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10 Fragen an einen Mormonen, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Seid ihr eine Sekte? Nutzt du beim Missionieren schwache Momente der Menschen aus? Masturbierst du?

von Steven Meyer
19 August 2019, 8:34am

Fotos: Marie Haefner

Anhängerinnen und Anhänger des Mormomentums kennen sich mit Ablehnung aus. Wenn sie missionierend von Haus zu Haus ziehen, freuen sich nicht alle über ihren Besuch. Auch René Krywult kann solche Geschichten erzählen. Schon in seiner Kindheit riefen ihm andere Kinder oft "Hormon" hinterher. Heute ist er 46, Mitglied einer mormonischen Kirche in Wien und bezeichnet sich selbst lieber als "Heiliger der Letzten Tage".

Seine Kirche – die größte mormonische weltweit – wurde 1830 von Joseph Smith gegründet und heißt "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage". In Österreich hat sie nach eigenen Angaben etwa 4.700 Mitglieder, weltweit sind es mehr als 16 Millionen. Ihre Anhängerinnen und Anhänger glauben nicht nur an die Bibel, sondern auch an das Buch Mormon. Außerdem tragen sie heilige Unterwäsche und die Männer durften 47 Jahre lang mit mehreren Frauen verheiratet sein, Splittergruppen praktizieren die Vielehe noch immer.

Wir haben Fragen.

VICE: Wie traurig bist du, dass Polygamie bei euch abgeschafft wurde?
René Krywult: Gar nicht, ich finde das super! Wer will schon mehr als eine Schwiegermutter? Polygamie war früher wichtig, um dafür zu sorgen, dass es viele Nachkommen für die Kirche gibt. Ich bin aber froh, dass sie heute nicht mehr notwendig ist. Vielehen sind für niemanden einfach, weder für Frauen noch für Männer. Sie waren aber nunmal eine religiöse Pflicht.

Mormonen

Es gab aber auch staatlichen Widerstand. In den USA hat man den Mormonen die Bürgerrechte abgesprochen und das Eigentum der Kirche konfisziert. Das hat das Wachstum der Kirche gehindert. Deshalb wurde Polygamie auch durch eine Offenbarung 1890 abgeschafft, weil Gott damit nicht mehr erreichen konnte, was er wollte.

Wie gehst du mit schwulen oder lesbischen Kirchenmitgliedern um?
Niemand kann etwas für die eigene Neigung, ob sie nun angeboren oder anerzogen ist. Es gibt bei uns aber ein klares Gebot, das aussagt, dass Sexualität nur zwischen Mann und Frau auszuüben ist. Alles andere ist eine Sünde.

Ich kann verstehen, dass es eine schwere Entscheidung für diejenigen ist, die sich dann trotzdem für unsere Gemeinschaft entscheiden. Ich respektiere sie dafür und bemühe mich, sie zu unterstützen.


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Seid ihr eine Sekte?
Diese Frage bin ich gewohnt. Ich frage dann immer, welche der vielen verschiedenen Sektendefinitionen die Person meint, und erkläre ihr, wieso sie gar nicht versteht, wovon sie redet.

Der Sektenbegriff hat sich nämlich stark gewandelt. Früher meinte man christliche Splittergruppierungen, die im 19. Jahrhundert entstanden sind, damit. Aufgrund diverser Kults verbanden Menschen ab den 60er Jahren eher Gehirnwäsche, Ausbeutung, Abschottung und Psychotricks mit Sekten. Das passt so gar nicht zu uns.

Wieso glaubst du, dass Satan Jesu Bruder ist?
Wir glauben, dass wir alle vor unserer Geburt geschaffen wurden und der Unterschied zwischen Jesus im vor-irdischen Dasein und uns nicht groß ist. Außerdem sind wir alle Brüder und Schwestern. Wenn jemand diese verschiedenen Teile der Lehre nimmt, kann man Satan also als den Bruder Jesu verstehen. Das passt aber einfach nicht, weil sich Luzifers Persönlichkeit so stark verändert hat, dass er nicht mehr zur Gemeinschaft gehören konnte. Es würde also kein Mormone behaupten, dass Satan der Bruder Jesu ist. Diese Aussage kommt von unseren Gegnern.

Mormone

Wie fändest du es, wenn deine Tochter einen Minirock tragen würde?
Meine Kinder sind erwachsen und mir steht es nicht zu, ihnen zu sagen, was sie anziehen sollen – das müssen sie zwischen sich und Gott aushandeln. Als sie kleiner waren, habe ich aber immer gesagt: "Pass auf, was du in die Auslage legst, und reg dich nicht drüber auf, wenn andere es betrachten oder kaufen wollen." Ich hatte aber größere Probleme damit, als eines meiner Kinder den Kleidungsstil der damaligen Emos übernommen hatte. Da ging es aber eher um den Lebensstil der Gruppe und nicht um die Kleidung.

Was ist das Schlimmste, das dir beim Missionieren passiert ist?
Mir ist nicht viel passiert, aber mein ältester Sohn wurde beim Missionieren in England angespuckt und sogar mit Steinen beworfen. Ein Missionar hat mir erzählt, dass er in Wien in einem Gebäude mit einem Messer bedroht wurde.

Die Kernaufgabe der Mission ist es aber zu belehren und nicht zu kontaktieren. Es macht auch keinen Sinn, jemandem etwas einzureden, das nicht passt. Psychotricks wären da der falsche Weg.

Ich habe zum Beispiel Bekannte, die einen Todesfall in der Familie hatten. Sie wissen, dass ich Mitglied der Kirche bin – und wollten mit mir reden, weil sie den Tod nicht verkraften konnten. Im Gespräch habe ich dann irgendwann vorgeschlagen, einen Missionar mit einzubeziehen.

Nutzt du beim Missionieren schwache Momente der Menschen aus?
Ich weiß nicht, ob es schwache Momente sind, aber es geht darum, Hilfe anzubieten, wenn sie gefragt ist. Ich würde zum Beispiel nicht in eine Disco gehen und dort anfangen zu predigen. Das macht keinen Sinn.

Trinkst und rauchst du heimlich, obwohl es verboten ist?
Wenn es ein Medikament auf Alkoholbasis gibt, das für mein Problem am besten ist, nehme ich es. Ich kenne auch Kirchenmitglieder, die Opiate gegen Schmerzen nehmen. Ansonsten weiß ich aber nicht, wieso ich Alkohol trinken sollte. Das Zeug brennt, es schmeckt nicht und man müsste sich dran gewöhnen. Kaffee hat mir auch nie geschmeckt und ich bin gegen Koffein allergisch – Bohnenkaffee und Schwarztee sind nämlich auch nicht erlaubt.

Mormone

Wie datet man, wenn Sex vor der Ehe verboten ist?
Sexualität ist etwas Gutes, sie dient der Fortpflanzung und dazu, das Ehepaar noch enger zusammenzubringen. Es gibt aber Regeln. Sex muss exklusiv sein, um die Ehepaare gut zusammenbringen zu können.

Meine Frau und ich haben gegen diese Regel verstoßen. Ich war damals erst 17 Jahre alt und obwohl wir heiraten wollten, war es in Österreich nicht erlaubt. Wir sind dann zusammengezogen – und sie wurde schwanger. Als Konsequenz konnte ich dann für 12 Monate nur eingeschränkt am Gemeindeleben teilnehmen.

Ich bin der Meinung, dass heutzutage der Körper zu sehr in den Vordergrund gestellt wird. In einer Ehe ist es aber normal, dass körperlich manchmal gar nichts läuft. Ich weiß noch, dass meine Ehefrau und ich nach unserem ersten Kind längere Zeit keinen Sex hatten. Wenn der körperliche Aspekt einer Beziehung in einer solchen Zeit im Vordergrund steht, entwickeln sich Zweifel. Man schafft haltbare Ehen, wenn Sex erst später ins Spiel kommt.

Masturbierst du?
Ich bin verheiratet, ich habe das also nicht nötig. Wir gehen wie gesagt davon aus, dass Sex Ehepaare näher zusammenbringen soll. In jeder Ehe gibt es aber Schwierigkeiten, die sich meistens auch in der Sexualität ausdrücken. Wenn sich dann ein Partner in Pornografie oder Masturbation flüchtet, fehlt das Druckmittel, um die Dinge auszudiskutieren. Deswegen glaube ich, dass es nicht gut ist.

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