Meine Eltern kiffen mehr als ich

Welche Vorteile es hat, wenn Mama und Papa zu Hause im Garten eine Hanfplantage betreiben.

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18 April 2017, 7:37am

Ein Freitag vor fünf Jahren. Mit Freunden sitze ich an einem warmen Sommerabend am See. Ich packe mein Gras aus, einer in unserer Runde dreht eine Tüte und gibt sie rum. "Echt geiles Zeug hast du da", sagt ein Freund. "Woher hast du das?"

"Von meinen Eltern", antworte ich.

Meine Eltern bauen Gras an. Für mich war das schon immer ganz normal. Es waren Pflanzen in unserem Garten wie alle anderen, die ich gießen musste. Der Hanf gehörte neben den Tomaten oder den Erdbeeren zu unserem Garten. Der einzige Unterschied: Vom Hanf gab es mehr.

Weil ich ein sehr gesprächiges Kind war, mussten mir meine Eltern dann jedoch ziemlich schnell verklickern, dass es nicht OK ist, wenn ich auf das Plakat der Anti-Drogen-Kampagne zeige und sage: "Mama schau! Die Pflanzen haben wir doch auch im Garten!"

Aus diesem Grund gab es bei uns zu Hause ziemlich früh die umgekehrte Version des Bienen-und-Blümchen-Aufklärungsgesprächs, das man mit 14 führt, und das total peinlich ist, weil man schon lange einen Internetanschluss hat. Nur war diese Version nicht peinlich für mich, sondern für meine Eltern. Die "Wir tun etwas, das ein bisschen illegal ist, und deshalb pass lieber auf, wem du davon erzählst"-Unterhaltung.

Der Garten meiner Eltern

Meine Eltern haben nie gedealt. Sie bauen Hanf an, weil es ihnen Spaß macht. Mein Vater raucht gerne ab und zu einen Joint wie andere Väter eine Zigarre. Meine Mutter kifft gar nicht, es gibt ihr einfach nicht viel. Ihr gefallen aber die Pflanzen und sie sagt, sie möge deren Geruch.

Wenn dann im Herbst die Blüten bereit waren, geerntet zu werden, war das eine Familienangelegenheit, bei der alle mitgeholfen haben. Dann saßen wir zusammen mit Handschuhen und Küchenscheren am Wohnzimmertisch und haben die Blüten von den Pflanzen geschnitten. Zum Trocknen haben wir das Gras in die Badewanne gelegt. Dann lag in unserer Wohnung dieser süß-aromatische Geruch in der Luft, den ich heute noch so gerne rieche, weil er mich an diese Zeit erinnert. Ich verbinde noch immer den Geruch von Gras mit Familie wie andere den Geruch von Weihnachtsplätzchen.



Als Kiffen dann wirklich zu einem Thema wurde, war es unter meinen Freunden ein offenes Geheimnis, dass meine Eltern Gras anbauen. Meine Freunde bewunderten mit großen Augen den Inhalt unserer Badewanne. Wir haben sie liebevoll Mariju-Wanne getauft.

Dazu muss ich sagen, dass ich in der Schweiz aufgewachsen bin und wir dort nicht nur ein sehr leidenschaftliches Verhältnis zu geschmolzenem Käse pflegen, sondern auch zu Cannabis. Nirgendwo auf der Welt haben so viele 15-Jährige schon einmal gekifft wie in der Schweiz und in dem Alter ist es wesentlich einfacher, an Gras zu kommen als an Alkohol. In jedem Bekanntenkreis gibt es jemanden, der dealt oder zumindest einen Dealer kennt, und weil ziemlich jeder kifft, hat auch immer irgendjemand was dabei. Wer beim Kiffen erwischt wird, muss mit einem Bußgeld von 100 Schweizer Franken rechnen (ca. 93 Euro). Wenn man gleichzeitig aber noch mehr als 10 Gramm Cannabis bei sich trägt, erhöht sich das Bußgeld und muss in Tagessätzen bezahlt werden. Und da ich nicht möchte, dass meine Eltern zahlen müssen, steht über diesem Artikel nicht mein Name.

So sieht unser Wohnzimmertisch während der Erntezeit aus

Dass ich dann in der Sekundarschule ab und zu mal gekifft habe, habe ich anfangs trotzdem vor meinen Eltern geheim gehalten. Nur ist das so eine Sache, dass Eltern, die selbst kiffen, genau wissen, wie man aussieht, wenn man benebelt zu Hause aufkreuzt. Nachdem ich dann auf die Frage "Weshalb sind deine Augen so rot? Hast du gekifft?", geantwortet habe mit "Nein Mama, bestimmt nicht. Das ist nur Heuschnupfen", bin ich aufgeflogen – es war Winter.

Meinen Eltern war klar, dass sie mir keine Vorwürfe machen können. Deshalb haben sie fortan einfach die Rolle meiner Dealer übernommen. Mein Vater meinte immer, dass wir es ja sowieso machen würden und so hätte er wenigstens die Gewissheit, dass wir gutes Gras rauchen und nicht irgendein gestrecktes Zeug, bei dem man nur schon vom Hinsehen Psychosen bekommt.

Dazu kommt, dass sie auf diese Weise auch die Kontrolle und den Überblick hatten, wie viel wir rauchten. Mein Vorteil bei der Sache war natürlich, dass ich auf einen Schlag mit meinem Dealer unter einem Dach lebte und ich nie wieder auch nur für einen Krümel Gras bezahlen musste. Win-Win-Situation in Sachen Erziehung. Ich würde es nicht anders machen, wenn ich selbst mal Kinder haben sollte.

Jetzt, wo meine Freunde und ich erwachsen sind, hat schon praktisch jeder von ihnen eine Kiffer-Geschichte mit meinen Eltern. Jedoch kann ich die Leute nicht genug davor warnen, mit meinem Vater zu rauchen. Obwohl wir erwachsen sind und mein Vater der Erwachsenste von uns allen sein sollte, macht er sich einen Spaß daraus, meinen Freunden derart starkes Zeug in die Tüten zu mischen, dass sie in regelmäßigen Abständen bei uns auf der Couch einschlafen.

Besonders stolz darauf ist er, wenn er langjährige Kiffer unter den Tisch rauchen kann. Letztes Jahr am Schweizer Nationalfeiertag habe ich zusammen mit meiner Familie und meinen Freunden bei uns im Garten gefeiert. Als es spät war, fragte ein Freund, ob jemand Gras dabei hätte. Das Stichwort für meinen Vater war gefallen und er drückte ihm eine kleine Dose in die Hand.

"Ganz frisches Hanföl aus eigener Fabrikation. Das ist so, als ob du reines THC rauchen würdest", meinte er. Der Freund begann, sich dann seine Tüte zu bauen, und träufelte auf Anweisung meines Vaters am Ende noch das Hanföl über die Mischung. Jedoch so viel, dass es einen Elefanten umgehauen hätte. Zwei Züge später mussten wir ihn nach Hause bringen und mein Vater lächelte schadenfreudig.

Meine Eltern sind dennoch die Helden in meinem Freundeskreis und es ist auch schon vorgekommen, dass meine Freunde sie fragten, ob sie sie adoptieren könnten. Sie sind die Art von Eltern, mit denen man über Sachen sprechen kann, über die man mit seinen eigenen Eltern nicht reden würde. Zudem geben sie ihr Wissen gerne weiter und wenn man nett fragt, auch den einen oder anderen Setzling. Aber nur, wenn meine Eltern am Ende das Ergebnis probieren dürfen.

Trotz des liberaleren Erziehungsansatzes meiner Eltern ist aus mir kein Junkie geworden. Ich nehme keine Drogen, außer meiner wochenendlichen Portion Bier und Gin. Ich kiffe sehr selten, nur wenn der Moment passt und auch nur gemeinsam mit Freunden. Die einzige Zeit im Jahr, an der ich bei meinen Eltern für Gras anklopfe, ist während des Festivals in unserer Stadt. Zusammen mit Mama und Papa gekifft habe ich aber bis heute noch nicht. Trotz allem: Das ist dann selbst für meine Familie zu komisch.

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