Quantcast
Fotos von Christopher Glanzl

Der ultimative VICE Guide zum Mutigsein – mit Peter Klien

Verena Bogner

Verena Bogner

Peter Klien scheißt sich in seinen Beiträgen für 'Willkommen Österreich' eher wenig. Wir wollten wissen, wie er das macht.

Fotos von Christopher Glanzl

Wenn wir uns eine österreichische Persönlichkeit aussuchen müssten, die wir gerne als Onkel hätten, dann wäre das mit ziemlich großer Sicherheit Peter Klien. Nicht nur, weil er auf Familienfotos einen guten Onkel abgeben würde, sondern weil er auf furchtbaren Familienfeiern derjenige wäre, der alles ein bisschen besser machen würde. Er wäre der Onkel, der gute Witze macht (falls es solche Onkel überhaupt gibt), der die Dinge so sagt, wie sie sind, und von dem man als junger wie als alter Mensch noch ziemlich viel lernen kann. Kurz gesagt: Peter Klien ist eine coole Sau.

Das, was er in seinen Einspielern für Willkommen Österreich macht, ist eben ziemlich badass. Getarnt als durchschnittlichster Mensch der Welt, der sich wiederum als ORF-Reporter tarnt, pirscht er sich an die mächtigsten Politiker des Landes und stellt ihnen Fragen, die manche von ihnen dazu veranlassen, einfach nur noch fluchtartig den Raum verlassen zu wollen. Er fragt Pröll, was ihm wichtiger sei, die Bürgernähe oder die Bürgerinnennähe, er jagt Sebastian Kurz bisher erfolglos durch sämtliche Stadthallen des Wahlkampfs und bringt selbst in Johanna Mikl-Leitner das Beste zum Vorschein.

Jedes einzelne Mal, wenn wir Peter Kliens Videos sehen, fragen wir uns, wo dieser Typ verdammt nochmal seinen Mut hernimmt. Vor allem in Zeiten der Shitstorms und "Das wird man wohl noch sagen dürfen"-Trolle ist das nämlich auch für uns eine durchaus relevante Frage. Wie viel Überwindung muss es kosten, solche Fragen zu stellen – und so konsequent auf alles zu scheißen, was einem an Hindernissen in den Weg gestellt wird?

Und weil für uns feststand, dass wir selbst ein bisschen mehr wie Peter Klien werden wollen, haben wir ihn zu uns eingeladen und ihn gefragt, wie badass er eigentlich wirklich ist, wie viel Mut ihn seine Videos wirklich kosten, was ihm im echten Leben so richtig schwer fällt – und ob es eigentlich jemals zu spät für irgendwas ist. Wie badass der Reporter ohne Grenzen (so heißt übrigens auch sein Programm, das er ab 15. November im Rabenhof zeigt) tatsächlich ist, wurde uns im direkten Gespräch jedenfalls schnell klar: Er dachte, dass badass ein negativ besetzter Begriff sei, in etwa gleichbedeutend mit "böses Arschloch", und ist trotzdem gekommen.

Wie sagt man so schön: Scheiß da nix, dann feit da nix

Es gibt ziemlich viele Dinge auf der Welt, vor denen man sich fürchten könnte: Spinnen, Rolltreppen oder Krampusse zum Beispiel. Tatsächlich ist es aber so, dass Peter Klien uns auf die Frage, wovor er Angst hat, Folgendes geantwortet hat:

"Niemand freut sich auf den Tod. Sonst habe ich vor nichts so wirklich Angst. Vielleicht überschätz ich mich auch grad. Ich hab auch vor zu viel Obst Angst, das liegt mir nicht so und das vermeide ich intuitiv."

Das Muster des Sich-nicht-so-viel-Scheißens zieht sich aber noch viel weiter durch Peter Kliens Leben. Auch negative oder einschüchternde Menschen scheinen ihm relativ wurscht zu sein: "Es gibt Menschen, die versuchen größer zu sein, als sie sind, sowohl psychisch als auch körperlich, aber ich lasse mich nicht einschüchtern." Das Rezept in einem Satz also: Größe erkennen, aber eben auch ihren Mangel.

Es ist nie zu spät

Wer denkt, vor der Kamera bissig zu sein, sei das Einzige, das Peter Klien kann, der täuscht sich. Er arbeitet als Pressesprecher des Österreichischen Bibliothekenverbundes, ist studierter Philosoph und Lektor an der Uni Wien, war auf der Schauspielschule und – nein, das erfinden wir gerade nicht – war sogar einmal als Bergbauer im Ötztal tätig. Erst recht spät entschied er sich dann doch für die Karriere als Kabarettist, genauer gesagt kurz vor seinem 40. Geburtstag im Jahr 2010. Wenn wir richtig gerechnet haben, dürfte er heute also 47 Jahre alt sein – ein Alter, in dem wahrscheinlich die wenigsten Unilektoren noch einen Hype als Kabarettisten erleben.

Zu seinem ziemlich abwechslungsreichen Lebenslauf sagt Klien gegenüber VICE:

"Bergbauer war ich nur ein Monat lang. Ich bin gern in der Natur und finde das sehr beruhigend. Früher war ich auch körperlich fitter, da ist das gut gegangen. Ich hab ein Semester im Ausland studiert, also in Innsbruck, das war 1992, und da war das irgendwo naheliegend."

Das Kabarett sei jedenfalls schon immer ein Traum von ihm gewesen. Schon als Kind hatte er Auftritte vor anderen Kindern – als Clown, Zauberer oder Sänger. Seitdem habe er immer wieder überlegt, ein Programm auf die echte Bühne zu bringen, aber die Idee hat sich lange Zeit nicht durchgesetzt. Irgendwann dann aber doch, denn über die Jahre habe sich gezeigt, dass das eine seiner stärksten Kräfte sei:

"So hat es zwar Jahre gedauert, aber es hat einfach Zeit gebraucht, um zu reifen. Ich bin einfach immer meinen Impulsen gefolgt und hab immer das gemacht, was ich gerade für das Wichtigste hielt. So Dinge wie Philosophie oder Altgriechisch hab ich nicht primär deswegen gemacht, weil ich reich werden wollte, sondern weil ich mir dachte, das interessiert mich einfach. Ich finde es gut, wenn man das macht, was einen beschäftigt. Manchmal nimmt man auch Umwege.

Die Frage, ob es nicht irgendwann zu spät sei, hat sich Klien übrigens nie gestellt: "Ich mein, mit 80 wird man sich schwer tun, noch auf den Großglockner zu kommen, also es gibt natürlich körperliche Einschränkungen. Aber man soll sich nie erzählen lassen, dass es zu spät ist." Auch eine Art, sich überbordende Kritik vom Hals zu halten: Einfach nicht so viel drüber nachdenken.

Keiner kann dir was

In seinen Beiträgen für Willkommen Österreich verschont Peter Klien keine Partei und bringt neben ÖVP- und FPÖ-Politikern auch regelmäßig SPÖ-Mitglieder in Bedrängnis. Darüber, wie viel Spaß die Parteien aber tatsächlich verstehen und ob sein Kopf der erste sein wird, der unter Schwarz-Blau rollt, macht sich Klien trotzdem eher wenige Gedanken, wie er im Gespräch erzählt – denn so viel Demokratieverständnis traue er den Schwarzen und den Blauen zu, dass sie ihn ungeschoren lassen:

"Ich habe nicht das Gefühl, dass mich die eine Partei mehr ablehnt als die andere – in Nuancen vielleicht. Deswegen sorge ich mich eigentlich nicht und ich würde mich auch nicht davon beeinflussen lassen."

Aber nicht nur mit einzelnen Politikern legt sich Peter Klien immer wieder an, auch dass die ORF-Bosse nicht jeden Gag zum Lachen finden, könnte man sich als Außenstehender vorstellen. In der Hinsicht kann Klien über den ORF aber nur Gutes sagen: Was die gesamte Sendung betrifft, würde dieser dem Team nämlich den Rücken frei halten.

Nur aus zweiter oder dritter Hand weiß Klien von versuchter Einflussnahme. Lediglich einmal konnte ein Beitrag nicht in der ursprünglichen Form ausgestrahlt werden: "Der ORF ist natürlich letztverantwortlich für jeden Beitrag und es kann schon sein, dass jemand Bedenken über eine Sequenz äußert und etwas dann nicht auf Sendung geht. Aber das ist genau einmal passiert. Das war im Rahmen der Bundespräsidentschaftswahl, wo die Stimmung einfach aufgeheizt war."

Früh übt sich, wer ein Meister werden will

Auf die Frage, ob Peter Klien die Frechheit im Blut liege, antwortet er mit einem überzeugten "Voll" und erzählt, dass er schon als Kind ziemlich badass war:

"Es ist schon immer wieder Überwindung dabei und es ist nicht so, dass mir das ganz leicht von der Zunge geht, jetzt wirklich harte Sachen zu sagen. Aber grundsätzlich habe ich diesen Kick immer schon gern gehabt, auch als Kind, mal Sachen zu sagen, die die anderen perplex hinterlassen. Meine Mathematiklehrerin, die ich viele Jahre hatte, hat das auch schon als Spiel betrachtet, dass ich ihr freche oder blöde Fragen stelle und ich glaube, das haben wir dann auch beide als Kick empfunden. Da habe ich einfach freche und unpassende Fragen gestellt, aber ganz ernsthaft und seriös vorgetragen."

Und wir müssen an dieser Stelle ernsthaft und seriös feststellen, dass Peter Klien der lebende Beweis dafür ist, dass "Übung macht den Meister" wohl hin und wieder mehr als ein Sprichwort vom Dachboden eurer Oma ist.

Überwinde dich

Obwohl Peter Klien offensichtlich so gut wie alles kann, gibt es da schon auch ein paar Dinge, die ihn Überwindung kosten. Was körperliche Angelegenheiten anbelangt, sei er zum Beispiel eher feig (und wir sind ein bisschen erleichtert, dass es etwas gibt, das sich Peter Klien nicht traut):

"Für mich kam es als Kind nicht in Frage, vom 10-Meter-Brett zu springen. Ich habe auch länger überlegt, ob ich einen Fallschirmsprung machen soll, aber da ist es auch nie dazu gekommen.

Was geistige oder zwischenmenschliche Dinge anbelangt, traut er sich dann schon mehr: "Meinen ersten Kabarett-Auftritt habe ich zum Beispiel vor 500 Leuten gemacht, was in der Rückschau ganz lustig ist, das war irgendwie schon ein bisschen schräg und hat viel Überwindung gekostet, aber hat mich auch gereizt. Aber es ist gut ausgegangen und hat Lust auf mehr gemacht."

Bleib standhaft, auch wenn es unangenehm wird

Fast selbstredend ist Peter Kliens Job als Reporter bei Willkommen Österreich manchmal unangenehm. Am unangenehmsten war ihm das Interview mit Erwin Pröll:

"Da ist einfach eine massive negative Energie rübergekommen, da war sehr viel Ärger greifbar. Da habe ich ihn gefragt, was ihm wichtiger sei, die Bürger- oder Bürgerinnennähe, und ob es ihn nicht einmal in die richtige Politik zieht. Das war schon von vornherein eine komische Situation: Da wurde die Mikl-Leitner als neue Obfrau der ÖVP Niederösterreich angelobt und da war so eine komische, kalte Atmosphäre. Da war so ein Klan an Arschkriechern, die sich halt in seinem Dunstkreis bewegt haben. Und da durchzubrechen – durch diesen Ring der Kälte –, war schon einmal eigenartig. Und dann mit seiner Reaktion, die eine Mischung aus Verwirrung und Entsetzen und zugleich auch Zorn war, umzugehen, war schwierig. Man merkt einfach, dass das ein Machtpolitiker ist, wenn man neben ihm steht. Ich glaube auch, dass er die Frage mit der Bürgerinnennähe wirklich nicht verstanden hat und nicht wusste, was ich jetzt eigentlich von ihm will. Und bei der zweiten Frage, wo er schon gemerkt hatte, wie ich drauf bin, war er sehr verärgert, dass ich so tu, als wär das keine Politik, was er jetzt 30 oder 40 Jahre lang gemacht hat. Was natürlich von mir kalkuliert war, weil ich ihn bei seinem Stolz packen wollte und das ist mir offensichtlich auch gelungen."

Wenn Peter Klien einen Plan hat, dann möchte er ihn nämlich auch durchziehen, auch wenn es unangenehm wird. "Wenn ich mich einmal dazu entschlossen habe, bestimmte Dinge zu fragen oder zu thematisieren, dann mach ich das hundertprozentig und gehe nicht nachhause, ohne das gemacht zu haben. Ich bin wie ein hungriger Wolf, der herumläuft und von allen Seiten versucht, sein Opfer zu erwischen", erzählt er im Gespräch mit VICE.

Steh zu dem, was du tust

Robert Lugar war einer der Politiker, die eine eher spektakuläre Klien-Flucht hingelegt haben und nicht mit ihm sprechen wollten. Wenn Klien Lugar zufällig auf der Straße treffen würde, was würde er ihm dann sagen? Wäre er aus Höflichkeit überfreundlich oder doch ehrlich? Ihr habt richtig geraten: Zweiteres.

"Ich würde ihn sicher nicht ansprechen, was soll ich sagen? 'Tut mir leid, dass ich das gemacht hab'? Das stimmt ja nicht. 'Ich hoffe, Sie haben's lustig gefunden' werde ich auch nicht als erstes zu ihm sagen. Wenn sich ein Gespräch ergäbe, würde ich es nicht vermeiden, aber ich würde es auch nicht suchen."

Wir sagen: Eine Einstellung, von der sich auch Robert Lugar noch ein bisschen was abschauen könnte.

Scheiß auf die Hater

Eigentlich hat Peter Klien recht wenige Hater. Unter seinen Videos häufen sich nette und begeisterte Kommentare und sobald sich doch ein Hater verirrt, weist die Community ihn zurecht:

"Unter den Beiträgen kommt es schon ab und zu vor, dass jemand 'Arschlochreporter' schreibt, letztens hat wer geschrieben 'Dir soll mal jemand in die Fresse hauen'. Die Lawine des Zuspruchs, die über meine Videos drüber geht, ist natürlich ein Traum und hält viele Hater auch ab, glaube ich. Wenn sich ab und zu einer verirrt und ablästert, stürzen sich fünf mit Liebe über ihn und versorgen ihn ärztlich, so hab ich es schon öfter gesehen."

Wen man dann aber doch als Hater bezeichnen könnte, wäre wohl Sebastian Kurz. Kurz flieht konsequent vor Klien, lässt sich abschirmen und würdigt ihn keines Blickes. Aber auch das scheint Klien nicht sonderlich zu stören:

"Im Grunde weiß ich, warum Kurz immer flüchtet. Weil er sich nicht der Gefahr aussetzen möchte, dass er sich blamiert. Und er glaubt halt stark daran, dass die Gefahr hoch ist. Also er fürchtet sich einfach extrem. Die einen sagen, er ist ein Feigling, die anderen sagen, er ist ein Medienprofi. Da soll sich jeder aussuchen, wie er es sieht."

Profi und Schisser müssen sich also nicht unbedingt ausschließen – allerdings hilft es bestimmt, einen so gigantischen Apparat wie die ÖVP als Pufferzone zwischen sich und potenziellen Fragestellern zu haben. Wenn man doch nur ein Mensch wie du oder wir oder Peter Klien ist (der theoretisch den ORF hinter sich hat, aber: come on), ist es hingegen ratsamer, nicht Schisser, sondern Nixscheißer zu sein.

Verlass dich auch manchmal einfach aufs Glück

Dass Peter Klien die Skills hat, um mindestens einer der besten vier Menschen Österreichs zu sein (gleich neben Thomas Brezina, Tara aus Saturday Night Fever und dem Bundesheinzi), steht außer Frage. Dass es für einen Hype aber auch einfach ein bisschen Glück braucht, ist für Klien selbst mindestens genau so fix:

"Der Erfolg ist absolut nicht planbar. Das ist ja das, was einen Hype, um in eurer Sprache zu bleiben, auszeichnet. Kommt übrigens vom altgriechischen hyper. Das bedeutet 'über'. Hyper Hyper auf Englisch. Der Hype passiert einfach, das kannst du nicht planen und das wird dir jeder erzählen, dem das passiert ist. Ich habe in meinem Leben ja auch vieles gemacht, aber es ist nichts auch nur annähernd so aufgegangen wie das. Das ist auch so schnell gegangen, da hat gleich das erste Video eingeschlagen. Frag mich nicht. Es war vielleicht der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Irgendsowas."

Verena auf Twitter: @verenabgnr

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Twitter.