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Verbrechen

Wenn aus einer Einladung zum Dreier ein Mord wird

Mit Sex lockten die Täter ihr Opfer, um ihm dann ein Messer ins Herz zu rammen. Das Motiv der Täter ist bis heute unklar. Jetzt wurden sie verurteilt.

von Catherine Kirby
14 November 2017, 9:10am

Mark Law, Mason Casey und das Messer-Emoji, das Mason an Law schickte | Fotos: Leicestershire Police

Als die Rettungskräfte eintreffen, sieht Timothy Smiths Tod erstmal wie ein tragischer Unfall aus.

Es ist etwa 21 Uhr, als der Notruf bei der Polizei eingeht. In einem Industriegebiet in Shepshed, einer kleinen Trabantenstadt im Zentrum Englands, war ein silberner Ford Focus in eine Wand gekracht. Im Wagen finden die Sanitäter den leblosen Körper von Timothy Smith, einem 45-jährigen Gabelstapler-Fahrlehrer aus dem 30 Minuten entfernten Tamworth.

Noch vor Ort wird Smith für tot erklärt. Allerdings passen seine Verletzungen nicht so recht zu einem Verkehrsunfall. Zeugen berichten außerdem, dass sie zwei Männer gesehen hätten, die aus dem Industriegebiet rausrannten. Nach der Obduktion ist klar: Ein Stich ins Herz hat Smith getötet, nicht der Unfall.

Die Rekonstruktion der Tat

Mithilfe von Überwachungsaufnahmen, einer Untersuchung von Smiths Handy und Online-Aufrufen der Polizei können die Ermittler schließlich zwei junge Männer am Ort des Verbrechens ausmachen: Mark Law und Mason Casey.

Anhand der Beweise rekonstruiert die Polizei den Hergang der Ereignisse, die zu Smiths Tod führen: Mark Law und Timothy Smith kommen über die Dating-App Badoo in Kontakt. Law schickt dem 45-Jährigen dort ein Penisfoto, inklusive Einladung zu einem Dreier. Am Abend des 16. März holt Smith den 20-jährigen Law und den 17-jährigen Casey gegen 20:30 Uhr in Shepshed ab. Sie fahren zum Industriegelände Gelders Hall, dort rammt Law dem Fremden auf einem vermeintlich leeren Parkplatz ein Jagdmesser in die Brust und durchsticht dabei dessen Herz. Der tödlich verletzte Smith versucht noch, mit dem Auto zu fliehen, aber nach nur wenigen Metern kracht er mit seinem Wagen gegen eine Wand. Die beiden jungen Männer rennen davon und Law wirft das Messer in einen Teich, aus dem es später geborgen wird.

Nur eine halbe Stunde, nachdem er Law und Casey kennenlernt, ist Smith tot. Aber warum? Welches Motiv haben die jungen Männer?


Auch bei VICE: Die Geschichte des "Cleveland Stranglers" und seiner vergessenen Opfer


Relativ schnell nach der Verhaftung ergibt sich für die Beamten folgende Situation: Law gesteht den Mord, wohingegen Casey jegliche Beteiligung abstreitet. Er behauptet, keine Ahnung davon gehabt zu haben, was wenig später passieren würde. Er gibt Law die volle Schuld an dem Verbrechen.

"Ich war bei Mark Law zu Hause, als er einen Anruf von diesem Tim-Typen bekam", wird Casey im Leicester Mercury aus einem Vernehmungsprotokoll zitiert. "Wir gingen die Straße runter und Mark fragte: 'Kommst du?' Ich stieg ins Auto und wir fuhren um die Ecke zu Gelders Hall. Als wir anhielten, stieg ich aus, um meine Schuhe zuzumachen. Ich hatte gerade einen Schuh geschnürt, als Mark aus dem Auto sprang und sagte: 'Los, los – wir müssen jetzt gehen! Ich habe ihn gerade erstochen.' Also bekam ich Panik und rannte los. Einfach weg. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Er war hinter mir, er folgte mir. Er sagte immer wieder: 'Ich kann nicht fassen, dass ich das gerade getan habe.' Ich hätte nie gedacht, dass er wirklich so etwas machen würde. Ich dachte, der redet nur."

Mit Gerede spielt Casey auf Laws Interesse für Kannibalismus an, das der schon einige Zeit vor dem Mord bekundet haben soll. Und dann ist da auch noch "Michael" – ein anderer Mann, den Law auf Badoo kennengelernt hatte. Auch mit ihm hatte er sexuelle Nachrichten ausgetauscht.

Wenn aus Spaß Ernst wird

Während Laws Gerichtsverhandlung im Leicester Crown Court wird bekannt, dass der spätere Täter Michael ein Treffen im gleichen Industriegelände angeboten hatte. Wie die Geschworenen erfahren, hatte Law Casey gegenüber erwähnt, dass er Michael bei dem Treffen "in den Kopf" stechen werde. Nachdem er Screenshots von der Badoo-Unterhaltung mit Michael gesehen hatte, schickte Casey eine SMS an Law: "Töte ihn" und ein Messer-Emoji.

Casey sagt der Jury: "Ich habe mir nichts dabei gedacht. Das war nur Spaß. Nichts davon war ernst gemeint." Dem Staatsanwalt James House zufolge habe Casey im Verhör den Polizisten allerdings gesagt, dass er über Laws Mordplan im Bild gewesen sei. Eine Woche vor dem Mord an Timothy Smith habe er seinen Freund sogar ins Industriegebiet begleitet, um dort Michael zu treffen.

"Haben Sie darüber gesprochen, was passieren würde, wenn er auftaucht?", fragt House.

"Nein", antwortet Casey.

"Gab es irgendein Gespräch darüber, was passieren würde, wenn er tot ist?"

"Nein."

"Du bis ja besessen davon, zerstückelt zu werden, haha."

Zum Glück taucht Michael nie auf. Der Ton der Gespräche habe ihn abgeschreckt, erzählt Michael in einer Befragung der Polizei. "Ich werde dir nicht wehtun, solange du mir nicht wehtust", hatte Law ihm geschrieben. Er habe ihn gefragt, ob sie "kämpfen könnten", und später gegenüber Michael erwähnt, dass ein Ex-Partner versucht habe, ihn "lebendig zu essen".

Das ist nur eine von vielen Kannibalismus-Anspielungen, die Law in Nachrichten auf Badoo macht. Caseys Verteidiger, Robert Woodcock, legt bei der Verhandlung noch weitere Beispiele vor.

Am 7. März fragt Law einen Mann: "Bevor wir weitermachen: Du bist nicht einer von denen, die Menschen zerstückeln, oder? Die Vorstellung, in deinem Bäuchlein zu landen, ist unheimlich."

Der Mann antwortet: "Du bis ja besessen davon, zerstückelt zu werden, haha."

Einen anderen Mann fragt er, ob er ihn kidnappen und essen könne. Als Treffpunkt schlägt er ein Industriegebiet vor. Einer Frau schreibt er: "Hey, kannst du mich verzehren?" Einer anderen macht er den Vorschlag: "Du kannst mich kidnappen und für Sex benutzen. Und wenn du fertig bist, zerhackst du mich, bewahrst mich in einer Tiefkühltruhe auf und isst mich – ich wäre eine kostenlose Mahlzeit."

Welche Rolle spielen Kannibalismus- und Gewaltfantasien?

Vor Gericht will Woodcock von seinem Mandanten wissen, wann und wie Law Kannibalismus zum ersten Mal erwähnt. "Ich war bei ihm zu Hause", sagt Mason vor der Jury. "Wir unterhielten uns über alltägliches Zeug und plötzlich fing er damit an. Er sagte, er würde gerne Menschen essen."

"Wie haben Sie darauf reagiert?", fragt Woodcock.

"Ich habe gelacht."

"Sind Sie weiter darauf eingegangen?"

"Nein."

In der Verhandlung führt Woodcock auch einige von Laws "bizarren, sadistischen und abstoßenden" Internetsuchanfragen auf – zum Beispiel "Menschenfleisch essen Video", "Ist es legal, einen Toten zu essen?", "Jemanden erwürgen", "Nackter Würgegriff" und "Wie lange dauert Tod durch Erwürgen?".

War Laws Faszination für Kannibalismus und Gewaltfantasien der Grund, warum Timothy Smith sterben musste?

Vorarephilie ist eine "sexuelle Paraphilie, bei der Individuen sexuell davon erregt werden, wenn sie sich vorstellen, – erstens – gegessen zu werden; – zweitens – eine andere Person zu essen und/oder – drittens – diesen Akt zur sexuellen Befriedigung zu beobachten". So definiert Mark Griffiths, ein Dozent an der Nottingham Trent University, die Sexualpräferenz in einem Artikel für den Independent . "Meistens beschränkt sich vorarephiles Verhalten allerdings auf die Fantasie. Es hat aber auch echte Fälle gegeben – wie Armin Meiwes, den 'Kannibalen von Rotenburg'."

Ob irgendetwas davon auch auf Law zutrifft, weiß man nicht. Als er sich am 8. September des Mordes an Timothy Smith schuldig bekennt, wird seine Gerichtsverhandlung hinfällig – und damit auch die Befragungen.

Die Last der Ungewissheit

Am 23. Oktober kommen die Geschworenen einstimmig zu einer Entscheidung: Sie befinden auch den inzwischen 18-jährigen Casey des Mordes schuldig. Er wird zu mindestens 15 Jahren Gefängnis verurteilt, Law zu mindestens 19 Jahren – erst danach ist eine Umwandlung in eine Bewährungsstrafe möglich.

Nach der Verurteilung sagt Smiths Vater: "Seit sechs langen Monaten weiß ich nicht, warum Timothy getötet wurde. Vielleicht werden wir das nie erfahren." Die Familie sei wegen des sinnlosen Todes noch immer erschüttert.

Wie ITV News berichtet, hält der Staatsanwalt House drei Mord-Motive für möglich: Laws Interesse am Kannibalismus, seine sexuellen Fantasien und seinen Wunsch nach einem Auto. Diesen hätte er sich erfüllen können, wenn Smith nicht noch versucht hätte, mit seinem Ford Focus zu fliehen. Der Staatsanwalt betont aber auch, dass das wirkliche Motiv unklar bleibe.

Wenn seine Aussage direkt nach dem Urteilsspruch jedoch zutrifft, dann ist sich House einer Sache trotzdem sehr sicher: "Ganz egal, ob Law auch sexuelle Handlungen interessierten oder nicht, seine wahre Intention war das Töten."

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