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"Wakanda über alles" – Die problematische Politik in der Welt von 'Black Panther'

Der Marvel-Blockbuster steht nicht nur für Emanzipation und Style. Seine Welt ist auch eine klare Absage an die Menschenrechte – und ein Musterbeispiel für einen totalitären Staat.

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März 16 2018, 6:00am

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Was wäre, wenn es die Kolonisation Afrikas durch Europa nicht gegeben hätte? Wie würde ein afrikanisches Land aussehen, das von der Kolonisation durch Europa völlig verschont geblieben wäre? Im Marvel-Spektakel Black Panther lautet die Antwort Wakanda. Der fiktive zentralafrikanische Staat scheint eine Utopie der Superlative zu sein, die in der Realität so gut ankommt, dass sogar Schulkinder auf den Tischen tanzen.

Auch die Mode-Welt hat sich von Black Panther inspirieren lassen: Ein fiktives Zine soll zeigen, wie der Street-Style von Wakanda im filmischen Universum abseits der Leinwand aussehen würde. Umgesetzt wurde das Projekt unter viel Jubel und Lob von Stylist Matthew Josephs, Schreiber Charlie Brinkhurst Cuff und dem 19-jährigen österreichischen Star-Fotograf David Uzochukwu.

Doch sieht man genauer hin, ist Wakanda nicht nur ein stilistisch hochgradig ansprechendes Comic-Event in Kinoform. Das Land zeigt vor allem, wie eine klare Absage an die Demokratie und Menschenrechte aussehen kann – und ist ein Musterbeispiel für einen westlichen totalitären Staat. Die afrikanische Kulisse und Schauspieler dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich immer noch um einen westlichen Film für ein westliches Publikum mit westlichen Idealen und westlichen Ideologien handelt.

Es gilt das Recht des (adeligen) Stärkeren

Fair, könnte man meinen, geht es bei der Königskrönung in Wakanda zu. Dem "Black Panther" werden die übermenschlichen Kräfte genommen, dann muss er sich im Kampf gegen seine Herausforderer behaupten. Bei all der Fairness übersieht man jedoch zum einen, dass diese Form der Königskrönung ein sehr archaisches Ritual darstellt.

Zum anderen wird in der Geschichte schnell klar, dass die Herausforderer nur Familienmitglieder der Stammesführer sein dürfen – also der Adel. Die Probleme, die sich daraus ergeben, zeigt der Film selbst auf: Ein verloren geglaubtes Familienmitglied, das sein ganzes Leben dem Töten gewidmet hat, besiegt schließlich den guten Königssohn.

Diese zwei Faktoren führen zur eigentlichen Handlung des Films: ein blutiger Machtkampf zwischen Familienmitgliedern, der ein ganzes Land in den Bürgerkrieg stürzt. Das ist sicher keine Utopie mehr, sondern ein simpler Export brutaler westlich-europäischer Politikgeschichte in ein sehr schönes Sci-fi-Setting übertragen.

Wakanda ist das Musterbeispiel einer Tyrannis

Bereits während der Königskrönung wird klar, dass es in diesem Umfeld weder Menschenrechte, noch eine funktionierende Gewaltenteilung gibt. Der neue rechtmäßige (!) König kann töten und misshandeln, wen auch immer er will.

So sticht er noch während der Königskrönung den Ritusleiter nieder und misshandelt wenig später einen Untertanen, der es wagt, einen Befehl in Frage zu stellen. Beides bleibt folgen- und kritiklos. Die Einwohner sind ihrem König schutzlos ausgeliefert.

Wakanda ist – zumindest ab Beginn unserer Geschichte – nicht mehr als eine Tyrannis, wie man die Regierungsform der völlig willkürlichen Gewaltherrschaft in der Antike nannte (und der wir, wenig überraschend, den Begriff Tyrann verdanken). Hier herrscht, wer sich mit roher Kraft vor einer Art Versammlung behaupten kann. Das liegt nicht nur am Bösewicht, der zufällig schlechte Absichten hat, sondern auch am Aufbau des Staates selbst.

Auch das "Gute" zelebriert Treue bis in den Tod und blinden Kadergehorsam

Vor allem der emanzipatorische Charakter des Films wird international gelobt. Die Washington Post titelt zum Beispiel: "The women of ‘Black Panther’ are empowered not just in politics and war, but also in love“. Dabei zeigt uns der Film ziemlich genau das Gegenteil, abgesehen von der kriegerischen Emanzipation der Frau – und zwar so radikal, dass man sich fragen muss, ob die Kritiker den Film wirklich gesehen haben.

Trotz ihres funktionierenden moralischen Kompasses entscheidet sich Okoye, den Tyrannenherrscher zu beschützen und seine Befehle zu befolgen. Und zwar tut sie das mit den Worten: "Es ist vollkommen egal, wer auf dem Thron sitzt."

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Ihren Schwur gegenüber dem Königsthron stellt sie über ihre moralische Integrität. Bedingungslos. Das ist, vor allem im Hinblick auf die jüngere europäische Geschichte, alles andere als politisch emanzipiert. Vielmehr ist es eine komplette Verneinung der eigenen politischen Verantwortung – und ein Schritt zurück in altbekannte Hörigkeits- und Untertanen-Denkstrukturen, die besonders in diesen Tagen nicht die besten Assoziationen wecken.

Noch schlimmer zeigt sich der blinde Gehorsam in der Endschlacht um Wakanda: Okoye, die wieder auf der Seite des guten Königs T'Challa kämpft (da er noch lebt, hat er den Kampf nicht verloren), steht im Zweikampf ihrem Ehemann gegenüber. Die beiden haben unterschiedliche Meinungen zu und andere Vorstellungen von Loyalität in Bezug auf die Herrschaft von Wakanda.

Auf die Frage des Mannes, der auf der Seite des Tyrannen kämpft, ob sie ihn töten würde, antwortet sie: "Für Wakanda ja!" Daraufhin lässt der Ehemann die Waffen fallen und ergibt sich. Die Szene führt zum Sieg der Guten. Aber sie ist deshalb moralisch keineswegs über Kritik erhaben. Die Frage ist nicht zuletzt: Wie emanzipiert ist ein Mensch, wenn er seine eigene Familie ohne Bedenken für sein Land töten würde?

Tech-Utopie und Militarismus täuschen über fehlende Emanzipation hinweg

Alle der oben genannten Szenen werden von der Kritik gerne außer Acht gelassen. Der Film wird von Fans und Filmkritikern allgemein auf erstaunliche Weise entpolitisiert – und das, obwohl er selbst sehr deutlich mit politischen Botschaften und Strukturen spielt. Aber weder innerhalb, noch außerhalb des Marvel-Spektakels wird die Dimension von Macht- und Realpolitik, von Tyrannei und Tyrannen-Treue ausreichend thematisiert. Es bleibt beim Feiern der filmischen Oberfläche.

Auf gewisse Weise ist dieses Feiern in der Schwarzen Community ein lang ersehntes und wohlverdientes: Immerhin behandelt Black Panther Emanzipation im Hinblick auf den Look der Charaktere und empowert zum Beispiel Schwarze Frauen abseits von klischeehaften Hollywood-Ethnizitätsbildern, indem er sie nicht als hell oder glattgebürstet (und schon gar nicht als die untertänigen Tech-Dummies) zeigt.

Auch abseits von Gender setzt Black Panther bewusst auf eine Schwarze Besetzung und ein fortschrittliches afrikanisches Setting aus nichtweißer Perspektive. Darüber hinaus bildet der Film auch heutige und vergangene afrikanische Realitäten ab; Realitäten von Sklaverei und ihren Folgen, von immer noch bestehenden Monarchien, dem Umgang von Herrschern mit ihrem Volk und vielem mehr.

Natürlich gibt es in Black Panther Emanzipation. Aber Frauen, die auf Geheiß eines totalitären Staates ihre Partner töten, gehören nicht dazu.

Das alles gilt es zu bedenken. Aber das alles täuscht nicht darüber hinweg, dass beispielsweise die Vorstellung, Frauen seien emanzipiert, nur weil sie im Krieg kämpfen und (genau wie ihre männlichen Kollegen) ihre Partner umbringen, wenn es der Staat verlangt, nichts weiter ist als die Propaganda eines totalitären Staates. Und zwar jenes fiktiven Staates, um den es im Film geht.

Das ergibt innerhalb der Handlung natürlich Sinn. Es sollte nur vom Film und seinen Machern (beziehungsweise auch von seinem Publikum) nicht genauso bedingungslos hingenommen werden wie von den fiktiven Figuren im Königs-Tyrannenstaat Wakanda.

Die Annahme, dass ein Staat, nur weil er technologisch hoch entwickelt ist, auch automatisch gut sein müsse, ist ein gefährlicher Trugschluss. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie schnell und gerne wir uns von einer schönen Technotopie und dem Pathos des Heroischen blenden lassen.

Wenn man schwarze Fiktion gegen weiße Realität tauscht, wird das Problem deutlich

Wakanda hat das Marvel-Glück, dass ihr König T'Challa ein guter und besonnener Mensch ist. Absurderweise macht ihn genau das für manche Kritiker zur langweiligsten Figur, wie zum Beispiel die Rezension der Zeit meint.

Aber die Weltgeschichte lehrt uns, dass es selten gute Herrscher in solchen politischen Systemen gibt – und dass ein System gut daran tut, wenn es sich nicht von zufällig netten Tyrannen an seiner Spitze abhängig macht.

Die bittere Ironie des Wakanda-Hypes ist, dass genau solche Königreiche und Staaten wie Wakanda in Wirklichkeit zur Ausbeutung und Instabilität des gesamten afrikanischen Kontinents beigetragen haben – nur dass die technokratischen, martialischen "Wakandianer" hier weiß waren.

Mehr vom Autor findet ihr auf seinem Blog.

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