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Stanic – Die Kolumne

Warum ich als Migrantenkind das Heimatland meiner Eltern glorifiziere

Wie kann sich ein Ort wie dein Zuhause anfühlen, wenn du nie dort gelebt hast?

von Alexandra Stanic
26 August 2019, 11:30am

Foto: Pexels | Bia Sousa || Bearbeitung: VICE

Feministin, Gastarbeitertochter und VICE-Kolumnistin: Alexandra Stanić schreibt wöchentlich darüber, wie sie Politik, Rassismus und Sexismus erlebt.

Ich bestelle Erdbeersaft mit einer Extraportion Schlagobers und fühle mich schlagartig wieder wie 16. Vor ein paar Wochen war ich in Bosnien-Herzegowina und habe ein paar Tage mit meinen Eltern verbracht. In Bosnien scheint die Zeit still zu stehen. Nur ich bin nicht mehr 16. Ich bin 28. Ich bin nicht alleine an meinem Tisch, neben mir sitzen Darko und ein Mann, dessen Name ich nicht kenne. Es ist selbstverständlich, dass sie einfach neben mir Platz nehmen, egal, ob wir uns schon einmal gesehen haben oder nicht. Ich weiß nicht mehr, wie viele Abende ich mich mit Fremden betrunken habe, aber ich weiß, dass es viele waren. Wer auf einen Kaffee vorbeikommen will, der macht das – ohne sich anzukündigen. Mir wird warm ums Herz, wenn ich an diese selbstverständliche Geste denke. Wenn ich an Bosnien denke, zieht es mir in der Brust. Das Ziehen hört für einen kurzen Moment auf, wenn ich unter Bosnierinnen und Bosniern bin.

Mein Leben lang schon fühle ich mich zerrissen, weil ich nirgends so richtig dazugehöre. In Österreich bin ich das Ausländerkind, die Migrantentrulle, die Jugo-Kommunistin, je nachdem, was den Punschkrapfen besser passt. In Bosnien bin ich die Svabica, die in Österreich geboren ist und einen komischen Akzent hat. Als Teenagerin bin ich durch viele Identitätskrisen gegangen. Bin ich Österreicherin? Bosnierin? Oder gar Jugoslawin? Nirgends so richtig zu Hause, überall fehl am Platz. Trotzdem fühlt es sich jedes Mal so an, als würde ich nach Hause kommen, wenn ich über die bosnische Grenze fahre. Wie kann sich ein Ort wie dein Zuhause anfühlen, wenn du nie dort gelebt hast?


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Bosnisch ist die Sprache des schwarzen Humors. Ich lache weniger über das Gesagte und mehr darüber, wie es gesagt wird. Fremde machen durchgehend Scherze auf meine Kosten, bestellen trotzdem weiter Runden. Viel Geld haben die meisten Menschen hier nicht, lassen es sich aber trotzdem nicht nehmen, mich auf mehr Alkohol einzuladen, als ich vertrage. Wer keinen Spaß versteht, der bleibt lieber weg. Mich aber kränkt die Bissigkeit nicht – ich fühle mich willkommen. So kenne ich die Bosnierinnen: schwarzer Humor, großes Herz.

Ich bin nicht "stolz" auf meine bosnischen Wurzeln. Wer stolz auf seine Herkunft ist, der hat ganz viel nicht verstanden. Ich habe ein Problem mit Nationalstolz, weil es auch immer eine Form von Abgrenzung ist. Wir und die anderen – sich selbst über andere erheben, alles basierend auf der eigenen Herkunft. Das geht auch oft einher mit einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber allem "Fremden". Nicht jeder Patriot ist ein Nationalist, aber jeder Nationalist ist ein Patriot. Stolz auf seine Nationalität zu sein, das ist für mich so, als wäre ich stolz auf meinen Nachnamen: Ich habe nichts dazu beigetragen. Es ist purer Zufall, dass wir in bestimmten Ländern geboren sind oder dort unsere Wurzeln haben. Warum sollte ich stolz auf etwas sein, wofür ich nichts getan habe? Und gerade in Ex-Jugoslawien ist Nationalismus ein brandgefährliches, nie aufgearbeitetes Problem. Ganz im Gegenteil: Politiker und Politikerinnen profitieren davon.

Es geht eher um ein konstantes Gefühl von Heimweh. In Bosnien habe ich mich zum ersten Mal verliebt. Ich habe zum ersten Mal jemanden geküsst. Ich bin zum ersten Mal Auto gefahren. Ich habe zum ersten Mal Alkohol getrunken. Als Kind habe ich all meine Sommer in Bosnien verbracht. Meine österreichischen Mitschülerinnen sind nach Ägypten, Thailand oder in die Türkei zum All-Inclusive-Urlaub geflogen. Ich wurde bei meiner Tante in einem bosnischen Dorf abgesetzt und habe zwei Monate lang nichts weiter getan, als mit den Kindern aus dem Dorf oder den anderen Diaspora-Kids zu spielen. Das waren die besten Sommer meines Lebens.

Kein Lied der Welt könnte mich jemals so berühren wie alte Poprock-Songs aus Ex-Jugoslawien. Das Herz will, was das Herz will, und so lasse ich zu, dass mich alte Lieder in eben dieses Herz treffen. Die Gewitter fühlen sich in Bosnien so an, als würden sie direkt über meinem Kopf passieren. Und die Sterne scheinen zum Greifen nah. Je klarer der Himmel desto schöner der morgige Tag. Das habe ich in Bosnien gelernt.

Ich lache müde, wenn autochthone Österreicher und Österreicherinnen mich auf meinen "Heimaturlaub" ansprechen – ein Widerspruch in sich. Ich bezeichne Bosnien nicht als "Heimat", weil ich ein Problem mit dem Wording habe. Nicht nur rechte Politiker und Politikerinnen nutzen "Heimat" für ihre Wahlkampagnen, um potentielle Wähler und Wählerinnen abzuholen. Ich aber möchte die Gefühle zu Bosnien nicht politisieren. Ich denke, es gibt einige Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte, die ähnliche Erinnerungen in den Herkunftsländern ihrer Eltern gemacht haben. Meine Kindheit riecht nach verbranntem Holz und Lavendel. Beide Gerüche bringen mich zurück zu warmen, unbeschwerten Sommernächten in Bosnien. Diese warmen Sommernächte hätten so oder so ähnlich aber auch in einem anderen Land passieren können.

Die Wahrheit ist: An Bosnien-Herzegowina kann man nicht denken, ohne traurig und wütend zu sein. In jeder Geschichte geht es irgendwann um Krieg. Das Land ist kaputt, die Politik korrupt. Der allgegenwärtige Nationalismus liegt in der Luft, die Gesellschaft ist gespalten. Eine hupende Autokolonne fährt vorbei: Jemand heiratet. Die teuersten und aufgemotztesten kommen zuerst, Autos sind hier ein Statussymbol. Die Feiernden strecken große Flaggen aus den Fenstern und mir wird unwohl. Wieso politisiert man Hochzeiten? Ich werde es nie verstehen. Das Ziehen in der Brust ist wieder da. Ich fühle mich zu diesem Land hingezogen und doch steht es für so viel, das ich ablehne.

Viele Gespräche mit Bekannten aus Ex-Jugoslawien enden in einer hitzigen Diskussion, weil Nationalismus in meinem politischen Verständnis keinen Millimeter Platz hat. Die emotionale Nähe zu Bosnien aber bleibt bestehen. Ich glaube, weil es eine Station auf der Suche nach meiner Identität war. Hier wurden meine Eltern geboren und sozialisiert. Es ist ein Teil von mir, aber stolz kann und werde ich auf Bosnien trotzdem nicht sein. Bosnien ist nicht mein Zuhause, das weiß ich mit 28. Aber es wird sich immer wie Zuhause anfühlen.

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