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Was mich nach meiner Weltreise an der Schweizer Kultur schockiert

Unser Autor reiste ein Jahr lang durch den Iran, Indien und Nepal. Nach der Heimkehr brauchte er einige Zeit, um wieder auf das Leben in der Schweiz klarzukommen.

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04 August 2016, 7:18am

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Die meisten Westeuropäer denken beim Wort "Kulturschock" an Schafskopfsuppen, suizidale Taxifahrer und Burkas. Dass ein Kulturschock jedoch auch bei der Rückkehr aus einer fremden Kultur in die eigene Heimat auftreten kann, ist nicht jedem bewusst. Zumindest mir nicht – bis ich vor drei Wochen von einer einjährigen Weltreise heimgekehrt bin. Im letzten Jahr liess ich mich durch sogenannte "Entwicklungsländer" treiben, deren Gesellschaften sich von unserem liberalen, zurückhaltenden und durchregulierten Zusammenleben doch sehr deutlich unterscheiden.

Der Mensch ist ein ausgesprochen anpassungsfähiges Wesen und so hatte ich mich schnell an den Muezzingesang im Iran, die chaotischen Märkte in Indien sowie die autobahnüberquerenden Wasserbüffelherden in Nepal gewöhnt, sie irgendwie sogar zu schätzen gelernt. Nicht schlecht staunte ich aber die Wochen nach der Landung in Zürich über die Eigenheiten, durch die sich unsere Kultur von anderen unterscheidet.

Jammernde Kinder

Noch bevor ich meinen Rucksack bei der Gepäckausgabe am Flughafen in Zürich abholen konnte, waren mir bereits drei cholerische Kinder über den Weg gelaufen, die ihre Eltern ohne guten Grund jähzornig angeschrien hatten. Ein Mädchen verweigerte die Weiterreise, indem sie sich tobsüchtig auf den Boden geworfen hatte, ein Knirps erlebte einen Schreikrampf, weil er von seinem Vater keinen Kaugummi bekam und ein anderer Dreikäsehoch beleidigte seine Mutter wahllos mit allerhand Schimpfwörtern.

Erst in diesem Moment bemerkte ich, wie lange ich schon keine Kinder mehr hatte jammern hören. Obwohl die meisten Kinder, die mir auf meiner Reise begegneten, doch eher einen Grund dafür gehabt hätten.

Halbnackte Menschen

Als ich am HB auf mein Tram wartete, stachen mir die von Männern und Frauen gleichermassen grosszügig zur Schau gestellten sekundären Geschlechtsmerkmale ins Auge. Ich konnte gar nicht anders, als die knapp bekleideten Hintern und tief geschnittenen Dekolletés peinlich berührt anzuglotzen. Meine Freizügigkeitsresistenz hatte sich während meiner Reise offenbar komplett abgebaut. Obwohl du in der Schweiz eher komisch angeschaut wirst, wenn du im Sommer wenig Haut zeigst, habe ich diese konservativen Kleidungsnormen durchaus zu schätzen gelernt – selbst im 48 Grad heissen Delhi, wo sich die Leute in der Öffentlichkeit zurückhaltender kleiden.

Ich hatte etwa das Gefühl, dass die Ganzkörperbekleidung die zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft bremst. Die Menschen werden weniger nach oberflächlichen Kriterien bewertet. Dadurch können sich auch Leute, die dem gängigen Schönheitsbild weniger entsprechen, selbstbewusster in der Öffentlichkeit bewegen.

Rigide Strassenverkehrsordnung

Zuhause angelangt, machte ich mich an den Umzug meiner Wohnungseinrichtung, die ich mit einem Transportbus aus den Kellern meiner Freunde einsammeln musste. Da mein Fahrstil noch immer im Indien-Modus war, schaffte ich es, an einem einzigen Tag zwei Park- und eine Geschwindigkeitsbusse zu sammeln – im Wert von über 200 Franken. Strassenverkehr in Indien funktioniert nämlich nicht wie bei uns mit Ampeln, Schildern und Verkehrsregeln, sondern viel mehr wie eine Skipiste. Man schaut einfach nur zu, dass man in nichts hineinfährt, das sich vor einem befindet, etwa ein Baum, eine Tierherde oder andere Verkehrsteilnehmer. 

Alles andere wird dem gesunden Menschenverstand und der zwischenmenschlichen Kommunikation überlassen – also dauerndem Gehupe. Und das funktioniert erstaunlich gut. Denn so sind die Fahrer immer auf der Hut. Nicht wie in der Schweiz, wo man denkt, bei Grün könne sowieso nichts passieren. Wenn dann doch einmal ein Auto mit einem anderen kollidiert, reagieren die indischen Fahrer zudem viel gelassener als bei uns. "Kann ja mal vorkommen", denken sie sich und wackeln, solange das Auto noch fahrtüchtig ist, einfach lachend mit dem Kopf. 

In Zürich rasteten zwei Autofahrer komplett aus und beschimpften mich aufs Übelste, weil ich ihr Auto beim Einparken ganz leicht mit meinem Rückspiegel gestreift hatte. Ich reagierte mit einem Lachen, wie ich das in Indien gelernt hatte, was sie nur noch weiter zur Weissglut brachte. Das Kopfwackeln hat es auch nicht besser gemacht. Während in Indien ein Auto bloss ein Fortbewegungsmittel ist, so scheint es in Zürich eher ein Fortbewegungszweck zu sein.

Haben-wir-nicht-Mentalität

Die Stecker von nepalesischen Netzkabeln sind viel dicker als die in der Schweiz, weswegen ich einen Adapter für meinen in Nepal gekauften Laptop finden musste, auf dem sich mein gesamtes Foto-Backup befand. Leichter gesagt als getan. Anderthalb Tage lang klapperte ich erfolglos sämtliche Fusts und Interdiscounts ab und überall hallte mir dieselbe inspirationslose Antwort auf meine Frage entgegen: "Haben wir nicht!" Weil der Adapter nicht als solcher im Sortiment registriert ist, fühlte sich auch kein Elektronikhändler verpflichtet, mir bei meinem Problem zu helfen.

Selbst als ich bemerkte, dass man einfach die Plastikvertiefung eines Südafrika-Adapters mit einer Zange abzwacken könnte, um was nicht passt halt passend zu machen, wollte mir die Verkäuferin im Conrad diese Idee ausreden. Stattdessen versuchte sie mir ein Universal-Ladegerät für 70 Franken anzudrehen. Um ihre Verkaufsstrategie populärwissenschaftlich zu untermalen, zog sie praktisch aus dem Nichts sogar einen Nanometer hervor, um mir zu beweisen, dass die nepalesischen Stecker nicht in südafrikanische Buchsen passen. Diese Attitüde ist mir in den bereisten "Entwicklungsländern" nirgendwo begegnet. Für die Elektronikhändler dort ist es eine Selbstverständlichkeit, technische Probleme einfach irgendwie mit einem Bohrer und einem Lötkolben zu lösen. Ich habe den südafrikanischen Adapter dann für 6.80 Franken doch gekauft, die Plastikvertiefung entfernt und seither wieder Zugang zu meinen Fotos.

Es geht auch anders

In gewisser Weise hat meine Reise mit der Ankunft noch gar nicht geendet, denn das Ankommen ist an und für sich auch ein Teil der Reise. Selbst wenn ich sehr froh bin, mich wieder in meiner Komfortzone bewegen, in einer vertrauten Sprache kommunizieren und meine Freunde und Familie um mich haben zu können, so stellt mich die Heimkehr doch vor grössere kulturelle Herausforderungen, als ich gedacht hätte. Es ist schwierig, das ehemals Selbstverständliche als normal zu betrachten, wenn man erst einmal realisiert hat, dass es auch anders geht.

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