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Welcome to Heaven

Stadion, Kirche, Vorgärten – Wir haben uns angeschaut, wo die G20-Demonstranten schlafen

"Heute Abend verlasse ich die Stadt. Ich halte das alles nicht mehr aus, ich muss hier weg."

von Frederik Seeler
08 Juli 2017, 12:05pm

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Wach. Oder fast. Ich habe letzte Nacht drei Stunden geschlafen, immerhin. Den Tag über war ich auf Demos, nachts habe ich meine Artikel geschrieben. Heute bin ich um sechs aufgewacht wegen des Lärms der Hubschrauber. Und jetzt bin ich wieder unterwegs, auf der Straße, um zu berichten. Rebecca, die Fotografin, die mich begleitet, sieht noch müder aus. Wir mögen uns sofort, denn wir teilen den Hass auf Hubschrauber.

Eigentlich handelt es sich beim G20-Gipfel wohl um den größten kollektiven Schlafentzug der Welt. Eine Demonstrantin erzählt mir später, dass die Polizei die Helikopter nur einsetzt, um den Demonstranten den Schlaf zu rauben und so ihren Widerstand zu brechen. Aber sie hat es einfach nicht verstanden.

Denn niemand schläft gerade in Hamburg. Die Sanitäter schlafen nicht, die Feuerwehrleute nicht, die Journalisten und auch nicht die Polizisten, alle sind im Dauereinsatz. Und weil deswegen überall Sirenen und Hubschrauber die Wände zittern lassen, schlafen auch die Anwohner nicht.

Doch mit einer Sache hat die Demonstrantin Recht: Für niemanden ist es so schwer, ein Bett zu finden wie für die Demonstranten. Viele kommen aus dem Ausland, nicht alle haben einen Freund, bei dem sie aufs Sofa können. Die Hotels sind ausgebucht, die großen Protestcamps von der Polizei geräumt.

Wo schlafen all diese Leute bloß? In der S-Bahn, im Park, im Stehen?

Wenn ich schon nicht schlafen kann, dann suche ich zumindest den Schlaf in Hamburg.

Erste Station: Millerntor Stadion

Der FC St. Pauli lässt Demonstranten auf dem Rasen schlafen. Zwar bin ich HSV-Fan (sorry, not sorry), aber auf dem Rasen eines Stadions zu campen, stelle ich mir ziemlich traumhaft vor.

Leider kommen wir nicht rein. Ein Ordner versperrt uns den Weg. "Keine Presse erlaubt, sorry." Mist.
Ein schwarzhaariger Mann kommt aus dem Stadion, er heißt Miguel und ist Argentinier. Er ist unfassbare 67 Jahre alt.

Hast du heute hier geschlafen, Miguel?
Nein, ich bin gerade erst zum Stadion gekommen. Die letzten Tage habe ich hauptsächlich in Vorgärten verbracht, gut schlafen konnte ich nicht. Es hat geregnet und ich habe meine Brille im Gras verloren.

Warum tust du dir das an?
Ich lebe eigentlich in Berlin und betreibe einen antikapitalistischen Blog. Aber Argentinien wird von einem rechten Hurensohn regiert, der heute in Hamburg nächtigt. Dagegen muss man doch demonstrieren.

Und das mit 67?
Beim Demonstrieren fühle ich mich wieder wie 23. Und ich gehe so lange auf die Straße, bis meine Beine mich nicht mehr tragen.

Ein paar Meter weiter stehen ein paar junge Tschechen im Schatten, rauchen und trinken Dosenbier.

Hi, wie habt ihr letzte Nacht geschlafen?
Fast gar nicht. Wir sind gestern angereist und direkt zur Demo. Gepennt haben wir dann im Auto, es war eng und kalt. Wir waren so erschöpft von dem Straßenkampf mit der Polizei, aber richtig pennen konnten wir in dem kleinen Auto nicht.

Habt ihr zumindest etwas gegessen?
Nein, auch nicht. [Eine von ihnen zeigt auf eine Ravioli-Dose in ihrer Hand]. Die Dose ist leer. Aber ich bewahre sie auf – für die Polizei später.

Zweite Station: Reeperbahn

Wir gehen weiter in Richtung Reeperbahn. Auf dem Seitenstreifen entdecke ich ein paar Leute im Gras, den Kopf auf ihren Taschen, sie dösen. Haben wir endlich Leute gefunden, die in all dem Chaos schlafen können? Friedlich sehen sie aus und unbekümmert.

Aber eine von ihnen scheint wach zu sein. Wir fragen schnell, ob wir ein Foto machen dürfen. Die drei anderen wachen sofort auf. Etwas verpeilt antworten sie. "Äh, ja, klar."

Sie kommen aus Dänemark und waren am Morgen bei einer Blockade. Mir tut es ziemlich leid, dass sie jetzt wach sind, aber gleich dürfen sie weiterschlafen. Versprochen.

Doch dann geht der Wecker. Eine Kolonne Wasserwerfer und Mannschaftswagen rast über die Straße Richtung Schanzenviertel. Die Sirenen gehen an, gehen aus, gehen an. Die Wagen beschleunigen, ihre Motoren dröhnen. Irgendwo kracht ein Böller, eine Passantin ruft "Verpisst euch."

Die Dänen sind hellwach.

Wir gehen lieber schnell weiter. Ich habe ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil wir sie geweckt haben. Rebecca und ich beschließen, Frühstück für die Leute zu kaufen. So verleihen wir unserer Investigativ-Recherche gefühlt etwas mehr Sinn. Wir besorgen im Supermarkt Croissants, Bananen, Saft und Laugenstangen und ziehen die Reeperbahn hoch.

Zweihundert Meter über uns kleben zwei Hubschrauber am Himmel. Sie bewegen sich keinen Meter, ihre Rotoren beschallen das Viertel unter ihnen. Es ist lauter als an jedem Freitagabend mit all den Klubs und Besoffenen. Selbst die Obdachlosen auf der Reeperbahn sind wach. Ihre Isomatten liegen in den Hauseingängen, sie trinken Bier und fluchen. Ganz Hamburg hasst die Hubschrauber.

Dritte Station: Eine Kirche in St. Pauli

Ich habe eine weitere Idee, wo wir Schlaf finden könnten. In der Zeitung stand, dass ein Pastor seine Kirche in St. Pauli für Demonstranten geöffnet hat und sie davor campieren dürfen. Wo sonst sollte man in Hamburg gerade Ruhe finden, wenn nicht bei Gott?

Wir erreichen die Kirche. "Welcome to Heaven" steht auf einem Banner, eine Anspielung auf die autonome Demonstration "Welcome to Hell".

Wir finden tatsächlich eine himmlisch ruhige Oase. Die Demonstranten haben ihre Zelte im Schatten der Bäume aufgestellt. Die Polizei darf hier nicht aufs Gelände. Die Hubschrauber wirken weiter weg, es ist endlich etwas ruhiger.

Wir sprechen einen Typen an, der auf einem Camping-Stuhl vor seinem Zelt sitzt. Er will nicht, dass wir ihn fotografieren. Aber bei den Croissants greift er sofort zu. Seine Hand zittert.

Wie geht's dir?
Schrecklich. Heute Abend verlasse ich die Stadt.

Warum?
Die Polizei hat uns die ganze Nacht durch die Straßen gejagt. Meine Genossen um mich herum haben alle Pfefferspray abbekommen, sogar einen Sanitäter haben sie getroffen. Der hat es eingeatmet und musste ins Krankenhaus. Ich halte das alles nicht mehr aus, ich muss hier weg.

Kannst du hier in der Sicherheit der Kirche zumindest ein wenig schlafen?
Nein, ich bin zu aufgewühlt von dem, was letzte Nacht passiert ist.

Wir setzten uns eine Weile vor die Zelte, die Leute wirken völlig am Ende. Ich biete die Tüte mit den Laugenstangen und Croissants an, wie Hyänen stürzen sie sich auf das Essen. Nach ein paar Sekunden ist die Tüte leer.

Ein Mädchen mit rasiertem Schädel und unrasierten Beinen erzählt uns, dass es wohl die restlichen Tage ruhiger auf der Straße werden wird. Die Autonomen, die Polizisten, niemand hat mehr Kraft, sagt sie.

Ich bin mittlerweile auch ziemlich kaputt. Gerne würde ich mich eine Weile zu den Leuten ins Gras legen und die Augen schließen. Dann kommt ein Mitarbeiter aus der Kirche. "Wer von Euch will duschen?", fragt er. Ich erwarte, dass die Leute aufspringen. Aber selbst dafür sind sie zu fertig.

Wir entschließen uns gegen den Mittagsschlaf und verlassen das Gelände. Wir haben ein paar Leute gefunden, die gedöst haben, die für ein paar Minuten die Augen schließen konnten. Aber niemand in dieser Stadt schläft. Vermutlich nicht mal die Leute in Eppendorf und Harvestehude, deren Autos gerade brennen.

Aufgabe gelöst, Reportage zu Ende – beschließen wir und umarmen uns zum Abschied.

Vierte Station: Mein Bett

Ich gehe nach Hause. Ich lege mich in mein Bett. Ich fühle mich schwer und versuche, die Augen zu schließen. Draußen fliegen Hubschrauber, mein Handy vibriert wegen einer Eilmeldung. Ich bin Journalist. Ich kann nicht schlafen. Ich bin wach. Ich hasse alles. Ich mache mit beim größten kollektiven Schlafentzug der Welt.