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Reisen

Wegen einer zwei Jahre alten Koks-SMS durfte ich nicht in die USA einreisen

Stundenlang wurde ich festgehalten, verhört und zermürbt. Jetzt gelte ich als Verbrecherin.

von Isabella Brazier-Jones; aufgeschrieben von Ruby Lott-Lavigna
01 Juli 2019, 10:14am

Isabella und mit ihrer Freundin Olivia | Alle Fotos bereitgestellt von Isabella Brazier-Jones

Olivia und ich sind beste Freundinnen, seit wir uns an der Schauspielschule kennengelernt haben. Sie ist meine Seelenverwandte. Nach dem Abschluss hatten wir beide Probleme, Rollen zu kriegen. Wir stellten die Schauspielerei hintenan und schlugen uns ein paar Jahre so durchs Leben. Unser Alltag in London zog uns mit der Zeit aber immer weiter runter. Also entschieden wir uns, einen Neustart zu versuchen und für ein paar Monate das Land zu verlassen. Wir hatten schon immer darüber gesprochen, eine Weile in die USA zu gehen.

Wir kündigten unsere Jobs und buchten unsere Flüge. Hin und zurück. Der Plan: ein Monat Los Angeles, ein Monat New York. Wir hatten Lust auf etwas Abenteuer. Die US-amerikanische Kultur faszinierte uns und wir wollten sehen, ob es uns dort gefällt.

Am Tag unseres Abflugs stehe ich um 7 Uhr morgens vor Olivias Elternhaus. Ihre Mutter fährt uns zum Flughafen. Nach einem tränenreichen Abschied gehen wir zum Gate. Den ganzen Flug über können wir nicht aufhören rumzualbern.


Auch auf VICE: Ich habe Kokain in die USA geschmuggelt, um meinen Studienkredit abzubezahlen


Als wir um 17:30 Uhr Ortszeit in L.A. landen, bin ich super aufgekratzt. Ich weiß, wie streng die US-Passkontrolle sein kann. Olivia filmt mich mit ihrem Handy. Sie denkt, ich würde mich freuen, aber ich bin einfach nur extrem nervös.

An der Passkontrolle lande ich bei einem streng dreinschauenden Mann. "Wie lange bleiben Sie?", "Was ist der Grund für Ihren Aufenthalt?", "Wo übernachten Sie heute?" – das Übliche. Dann fängt er an, mich über meine Finanzen auszufragen. Wie viel Geld ich auf dem Konto habe? Meine ehrliche Antwort gefällt ihm offenbar nicht. Es ist zu wenig. Plötzlich werde ich mit einem Haufen Fragen bombardiert, die ich nicht erwartet habe.

Ich fühle mich eingeschüchtert. Schließlich beschlagnahmt der Beamte meinen Pass, fordert mein Handy. Seinem Kollegen zeigt er, wo Olivia ist. Sie muss das gleiche Prozedere über sich ergehen lassen. Danach werden wir separat in eine Art Wartezimmer geführt. Zum Sitzen gibt es Plastikstühle, die Tür ist bewacht. Wir sollen uns nebeneinandersetzen und dürfen uns nicht anschauen.

Der Raum ist beklemmend. Ständig gehen Menschen ein und aus. Manche kämpfen sichtlich gegen die Müdigkeit, tun alles, um nicht einzuschlafen. Neben uns sitzt eine asiatische Familie mit einem weinenden Dreijährigen, der immer wieder angeschrien wird, ruhig zu sein.

Ich bin einfach nur verwirrt. Das alles muss doch ein großer Irrtum sein. Bestimmt nur eine Routinekontrolle, die bald erledigt ist. In ein paar Stunden werden wir über den ganzen Irrsinn lachen und dazu Margaritas trinken.

Dann wird Olivias Name aufgerufen. Gott sei Dank. Endlich ist es vorbei. Aber meinen Namen höre ich nicht. Panik macht sich in mir breit. Ich ertrage die Trennung nicht. Ob sie meiner Freundin sagen können, was los ist, frage ich die Beamten. Ob sie mir sagen können, was los ist? Auf jede Frage heißt es: "Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen still sein und sich hinsetzen."

Es folgen mehrere Verhöre. Acht Stück verteilt über 24 Stunden. Ich bin furchtbar erschöpft. Immer wieder die gleichen Fragen, das gleiche Thema: Arbeit. Ob ich vorhabe, in den USA zu arbeiten? Sie wollen, dass ich mich in Widersprüche verstricke.

Schließlich sagen sie, dass sie mein Handy durchsuchen werden. Konfisziert haben sie es ja schon. Ich werde mit fünf Jahre alten E-Mails konfrontiert. Es ist absurd, fast schon lustig. Sie bringen mich in eine Zelle und verhören mich noch ein paar Mal. Fünf Stunden lang geschieht nichts. Ich habe seit dem Abflug nicht geschlafen, habe nichts zu essen bekommen. Währenddessen schauen sie sich weiter mein Handy an.

"Haben Sie schon mal Kokain genommen?" Ich bin inzwischen so fertig, dass ich nicht lügen will, nicht lügen kann.

Ich stehe total neben mir. Plötzlich dreht sich alles um Drogen. "Seien Sie endlich ehrlich. Hören Sie auf, uns zu verarschen. Sie verschwenden unsere Zeit. Wir wissen, dass Sie lügen. Leute wie Sie wollen wir nicht in unserem Land."

Sie hätten in meinem Handy eine Nachricht über Kokain gefunden, sagen die Beamten. Zwei Jahre sei sie alt. Mehr wollen sie mir nicht sagen. "Haben Sie schon mal Kokain genommen?" Ich bin inzwischen so fertig, dass ich nicht lügen will, nicht lügen kann. "Ja, ich habe es schon mal probiert." Das war's. Ich muss zurück nach London. Wegen einer zwei Jahre alten Nachricht auf meinem Handy.

Ich weiß nicht, um welche SMS es geht. Ich kenne einige Menschen, die wegen Suchtproblemen in Therapie sind – auch Verwandte. Ob es daran liegt? Nach einer Party hat mir ein Freund mal geschrieben, ob ich Koks genommen hätte. Ich glaube, ich habe ihm damals gar nicht geantwortet.

Ich werde durch den Flughafen zu meinem Flugzeug gebracht. Die Lust an den USA ist mir ohnehin gehörig vergangen. Als ich Olivia sehe, bin ich unfassbar erleichtert. Es ist das beste Gefühl überhaupt. Wir lachen beide nur. Meinen Pass bekomme ich erst bei der Landung zurück.

Jetzt darf ich zehn Jahre nicht in die USA einreisen. Ich bin offiziell eine Verbrecherin. Das bestätigt der Stempel in meinem Reisepass.

Zurück in London fühle ich mich nicht gerade prächtig. Bei meiner unfreiwilligen Rückreise fürchtete ich mich etwas davor, wie mein Leben jetzt weitergehen würde. Ich weiß, dass ich zur Gruppe der Privilegierten gehöre. Ich versuche, diesen Status nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Er kann dich auch naiv machen. Du hast keine Ahnung, was in der Welt los ist, was andere Menschen ständig durchmachen – zum Beispiel, wenn man sie grundlos wie Schwerverbrecher behandelt. Jetzt habe ich selbst eine kleine Kostprobe bekommen.

Von meinem Handy habe ich inzwischen alles gelöscht.

VICE hat die Grenzschutzbehörde US Customs & Border Control um eine Stellungnahme gebeten. Die Behörde lehnte dies ab, weil sie keine Einzelfälle kommentiere.

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