Fünf Pornodarstellerinnen erzählen, wie sie es ihren Eltern gesagt haben

"Ich wusste nicht, wie ich es finden sollte, meine Titten für immer im Internet zu haben. Also habe ich meine Mutter gefragt."

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19 April 2019, 9:04am

Foto: Lustery

So viel sich in den vergangenen Jahren auch getan hat, Pornostar ist immer noch ein Beruf, den man bei der Bewerbung zum Versicherungsmakler eher aus dem Lebenslauf streicht. Natürlich hat die Branche ihre Probleme, dort werden immer noch junge Frauen und Männer ausgenutzt, die manchmal gar nicht genau wissen, worauf sie sich bei einem Dreh einlassen. Die dargestellten Rollenbilder sind selten progressiv, oft problematisch. Aber der größte Aufreger bleibt für die Mehrheit der Bevölkerung immer noch, dass Menschen Sex vor einer Kamera haben.

Vor allem die Darstellerinnen und Darsteller leiden darunter. Pornostar Jiz Lee veröffentlichte 2016 unter dem Titel Coming Out Like A Porn Star die Coming-Out-Storys von Kolleginnen und Kollegen. In extrem persönlichen und manchmal absurd komischen Geschichten erzählen sie, wie sie immer wieder gegen Stigmata ankämpfen und welchen Wert Pornografie für sie hat.

Auch wenn Regisseurinnen wie Erika Lust einer breiteren Öffentlichkeit bewiesen haben, dass Sexfilme einen künstlerischen Wert haben können, und Seiten wie Lustery und MakeLoveNotPorn zeigen, dass Pornos sehr wohl realistisch und intim sein können: Die Vorurteile halten sich hartnäckig. Fünf Darstellerinnen haben uns ihre Coming-Out-Erfahrungen geschildert.


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Andre: "Meine Mutter weinte und beharrte darauf, dass ich mich in 'Gefahr' begeben würde."

Andre Porn Stars Chris Jay
Foto: Chris Jay

Als ich meiner Familie von meiner Sexarbeit erzählte, reagierte die fast so, wie ich erwartet hatte. Meine kleine Schwester unterstützte mich, der Rest erkannte meine Offenbarung entweder nicht an oder bekundete offen seine Abscheu.

Weil ich mich gleichzeitig noch als queer und nichtmonogam outete, interpretierten dies manche in meiner Familie als egoistische Rebellion oder Phase, die bald wieder vorübergehen würde. Meine Mutter weinte und beharrte darauf, dass ich mich mit der Arbeit in "Gefahr" begeben würde. Was genau diese Gefahr sein sollte, konnte sie mir nie sagen.

Ein paar Jahre später, ich stand in meinem Zimmer in Kalifornien, 5.000 Kilometer von meiner Familie entfernt, rief ich meine Mutter an. Ich drehte seit über einem Jahr Pornos, mir ging es gut und ich hoffte, dass sie ihre Meinung geändert hatte. Ich sagte ihr, dass ich glücklich und gesund sei und eine tolle Gruppe von Menschen kennengelernt habe – Pornodarstellerinnen- und darsteller, von denen viele wie ich Menschenrechtsaktivistinnen sind. Die Bezahlung sei super. "Ich bin stolz", sagte ich. Ich wollte, dass auch sie stolz ist.

Es war alles egal. Nachdem ich mich jahrelang verbogen hatte, um mit etwas Mitgefühl, Freundlichkeit und Respekt behandelt zu werden, habe ich 2017 den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen. Es war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Im Nachhinein wünsche ich mir eigentlich nur, dass ich das schon viel früher getan hätte. Heute helfe ich anderen Menschen in der Branche, die mit ähnlich schwierigen familiären Beziehungen zu kämpfen haben.

Paulita: "Du weißt nie, wie jemand reagiert."

Paulita Porn Stars Coming Out
Foto: Lustery

Ein Coming Out ist ein andauernder Prozess. Es ist fast zehn Jahre her, dass ich zum ersten Mal in einem Porno mitgespielt habe. Heute arbeite ich Vollzeit als Produzentin. In diesen Jahren habe ich schon unzählige Outing-Geschichten erlebt. Es gibt dieses typische Barszenario: Jemand fragt dich, was du machst. In der Regel antworte ich dann wie beiläufig: "Pornos." Ich habe das Glück, in meiner Berlin-Blase zu leben. Die Menschen hier reagieren überwiegend positiv. Die sind neugierig und wollen mehr wissen. Das ist super, auch wenn mir nicht immer danach ist, mein Leben zu erklären.

In der Regel reden Menschen in der Öffentlichkeit offener über Sex. Du weißt allerdings nie, wie jemand reagiert. So beiläufig du auch davon erzählst, ein Job in der Pornoindustrie ist nie normal. Selbst Menschen, die es gut meinen, reagieren oft kindisch.

Es meiner Mutter zu sagen, war mit das Schwierigste, was ich je getan haben. Wir lieben uns beide sehr. Das erklärt vielleicht auch, warum die Auseinandersetzung mit ihren Sorgen, ihrer Wertung und ihrer fehlenden Akzeptanz so schmerzvoll war – für sie, wie für mich.

Über die Jahre haben wir viele Coming-Out-Unterhaltungen geführt. Sie erkennt meinen Standpunkt an, stellt Fragen – manchmal heulen wir in den Armen der anderen. Das letzte Mal, als ich einen Film zeigte, den ich in Spanien produziert hatte, wollte sie zur Vorführung kommen. "Aber es ist ein Porno", sagte ich. "Ich weiß", antwortete sie, "aber ich bin ja wohl alt genug, um das zu sehen!"

NB Jupiter: "Ein Transgender-Model, das im Internet kurze Sexvideos verkauft – und das alles gekleidet in Cosplay? Fand mein Vater super!"

NB Jupiter Porn Stars Coming Out
Foto mit freundlicher Genehmigung von NB Jupiter

Als ich mit der Uni anfing, begann ich auch mit der Sexarbeit. Da war ich 18. Als queerer Mensch mit Behinderung und einer psychischen Krankheit schien das ein guter Weg zu sein, mich selbst zu finanzieren, unabhängig zu bleiben und gleichzeitig meiner kreativen Leidenschaft als Darstellerin nachzugehen. Ich habe mich in die Community und die Arbeit verliebt. Nach dem Abschluss will ich auf jeden Fall weitermachen.

Ich habe es zuerst meinem jüngeren Geschwisterteil gesagt. Der hat mit den Schultern gezuckt und gesagt: "Cool". Das ist so etwas wie das Höchstmaß an Zustimmung, dass man ihm entlocken kann. Ein halbes Jahr später habe ich es meiner Mutter gesagt. Ich habe das Glück, dass wir ein extrem enges Verhältnis haben, aber sie leidet unter einer Angststörung. Sie hatte einen Haufen Fragen. Als ich die alle beantwortet hatte, meinte sie, sie sei stolz auf mich, solange ich keine echten Treffen machen würde wie Escorting. Ich habe ihr also versprochen, es bei Online-Filmen zu belassen.

Zwei Jahre später habe ich meinen Vater angerufen, der sich meine (nicht-Porno-)Solo-Performance "From My Bedroom" anschauen wollte und ihm nervös von meinem Job erzählt. Ein Transgender-Model, das im Internet kurze Sexvideos verkauft – und das alles gekleidet in Cosplay? Fand er super! Das hat mich so froh gemacht.

Ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen darf. Die Unterstützung und bedingungslose Liebe meiner Eltern hat mir erlaubt, meine Performances politisch aufzuladen. Ich habe die Hoffnung, dass ich meine Stimme für Sexarbeitende einsetzen und uns die Gleichheit sichern kann, die wir verdienen.

Mercy: "Mama sagte: 'Wenn du stolz auf deine Arbeit bist, unterstütze ich dich.'"

Mercy Porn Stars Coming Out
Foto mit freundlicher Genehmigung von Mercy

Ich habe mit 18 mit der Sexarbeit angefangen. Ich lernte in einem Fetischclub Fotografinnen kennen, die Bondage-Bilder machen wollten. Ich habe es geliebt. Allerdings wusste ich nicht, wie ich es finden sollte, meine Titten für immer im Internet zu haben. Also habe ich meine Mutter gefragt.

Sie war in den 90ern Stripperin. Sie weiß, wie beschissen Sexarbeit sein kann. Sie weiß aber auch, wie viel Spaß sie machen kann. Ihr Rat war: Solange du stolz auf deine Arbeit bist, unterstütze ich dich. Das war einfach toll!

Meine Eltern leben getrennt und mir war klar, dass die Familie meines Vaters nicht so cool darauf reagieren würde. Vor etwa zwei Jahren sah meine Schwester im Internet zufällig ein Bild von mir. Sie war, in ihren Worten, "beschämt". Sie brach in Tränen aus, konnte nicht mehr mit mir sprechen. Die Familie drohte mir, mich zu verstoßen, wenn ich damit nicht aufhöre. Sie verlangten von mir, dass ich meinen Job aufgebe, den ich seit sechs Jahren machte, ohne mir irgendwelche Hilfe anzubieten oder überhaupt auf mich einzugehen.

Mein Vater sagte mir später, dass er meine Arbeit zwar nicht befürworte, aber trotzdem stolz auf mich sei. Allerdings weigerte er sich, mich vor den anderen zu verteidigen. Er sagte, ich solle weiter selbst probieren, meine Schwestern zu überzeugen. Ich sollte mich also weiter von ihnen beschimpfen und niedermachen lassen. Das kommt für mich nicht infrage. Bei unserer letzten Unterhaltung meinte ich zu ihm, dass er entweder für mich einstehen oder mich in Ruhe lassen soll. Ich glaube, er wird sich für Letzteres entscheiden.

Siri: "Ich wurde sehr früh in meiner Karriere geoutet. Die Reaktion meiner Eltern traf mich am schlimmsten."

Siri Porn Stars Coming Out
Foto: VNA Girls

Ich habe meine Familie angelogen, warum ich nach Los Angeles gezogen bin. Eigentlich hatte ich geplant, ihnen von meinem Job als Pornodarstellerin zu erzählen, sobald ich erfolgreich bin, aber das hat nicht geklappt. Ich wurde sehr früh in meiner Karriere geoutet und die Reaktion meiner Eltern traf mich am schlimmsten. Sie stellten meine geistige Gesundheit infrage und sagten irgendwann sogar, ich sei für sie gestorben.

Ich hatte als Darstellerin ein paar erfolgreiche und bereichernde Jahre, aber währenddessen nur minimalen und sehr verkrampften Kontakt zu meiner Familie. Sie ist der Hauptgrund, warum ich aufgehört habe. Am Ende war sie mir wichtiger.

Vier Jahre drehe ich jetzt keine Pornos mehr, aber sie erkennen meine Erfahrungen weder an, noch verstehen sie sie. Auch in anderen Lebensbereichen habe ich mit dem Stigma zu kämpfen – sei es bei der Arbeit, beim Dating oder generell mit unangemessenen Kommentaren, selbst von Ärzten.

Wir müssen als Gesellschaft noch einiges dafür tun, damit Sexarbeit als Arbeit anerkannt wird; dass Sexarbeitende ein Recht auf Unterstützung, Liebe und Akzeptanz haben. Ich habe das Privileg, mein "Zivilleben" heute relativ unbeschadet leben zu können. Wenn es zur Sprache kommt, haben die meisten Menschen einfach einen Haufen Fragen. Ich ergreife jede Gelegenheit, eine vernünftige Unterhaltung darüber zu führen. Ich glaube, dass diese Gespräche helfen können, ein größeres Verständnis, mehr Mitgefühl und am Ende vor allem mehr Sicherheit für Sexarbeiterinnen und -arbeiter zu schaffen.

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