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Menschen

Wie eine SMS zu meiner fünfjährigen Beziehung führte – und wie ich mit der Trennung klarkomme

Manchmal frage ich mich, ob ich mir den ganzen Schmerz gespart hätte, wenn ich einfach im Bett geblieben und weiter 'Gossip Girl' geschaut hätte.

von Annie Lord
07 Oktober 2019, 1:19pm

Bilder von Pixabay und Wikipedia Commons | Collage: Jack Cummings

Wir hätten zusammenbleiben können, bis wir verschrumpelt wären. Aber an einem regnerischen Abend auf dem Weg zur U-Bahn-Station zog er mich zur Seite und sagte: "Ich muss alleine sein."

"Ich dachte, wir lieben uns?", fragte ich, während ich in seinen Augen nach etwas suchte. "Du weißt, dass das bedeutet, dass du mich nie wiedersehen wirst?"

Sein Mund verzog sich zur Seite. Aber er sagte nichts.

Fünf Jahre war ich seine Freundin. Am Ende wurde ich auf dem Bürgersteig ausgespuckt wie ein Kaugummi, das seinen Geschmack verloren hatte. "Hab ein schönes Leben", sagte ich voller Pathos, als ich mit dem Gefühl wegging, einen Teil meines Körpers verloren zu haben.


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Vom ersten Augenblick an, in dem ich Joe traf, wusste ich, dass ich zu ihm gehören wollte. An unserem ersten Tag an der Uni stießen unsere Körper im Aufzug zur Philosophiefakultät aneinander. Er war ungeheuer gutaussehend. Blaue Augen, verwuschelte Haare, prägnante Wangenknochen, ein riesiger Mund, noch größere Zähne. Mein Gesicht glühte. "Hör auf, über alles zu lachen, was er sagt", dachte ich mir. Aber ich lachte weiter, bis mein Hals krächzte.

Nach Keksen und einem Vortrag über unsere möglichen Jobaussichten nach dem Philosophiestudium folgte ich Joe aus dem Hörsaal. Er und ein Mädchen namens Esme gingen nach draußen, um zu rauchen und über Freunde von Freunden in Westlondon zu sprechen. "Die Welt ist so klein!", sagte Joe. "Vielleicht ist nur deine Welt klein?", dachte ich mir, aber sagte es nicht. Damals dachte ich noch, dass alles, was aus meinem Mund kommt, dumm ist. Joe und Esme tauschten Nummern aus, er fragte mich auch nach meiner.

Es war der Dienstag nach der Einführungswoche und ich freute mich auf eine kleine Pause von Sambuca-Shots und Adele-"Set Fire to the Rain"-Remixes. Ich wickelte mich in meine Kuscheldecke mit Zebramuster und machte es mir gerade mit meinen Mitbewohnerinnen vor einer Folge Gossip Girl gemütlich, als mein Handy vibrierte. "Hey, ich bin's, von Philosophie. Bist du unterwegs?"

Es war 00:30 Uhr. Vor 02:30 Uhr würde ich es nicht in die Stadt schaffen und die Clubs in Newcastle, wo ich studierte, schließen um 3 Uhr. Ohne zu zögern, stand ich sofort auf: "Leute, in wessen Zimmer habe ich meinen Make-up-Beutel liegen lassen?"

Falsche Wimpern, Leotard, Haarspray, das Gelächter meiner Mitbewohnerinnen. Dann rief ich mir ein Taxi, packte eine Wodka-Cranberry-Mische für den Weg ein und legte mir eine Ausrede zurecht, dass ich meine Freunde verloren hatte. Ich traf Joe in einer Bar. Obwohl das Personal bereits die Spülmaschine einräumte, erschienen mir die fünf Pfund Eintritt gut investiert.

Eine halbe Stunde lang taten wir so, als würden wir verstehen, was der andere uns ins Ohr brüllt. Als die Türsteher begannen, die Gäste wie Vieh nach draußen zu treiben, nahm Joe mich an die Hand und führte mich zu Best Kebab, wo wir im Licht einer dieser LED-Schläuche Käsefritten aßen. Er rieb sein Bein an meins und es fühlte sich an, als würde ich von innen heraus gekitzelt werden. Alles in mir verspannte sich. Joe kam mit zu mir und wir schliefen in meinem kleinen Einzelbett – ich normal, er mit seinem Kopf an meinem Fußende. Joe hatte nämlich eine Freundin. Ich presste meinen Körper gegen die Wand, damit etwas Platz zwischen uns blieb. Ich wollte nicht, dass er die Übernachtung am nächsten Morgen bereut.

Anfangs waren wir nur Freunde, die allerdings im Dunkeln im Taxi Händchen hielten, wenn niemand uns sehen konnte. Ich weiß noch, wie ich versuchte, ihn mit meinen feuchten Händen nicht zu sehr zu umklammern. Schließlich knickte Joe ein. Er trennte sich von seiner Freundin und nach den Weihnachtsferien küssten wir uns zum ersten Mal.

Wenn dich jemand verlässt, den du liebst, werden deine Gedanken von Beziehungsflashbacks heimgesucht: Joe, wie er mit mir in der Bibliothek sitzt und Kant erklärt, bis ich die Sekundärliteratur gut genug umformulieren kann, um eine akzeptable Note zu bekommen. Sein frischrasierter Kopf, der sich anfühlte wie die weiche Seite eines Klettverschlusses. Wie er immer bäuchlings mit dem Gesicht nach unten in einer Position schlief, die kein anderer Mensch auch nur ansatzweise bequem finden konnte. Die Art, wie er beim Sex meinen Bauch anfasste, als sei er perfekt und nichts, wovon ich besser weniger hätte. Wie wir über die Midlife-Crisis meiner Eltern lachten, die sie mit immer neuen, absurden Wohnzimmerfarben zu kompensieren versuchen. Oder daran, wie wir im Bett Brathühnchen aßen und es damit rechtfertigten, die Laken danach zu waschen – was wir nie taten.

Ich habe ihn letztens gesehen, einen Monat ist unsere Trennung her. Er trug einen Pulli, den ich noch nie gesehen hatte. Er hat sich eine Nudelmaschine gekauft, einen neuen Job begonnen und geht jetzt ins Fitnessstudio. Er hatte ein Date mit einer Frau von dem neuen Bumble-Poster. Nachdem wir uns umarmt hatten, blieb ein Haar auf seinem Pulli. Ich wollte es zuerst abziehen, entschied mich dann aber doch dagegen. Mir gefiel der Gedanke, dass er es mit sich trug.

Momentan verbringe ich meine Tage damit, durch Twitter zu scrollen. Dann ist es 14 Uhr und ich merke, dass ich noch gar nichts gegessen habe. Nach einer Schüssel Müsli: noch mehr Twitter. Ich sitze auf dem Boden der Dusche, bis das Wasser kalt wird, und schreibe lange Textnachrichten, die ich dann wieder lösche. Dieser Schmerz ist nichts Besonderes. Alle sagen immer, dass über eine Trennung wegzukommen, ähnlich ist wie die Trauer nach einem Todesfall. Aber wenn Joe tot wäre, könnte er seine Zunge in niemand anderen stecken.

Oft frage ich mich, ob ich diesen Schmerz hätte vermeiden können, wenn ich nicht auf die SMS geantwortet hätte, im Bett geblieben wäre und weiter Gossip Girl geschaut hätte, bis Serena mit ihrem Dealer durchbrennt? Manche Erlebnisse im Leben zerren dich auf Pfade, die unter anderen Umständen ganz anders verlaufen wären. Das ist jedenfalls das, was mich Filme wie Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht gelehrt haben.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, in der Zeit zurück zu reisen und die Entscheidung erneut zu treffen, würde ich immer noch Joes Nachricht öffnen? Oder würde ich mein Handy so tief in meiner Kuscheldecke vergraben, dass der Stoff die Vibration dämmt? Würde ich diesen ganzen Schmerz wieder durchmachen wollen oder würde ich mich schützen? Ich könnte auch ein paar kurze Beziehungen mit Männern haben, für die ich durch keinen Flughafen rennen würde, deren Abwesenheit mir aber auch nicht so wehtun würde.

Natürlich kenne ich meine Antwort. Ich würde die Nachricht öffnen. Jederzeit. Heute gehöre ich zwar zu den Menschen, die eine "Bist du unterwegs?"-SMS ignorieren und wieder unter der Bettdecke versinken würden, während die nächste Netflix-Folge lädt. Aber das liegt auch an Joe. Er hat mir gezeigt, dass nicht alles, was aus meinem Mund kam, dumm war. Er hatte immerhin genug Humor, um zu lachen, wenn ich seine Welt als klein bezeichnete.

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