Drogen

"Mein LSA-Trip hat mich in eine Psychose getrieben"

LSA kommt in Holzrosesamen vor, und die sind frei erhältlich. Sie wirken ähnlich wie LSD.

von Daniel Frevel
24 Jänner 2017, 5:00am

Collage: Johann Steer

Die Samen der Hawaiianischen Holzrose sind klein und unscheinbar. Ihre psychedelische Wirkung aber ist enorm. Dafür sorgt der Wirkstoff LSA, der kleine, gemeine Bruder von LSD. Die Samen sind in Deutschland frei erhältlich, als Blumensamen und nicht zur Einnahme vorgesehen. Ein Online-Samenshop sagte zu VICE: "Wenn wir eine neue Lieferung haben, dann würde ich mich sputen, die sind immer sehr schnell ausverkauft." Jana* (22) hat drei dieser Samen genommen und einen Horrortrip erlebt. Dr. Henrik Jungaberle ist Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Präventions- und Drogenforschung.

Jana: "Ich habe die Samen vor eineinhalb Jahren genommen, da war ich 20. Zu der Zeit habe ich ein bisschen mit meinem Freund rumprobiert, mit Sachen, die wir im Internet bestellt haben, mit Legal Highs, Kratom und so weiter. Die Samen waren billig, wir haben 200 Stück gekauft, für nur 20, 30 Euro.

Eigentlich wollte ich das nicht nehmen. Ich wollte nichts Psychedelisches probieren, habe es dann aber doch gemacht. Ich habe mich auch vorher nicht groß damit beschäftigt, nichts dazu im Internet gelesen. Ich habe das aus Vertrauen zu meinem Freund genommen. Er wollte die unbedingt selber ausprobieren und das mit mir. Und ich immer: 'Nein, lieber nicht.' Na ja, und dann habe ich's doch gemacht, bei mir zu Hause, auf dem Dorf, in meinem Zimmer."

Jungaberle: "LSA (auch Ergin genannt) ist ein Lysergsäureamid und seit den 30er Jahren bekannt. Der Wirkstoff ist LSD sehr ähnlich, weshalb LSA ebenfalls ein Psychedelikum und Halluzinogen ist. Die Wirkungsdauer ist mit vier bis acht Stunden allerdings etwas geringer als bei LSD und von vielen Konsumenten wird es als weniger visuell beschrieben. Wir wissen nicht, wie viele Leute LSA konsumieren, da es keine offiziellen epidemiologischen Untersuchungen dazu gibt. Wir kennen nur Einzelberichte."

Jana: "Man fängt normalerweise mit zwei, drei Samen an, wenn man das das erste Mal macht, später kann man dann bis zu sechs Stück nehmen. Normalerweise muss man die Hülse der Samen, bevor man sie nimmt, aufbrechen und nur den Samen essen. Wir haben die Dinger allerdings aufgekaut und die Hülse mitgegessen. Die Folge: Mir war kotzübel und ich wollte ins Bad rennen, aber es ging nicht. Ich konnte mich nicht bewegen."

"Bei den Samen allerdings kann man sich nie sicher sein, wie viel Wirkstoff darin enthalten ist." 

Jungaberle: "Übliches Problem bei Naturdrogen: Die Wirkstoffkonzentration ist unbekannt. Bei LSD sind sogar die Schwarzmarkt-Präparate sehr zuverlässig. Man weiß genau, was für eine Dosis man bekommt. Die Pappen werden in Laboren von Maschinen in Flüssigkeit getränkt, geschnitten und perforiert, und der Wirkstoff ist gleichmäßig verteilt.

Bei den Samen allerdings kann man sich nie sicher sein, wie viel Wirkstoff darin enthalten ist. Anleitungen im Internet haben daher auch eine skurrile Spanne bei den Einnahmeempfehlungen. Das geht von 1 bis 18 Samen. Hinzu kommt, dass Samen auch von Schimmelpilzen und Schädlingen befallen sein können und die Konsumenten dadurch Brechreiz und Kopfschmerzen bekommen können. Das heißt aber nicht, dass man gar keine positiven Erlebnisse mit LSA haben kann, Simon Ruane zum Beispiel beschreibt in seinem Selbstversuch auf YouTube einen angenehmen psychedelischen Trip. "

Jana: "Es fing damit an, dass mir ganz schwindelig wurde, ich konnte nicht mehr gehen und dann setzte die wirklich schlimme Wirkung ein. Mit einem Mal konnte ich nicht mehr denken, hatte keine Kontrolle mehr über meinen Kopf. Dann wurde ich von Gedanken erschlagen, konnte sie aber nicht verarbeiten. Es ist alles auf mich eingestürzt und ich konnte nicht darüber nachdenken, weshalb ich so hilflos war. Ich fühlte mich ausgeliefert. So als würde ich in einem dunklen Raum liegen und plötzlich fallen irgendwelche Sachen auf mich drauf, aber ich kann nichts tun. Ich habe nicht mehr wirklich existiert. Ich habe mich dann in den Bauch gekniffen, einfach um das Gefühl zu haben, dass ich noch da bin."

Jungaberle: "LSA imitiert den Botenstoff Serotonin, indem es an die entsprechenden Rezeptoren andockt. Die übergroße Menge an "falschem" Serotonin dockt am dazugehörigen Rezeptor an wie ein Schiff in einem Hafen. Auf der psychologischen Ebene lockern sich dadurch Wahrnehmungsfilter, die normalerweise nebensächliche Informationen ausblenden. Sie dringen deshalb in unser Bewusstsein ein. Die Masse der Informationen und Reize kann sich negativ anfühlen. Auch Erinnerungsfilter setzen gegebenenfalls aus, sodass unkontrolliert schöne, aber auch schreckliche Erinnerungen, die wir eigentlich verdrängt haben, auf uns einströmen."

Jana: "Wir haben uns dann hingelegt, ich habe totale Panik bekommen und das meinem Freund gesagt. Der war aber selbst total drauf und hat nur gesagt: 'Hey komm, chill einfach.' Ich habe die ganze Zeit das Wort 'Florenz' vor mich hingesagt. Das hat mich vom Abheben gehindert. Wir hatten vorher unsere Europareise geplant und daher war das Wort 'Florenz' so präsent. Wir haben dann einen Film angemacht, Tim und Struppi und dann wurde alles noch viel schlimmer. Es waren plötzlich noch viel mehr Reize da, die ich nicht verarbeiten konnte. Seitdem kriege ich immer die Krise, wenn ich die Gesichter von Tim und Struppi irgendwo sehe."

Jungaberle: "In einem ärztlich-kontrollierten Setting würde man in so einem Moment den Menschen ruhig ansprechen, ihn vielleicht massieren, entspannende Musik einspielen, sie auffordern, tief zu atmen. Es steht und fällt hier vieles mit einer vertrauensvollen Begleitung durch einen anderen Menschen. Wenn man allerdings zusammen trippt und ein vollkommen neues Halluzinogen auf den Körper wirkt, kann das überdurchschnittlich starke Reaktionen hervorrufen."

"Ich hatte Angst vor Menschenmengen, vor Einkäufen, vor der Welt da draußen, und dass ich in einem unerwarteten Moment eine Panikattacke habe."

Jana: "Der ganze Trip ging drei Stunden, der wirklich kritische Part dauerte zwei.

Das Ende war total strange. Als die Wirkung aufgehört hat, wurden wir beide auf einmal total horny und hatten Sex. Es war einfach megageil nach dieser Odyssee. Der Tag wurde danach wieder ganz normal, wir haben gechillt und noch einen geraucht und sind dann irgendwann pennen gegangen.

Am nächsten Tag bin ich mit einer Freundin in die Stadt gefahren, wir wollten essen gehen. Im Restaurant ist es dann passiert: Plötzlich war alles wieder so wie am Abend zuvor. Ich konnte wieder nicht nachdenken, war wieder vollkommen hilflos und das Ganze noch in der Öffentlichkeit bei Hitze, mitten im Sommer. Ich habe mich dann in dem Restaurant in die Toilettenräume gelegt und mich gezwickt, um irgendwie bei mir zu bleiben."

Jungaberle: "Die HPPD (Hallucinogen Persisting Perception Disorder) ist eine seltene psychiatrische Diagnose, die bei einigen Halluzinogen-Usern auftritt. Irgendwann in den Tagen oder Wochen nach der Einnahme treten traumartige Erinnerungen an den Trip auf, die sich nicht kontrollieren lassen. Auch Emotionen kommen wieder.

Die Entstehung dieser Krankheit ist noch nicht ganz klar, im Moment geht man aber eher von einem psychologischen und nicht von einem neurologischen Grund aus."

Jana: "So ging es dann weiter. Ich hatte einfach in der Öffentlichkeit ständig Angst, dass es wieder passiert. Durch die ständige Angst habe ich eine Panikstörung entwickelt. Seitdem habe ich Panikattacken. Wir haben dann noch unsere Europareise gemacht und ich hatte ständig diese Angstschübe. Als ich wiederkam, habe ich eine Therapie angefangen.

Meine Krankheit nannte sich Agoraphobie und hatte auch die Auswirkungen, dass ich vor lauter Angst vor der Attacke nicht mehr aus dem Haus gegangen bin. Ich hatte Angst vor Menschenmengen, vor Einkäufen, vor der Welt da draußen, und dass ich in einem unerwarteten Moment eine Panikattacke habe. Mein Therapeut hat mir dann aber erklärt, dass die Angst von dem Horrortrip herrührt und dass bestimmte Nervenbahnen in meinem Gehirn einfach abgeschaltet wurden durch das LSA. Das zu verstehen, hat mir sehr geholfen und auch, dass ich trainiert habe, wieder aus dem Haus zu gehen."

Jungaberle: "Für mehr als 80 Prozent der Menschen, die an HPPD leiden, flachen die Probleme von selbst ab. Für den anderen Teil ist eine psychotherapeutische Betreuung wichtig, da man dadurch die inneren, verdrängten Themen verarbeiten und aufarbeiten kann. Wie in diesem Fall ist die Krankheit oft mit der Angst verbunden, die Flashbacks könnten nicht mehr aufhören. Dieser Prozess wird innerlich immer weiter verstärkt und so wird die Angst selber zum zentralen Problem."

Jana: "Ein weiteres Problem: Wenn du das Haus nicht mehr verlässt, verlierst du deine Freunde, deine Familie ist abgefuckt von dir und alles wird nur noch schlimmer. Irgendwann habe ich es ihnen dann erzählt, und nachdem sie verstanden haben, wie es dazu kam, war alles viel besser.

Wenn ich heute Leuten, die selber Pilze und LSD nehmen, erzähle, dass ich LSA genommen habe, sagen die: 'Bist du bescheuert!?' Denn was ich erlebt habe, passiert auch anderen. Ich habe in vielen Foren gelesen, dass sehr viele LSA-Konsumenten Ähnliches durchmachen. Es ist einfach total verrückt, das Zeug zu nehmen."

*Name von der Redaktion geändert.

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