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ironie

Der Shell-CEO will, dass du endlich was gegen die Klimakrise unternimmst – indem du mehr Obst isst

Ben van Beurden fragt seine Töchter gerne, ob ihnen klar sei, "dass sich ihre ständig neuen Kleider ziemlich negativ auf die Umwelt auswirken". Von dir will er, dass du mehr regionales Obst ist. Und sein Öl-Konzern?

von Joe Sandler Clarke
28 Juni 2019, 11:39am

Shell-CEO Ben van Beurden unter dem Logo seines Unternehmens || Foto: F Lodge | Alamy Stock Photo 

Ben van Beurden, CEO des Mineralöl-Unternehmens Shell, erwartet von dir, dass du etwas gegen die Klimakrise unternimmst. Sein Tipp: Mehr saisonale Früchte essen und mehr recyceln.

"Ich habe drei Töchter, die sich alle sehr modisch kleiden", sagte van Beurden Anfang Juni vor einer Versammlung von Firmenchefs in London. "Ich frage sie oft, ob ihnen klar ist, dass sich ihre ständig neuen Kleider ziemlich negativ auf die Umwelt auswirken. Sonst ist ihnen das Thema Klimawandel nämlich sehr wichtig."

Ich frage mich, was Ben van Beurdens Töchter über ihren Vater denken, wenn er bei ihren Kleidungswünschen den Klimaschützer mimt, bei milliardenschweren neuen Ölprojekten seines Unternehmens dann aber wieder auf die Umwelt pfeift.

Um die ganze Angelegenheit besser zu verstehen, müssen wir uns zuerst damit beschäftigen, was Firmen wie Shell überhaupt allem Anschein nach antreibt: Nämlich eine Profitgier, die selbst die abscheulichsten Dinge rechtfertigt.

Weg vom Allgemeingut, hin zur Gewinnmaximierung

Das war nicht immer so; der Kapitalismus sah früher mal anders aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in den USA und Westeuropa zu einem gigantischen Wirtschaftsboom, der das Leben von Millionen Menschen veränderte, neue Möglichkeiten schuf und die Gehälter der Arbeiterschaft immer weiter nach oben trieb.

Als in den 80er Jahren die freie Marktwirtschaft florierte, entschieden sich mehrere große US-Unternehmen allerdings dazu, all das zu ändern. 1981 sagte der sogenannte Business Roundtable – eine Gruppierung, die große amerikanische Firmen vertritt – noch, dass Unternehmen die Pflicht hätten, der Öffentlichkeit qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen zu einem fairen Preis anzubieten. Durch Profite und weitere Investitionen sollten sie die Zahl der verfügbaren Jobs und damit die Wirtschaft wachsen lassen. 1997 gab der gleiche Roundtable ein anderes Ziel an: Die Unternehmen sollten in erster Linie Geld für ihre Besitzer verdienen.


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Dieser Sinneswandel – weg vom Fokus auf das Allgemeingut und hin zur Gewinnmaximierung für die Teilhabenden – führte dazu, dass die Firmenbosse immer mehr Gewinn selbst einstrichen, anstatt das Geld zurück in die Arbeiterschaft zu investieren. Seit den 80er Jahren sind die Löhne in den USA trotz höherer Produktivität kaum gestiegen. Und die Gehaltsschere zwischen einfachen Arbeitern und Führungskräften ist immer größer geworden.

2018 hat sich das Einkommen von Ben van Beurden auf 20,1 Millionen Euro verdoppelt – allein sein Grundgehalt ist 143 Mal höher als das, was der durchschnittliche Shell-Angestellte etwa in Großbritannien verdient. Dazu kommen noch Prämien und langfristige Bonuszahlungen.

Der Profit steht über allem

Wir leben in einem System, in dem Profit an allererster Stelle steht. Das erklärt, weshalb Unternehmen und Vorstände ständig genau das Gegenteil von dem tun, was sie sagen.

Eine Welt, in der das Mineralölunternehmen BP in einer millionenschweren Werbekampagne behaupten kann, sich für eine "sauberere und bessere Energie" einzusetzen, während es gleichzeitig in Alaska Ölbohrungen in Naturschutzgebieten durchführen will.

Eine Welt, in der sich der Ölkonzern ExxonMobil laut eigener Aussage an das Pariser Klimaabkommen bindet – und gleichzeitig dagegen verstößt, indem die Verantwortlichen die Öl- und Gasproduktion aktiv nach oben schrauben wollen.

Dieses System hat es van Beurden ermöglicht, den Aufstieg von Elektrofahrzeugen im Jahr 2017 runterzuspielen und zu behaupten, dass die Entwicklung weg vom Verbrennungsmotor mehrere Generationen dauern werde. Nicht mal einen Monat später brüstete er sich damit, ein Elektroauto kaufen zu wollen.

Einmal habe ich José Lopez, den scheidenden COO von Nestlé, in einem Interview gefragt, warum es in der Lieferkette des Unternehmens immer noch Kinderarbeit gibt, obwohl dieses Problem schon seit Jahren angegangen werden soll.

Lopez redete anschließend über seine Bemühungen, die Transparenz und Kontrolle bei der Herstellung von Nestlé-Produkten zu erhöhen. Dabei fiel mir auf, wie sehr sich der Konzern selbst lähmt, weil man dort nicht mal nur darüber nachdenken kann, zur Problembekämpfung weniger Profit zu machen. Ein kleiner Gewinneinbruch – damit man einige Schulen bauen und wirklich in die Community der Kakaobauern der Elfenbeinküste investieren kann – stand komplett außer Frage. Anfang Juni berichtete die Washington Post, dass es bei der Herstellung von Nestlé-Schokolade immer noch zu Kinderarbeit kommt.

Das ganze System muss sich ändern

Wenn sie wirklich etwas gegen die Klimakrise und das Ende der Menschheit unternehmen wollen, dann müssen die größten Umweltverschmutzer der Welt auch Einbußen hinnehmen – einen winzigen Profiteinbruch beim Übergang von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energiequellen. So lange in unserem Wirtschaftssystem allerdings der Profit über dem Allgemeingut steht, sind alle Versprechen der großen Ölfirmen zum Thema Umweltschutz nur heiße Luft.

2016 sagte van Beurden im Gespräch mit der New York Times, dass er einmal nach Hause gekommen sei und eine seiner Töchter bitterlich weinend vorgefunden habe. Das Mädchen war so aufgebracht, weil sie in der Schule vom Klimawandel erfahren hatte.

Um seine Tochter zu beruhigen, sagte van Beurden, dass das Problem der globalen Erwärmung gelöst werde und er dabei eine Schlüsselrolle spielen werde. Dann fragte er sie, ob sie ihm vertraue. "Sie antwortete, dass sie mir natürlich vertraue", sagte van Beurden gegenüber der Zeitung – und fügte hinzu: "Dahingehend unterscheidet sie sich vom Rest der Gesellschaft."

Joe Sandler Clarke arbeitet für das Greenpeace-Journalismusprojekt Unearthed.

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