"Du wirst kein Bild mit Hitlergruß finden" – Haudegen im Interview

"Ich fahre ganz bestimmt nicht irgendwo nach Südtirol und setz mich da auf die Alm." – Haudegen über Frei.Wild, nationalistische Deutschrock-Fans und worauf sie wirklich stolz sind.

29 März 2017, 12:58pm

Foto: Marcel Hotze

Die Hansa Studios in Berlin. Haudegen, bestehend aus Hagen Stoll und Sven Gillert, basteln gerade an neuer Musik. Grund für das Treffen ist jedoch nicht etwa ein neues Album, sondern ein Facebook-Post, der vor kurzem für Aufsehen gesorgt hat. Adressat der etwas rüden Ansage war die Band Frei.Wild beziehungsweise deren Sänger Philipp Burger, seit Jahren schon erfolgreich mit rechts offen anmutendem Heimat-Rock und platten Parolen. Was passiert ist, könnt ihr HIER nochmal nachlesen.

Wer Haudegen nicht kennt, läuft leicht in Gefahr, sie in den gleichen Topf zu werfen: Proletarier-Charme, hühnenhaft, volltätowiert. Die Vergangenheit der Bandmitglieder im Hooligan-Milieu und der Rap-Szene reicht dem ein oder anderen Beobachter aus, um die Schublade endgültig zu schließen, in die man Stoll und Gillert so leicht stecken kann. Nach dem ersten höflichen Geplänkel und einem kurzen Wettbewerb, wer stärker berlinern kann, wurde dann Tacheles geredet.

Noisey: Ihr habt in der letzten Woche mit einer Aktion für Aufsehen gesorgt, die man sonst eher im Rap vermuten würde. Streit über soziale Medien ist ja sonst immer ein sicheres Indiz für ein bald erscheinendes Album. Das hat sich dann jedoch meist relativ schnell wieder beruhigt und war nicht so gemeint. In eurem Fall hatte man jedoch das Gefühl, dass da eine ganz ehrliche Wut formuliert wurde. Woher kam diese Wut? Und warum traf sie ausgerechnet eine Band und deren Hörerschaft, die man in eurer Nähe vermutet hätte?
Hagen: Erst einmal muss man ja mit dem Mythos aufräumen, dass man als Person des öffentlichen Lebens, der mehrere tausend Menschen zuhören, keine persönliche Meinung mehr haben darf. Und natürlich wird einem da sehr schnell unterstellt, dass es um PR und Marketing geht, weil die Menschen das mittlerweile so gewöhnt sind. Das ist auch genau der Grund, warum wir uns jetzt äußern.
Sven: Wir sind uns ja bewusst, dass wir 'nen großen Schnitt an Hörerschaft haben. Uns ging es aber darum, Stellung zu beziehen. Wir sind eben nicht wie diese Typen. Wir haben 'ne ganz andere Einstellung zum kompletten Dasein.

Und zwar?
Hagen: Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die wir durch unsere Hörer haben. Und zwar seit Jahren schon, weil wir sehen, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Mit der Gesellschaft entwickelt sich parallel auch die Musik. Und wir sind nun mal in 'nem Genre, was sich Deutschrock nennt – was erst einmal kein Problem darstellt, denn wir singen Deutsch und es ist Rockmusik.
Sven: Wir geben den Leuten Hoffnung statt Hass. Dass wir auch mal wütend sind, zeigt ja unser Facebook-Post. Das war eben 'ne väterliche Schelle, die auch mal an der Zeit war. So'ne Schelle sagt dir, "Bis hierhin und nicht weiter".

Ihr habt eure Kritik ja ganz speziell an Frei.Wild gerichtet. Gab es dafür einen konkreten Grund?
Hagen: Hinter den Kulissen wurde immer versucht uns zu instrumentalisieren und berechenbar zu machen. Über Anfragen und so weiter. Spielt ihr bei dem Festival? Macht ihr dies und das? Macht ihr bei dem Projekt mit? Wir haben immer Nein gesagt. Und das zeugt von Rückgrat. Wir hätten dieses Spiel ja locker mitmachen können und wären jetzt wahrscheinlich auch sehr beliebt bei bestimmten Hörerschichten. Haben wir aber nicht. Und wenn wir schon über Stolz reden, dann kann ich sagen: Darauf bin ich stolz! Dass ich in den richtigen Momenten Nein sage.

Wenn ich und Sven ein Problem mit Phillip Burger und Stefan Harder [Manager von Frei.Wild, Anm. des Autors] haben, dann könnte man natürlich sagen: "Setzt euch an 'nen Tisch und klärt das." Ich fahre aber ganz bestimmt nicht irgendwo nach Südtirol und setz mich da auf die Alm. Also mach ich meinen Gedanken Luft und nutze diese Kanäle. Riecht natürlich nach PR. Ist es aber nicht. Würde der Typ in Berlin wohnen, wären wir vorbeigefahren. Viele Menschen haben das so aufgefasst, als würden wir unsere Fans gegen andere Fans aufsticheln. Und genau da liegt der Fehler. Die Leute verstehen nicht, dass es zwar öffentlich ist, aber trotzdem 'ne persönliche Meinung. Unser öffentliches Problem mit Frei.Wild und Co. liegt ganz woanders.

Eurem ersten Statement war diese spontane und unmittelbare Wut ja auch anzumerken. Viele Fans haben natürlich nach einer konkreten Story gelechzt. Nach den teils heftigen Reaktionen, habt ihr euch dann noch mal ausführlicher erklärt und ...
Hagen: ... Zumindest versucht haben wir's. Den persönlichen Konflikt der da herrscht, den wollten und wollen wir eben nicht öffentlich machen, weil wir denken, das ist ein Thema für den Moment, wenn wir Burger und Harder mal wieder treffen. Und wir werden sie ja dieses Jahr treffen. Und dann werden wir ja sehen (lächelt). Aber stell ruhig deine Frage.

Na ja, euch wurde von vielen Fans der Vorwurf gemacht, ihr würdet die Szene verraten.
Hagen: Das ist doch Quatsch. Wir rütteln die Szene auf, ohne alle über einen Kamm zu scheren. Ich weiß, welche Band welche Tendenzen hat. Und ich weiß auch welche Band sich nach außen hin von Rechten distanziert. Dann sehe ich die Fahnen, die da auf den Festivals hängen und weiß Bescheid. Da braucht mir keiner was erzählen.

Wenn man euch googelt, kommt ziemlich schnell ein BILD-Artikel mit der Überschrift "Deutschlands Tabu-Bands". Da werdet ihr zusammen mit Bands wie Frei.Wild, Böhse Onkelz oder auch Krawallbrüder in einem Atemzug genannt. War diese mediale Sichtweise auch ein Grund für euch, sich jetzt mal klar zu positionieren?
Hagen: Nee. Das ist 'ne persönliche Entscheidung. Wir halten uns jetzt sieben bis acht Jahre in diesem Genre auf und haben unsere Beobachtungen und Erfahrungen gemacht. Und diese Erfahrungen passen mir nicht, weil sie sich nicht decken mit dem Fundament unserer Musikrichtung. Unsere Musik ist tolerant und offen. Wir brauchen nicht von Heimat zu singen, wir singen von einem Zuhause. Wir singen von Freunden wie Igor und Nassim. Wir setzen Zeichen in diesem Genre, was mittlerweile so durchdrungen ist von diesem neuen "Patriotismus"-Begriff, dass einem das Kotzen kommt. Früher waren das Nazis, heute nennen die sich "Patrioten".

Wir haben so viele Touren und Festivals gespielt, wo die Schnittmenge zu diesen Bands sehr groß war. Und wir merken immer mehr, wie wir damit in Konflikt geraten. Es ist ja auch nicht so, dass wir das jetzt auf dem Rücken von Frei.Wild machen, wir machen das auf dem Rücken des ganzen Genres. Frei.Wild ist eben, was diesen merkwürdigen Patriotismus angeht, für mich der Trojaner. Dieses mit dem Feuer spielen, Grauzonen austesten und immer wenn es hart auf hart kommt die Hände heben und sagen, "Nee, ist doch alles gar nicht so" – damit haben wir ein Problem.

Das ist ja auch der spannende Punkt in eurem Fall. Viele Bands distanzieren sich immer sehr deutlich von Neonazis etc. und skandieren auch gerne mal "Nazis Raus" auf ihren Konzerten. Man sieht sich ja eben selber gar nicht mehr in dieser Rolle. Wenn aber – wie in eurem Fall jetzt – jemand von innen kommt, sehr konkret wird und Missstände anspricht, ist die Empörung einiger Fans riesig. Da wird die Kritik an rechtem Gedankengut plötzlich als Verrat an der Szene ausgelegt.
Sven: Genau da liegt das Problem. Die Verantwortung des Künstlers ist es ja, seine Macht zu nutzen, um etwas Gutes hervorzubringen. Und sich in der heutigen Zeit die Tür zur rechten Szene offen lassen und eine generelle Antihaltung zu haben, die keine Lösungen anbietet, sondern nur angebliche Missstände anprangert, hilft niemandem weiter. Die Leute da draußen, die es nicht einfach haben, suchen einen Soundtrack zu ihrem Leben. Und wenn die diesen Staat verfluchen, werden die sich wahrscheinlich 'ner Band anschließen, die Frei.Wild heißt und 'nen Song namens "Land der Vollidioten" haben. Das ist aber der falsche Weg. Diese Anti-Songs, die schreibt man mit 'nem Fingerschnippsen. Das ist ja das Schlimme daran. Die haben auch noch Erfolg mit ihrem Zeug, bei dem es nur darum geht, die Leute aufzuhetzen und Unmut zu verbreiten.
Hagen: Genau das macht es ja im Prinzip massentauglich. Wenn man es wirtschaftlich betrachtet, geht es immer um Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage ist da, weil die Gesellschaft auf der Suche nach einer Identität ist. Gerade die jungen Leute. Wir waren selber mal auf dieser Suche und haben unsere Identität im HipHop gefunden. Wir stellen uns gar nicht hin und sagen: "Wir haben die Lösung für dein Identitätsproblem." Das maßen wir uns überhaupt nicht an. Und wenn es um Missstände geht, dann muss über diesen falschen Patriotismus genau so gesprochen werden wie über alles andere auch. Und da fangen wir gerade mit an. Weil das wichtig ist und weil wir das nicht über uns ergehen lassen wollen. Mit Deutschtümelei, Patriotismus und dieser ganzen Scheiße haben wir nichts am Hut.
Sven: Musik ist unantastbar sagt man, das ist ja auch richtig. Wenn man aber instrumentalisiert und diese Aussage der unantastbaren Musik dazu benutzt, draußen Menschen aufzuhetzen, dann ist das dreckig. Und dagegen kämpfen wir Tag für Tag. Da muss ich auch den Medien mal 'nen Vorwurf machen. Statt ständig auf der Suche nach der Sensation oder dem Skandal zu sein, könnten sie ja auch mal die Jungs unterstützen, die es ernst meinen mit dem Kampf gegen diese Idioten. Die Alternative im Kampf gegen Rechts ist nämlich, dass man auf irgendeinem SPD-Sommerfest gegen Nazis spielt. Das will ja auch keiner. (Allgemeines zustimmendes Gelächter)

Es geht also um weit mehr als Haudegen gegen Frei.Wild?
Hagen: Klar. Wenn ihr dann so ein "Versus" zwischen die beiden Bandnamen packt, dann muss ich eigentlich sagen: Wenn es um das Deutschrock-Genre geht, dann sind wir sowas wie der Widerstand. Ich hätte auch gar kein Problem damit, mich mit diesen Typen in 'ne Runde zu setzen und mal zu fragen: "Wo kommst du eigentlich her und wo komm ich her?" Und dann lass dir mal von jemandem, der aus der sozialen Unterschicht kommt erzählen, worum es eigentlich geht. Bei Thomas Kuban (Undercover-Journalist im rechtsextremen Milieu, Anm. des Autors) waren sie auch schon zu feige.

Am Ende geht's immer darum den Mund aufzumachen. Es war an der Zeit, denen zu sagen, dass sie ihre Rolle übertreiben. Dafür bin ich eben auch Berliner. Da sagt man eben mal: "Dikka, übertreib deine Rolle nicht". Welche Stadt repräsentiert dieses multikulturelle Ding, dass Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen und Nationen zusammenleben und miteinander klarkommen? Berlin! Dann soll der doch hierherkommen und sowas noch mal sagen. Das ist für mich auch Berlin. Wenn es heißt: "Es gibt vor'n Hals", dann ist das für mich auch Berliner Schnauze.

Trotzdem habt ihr Phillip Burger auch in dem zweiten Statement wieder ganz konkret angegriffen. Warum?
Sven: Ich hab ja auf Facebook geschrieben: "Wenn man den Typ googelt kommt da erst mal ein Bild mit Hitlergruß". Ganz ehrlich, wenn der erzählt: "Ich war jung und das war ein Ausrutscher", das ist doch lächerlich. Der war in einer Band, die "Kaiserjäger" hieß. Kann man sich ja mal mit beschäftigen. Das war nicht so, dass der mit irgendwelchen Rechtsradikalen mal gesoffen hat und ihm da was rausgerutscht ist. Das ist kein Zufall. Klar hat jeder 'ne zweite Chance verdient. Aber er bewegt sich ja immer noch in diesen Kreisen und in dieser Grauzone. Und dann merke ich eben, dass er immer noch die gleiche Gesinnung wie damals hat. Da kann man dann sagen: "Das ist alles lange her", oder: "Man muss nach vorne gucken". Können wir gerne alles machen. Aber der Umstand bleibt ja. Du kannst uns googeln und wirst kein Bild mit Hitlergruß finden.

Wie geht man denn persönlich damit um, wenn man trotz dieser Haltung und diesen Statements weiß, dass im Publikum durchaus der ein oder andere Gast steht, der eure Musik aus den falschen Gründen hört oder sich eben von einem vermeintlichen Grauzonen-Image angezogen fühlt?
Sven: Kann ich dir genau sagen. Auf der letzten "Lichtblick"-Tour, die wir gespielt haben, haben wir den Song "Igor und Nassim" jedes Mal so angekündigt, dass jedem Neonazi das Kotzen gekommen ist. Da gab es auch Momente, wo Leute die Halle verlassen haben oder wir die in aller Ruhe nach Hause geschickt haben, indem wir ihnen mitgeteilt haben, dass wir auf solche Leute keinen Bock haben. Wir gehen damit vollkommen offen um.


Hagen: Natürlich können wir unsere Musik, wenn sie nach außen dringt nicht kontrollieren. Aber kommen wir doch mal auf'n Punkt. Es macht heutzutage keinen Sinn mehr, auf 'nem Konzert "Nazis Raus" zu rufen. Es macht mehr Sinn über deine Freunde zu reden. Ganz klar zu sagen: Ich habe einen Freund, der heißt Igor, ich habe einen Freund, der heißt Nassim, ich haben einen Freund der heißt Sven, ich hab Paul, ich hab Ibrahim. Weißt du, was ich meine? Dieses kokettieren mit der Distanzierung, damit machst du das nur wieder zum Thema. Dann könnte man auch auf jedem Konzert darüber reden, dass wir ein Problem mit Arschlöchern haben. Wir wissen doch alle: Arschlöcher gibt's überall. Egal aus welcher Nation. Und diese Arschlöcher verstecken ihren Nationalismus eben plötzlich als Patriotismus ...
Sven: ... Hört sich ja auch schöner an.
Hagen: Auf einmal brauchen wir wieder mehr Patrioten. So ein Scheiß. Wir brauchen alles mögliche, aber wirklich keine neuen Patrioten.

Das ist ja tatsächlich auch kein deutsches Phänomen ...
Hagen: Exakt. Das nimmt überall zu. Da frag ich mich doch: Was ist denn los mit denen? Wenn im HipHop damals zwei Leute gegeneinander getanzt haben, hat doch keinen interessiert, wo die herkamen. Da ging's immer um die Fähigkeiten, immer um die Skillz. Und das ist es, was wir vermissen. Wir können auch niemandem verbieten Haudegen zu hören, weil er sich als Patriot fühlt. Was wir als Protagonisten aber tun können, ist sich über die 3 Minuten 30 pro Song zu solchen Themen zu äußern. Und es gibt viele Leute, die uns dafür lieben, dass wir das tun. Auch aus der Rap-Szene. Nehmen wir Credibil zum Beispiel. Geiler Typ. Der schickt mir dann einfach 'ne Nachricht und sagt: "Genau dafür lieb ich euch". Dass wir offen und ehrlich sind.


Euch scheint diese Entwicklung vom leicht asozialen Rap zu einer verantwortungsvolleren Art und Weise Texte zu schreiben generell sehr ernst zu nehmen. In der Vergangenheit habt ihr auch immer wieder Rap-Künstler (wie etwa Haftbefehl) für ihre Gewaltverherrlichung kritisiert. Nehmt ihr diese Vorbildrolle vielleicht etwas zu ernst?
Hagen: Kann sein. Vielleicht stehen wir uns damit manchmal selber im Weg. Aber wir sind eben auch Väter. Ich hab eine Verantwortung meiner Tochter und meinem Sohn gegenüber. Ich könnte gar nicht ruhig ins Bett gehen abends. Ich mach mir da auch keine Illusionen. Ich weiß genau, das ist wie Don Quichotte gegen die Windmühlen. Wir wissen doch eh, dass wir nicht gewinnen. Aber das beschäftigt mich. Ich bin zu alt, um mir darüber keinen Kopf zu machen.
Sven: Das ist es doch. Wir können nicht ewig darauf warten, dass endlich mal einer Anderer kommt und die Schnauze aufmacht. Dafür sind wir nämlich auch zu alt. (Gelächter)

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