Drogen

Ich war heroinsüchtig und habe meinen Frieden damit geschlossen

Dem Heroin abzuschwören, ist eine Sache. Sich den Konsequenzen der jahrelangen Sucht zu stellen und ein neues Leben aufzubauen, eine ganz andere.

von Hannah Brooks
29 März 2019, 9:19am

Die Autorin | Foto: Krochka

Hannah Brooks hat für VICE schon ausführlich über ihre Heroinsucht, ihren Entzug und ihren Rückfall geschrieben. Es folgt ihr letzter Artikel für diese Reihe.

Als ich in Chiang Mai ankomme, erleuchtet ein strahlender Vollmond die Nacht. Bei mir habe ich nur einen Koffer, ein eingerahmtes Fotos von meinem Hund Mr. Bojangles (der in Australien lebt), einen Motorradhelm, eine langsam dahinsterbende Orchidee und meinen Freund Nikolai. Ich war noch nie in Chiang Mai. Nach meinem Drogenentzug im Süden Thailands und einer mehrwöchigen Reise durch das Land habe ich dennoch beschlossen hierherzuziehen.

Chiang Mai wird auch als die "Rose von Nordthailand" bezeichnet. Die Stadt existiert seit 1296, ist umgeben von Urwald und Bergen und beheimatet eine Million Menschen sowie Hunderte buddhistische Tempel. Außerdem gibt es hier eine große Entzugs-Community, bestehend aus Rentnern, die seit 20, 30 oder 40 Jahren drogenfrei sind, und jüngeren Ex-Drogensüchtigen, die wie ich einen Entzug in Thailand gemacht haben und sich jetzt an einem neutralen Ort an das Leben ohne Stoff gewöhnen.

Ich will mir hier ein neues Leben aufbauen, besser werden und meine Zukunft gestalten. Ich bin clean. Jetzt liegt es an mir, clean zu bleiben.


Als ich vor acht Monaten nach Thailand reiste, hatte mich meine Heroinsucht fest im Griff. Ich wollte mit dem Zeug aufhören, konnte aber nicht. Innerhalb von vier Jahren hatte ich – meist freiwillig – 18 verschiedene Entzüge angefangen. Ich war bei Hunderten Treffen von Zwölf-Schritte-Gruppen, ich konnte ganze Absätze aus dem dazugehörigen Buch auswendig und ich kannte mich mit der Wissenschaft hinter meiner Sucht aus – mit dem Dopamin, dem Mittelhirn und dem Hippocampus. Ich konnte stundenlang über das Krankheitsbild der Sucht diskutieren. All das war kein Problem. Das Problem war: Ich fing immer wieder mit Heroin an – auch wenn ich nicht länger körperlich davon abhängig war.

Die extremen Folgen dieser Sucht häuften sich: Autounfälle, Überdosen, Überdosen im Bekanntenkreis, Sepsis, Krämpfe, Nierenentzündungen, Festnahmen, Zwangsräumungen, Armut, verlorene Würde und Angst. Je näher ich meinem Tod kam, desto egaler wurden mir diese Auswirkungen meiner Sucht. Wenn ich der Droge abschwöre, müsste ich mich genau diesen Auswirkungen stellen – und davor fürchtete ich mich. Deshalb konsumierte ich weiter. Der Entzug in Thailand war mein 19. Versuch. Ich willigte ein, es für sechs Wochen zu probieren. Gleichzeitig weigerte ich mich, die Nummern meiner Dealer zu löschen. Bis dahin hatte nichts geholfen, warum also gerade die Therapie in Thailand?

Ich weiß bis heute nicht, was dieses Mal anders war. Irgendwo in mir legte sich aber ein Schalter um. Ich kam wirklich vom Heroin los. Das Verlangen nach der Droge verschwand. Ich arbeitete an mir. Ich nahm zu. Ich fing an zu lächeln. Ich stornierte meinen Heimflug nach Australien. Ich machte, was man mir auftrug, und blieb clean. Dass ich heute noch lebe, ist wirklich bemerkenswert. Dass ich seit acht Monaten clean bin, ist mehr als außergewöhnlich. Meine Mutter spricht von einem Wunder. Bei diesem Wort denkt man zwar eher an Hallelujas und Jesus-Freaks mit Tamburin in der Hand, aber ich weiß auch nicht, wie ich es sonst nennen soll.


Vor dem Wunder sahen meine Rückfälle immer gleich aus: Ich kam nach Hause, in dieselbe Stadt, zum gleichen Heroin, zur bekannten Suchthölle. Entgiftet und voller guter Vorsätze schloss ich meine Wohnungstür auf und ging dann meinen Genesungsplan durch: "Eine Stunde Koffer auspacken und dann ab zum Zwölf-Uhr-Meeting."

"Das schaffe ich", dachte ich mir immer.

Aber dann kamen die Stille und die beunruhigende Tatsache, wieder zu Hause, aber nicht high zu sein. All das machte mir Angst.

"Wenn mein Dealer rangeht, gönn ich mir was. Wenn nicht, dann halte ich es aus."

Er ging immer ran.


Auch bei VICE: Geständnisse eines Drogenabhängigen


Eigentlich haben mir Drogen während meines gesamten Erwachsenenlebens Trost gespendet, mir Beistand geleistet und mir Erleichterung gebracht. Zu lernen, ohne Drogen zu leben – eine Tasse Kaffee zu machen, ans Telefon zu gehen, mit Langeweile klarzukommen –, ist schmerzhaft. Vier Jahre lang knickte ich immer wieder ein, wenn es zu unangenehm wurde. Mit Heroin ging es mir sofort besser. Ein Leben ohne Drogen erschien mir wie ein unerreichbarer Traum.

Man sagt mir immer, dass es bei der Genesung nach einer Sucht keinen Endpunkt, keine Ziellinie gebe. Ich werde niemals vollkommen "gesund" sein. Das Ganze ist ein fortlaufender Prozess. Ein neues Leben. Wieder nach Hause zurückzukehren und in alte Muster zu verfallen, war nicht mehr drin. Ich brauchte einen Neustart. Und ich brauchte Zeit.


Es dauert nicht mal eine Woche, bis Nikolai und ich ein Apartment im hippen Teil von Chiang Mai finden. Die Gegend war uns bei der Wohnungssuche eigentlich egal, aber bei einer Badewanne – in Thailand nur selten zu finden – konnten wir nicht Nein sagen. Von unserem Zuhause aus sehen wir den Doi Suthep, einen großen Berg im Westen Chiang Mais. Dort oben befindet sich der Wat Phra That Doi Suthep, ein buddhistischer Tempel aus dem 14. Jahrhundert. Nachts wirken die Lichter des Tempel wie Beruhigungsmittel auf mich.

Nikolai war wie ich heroinsüchtig. Wir haben uns während des Entzugs in Thailand kennen- und lieben gelernt. In der Badewanne trinken wir oft zusammen Kaffee oder rauchen Zigaretten. Es ist schön, ein Zuhause zu haben. Leider kann ich die Miete kaum bezahlen. Ich brauche mehr Geld. Ich brauche Bettbezüge, neue Sandalen, Handtücher, Shampoo, Conditioner, Töpfe, einen Besen, Aschenbecher, Waschmittel, BHs, eine neue Zahnbürste, WLAN, einen intakten iPhone-Bildschirm. Und ich brauche Essen.

Auf Drogen habe ich immer alles geklaut, weil ich mein ganzes Geld für Heroin ausgab. Zum Leben notwendige Dinge waren für mich zweitrangig und mussten irgendwie anders als mit Geld besorgt werden. Deshalb ging ich in verschiedene Läden und steckte mir einfach alles in die Taschen. Ich hatte ein Talent fürs Klauen. Ich wurde nie erwischt und hatte nie ein schlechtes Gewissen. Meine Ausrede war mein Junkie-Dasein: Ich brauche das mehr als die anderen. Mein Leben ist härter. Soll ich etwa verhungern? Würdest du mir etwa lieber Geld geben?

Clean geht das nicht. Zwar ist die Versuchung da, aber es würde sich einfach falsch anfühlen. Meine Furcht, nicht genug zu haben, darf mein Handeln nicht bestimmen. Ich muss genau das Gegenteil von dem tun, was ich auf Drogen immer gemacht habe. Ich muss mich von Vertrauen lenken lassen, nicht von Angst.

Als Russe ist Nikolai da etwas pragmatischer und logischer. Er hat so seine Probleme mit meinem "Alles wird gut"-Ansatz.

"Ich komme nicht aus deinem Byron Bay", sagt er.

"Und ich komme nicht aus Wolgograd", antworte ich. "Ich weiß nur eins: Wenn ich versuche, alles zu kontrollieren, kommen der Stress und die Angst zurück und ich lande wieder in der Entzugsklinik."

"Hippie!", ruft er spöttisch und wirft eine Handvoll Blubberblasen in meine Richtung.

"Ach, komm!", rufe ich zurück.

"Als ob es bei dir in der Vergangenheit immer so toll geklappt hätte." Nikolai lacht. "Hör mal", sagt er, "für zwei Junkies frisch aus dem Entzug geht es uns doch ganz gut."

Damit hat er auch Recht: Wir sind clean, wir haben ein Dach über dem Kopf, wir lieben einander und wir strengen uns wirklich an. Der "Für zwei Junkies"-Einwand schmeckt mir aber gar nicht. Ich habe es satt, ein Junkie zu sein. Wann kann ich endlich sagen, dass es mir als Mensch gut geht?


Vertrauen ist wichtig. Aber eine positive Einstellung und Bekräftigungen zahlen keine Rechnungen.

Die meisten Leute aus der westlichen Welt, die in Chiang Mai leben, arbeiten als Englischlehrer. Eigentlich will ich auch diese Richtung einschlagen, aber einige Unternehmen verlangen einen Lebenslauf. Als jahrelange Drogenabhängige kann das für mich zum Problem werden, denn neben einiger Berufserfahrung befinden sich in meinem CV viele Lücken:

2007 - 2009: Heroinsucht, Job gekündigt, von der Sozialhilfe gelebt, Rock'n'Roll-Musik gemacht

2009 - 2010: siebeneinhalb Monate in einer Entzugsklinik verbracht

2010 - 2012: nach dem Entzug in Byron Bay versumpft, nicht gearbeitet, versucht, mein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen

2014 - 2018: vierjähriger Heroinrückfall, ständig in Entzugskliniken ein und aus gegangen

Auf Drogen fiel es mir leicht, mich irgendwie durchzuschlagen und jede Situation zu meinem Vorteil zu nutzen. Clean bin ich allerdings unbeholfen. Ich will meine Vergangenheit nicht unbedingt verschweigen, aber die Wahrheit würde mir jede Chance auf einen Job als Lehrerin kaputtmachen.

Deshalb beschließe ich, wieder als freiberufliche Autorin zu arbeiten, und schaue nach Verlagen, denen ich Vorschläge pitchen kann. Dann fällt mir ein, dass ich dafür auch Leseproben mitschicken muss. Zwar habe ich schon viel veröffentlicht, aber das ist Jahre her. Und in all meinen aktuellen Artikeln geht es um meine Heroinsucht und den Entzug.


Neben Geld fehlt es mir aber auch an sozialen Kontakten. Eine Frau in meiner AA-Gruppe lädt mich zu den Yoni Monologues ein, die Chiang-Mai-Version des Theaterstücks Die Vagina-Monologe. Nach der Aufführung sitze ich auf meinem Roller und rauche. Eine der Darstellerinnen läuft auf den Roller neben mir zu. "Du warst toll", sage ich zu ihr. Sie bedankt sich und wir kommen ins Gespräch.

Die Darstellerin lädt mich dazu ein, zusammen mit ein paar anderen Frauen um die Ecke etwas trinken zu gehen. Eigentlich habe ich keine Lust darauf, anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich betrinken, aber es ist erst 22 Uhr und ich will noch nicht nach Hause. Außerdem sehne ich mich nach weiblicher Gesellschaft. Also gehe ich mit.

Die Frauen sind alle nett. Sie trinken Wein, während ich an meiner Cola nuckle und eine Zigarette nach der anderen rauche. Ich fühle mich unsicher. Zwar verspüre ich kein Verlangen nach Alkohol, bin aber dennoch neidisch darauf, wie sich der Wein auf die Frauen auswirkt: Sie sind nicht mehr so gehemmt, sie können sich entspannen, abschalten, Small Talk machen.

Sie wollen wissen, wie lange ich schon in Thailand bin. "Acht Monate", antworte ich. "In Chiang Mai aber erst seit drei Wochen. Vorher war ich im Süden."

"Oh, cool. Was hast du da unten gemacht?"

Mein Gehirn sagt mir, dass ich irgendetwas von einem Job als Lehrerin erzählen soll. Überraschenderweise sagt mein Mund dann die Wahrheit: "Ich habe einen Drogenentzug gemacht."

"Super!", ruft die Runde begeistert. "Gut für dich!"

Danach planen die Frauen, nächste Woche zum Zumba und gemeinsam essen zu gehen, während ich mich in meinen Gedanken verliere. Ich fühle mich richtig nackt. "Warum hast du denen das erzählt?", frage ich mich.

Wahrscheinlich ist mir inzwischen alles egal. Es geht mir ja ganz gut – für einen Junkie. Eine der Frauen lehnt sich zu mir rüber und kippt dabei etwas Wein über ihr Knie. "Weißt du, ich habe letztens bei genau dieser Entzugsklinik angerufen. Ich glaube, ich brauche Hilfe." Dabei zündet sie das falsche Ende einer Zigarette an. Zeit für mich zu gehen.

Ich bedanke mich bei der Gruppe und verspreche, mit zum Zumba zu kommen. Noch nie kam ich mir so komisch vor, als ich neue Freunde finden wollte.


Ein Neustart ist nur eine Illusion. Die negativen Folgen meiner Sucht verfolgen mich auch weiterhin. Nur weil ich clean bin, ist meine Vergangenheit nicht automatisch gelöscht.

Ich mache meine Steuererklärung. Als die mir zustehende Rückzahlung nicht ankommt, teilt mir mein Steuerberater mit, dass die australischen Behörden das Geld einbehalten haben. Ich habe nämlich immer noch Schulden aus der Zeit, als ich Sozialhilfe empfing. Und mein alter Mobilfunkanbieter schreibt mir in einer Mail, dass meine dortigen Schulden an ein Inkasso-Unternehmen weitergegeben wurden.

Währenddessen ruft die Schweizer Polizei bei Nikolais Familie an, um über einen offenen Haftbefehl zu sprechen. Nikolai überkommt Panik. Mir geht es genauso, denn das Ganze erinnert mich daran, dass auch bei mir noch einige Bußgelder ausstehen – wegen Heroinbesitz, wegen des Besitzes von Drogenbesteck und weil ich einmal ohne Sicherheitsgurt Auto gefahren bin. All das habe ich sehr lange einfach ignoriert. Und ich weiß nicht, ob ich deswegen noch mehr Bußgeld zahlen muss oder vielleicht sogar verhaftet werden könnte.

Zeit für ein Bad.

Mit der Zeit suche ich wieder den Kontakt zu alten Freunden und meiner Familie. Die meisten von ihnen finden gut, was ich mache. Mit einer Ausnahme: meinem Vater. Von ihm habe ich seit meiner Ankunft in Thailand nichts mehr gehört. Aber nur, weil es mir jetzt besser geht, müssen die Leute ja nicht direkt ihre Meinung über mich ändern.

Kurz vor meinem Entzug wurde mein Vater wütend und sagte zu mir, dass ich mein Leben versaut hätte: "Dabei hattest du es doch so gut", rief er. "Du bist eine Versagerin!"

Zu seinem Geburtstag schreibe ich meinem Vater eine Nachricht. Ich entschuldige mich für mein Verhalten während meiner Heroinsucht – und für den ganzen Stress, den ich ihm gemacht habe. Ich erzähle davon, dass ich jetzt seit acht Monaten clean bin und dass es mir gut geht. Am nächsten Morgen schaue ich ganz aufgeregt nach, ob mein Vater geantwortet hat. Er hat die Nachricht zwar gelesen, aber nichts zurückgeschrieben.


Jedes Jahr im Februar beginnen die Farmer Chiang Mais damit, ihre Felder abzubrennen. Während der sogenannten Burning Season verwandelt sich die Metropole temporär in eine der Städte mit der weltweit heftigsten Luftverschmutzung. Der Smog verursacht bei mir Angstzustände. Ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Also nehme ich kurz meine Feinstaubmaske ab und zünde mir eine Zigarette an.

Am darauffolgenden Tag fühle ich mich schrecklich. Ich mache mich auf zu einem AA-Treffen, kann mich dann aber nicht überwinden, durch die Tür zu gehen. Mir stehen Tränen in den Augen und ich will vor den alten Männern nicht heulen. Ich setze mich kurz an den Straßenrand und beschließe, mit dem Taxi zum Warorot-Markt zu fahren. Ich muss mich irgendwie ablenken.

Der Taxifahrer ist ein alter Thailänder, der sich als Mr. Ammo vorstellt. "Besuchst du Chiang Mai?", fragt er. "Ich lebe jetzt hier", antworte ich. Mit einem "Ah, gut" bremst mein Fahrer, um nicht die beiden Touristen über den Haufen zu fahren, die sich mit ihren Rollern abmühen.

Mr. Ammos nächste Frage jagt mir einen Schrecken ein: "Bist du glücklich?" Ich weiß, dass er aufgrund der Sprachbarriere damit eigentlich meint, ob es mir in Chiang Mai gefällt, aber ich denke trotzdem über die wortwörtliche Bedeutung der Frage nach.

Ich erinnere mich an die letzten acht Monate zurück, an meinen kaputten Zustand vor dem Entzug, an die Entgiftung, an die Schmerzen – aber auch an die Hoffnung, die immer mehr aufgekommen ist. Ich denke an Nikolai und daran, wie er in unserer Wohnung mit Zigarette zwischen den Lippen Liegestütze macht. Ich denke an meinen Hund in Australien, den ich unglaublich vermisse. Ich denke an die Menschen, die trotz allem immer noch an meiner Seite stehen und mir Mut zusprechen.

Ich will weinen, aber zwinge mich zu lächeln.

"Ja, mir geht's gut, Mr. Ammo."

Er zeigt mir den Daumen hoch.


Ein paar Tage später fahre ich mit dem Zug vom Hong Kong International Airport in mein Hotel. Ich bin pleite und kann es mir eigentlich nicht leisten, hier zu sein, aber ich muss Thailand verlassen und wieder einreisen, um ein neues Visum zu kriegen. Die thailändische Botschaft in Hongkong ist die beste Anlaufstelle, wenn es schnell gehen soll. Ein Käsesandwich und ein Kaffee im Flughafen-Café kosten mehr als mein Budget für zwei Tage Thailand. Ich mache mir Sorgen.

Neben mir schläft Nikolai. Hinter uns spricht eine Frau laut auf Französisch in ihr Handy. Irgendwann wird ihr wohl klar, dass sie nervt, denn sie setzt sich vier oder fünf Sitzreihen weiter weg, ans andere Ende des Abteils.

Dabei lässt sie ihre Handtasche liegen. Sie ist aus glänzendem Lackleder, von Louis Vuitton. Ein potentieller Schatz.

Schnapp sie dir.

Die Frau kriegt nichts mit. Sie ist die Art von Person, die Hunderter mit sich rumträgt und das für "Kleingeld" hält. Bestimmt hat sie mehrere Platin-Kreditkarten.

In mir tobt eine Debatte.

Ich brauche das Geld dringender als sie.

Junkies glauben, ihnen stehe alles Mögliche zu. Ich hasse es, dass ich immer noch so denke. Ich stehe so kurz davor, nach der Tasche zu greifen, dass mir davon schon ganz schlecht ist. Aber ich bringe es doch nicht über mich.

Ich wecke Nikolai und wir steigen aus dem Zug aus. Ich zittere. Junkie-Hannah schäumt vor Wut: Du Feigling! Du Idiotin!

Ich weiß, dass ich richtig gehandelt habe. Arm und hungrig sein halte ich aus, solange ich nicht noch mehr Schuldgefühle mit mir rumtragen muss.

In unseren Entzugslumpen laufen wir durch den Bahnhof und verschwinden zwischen Reisenden in Gucci.


Hongkong ist furchtbar. Ich werde krank und übergebe mich drei Tage am Stück. Essen können wir uns kaum leisten. Uns gehen die Zigaretten aus. Wir streiten. Ich kriege schreckliches Heimweh. Zum ersten Mal zweifle ich an meiner Beziehung zu Nikolai. Ich sitze vor dem Hotel und rufe weinend meine Sponsorin an.

"Warum kann es mir nicht einfach mal eine Weile gut gehen?", schluchze ich. "Die letzten paar Jahre waren die Hölle, und jetzt wo ich clean bin, dachte ich, mein Leben würde ausnahmsweise mal ein bisschen hinhauen. Ich will nicht mal Drogen nehmen, aber das ganze Leben ist einfach zu hart!"

Meine Sponsorin ist 60. Sie erholt sich seit Jahrzehnten von ihrer Heroinabhängigkeit. Sie hat das alles gelebt.

"Hannah", sagt sie sanft. "Es gibt kein Happy End. Da kommt kein Punkt, ab dem alles einfach OK ist. Das Leben passiert immer weiter, die Frage ist, wie du damit umgehst. Das ist das Abenteuer."


Zurück in Chiang Mai ist die Luft klarer. Ich kann meinen Tempel wieder sehen.

"Lass uns auf den Berg gehen", sage ich zu Nikolai.

"Nehmen wir die Luftpistole mit", sagt er.

Ich stecke acht leere Pepsi-Dosen in einen Beutel und Nikolai nimmt die Keramik-Pellets für die Pistole mit.

Wir fahren mit unserem blauen Roller auf den Berg Doi Suthep. Die Luft ist kalt, die Kurven sind eng. Nach 30 Minuten sind wir da.

Der Tempel ist anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Überall Touristenbusse, Leute tragen Rucksäcke und Selfie-Sticks, streunende Hunde scharren an Würstchenbuden. Es ist nicht der majestätische, leicht verfallene Ort der Ruhe, den ich mir ausgemalt habe.

Der Weg aus der Heroinsucht ist nicht das, was ich mir ausgemalt habe. Vor langer Zeit habe ich das alles schon mal durchgemacht, aber ich hatte vergessen, wie hart das ist. Ich habe nicht erwartet, dass jemand eine Party für mich schmeißt, oder dass mir alle sofort verzeihen, aber ich hatte schon erwartet, dass alles ein bisschen leichter wird. Ich muss an einen Bekannten denken, der auch endlich clean geworden ist. Im ersten Jahr seiner Genesung musste er sich wegen Drogenschmuggels vor Gericht verantworten. Er bekam fünf Jahre Gefängnis. Das erschien mir grausam. Aber das Erstaunliche daran war: Er saß seine Haft ab, ohne rückfällig zu werden.

Wenn ich mir das vor Augen halte, schrumpfen meine eigenen Probleme.

Nikolai und ich schauen den vor Touristen wuselnden Tempel an, dann einander: Nein, danke. Wir fahren auf dem Roller weiter, bis wir eine Waldlichtung erreichen. Dort gibt es Kiefern und kleine Tische mit Stühlen, die aussehen wie Pilze. Es dämmert. Wir stellen unsere Pepsi-Dosen auf und wechseln uns mit dem Schießen ab. Zum ersten Mal seit Wochen habe ich Energie.

Ich schieße, und ich bete.

Pop, pop, pop.

Lass mich das hier schaffen!

Pop, pop, pop.

Lass mich ein Leben haben!

Pop, pop, pop.

Lass mich glücklich sein!

Nikolai legt den Arm um mich.

"Wir machen uns schon ganz gut", sagt er.

Ich warte darauf, dass er hinzufügt "für ein paar Junkies", aber ausnahmsweise sagt er das nicht.

"Wir machen uns", stimme ich ihm zu.

Wir schießen, bis es zu dunkel ist, die Dosen zu erkennen. Meine Augen gewöhnen sich an die Nacht und ich merke, dass die Aussicht sich verändert hat. Ich schaue in die Ferne. Unter mir erstreckt sich meine neue Stadt, und ihre Lichter glitzern.


Du hast ein Suchtproblem oder machst dir Sorgen um betroffene Freunde und Verwandte? Hilfe bei Drogenabhängigkeiten findest du in Deutschland über das Suchthilfeverzeichnis oder unter 01805 31 30 31. In der Schweiz bietet Safezone anonyme Online-Suchtberatung, lokale Suchtberatungsstellen findet man bei Infoset. In Österreich findest du Beratung über den Suchthilfekompass.

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