffig, aber das Verhalten war rechtswidrig. Darauf haben wir die Empfängerin hingewiesen. Sie hat den Vorfall gemeldet und dem Mann wurde daraufhin gekündigt. Obwohl wir nicht direkt daran beteiligt waren, haben wir ein bisschen was bewegt. Das was schön.

Was ratet ihr denen, die übergriffige Nachrichten verschicken, den Täterinnen und Tätern?
Kim: Denkt doch mal über euer Verhalten nach. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr oder nahestehende Personen solche Nachrichten geschickt bekommen?

Caro: Wir lieben beide Tinder, wir lieben Flirten, wir lieben Sex. Aber das Wichtige ist der Konsens bei allem.

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